Buchtitel
ISBN 3-937264-06-X
IM
REISSVERSCHLUSS DER ILLUSION
Dies ist der zweite
Band einer Trilogie.
Copyright 2002 beim Autor, Harald Birgfeld; alle
Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche
Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt
insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und
Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:. Harald.Birgfeld@t-online.de
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Auf dem rechten Weg in die Irre Die Kleinheit eines Augenblickes Die Niederwerfung eines Volkes Die Tür, die nicht ins Freie führt Ein Bild von einem Bild entsteht |
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Die blonden Haare
waren ihr schnell abgemagert, Und sie trug als
Kopfschmuck Ringe unter ihren
Augen, Und sie war noch
keine dreißig Jahre alt. Ihr Schwur, Sie würde gerne
eine Freiheit Gegen eine andre
tauschen, Kam ihr später
viel zu kindisch vor. Sie hatte sich
gedacht, Wenn alles so
gelänge, wie sie dachte, Würde sie sich
auch die Zähne In der neuen
Freiheit richten lassen, Und sie hatte
noch das Wort des Arztes In den Ohren: "Wenn Sie
drüben sind, Dann lassen Sie
sich alles machen, Und die Brücke
machen Sie aus Gold!" Sie hatte ja ihr goldnes Kreuz, Das wär' ein
Opfer, Und ihr Glaube
war ganz fest, Der hätte nicht
darunter leiden können. |
Und nun saß sie
hier in einem Kellerloch, Das war als
Wohnung gar nicht schlecht, Und fraß an ihr Und an dem Kind. Das Kreuz, das
sie am Halse trug, War unberührt
geblieben, Und sie trug ein
andres Kreuz, Das brauchte
dieses kleine, Und die Zähne
richtete man hier mit Kunststoff, Der war billiger
und besser. Doch das
schlimmste war ihr Frühling, Der kam nicht in
Blüte, Und er hatte doch
so hoffnungsvoll begonnen. Drüben in dem
Nachbarland Stand man als
junge Frau Und hoffte auf
den Mann, den man nicht kannte, Aus dem
Nachbarland, Der durfte ein
und aus Und auch die
Ehefrau. |
Sonst war das
Nachbarland kein Nachbarland, Man hatte einen Giftzaun hochgezogen, Und sie hatte
diesen Mann gefunden, Und er fuhr in
jeder Woche einmal Ihre Straße an, Und viele Frauen
kamen her, Und viele Frauen
sah man auf der Straße, Und sie hatte
dieses Glück gehabt Und etwas mehr. Dann kamen sie
voran und her, Sie hatte ihm ihr
Herz Nun wirklich
aufgeräumt Und konnte
lieben, Wie sie ihm es
von sich wünschte, Und sie blieb für
ihn Und auch das
Kind, Ein flüchtiges
Gesindel, Das hing ihm am
Halse. |
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Sie war noch
Schülerin Und kam aus gutem
Hause, Und sie war ein
Musterkind Und war ein
liebes, frohes, lebensfrohes Und gesundes Kind Und war im
Übergang vom Mädchen Zu dem
Zwischending, Das wäre gerne
eine Frau Und möchte doch
ein Mädchen bleiben, Und das Fräulein
hatte man ja abgeschafft, Das wäre so ihr
Zustand, Den würd' sie
natürlich leugnen, Wenn man danach
fragte, Und sie stand ein
wenig fester In der Spur als
andere Und hinterließ
nur Spuren, Die ein wenig
freundlicher als andre waren. |
Väter würden sie
sich leicht Als
Schwiegertochter wünschen können, Aber das war auch
nicht zeitgemäß Und nicht modern, Obwohl man dieses
Mädchen ohne Zögern Lieber unmodern
gesehen hätte, Und sie war's
vielleicht im Grunde auch. Sie selbst war, Wenn man sie in
Ruhe ließ, Mit sich
beschäftigt, Und sie spielte
eines dieser Saiteninstrumente, Und sie hatte
Unterricht Und kleidete sich
angenehm Und immer etwas
unbewusst Und dann bewusst
zu ihrem Vorteil, Und sie wuchs
beneidenswert Von niemandem
beneidet Unter liebevollen
Händen auf Und riss sich, Wenn das Leben
auf ihr ritt, Im Handumdrehn die Haare auf, Und ihre Augen
stießen in den Wind Und riefen nach
der Sonne, Und sie würde,
wenn es irgend ginge, An der Nordsee
eine Sturmflut Miterleben
wollen. |
Und sie wollte
diesen Sturm um sich Und alles sollte
um sie wüten, toben, Und sie wollte
das, was sich so salzig Auf den Lippen
niederschlug, In einer Gier,
als gäbe es kein Salz Auf dieser Welt, Mit Schaum
vermischt probieren. |
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Er stand im
Abitur Und stand schon
außerhalb Und hätte nicht
mehr in die Schule kommen müssen, Und er war zu
klug Und war zu gut, Und jeder seiner
Lehrer lernte schon von ihm Und stellte ihn
jetzt frei Und stellte es
ihm frei, Das konnten sie Und auch vor sich
vertreten. Und sie mochten
ihn sehr gern', Und er schrieb
trotzdem mit Und kam wohl mehr
aus Kameradschaft Zu den anderen, Die freuten sich Und sahen ihn
sehr freundlich an Und hatten nichts
von ihm, Und er erzählte
in der Pause, Dass er grad' von
einer andren Prüfung käme, Und er hätte nur
aus Übermut Und mit Erlaubnis
zweier Professoren Eine Prüfung für
Juristen mitgemacht, Dort hätte er den
Fall ganz anders, Als es in den
Büchern stand, gelöst, Und viel
verständlicher Und viel
juristischer, als man es dachte, Und er war
herausgeragt, Und seine Arbeit
würde man nun weiterreichen. |
Und die andren
kannten seine Späße, Seine Kapriolen, Und er hatte
seinen Orgelschein gemacht Und übersetzte
nur zum Zeitvertreib Den ohnehin schon
langen, schweren, deutschen Text Erst ins
Lateinische Und dann ins alte
Griechisch, Beides, fand er,
waren tolle Sprachen, Und zurück ins
Mittelhochdeutsch, Und er war im
Sport so voller Kraft Und Überkraft, Dass er sich
zweimal etwas brach, Darüber schrieb
er beide Male Einen
medizinischen Befund, Den brauchte ihm
kein Arzt zu korrigieren. |
Und in seiner
freien Zeit ging er auf Jagd Und jagte nichts Und hatte seinen
Jagdschein Ungewöhnlich früh
und gut gemacht, Man musste ihn
für ihn verwahren. Nach dem Abitur,
so hatte er beschlossen, Würde er, Weil ihm ja alle
Türen offen stünden, Die Akademie für
Forstwirtschaft besuchen Und dem Wald Zu einem echten
Wald verhelfen. |
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Dieses dumme
Ding, die Zeit. "Zeitenlose
Zeit", hört sie's im Kopf. Es schießt der
Spruch durch ihre Selbstgespräche Als der Ruf nach
einem kleinen Kind, Als suchte man im
Spiel sein eignes Kind Und wüsste ganz
genau, Wo es im Zimmer
steckt, Und geht an ihm
vorbei Und ruft es
möglichst ahnungslos Und überhört
absichtlich die Geräusche, Die es macht,
damit man's nicht bemerkt. Ihr tut nichts
leid, Und heute hat sie
einen Tisch gedeckt Und will ein
Datum feiern, Und es ist noch
etwas Zeit, Und alles hat sie
vorbereitet, Und sie weiß
nicht, Ob die andren
Frauen ehrlich sind, Wenn sie sie ab
und zu beneiden. Sie weiß
jedenfalls von sich, In ihrem Leben
hatte alles seinen Preis, Und manchen Preis
muss man vorweg bezahlen. |
Auf dem schweren
Tisch steht eine Galerie Von schönen
Dingen; Teller, Gläser,
silberne Bestecke, Blumen, seidene
Servietten, Kerzen, Kleine
Porzellanfiguren, Schüsseln denen
Obst entwächst. Das Zimmer selbst
strahlt eine Liebe aus Zu den Personen,
die hier wohnen, Dass sie sich die
Arme In dem Nacken
faltet Und auf alles
lauscht, Was in ihr
klingt. Und die Musik ist
auch das Schnitzwerk Dieses
Augenblicks, Und jemand, den
sie gar nicht sah, Nimmt ihr die
Hand zurück Und hält sie
leicht in seiner, Und sie dreht
sich nun im Tanz mit ihm Und flügelleicht
wird sie Und denkt, man
soll nicht so viel fragen. |
Und sie trägt ein
langes weites Kleid, Bestickt mit
tausend Kleinigkeiten, Die aus ihrem
Leben sind, Und ist im Kleid
voll Rauschen, Knistern, Nachsichziehn, Und rundherum
sind Spiegel, Die bespiegeln
sie, Und in den Saal,
der sich nun richtig weitet, Werden schlanke
Gläser auf Tabletts herein getragen, Das sind
wunderbare Tänzerinnen, Die, den Tanz in
ihrer Füllung perlen lassen, Und heraus aus
einer Eigendrehung Ist sie selbst im
Glas Und sieht
hindurch Und lacht laut
über die verzogenen Gesichter, Und die neigen
sich nun alle über sie, Und sie erkennt
ihr Kind, Das weckt die Mutter
auf Und ruft nun noch
einmal: "Es klingelt
schon". |
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Er verstand total Die Welt in
seiner Welt, Und andre Welten
drängten sich in seine, Und die hatten
wenig Glück mit ihm, Er konnte sich
bescheiden, Und er hatte sich
beschieden Und entschieden, Und
Berührungspunkte waren spürbar, Und man musste
sich das eine oder andre Mal Verzeihen können. Irgendwie war er
auch sehr brutal zu sich Und hatte eine
rücksichtslose Phantasie, Und eine Sprache,
sagte er, ist weiter nichts, Als dieser
aufgehackte Untergrund für Schienen, Eine Schwelle
reiht sich darauf an die andere, Und oben reisen
die Gedanken gnadenlos. |
Bis jetzt war ihm
die Reise recht, Und eines Tages, Es war gar kein
Grund ersichtlich, Endete die
Reiserei, Man zwang ihn,
einen Bahnhof zu betreten, Den er gar nicht
kannte. Was ihn, bis
hierher getragen hatte, Reiste weiter
ohne ihn, Er selbst ließ
dies Geschehen unbeachtet, Und er sah sich
um Und suchte einen
Grund, Der war nicht
flüchtig Und war nicht
vorhanden, Und der war in
ihm, Und in ihm
schwankte eine Leere Bis in das
Bewusstsein, Eine Angst von
großer Kraft Schoss durch die
Risse eines Deiches, Den er nie
gesehen hatte, Und er wusste
nicht einmal, Was der zurückhielt. |
Eine Panik hatte
ihn gelähmt, Und eine Frau in
seiner Nähe Sprach ihn an, Er konnte sich
ihr nicht erklären, Und die Schwellen
seiner Sprache Lagen völlig
ungeordnet unter den Gedanken, Und in den
Gedanken War für Worte,
für Erklärungen, Nicht Platz,
nicht Raum, Er war auch zu
beschäftigt, Und er ging zu
einem Arzt, Den hatte seine
Frau schon informiert, Sie hatte auch
gemeint, Ihr Mann sei
sicher viel zu sehr belastet, Und der Arzt
entdeckte viel an ihm Und schwieg dazu, Und dachte an sich
selber Und wie wenig ihm
sein Wissen nützte, Und verschrieb
ihm eine Medizin. |
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Es stand in ihr
am Horizont Ein Flächenbrand, Und sie war aus
Papier Und ängstigte sich
sehr, Und Schuld daran
war diese Sommerhitze, Diese Schwüle,
die nicht wich,. Und sie in dummer
Eile Auf die Straße
hetzte, Und der Schweiß
brach aus Und stand auf
ihrer Stirn Und lief am Hals
herab Und in ihr Kleid. Darunter trug sie
kaum noch Wäsche, Und sie würde
salzig schmecken, Und sie sehnte
sich nach Wasser, Nach dem Bad, Das müsste
innerlich entstehen, Und sie kam grad'
aus der Dusche, Die erreichte
nicht den Herd in ihr, Und auf der
Straße blieb sie stehen Und geriet in einen
Wirbelwind aus Staub, Den riss ein Auto
hoch, Und auf den Weg
flog ohne Grund Der Außenspiegel,
der brach nicht entzwei Und wurde nicht
vermisst. Der Fahrer sah
ihn auch nicht liegen, Und sie bückte
sich danach Und sah sofort
die Eigenart in ihm, Er spiegelte, was
er erfassen konnte, unter sich Und in die Erde,
die ihn trug. |
Sie war ganz
fassungslos Und sah hinein, Und alles wurd' in ihm verkleinert, Und die Sonne
stand in ihm Und wurde
ausgeblendet, Und es war der
Nachmittag, Der kam vor Hitze
nicht voran Und heiß war
jedes Gitter, jede Straße, Und der Brand kam
immer näher. Und sie riss ein trocknes Gras Von einer braunen
Wiese ab Und steckte es
sich in den Mund, |
Und irgend etwas müsste man beginnen, Ohne zu
verbrennen., Und sie war doch
aus Papier Und riss ein
Streichholz an Und warf es unter
sich Und ging nicht
von der Stelle und hielt Stand, Sie liebte es, Wenn sie in
Flammen stand Und sich zu Asche
brannte. |
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In der Birke
zählte sie elf Krähen, Und die
krächzten, Und sie dachte
sich, dass die sich zanken, Und sie dachte
auch, Das ist
vielleicht die Sprache, Die sie sprechen
und verstehen, Und sie dachte
gleich an sich Und sah sich
zwischen ihnen als ein Schwarztier, Und sie käme um
bei denen, Und sie hatte
einen jungen Mann entdeckt, Der passte ganz
genau, Der hatte auch
Vermögen Und bis jetzt
noch nicht an eine Frau gedacht, Sie war darin
geschickt und schnell Und umsichtig
gewesen, Und er hatte sie
genommen, Und er machte sie
zur Mitbesitzerin. Nun hörte sie
erneut auf das Gekrächz' der Krähen Und verstand ein
wenig mehr Und sicherte ihr
Überleben ab. |
Sie selbst war
als ein Wunschkind Einerseits
geboren, Und die andre
Seite war im selben Augenblick Geflohen, Und sie wurde
großgezogen von dem andren Mann, Den sie nun Vater
nannte, und der Mutter. Ihren eignen Leib Hielt sie dem
eignen Mann versteckt Und offenbar In Trauer und in
Sorge immer wieder hin Und wünschte sich
von ihm, Dass er sich
endlich etwas von ihr wünschte, Dass sie von ihm schwanger
wurde, Zog sich auch von
ihm darum zurück Und half zum
Schluss ein wenig nach. |
Nun saß sie oben
in der Spitze Unter all den
Krähen, Und sie hielt die
Hände auf den Leib Und spürte warme
Säfte in sich kreisen Und verstand von
dem Gekrächze Jedes Wort Und herrschte
über alle, Und die Zeit der
Niederkunft, beschloss sie, Würde auch zum
Augenblick, In dem sie ihre
Welt gebären würde, Und die sollte
ohne Schaden sein, Und das Gekrächze schwarzer Krähen Würde sie im
Handumdrehen aus den Birken dieser Welt Vertreiben. |
|
Er lag noch auf
der Straße, Kurz vor einem
Ort, Dort wollte er
die Nacht verbringen, Und er würde sich
Zuhause melden, Schnell nach
aktuellen Dingen fragen, Und er sprach im
Auto mit dem Auto. Früher, dachte
er, Sprach so der
Reiter mit dem Pferd. Er hatte seinen
Sommer hinter sich, Und ihm war
nichts passiert, Und immer lag ihm
jemand auf der Lauer, Dafür hatte er
Instinkt entwickelt, Und er selbst war
redlich, Kaum geschwätzig, Unterhielt sich
gut Und hatte einiges
aus seinem Leben überschwiegen. Das, so dachte er
bei sich, Nehm' ich mit mir
ins Grab, Und dachte auch
daran, Wie er wohl enden
würde, Und er machte
Licht an seinem Fahrzeug an, Das griff gleich
auf den Seitenstreifen, Und er sah dort
eine elegante Frau Aus einem Wagen
steigen, Der stand viel zu
schräg Und kam nicht
mehr voran. |
Sie sah zu ihm
und winkte ihm, Er dachte, der
kann ich den Rahmen bieten, Der ihr fehlt, Und eine Wachheit
schoss durch ihn, Er dachte auch, Es könnte sich
daraus für ihn etwas ergeben, Ihren Wagen würd'
er liegen lassen, Und in seinem
Alter brauchte man Ein Abenteuer,
wenn es eines geben sollte, Nicht zu
fürchten. Und sie stieg
gleich ein Und knöpfte ihre
Bluse etwas strenger zu, Das brachte
wenig, Und sie kannte das
Hotel, Weil sie, wie er,
auf Reisen war. Sonst war sie
freundlich still Und ungeheuer
anschmiegsam Und aß mit ihm Und zahlte auch
ihr Zimmer selbst Und kam zu ihm
und blieb bei ihm Und stand dann
auf Und holte ihm,
weil er es wollte, Als sie danach fragte, Ein Glas Wasser, Davon trank er
einen Schluck Und gab das Glas
zurück. |
Die Wirkung
setzte sofort ein, Und das
Bewusstsein zeigte ihm Noch einen
Augenblick, Den starrte sie
ihn wartend an, Und der Gedanke
an Betrug in ihm brach ab. Sie nahm ein Bad
bei ihm Und alles, was er
hatte, Schecks und Geld, Den Ausweis und
sein Gold Und hinterließ in
ihm ein Allerweltsgesicht, Das konnte er der
Polizei, Die erst am
Morgen kam, Nicht mehr
beschreiben. |
|
Sie sagte sich
sofort, Die andre Frau
hat auch nicht mehr als ich Und Jugend ist
nicht alles, Und was ich hab,
hat sie sicher nicht, Und das hat sich
bewährt, Und eigentlich
bin ich im Vorteil, Und ich will sie
auch nicht kennen lernen, Danach drängte
sich die andere. Sie dachte auch
an eine neue Freiheit, Die könnt
unermesslich sein, Und einen solchen
Maßstab Hatte sie für
sich noch nicht bereit. Sie wusste was
sie hatte, Und das gab sie
so nicht her Und wollte sich
nicht daran klammern. Ihre Apotheke war
noch sauber aufgeräumt, Und ohne Überfall War sie bisher
davongekommen. Abends machte ihr
ein Anruf von ihr klar, Dass er sich
schnell entschlossen hätte, Und es wäre
besser so, Und für Gespräche, Um den Zustand
neu zu klären, Fände man
bestimmt bald Zeit, Und über alle
andren Regelungen Sollte sie nun
ohne Sorgen sein, Das käme auch in
Ordnung, Und er kam nicht
heim. |
Am Morgen nach
der Nacht, Die sich als
Nacht nicht zeigte, Warf sie ihren
Lieblingsstuhl, der war antik, Mit ungeheurer
Kraft zu Boden, Und es brach von
ihm ein Bein Als Sprödbruch in
drei Teile. Das war nun ein
echter Grund zum Weinen. Und sie schwor zu
handeln, Und es sollte sie
kein Telefongespräch Aus ihrer Hand
entblößen, Und der Wind
stand scharf und kalt Vor ihrer Tür, Und ihre Apotheke
hatte plötzlich nur Verfallstermine
aufzuweisen, Jede Gültigkeit
war überschritten. So verging der
zweite Tag, Und sie litt
unter einer Blutung, Die war plötzlich
wichtig, weil sie nicht Im Rhythmus lag, Sie musste sich
auch eine andre Blutung In sich stillen, Und sie dachte
voller Hoffnung Und mit etwas
Stolz; Vielleicht kann
man sich auf den Mann verlassen, Und es war ja
vorgesorgt, Und überhaupt,
verlassen hat er mich noch nicht. |
Sie suchte kein
Gespräch mit ihm, Er hatte ja noch
nicht mit ihr gesprochen. Dann, am vierten
Tag kam er nach Haus. Sie war
geschwächt Und auf ihn
angewiesen Und wies nicht
auf ihn Und fragte, ob er
bleiben würde, Weil sie einen
Stuhl zu reparieren hätte, Und die Apotheke
sei nicht aufgeräumt. Er machte sich
sofort daran Und leimte fast
die ganze Nacht Das trockne
Holzbein, Und sein Ehrgeiz
war, dass niemand, Der den Stuhl
bewundern wollte, Über seine
Klebestellen fiel. Er wollte selbst Auch gar nichts
davon wissen. |
|
Die Bewohner
großer Meere senden mich, Ich soll die
Wolkendecke untersuchen, Die sich auf der
Wasseroberfläche bildet Und in Schollen
bricht, So nennen wir
das, was die andren Wolken nennen, Und ich bin
Bewohner eines Meeres Und gelang das
erste Mal nach außerhalb. Man gab mir Raum
und Zeit , Die sind hier so
unendlich weit Und übergroß, Dass ich den
Raum, die Zeit vergaß, Und alles, was
mich unter Wasser band. Und über Licht
aus Eis und Wärme Muss ich
unbedingt berichten. Beides ist für
die Bewohner kalter Meere Tödlich. |
Als ich aufstieg, Zielte man mich
in Gebiete größter Schollen, Und man wusste
von der Tageslänge, Die nicht endete, Das war für uns
von Vorteil. Schwer war unser
Durchbruch, Und die Kleidung,
die mich schützt, Von unschätzbarem
Wert, Und wir erwarten
hier kein Leben Und erforschen
jedes Eisgefilde. Starr steht eine
Sonne, Und wir hatten
nie zuvor Gelegenheit, So nah an sie
heranzukommen, Und wir messen
und vermessen alles. |
Unser Wissen
musste sich bisher Auf Strahlen
konzentrieren, Die durchs Wasser
brachen Und im Meer zu
finden waren. Oben auf dem Eis
erkennen wir die Welt Und sehen auch, Dass wir im Anfang
des Erkennens stecken. Eine andre Reise
soll in zwanzig Jahren Auf die
abgewandte Seite führen, Dort, sagt man,
herrscht ewig Finsternis, Und wir, Die aus den
Meeren kommen Und ins Eis
geraten sind, Verwandeln unsre
eigne Welt vollkommen, Und sind hier
nichts weiter, Als ein
Eiskristall im Wind. |
|
Nachts stand ich
allein am See, Der war gefroren, Und ich wollte
auf die Schreie achten, Die sich in den
Rissen jagten, Die sich durch
die Decke zogen. Nachts stand ich
allein am Eis Und sah auf einen
weißen Mond, Der wurde
strahlender Als seine Sonne. |
Nachts stand ich
allein am Eis Und fror Und sah in tiefe
Schatten, Die sich reglos
regten Und mit
knisternden Geräuschen aus den Zweigen In ein Eigenleben
flohen. Nachts stand ich
allein am Eis Und wusste nur
von mir Und sah so scharf
es ging Ans andre Ufer, Und es mochte
sein, Dass meine
Einsamkeit in Wahrheit Nur ein Teil von
vielen Einsamkeiten war. |
Am Eis wurd' ich zum Eis. Die Luft wurd' Eis, die Erde, Jeder Laut, das
Fühlen, Schmecken Riechen, Ich
kristallisierte durch und durch Und machte mich
zu seinem Klirren, Das klang wohl in
mir Und machte stumpf Und sehr ergeben, Und ich lag
bequem Und fasste mich
nicht an, Und achtete auf
Risse, Die sich durch
mich zogen Und in Schreien
mich durchjagten. |
|
Nur ein
Flügelschlag. Aufgeschreckter
Tannenzweig. Schnee fällt aus
dem Grün. |
Nur ein
Flügelschlag. Die letzte rote
Beere. Keine Spur im
Schnee. |
Nur ein
Flügelschlag. Den Schnabel in
die Sonne. Eiskristall
fliegt auf. |
|
Die Täglichkeit des Tages In der Auswahl
herbstlich brauner Hüte Den zu wählen,
der ihr steht und passt Zu dem passt, Was sie heute
tragen will, Ist schwer. Sie ist zu fest
entschlossen, Um sich zu
entschließen, Und das Wetter
lässt auch einiges nicht zu, Es geht ein
kalter Wind dort draußen, Und hier drinnen in
der Wärme Schichtet sich
die Kälte, Und sie ist ein
Mensch, Der spürt mit
seiner Haut, Und die bezieht
sich unter ihrer Kleidung Mit dem Schauer
eines Frostes, Und sie hat auch
Angst, Dass ihre Haut
darunter leidet. Schnell schiebt
sie die Ärmel hoch Und sieht ihr
Silberfell sich aufwärts stellen, Und dann richtet
es sich wieder, glättet sich Und liegt nun
wieder flach. |
Und sie ist stolz
auf diese Haut, Auf diese
Trockenheit, Die ist nur
soweit trocken, Dass sie unter
eigner Hand Und auch in andrer Zum Geschmeide
wird, Zu einer
Perlenkette, Die möcht' man
sich durch die Lippen ziehen, Und sie hebt den
Arm Und leckt ihn mit
der Zunge Und empfindet
sich. Wenn sie ein
andrer wär', Würd' sie nicht
Rücksicht nehmen Und nicht von
sich lassen, Und sie wüsste
dann um sich Und würde sich
zugrunde richten, Und man glaubt
ihr, Gott sei Dank, Dass sie sensibel
ist, Und schnell
bekommt sie blaue Flecken. |
Nun entdeckt sie
dieses braune Seidentuch, Das schlingt sie
unter ihrem Hut Um ihren Kopf, Das schnürt sie
ein, Versteckt sie
rundherum Und macht sie
irgendwie begehrt, Das hatte ihr
gefehlt. Sie nimmt den
hellen Pelz Und zupft an
ihrem Stirnhaar, Wegen seiner
Farbe, Und geht aus. Man kann sich in
den Kaufterrassen, Ohne sich gleich
zu verkaufen, Sehen lassen, Und man wird
gesehen, Das geschieht
geschickt, Indem man Leute
übersieht, Und sie, wie
ungeschickt und unaufmerksam, Noch im letzten
Augenblick Entdeckt und sich
entdecken lässt. So nimmt sie
ihrem Tag die Täglichkeit, Die würde sonst
nicht weichen. |
|
Er sagte, als er
ankam: "Ich bin
hier und mag euch alle gerne", Und die Leute
wussten nicht einmal, Woher er kam. Er nannte
irgendeine Stadt, Die lag wohl außerhalb Und war ganz
unbekannt, Und jeder wusste
jetzt, Das war die
Stadt, aus der er kam. Die Leute hatten
ihn gefragt, Weil er im
Städtchen an der Straße saß, Und seiner Sache
sicher war, Das tat sonst
keiner, Und die Leute
hatten ihn gefragt, Ob er nicht
Hunger habe, Und er sah ja
nicht verwahrlost aus, Und hatte eine
Freude im Gesicht Und eine
Freundlichkeit, Und Durst, so
sagte er, Sei auch
vorhanden, Und man schämte
sich, Ihn nicht danach
gefragt zu haben. |
Und er wurde Gast Und durfte bleiben
für die Nacht, Und abends schon
erschienen Nachbarsleute, Die nach diesem
Neuling fragten Und ihn selber
sprachen, Und er war sehr
lieb und ihnen zugetan Und wortgewandt
und aufgeschlossen, Und er gab den
Leuten Rat, Dass sie sich von
ihm An die Hand
genommen fühlten, Und er war noch
keine dreißig Jahre, Und die Tochter
war sofort verliebt in ihn, Und ihre Augen
zogen weite Kreise, Zogen immer
wieder über ihn Und sahen ihn
noch lange, Und sie strich
ihm in Gedanken, Als sie längst in
ihrem eignen Zimmer schlief Und wachte, Über seine
Lippen, Seine Hände, Über alle Worte,
die er allen sagte. So nahm sie in
ihm ein Bad Und war dort
nicht allein, Und keiner wusste
von den andren. |
Alle dachten an
den jungen Mann, Und jeder, auch
die Männer, Waren ganz
vertraut mit ihm Und trauten ihm
gleich alles an, Das hätten sie
sich nie getraut, Und niemand
sprach in seiner Gegenwart Die
Schmutzigkeiten an. So war er Gast Und machte, die
ihn luden, Weit im Vorhinein
zu seinen Gästen, Und er blieb ein
Jahr Und tat sonst
nichts, Und alle taten
alles nur für ihn, Und jeder wusste
es Und jeder schwieg Und liebte ihn
für sich, Und keinem gab er
körperliche Liebe. Und an einem Tag Ging er mit einem
letzten Nicken seines Kopfes Fort, Und Tränen sah
man in Gardinen hängen, Und es wagte
niemand Ihn
zurückzuhalten. |
|
Der Tag war kaum
noch Tag. Der
Gutenachtgesang der Vögel, Der, das wussten
wir inzwischen, Nicht zu unsrer Freude
angestiftet wurde, Läutete den Abend
ein, Dann kamst du
heim Und fandst sofort
den Brief, Und schon im
Öffnen Jubelte ein Licht
in deinen Augen, Das traf dich von
außen Und entzündete in
dir ein Funkeln, Das von den
Facetten deiner Netzhaut wider strahlte, Und ich sah, Dass es sich in
den Kanten Echter
Freudentränen brach. |
Im dummen
Ordnungssinn, so fiel mir ein, Hat kürzlich
unser Nachbar Einen Baum um
einen Arm beraubt, Der lag am Boden, Und der Abend kam
herauf , Und in den Ästen Über diesem Ast,
der fehlte, Saß ein
Muttervogel oder Vatervogel, Dem der
Landeplatz zum Nestloch fehlte, Und der Nachbar
schiente den gefallnen Arm An seine Stelle, Und es war ja nur
die Aufmerksamkeit
die in dieser Unaufmerksamkeit
gelegen hatte, Und so sah ich
dich Und hörte, wie du
riefst: "Hurra, es
fängt der Tag am Tagesende an", Du schluchztest
in der Freude, Und die Arme, die
du von dir warfst, Verlangten nach
Umarmung, Und sie schlangen
sich, Mit dir im
Schleppe Um einen Schrank, Das ging zu
langsam, dann um mich. |
Du drehtest dich
dabei in Wahrheit als ein Kreisel, Als ein Kreisel
um dich selbst Und schwangst
weit aus, Obwohl du mich im
Drehen Mit zu drehen
wünschtest, Und du sprangst
in eine Kettenschaukel, In ein
Kettenkarussell, Das drehte sich, Das drehte dich, Und alles drehte
sich um dich Und drehte sich
um dich Und drehte dich
um sich. Dir glitt der
Brief zu Boden Und du griffst
ihm nach Und risst ihn hoch Und schlugst die
ganze Schreiberei Vor dein Gesicht Und weintest endlich
laut vor Glück In deinem Glück, Das konnte
niemand hören, Außer dir. |
|
Er kam an unsren
Zaun, Der war für ihn
kein Zaun, Und sagte:
"Guten Tag", Und wünschte ihn
uns wirklich, Und er wünschte
auch, Dass wir dasselbe
für ihn wünschten, Und er kam in
unsren Garten, Und er sagte:
"Wenn ich darf, Dann helf' ich
bei der Gartenarbeit, Und ihr gebt ein
Geld dafür, Und Geld gibt man
für Arbeit.“ Und es sollte nur
ein Geld sein, Und ich hielt ihm
eine Münze hin, Die war nichts
wert Und war ihm wert
genug, Und ich war im
Betrug und zeigte einen Geldschein, Der war seine
Arbeit wert, Der war ihm wert
genug, Und er sah nicht
den Unterschied. Er sollte seinen
Schein bekommen, Wenn er fertig
war. Zur Mittagszeit Kam er an unsre
Küchentür Und setzte sich
an unsren Tisch. Es fehlte ein
Gedeck, das sah er gleich, Das sagte er, Das reichten wir
schnell nach. Er aß mit uns und
trank mit uns Und wusste seinen
Namen nicht Und sagte, wie er
hieß Und wie ihn andre
riefen, Und in seiner
Anstalt wäre er Schon etwas
Besseres. |
Und durfte außer
Haus dazu verdienen, Und er wäre in
der Anstalt in der Pflicht Und hätte auch
ein Schloss Vor seinem Schrank, Das durfte er
nicht selbst bedienen, Und er 'wickelte
die Jungs': "Die sind
sehr krank, Und einer muss
sie immer reinigen, Die sind so alt
wie ich, Und leben nicht
mehr lang' Und spüren nichts
und sind todkrank Und liegen
angeschnallt in ihren Betten. Und ich bringe
ihnen manchmal etwas mit Und halte es vor
ihre Augen, Und sie zucken
dann und schreien laut, Das ist die
Freude, Die will
'raus." Dann fand er sein
Papier, Das zeigte er, Es war die
Radfahrprüfung, Und die hatte er
bestanden, Und er war darauf
benannt mit einem Zeichen Und mit einer
Nummer, Und er hieße,
sagte er, Und zeigte mit
dem Finger auf die Schrift: 'Karl-Heinz', Und steckte
seinen Ausweis wieder ein. "Und ich
muss pünktlich sein". |
Im Garten machte
er die Arbeit gut Und rauchte die
Zigarre, die war kalt, Die rauchte er
erst abends richtig, Und er würde alle
vierzehn Tage Wiederkommen, Und er fragte uns
nach unsren Namen, Und wir wären
gute Leute, Und er ginge nur
zu guten Leuten, Und er selbst sei
gut Und völlig ungefährlich. Und er nahm den
Schein, "den gebe
ich in meiner Anstalt ab, Weil ich ja alles
habe, Und man gibt mir
dafür etwas anderes", Und wünschte
einen 'Guten Tag', Und wünschte ihn
uns wirklich, Und er wünschte
auch, Dass wir dasselbe
für ihn wünschten, Und die Kinder
riefen ihm Noch
Freundlichkeiten nach, Und ging und kam,
wie er gesagt, Jahrein, jahraus, Und sagte
überall: "Ich lebe
jetzt in zwei Familien". |
|
Sie war die Tagesfrau Und nannte sich
"Modell" Und gab die
Weiten an, Die waren nicht
die wahren Weiten, Und ihr Telefon War nicht ihr
wahres Telefon, Das lief auf die
Zentrale, Und wer zu ihr
kam, Der zahlte nicht, Der hatte alles
abgemacht, Und alles dauerte
die Zeit, Die war fast
immer gleich, Und nachmittags
zog sie in dieses Zimmer, Das war immer
aufgeräumt Und lag gleich
neben einer Wohnung, Und von nebenan
rief oft ein Mensch, Der wollte Ruhe
haben, Und man hörte
auch um diese Zeit Das Kindertoben, Und in ihrem
Zimmer wurde manchmal auch getobt. |
Bei jungen
Männern Hatte sie noch
eine echte Chance, Die hatten
sowieso kein Geld Und hatten einen
Sonderpreis Und durften nicht
so viel Von ihr
verlangen, Und sie war ja
nicht mehr jung, Und wäre sonst wohl
kein Modell am Tage, Und die anderen, Die wegen ihrer
Qualität am Tage lagen, Waren weit, weit
über ihr Und gaben ihre
Weiten auch nicht an Und wurden sehr
oft eingeladen Und woanders
ausgeladen, Und die waren
dort als Stargast eingeladen, Davon konnte sie
nur träumen. Und sie machte
pünktlich Schluss Und hatte noch
Familie, Und es kam dann
vor, Dass jemand nach
ihr fragte, Hatte sich ihr
angesagt und kam zu spät. Dann gab sie ihre
'Freundin' an, Die kannte sie
sonst gar nicht, Und die lernte
sie vielleicht In diesem
Augenblick erst kennen. |
Außer diesen
Frauen Kamen keine
Frauen auf das Zimmer, Das verbat sie
sich, Und andre Frauen
trauten sich nicht 'rauf. Und Stunden lang
saß sie oft ungefragt Und wartete, dass
man sie fragte, Und sah das Programm
von gestern Abend an Und sah in
Spielkassetten, Und sie rauchte
nicht Und trank nur
selten Und sie war nicht
überfordert Und verdiente
sich ein wenig nebenbei, Das durfte man
sich nicht verdienen, Und sie hatte
keine Sorgen mit der Steuer, Und es steuerte
auch niemand sonst an ihr, Und wer das
Zimmer regelte, Ging sie nichts
an. Mit ihrem
Auftraggeber sprach sie nur Am Telefon, der
gab Bescheid, Und hier in ihrem
Zimmer gab es Zeit zu lesen, Und sie dachte
über eine Kurzgeschichte nach, Darin beschrieb
man eine ewig kranke Frau, Die lernte nie in
ihrem Leben Das Gefühl der
völligen Gesundheit, Des sich
Streckens unter ihrer Haut, Des Übermutes
ungenutzter Kräfte Kennen. |
|
Das alte Leben Lebte immer noch
in alter Post Und alten Briefen
fort Und war schon
lange tot, Und das, was
lebte, War die Hoffnung
auf die Saat, Die hatten Winde
fortgerissen, Als es stürmte, Und er wusste, wo
er einmal liegen würde, Und die Schrift
im Stein Stand auch schon
fest bis auf die eine Zahl. Er würde noch ein
letztes Mal An ihrer Seite
liegen, Und er dachte Über diesen Punkt
hinaus Und dass die Zeit
danach verlaufen würde, Und man würde
ihre Knochen Durcheinander pflügen
und vermischen Mit den anderen,
die er nicht kannte, Und von ihm und
ihr Und von den
anderen Würd' letzten
Endes gar nichts bleiben. Und ein andrer
Platz stand unter Denkmalsschutz, Das nützte auch
nichts, Und er ging
dorthin Und sah sich
alles an Und hatte ja noch
Zeit Und sah die
Namensschilder, Schwarze
Marmorplatten, auf der Erde liegen. |
Nichts war hier
gemacht. Der Zaun verbog
im Rost, Der kam, das sah
man gleich, Aus dieser Erde, Und es lagen ausgefahrne Kinderwagen., Dosen, Zeitungen,
Papier, Elektroteile, Autowracks
vermischt mit Letzten Wünschen,
Seufzern, Hoffnungsvollen
Sprüchen, Hoffnung auf den
Glauben, Auf die
Wiederkehr, Auf edles Handeln
Überlebender Und auf Gedenken Durcheinander. Eine große Linde
war In ein
Familiengrab gewachsen, Und es ging von
ihr viel mehr aus Als von jenen
Dingen und den Menschen, Die dort unten
und im Boden lagen. Ihretwegen kam er
her Und sah an ihrem
Stamm nach oben in die Krone, Die nun wirklich
etwas krönte, Und das fand er
nicht heraus Und war sehr oft
bei ihr. |
Im Nachbarland, Das war das eigne
Land, Gab's einen
Maler, Der seit über
zwanzig Jahren Lindenbäume
malte, Und er malte ihre
Wurzeln Und den Teil der
Wurzeln, der zu sehen war, Und malte, was er
sah Und sah es immer
neu, Mit immer neuem
Auge, Und die Bilder
die er malte, Rührten alle und
besonders alte Leute In ganz
sonderbarer Weise, Und sie gaben
eine Ruhe Und sie waren die
Beruhigung an sich, Nach der man, Wenn man in der
Ruhe lebte, Gierig Ausschau
hielt. Es war wohl kein
Geheimnis, Wenn man das
Geheime Offenbaren
konnte, Und es stand vor
ihm Und war ein Fall
der Denkmalspflege, Und es müsste
sich ihm doch auch offenbaren, Wenn schon jeder
davon wüsste. |
|
Im
Un-Gemach In dem
Strafvollzug Vollzog man keine
Strafe. In der
Strafanstalt zog man die Strafe an, Damit man lernte,
sie von sich zu weisen. In der Zelle war
ein Goldknopf An der Tür. Wer den benutzte
rief die Dienerschaft, Die kam sofort
herein Und fragte
Wünsche ab, Falls man sie
formulieren konnte, Und die Tür blieb
nur für sie Ein Durchgang, Sonst war sie ein
Teil der Wand Und
undurchlässig, Und die Tür an
sich blieb unsichtbar. Der Raum war groß
genug Für drei
Personen, Und als erste kam
ein Mann Von etwa vierzig
Jahren, Der war angenehm
enttäuscht und überrascht, Dass eine
Dienerschaft sich sorgte, Und er hatte
Wünsche, Die erledigte man
gleich, Und diese
Kleinigkeit, die an dem Ausgang hing, War irgendwie
gerecht Und würde bald
ein Ende haben, Und er wünschte
sich für sich, Weil ihn hier
keiner kannte Und Besuch nicht
zu erwarten war, Und weil die
Zelle richtig schien, Die Frau dazu, um
derentwillen er In dies Verließ getragen
worden war. |
Man stellte ihm
den Wunsch anheim Und könnte ihn
erfüllen, Wenn auch er den
Wunsch der Frau, die zu ihm käme, Nach dem Menschen
ihrer Wahl, Im Vorweg
akzeptieren würde, Und er stimmte
zu. Die Frau, die in
das Zimmer kam, War eine Fremde, Die er nie zuvor
gesehen hatte, Und sie war in
seinem Alter, Und sie hatte
diese Sonderheit, Die Frauen haben,
die im Grunde Männern ähnlich
sind, Ihn widerte die
Doppelfremdheit an, das brauchte er
nicht zu ertragen Und beschwerte
sich, Das hatte man mit
ihm nicht abgemacht, Und die
Beschwerde nahm man an. |
Die Frau war kühl Und kümmerte sich
nicht um ihn Und hatte ihre
Möglichkeit sofort erkannt Und wünschte sich
die Freundin auf die Zelle, Und er warnte
sie, Und sie war fest
entschlossen, Und es kam ein
junger Mann zu ihnen, Der fiel ihm
gleich vor die Füße, Und das war ein
weicher Mensch, Der ekelte sich
vor den Frauen, Und die
Dienerschaft zog sich zurück Und baute ihre
Glocke- ab, Und in die Wand
schob man nun eine Eisentür Mit einer kleinen
Klappe, Und sie weigerten
sich alle drei, Besucher, gleich
wer käme, Zu empfangen. |
|
Nach seinem
Herzinfarkt Nahm ihm sein
Herz nur noch Sehr wenig ab, Und eine Ader,
die zum Herzen führte, Führte viel zu
viel Und bildete den Blutsack aus Aus einem
Rückstau, der war gar nicht abzubauen, Und es staute
sich auch eine Angst, Die spürte er, Die drückte bis
nach außen. Über seine
Medizin hinaus Bekam er eine
Medizin, die half ihm nicht Und zog ihm eine
rosafarbene Gardine Vors Gesicht, Die täuschte ihn
und warnte ihn, Sich nichts mehr
zuzumuten, Und es wuchs sein
Mut Und er fand neue
Kraft, die durfte er nicht brauchen, Und er spielte
hoch Und dachte lange
nach, Und mit der
Arbeit konnte er so jäh nicht enden, Und die Arbeit
war viel besser ohne ihn gemacht, Er dachte dabei
an das Geld nachher, Das wurd' mit jedem Tag getaner Arbeit mehr. |
Er hatte hohe
Schulden abzuzahlen, Und er zahlte
lieber eher Und ein wenig
weniger und dafür mehr Und dürstete nach
dieser Trockenheit, Nach einem
sorgenfreien Bad Und sehnte eine
Zeit herbei, In der er sich um
diese Dinge sorgen könnte. Seine Tage waren
lang Und hatten keinen
Übergang zur Nacht, Die trat nicht
ein, Und Nacht war
tagelang Und Tag war
nächtelang, Und insgeheim
bestand sein Wachen Aus dem Warten Und sein Schlafen
aus dem Lauschen. |
Zeit im Übermaß
in knapp bemessner Zeit. Und jede Rechnung
endete damit: "Wie lange
noch", und "Wie viel
Zeit ist schon vorbei", Sie dehnte sich
dabei nach vorn' unendlich aus, Und war doch
sicher kurz, Und die
Vergangenheit schien ihm Ein kümmerlicher
Tag, Der hatte sich im
Eigenfraß An ihm vorbei
gedrängt, Und seine
Wichtigkeit verloren Und sich selbst
verdaut. Die Krankheit war
sein Wendepunkt. Bis hier war Unersetzlichkeit
von ihm Ganz hoch
gehalten worden, Und nun dachte er
an Herzversagen Und an
Herzersatz, Dem hätte er
nicht widersprochen. |
|
Sie war nur eine
Lehrerin Und kein Soldat Und hatte keine
herrischen Manieren, Und sie lebte in
dem Einundfünfzigländerstaat Und kam aus einem
Bundesland Und war für eine
Reise programmiert, Die sollte sie
und eine andre Frau Und weitere fünf
Männer in das Zweiundfünfzigland, Das stand am
Himmel, tragen. Dort hing auch
die Fahne der Nation Und stand, von
ihrer Wohnung aus gesehen, Auf dem Kopf, Und würde sich im
Raumflug, Der das Oben
unten und das Unten oben Und das Oben und
das Unten überall und nirgends zeigte, Richtig stellen. |
Anfangs hatte
ihre Reise Hindernisse, Das verstanden
alle, Und es gab wohl
keinen Menschen Auf der ganzen
Erde, Der es ganz
verstanden hätte, Dann hob ihre
Fähre ab, Und startete mit
einem Traum für sie, Der war die wahre
Nüchternheit Und keine
Träumerei Und voller
Wachheit, Dass sie nichts
an diesem Traum versäumte. Sie gab Daten
durch und Zahlen, Und sie glaubte
in der größten Weite Die Familie und
die Klasse stehn zu sehen, Sicher irrte sie, Und unter ihr tat
sich das große blaue Auge auf, Ein Auge, dass
den Flug beäugte Und auch schlief
und lauerte, Ein Auge, das
schon einen falschen Namen trug, Denn die
Geschichte seiner Namensgebung War ein Irrtum,
der lag sehr wahrscheinlich In den Dezimalen. |
Unten lag ein
Schiff in diesem Auge, Das sah auch den
steilen Anstieg, Sah den weißen
Faden, Der sich in den
Himmel schrieb, Und sah auch, wie
sich plötzlich An dem Kopf der
Nadel Eine Flamme löste Und sich eine
Explosion Von ungeahnter
Kraft entfaltete, Die riss den
Faden ab, Schlug einen
Knoten, Der im Knoten
weiter explodierte Und trieb ohne
Halt den Antrieb in die Höhe Bis zur völligen Verzehrung. Dieser Tag der
Tage Nahm in sich kein
Ende Und war eine Zweiundfünfzigstaatenexplosion, Die registrierten
alle Seismographen dieser Erde Voller Schrecken Und Ernüchterung. |
Ein Bild von einem Bild entsteht
|
In Gedanken War er nie in den
Gedanken anderer gewesen, Und er hatte sich
davor bewahrt, gewehrt, Sich nicht dazu
verführen lassen, Und man sprach zu
ihm von Kunst, Die war für ihn
von vornherein verkehrt Und ohne Leben Und so völlig
sinnlos, Und er prahlte
auch damit, Und das sei gut,
so sagte man zu ihm, Denn jeder Weg
zur Kunst beginne mit der Einsicht, Dass sie völlig
sinnlos sei Und ganz umsonst, Und das gab ihm
zu denken, Und er konnte den
Gedanken, den er gut verstand, Noch nicht zu
Ende denken, Und er fragte
nach Und die er
fragte, lachten über ihn Und machten ihn
zum Narren. |
Und er sagte sich,
er sei ein Narr, Und zog sich eine
Narrenkappe Über beide Ohren, Und die andren
sollten sehen, was sie sahen, Und dass er sich
sah Und trug die
Kappe falsch herum Und deckte seine
Augen damit zu, Und schnitt in
sie zwei Schlitze, Und das reichte
ihm, Man kannte ihn
nicht wieder. Und man sprach
mit ihm Und hielt ihn für
den Künstler, Der wär' voller Neuideen, Die sprängen ihm
schon über seinen Kopf, Und er verstand
doch nichts davon Und sollte
Künstler sein Und fragte sie
warum, Und das,
erkannten die, die fragten, Sagte er zu
ihnen, Dass sie sich nun
selber fragten Und betonten ihn, Und die Methode
seiner Arbeit Wurde von Erfolg
gekrönt. |
Und viele, die so
mit ihm sprachen, Wurden über ihre
eigne Klugheit klug, Und er verstand
sie nicht Und lernte eine
fremde Sprache, Die er einfach
sprach, Und man erkannte, Dass er von
Verfremdung sprach, Die war ein hoher
Teil der Kunst, Und alles machte
er bewusst. Was ihre Kunst
betraf, das traf ihn selbst Am meisten, Und er schwor
sich Ab sofort um
jeden Preis zu schweigen, Und man schwieg
mit ihm Und dachte mit
ihm nach, Und einer fasste
den Gedanken, Dass die Kunst an
ihm Nicht das Produkt
des Künstlers sei, Nein, dass sie
selbst leibhaftig existiere, Und sie lenke
jede Kunst auf sich, Und sie verzichte
ganz auf sich Und mache ihn zum
Kunstprodukt An sich. |
|
Jeden Tag, Das hatte er sich
einmal vorgenommen, Wollte er bewusst
erleben, Und er hatte sich
geschworen, Einmal wenigstens
am Tage so zu tun, Als gäbe es in
ihm, Um ihn herum
nicht eine Sorge, Keinerlei
Bedenken, Nichts, das ihn
bedrücken könnte, Und er wollte
auch auf keinen Fall In diesem
Augenblick An Fröhlichkeiten denken. Täglich einmal
wollte er Mit seinen Augen
in die Stille blicken, In ein Nichts, Sich völlig in
ein Wasser fallen lassen Und sich ohne
jede Schwimmbewegung sinken lassen, Um dann plötzlich
aufzustehen Und sich zu
besinnen. Und die Zeit
dafür war gut zu wählen, Und er legte sie
in allerfrühste Morgenfrühe, Wenn er seine
Beine in der Enge seines Zimmers, Zwischen Wand und
Bett, Auf seinen
Teppich stellte Und sich selbst
nicht stellte, Sondern sitzen
blieb. |
Und seine Augen
fielen Auf die Muster
der Tapete, Und er tauchte
tief Und atmete das
Schweigen ein, Und nichts
erlaubte er in sich, sich zu bewegen, Und er wachte
über sich. Das dauerte
Sekunden, Dann besann er
sich Und zog sich an
ein Ufer, an den neuen Tag, Den konnte er und
niemand kennen, Und er machte
eine zweite Wäsche, Zog sich an Und plante einen
Plan für sich zu machen, Den schrieb er in
sich Auf eine
unsichtbare Tafel, Den verlöschten
neue Pläne Mit ganz anderen
Terminen, Und er
überschrieb, was er beschrieb, Und übersah und
übersah, Und er besann
sich auf den frühen Morgen, Das gab wieder
Ruhe. |
Seine Tage waren
ohne Gleichmaß immer gleich, Und streng
genommen unterschieden sie sich Kaum noch
voneinander, Und selbst mit
sehr großer Mühe War das Gleichmaß
nicht aus seinem Gleichgewicht zu
bringen, Und die Tage,
Wochen, Jahre, Nächte, Freizeit,
Urlaub Kamen gingen, Hingen an dem
langen Pendel, Das schlug
unerbittlich hin und her Und hätte ihn,
das wusste er, Schon längst
erschlagen, Wenn er nicht zu
seiner Rettung Morgens die
Minute seiner Rettung Über all die Zeit
gerettet hätte. |
|
Man setzte ihn Vor eine große
Glaswand, Die war völlig
transparent, Und auf der
andren Seite und auf dieser Standen Kameras,
die ihn Und das was ihn
bewegte Und was er auf
diese Fläche malten sollte, Ganz genau
verfolgten wollten, Und sie hatten
auch den Ton mit eingeschaltet, Der schrieb mit Und führte
Protokoll, Und er war sehr
bekannt Und malte Bilder, Wie man sie noch
nicht verstand, Und darum sollte
er vor aller Augen malen Und für das
Verständnis reden. Und er würde wohl
in Farben malen, sagte er, Und nahm die
Farben weiß und schwarz, Das wären keine
Farben, Und sie könnten
doch nicht ohne Farben sein. So war es vor dem
ersten Strich, Dass man ihn
nicht verstand. |
Er machte eine
Skizze, die war zu erkennen, Die belegte er
sofort mit den Kontrasten Und mit Grau, Das mischte er
auf dieser Tafel an, Und überließ es
ihr Und wollte es nicht
mehr entfernen, Und es wurde zum
Bestand. Man wusste nicht,
wie man das Mischen mit der Arbeit In Verbindung
bringen sollte, Und er lachte
über soviel Fragerei, Und er beschrieb
mit Worten, Dass die Mischbarkeit und das Vermischte Fast das Wesen seines
Bildes wären, Und das Wesen,
das er malte, Würde jetzt
lebendig. Und er wurde an
dem Bild zum Arzt, Der operierte und
belebte Und der tötete, Und unter seinen
Händen wichen und entstanden Die Lebendigkeiten Die sich auf dem
Bild bewegten und verharrten. |
Und die Leute, Die ihm über
seine Schulter sahen, Waren im
Geschehen und geschahen mit Und waren voller
Anteilnahme, Und die Rückwand
vor der zweiten Kamera, Bewies ein
Hinterglasgemälde, Das war etwas
anderes Und war das Glas
im Leben, Das war
ahnungslos, Und ahnte nichts Von einer
Vorderseite, Und er hielt nun
inne Und berichtigte
noch Kleinigkeiten, Und das Bild
stand auf den beiden Seiten still Und war am Leben, Und man hatte
alles miterlebt, Und es war
rundherum erlebbar Und begehbar, Und man hatte nun
verstanden, Warum seine
Bilder noch nicht Zu verstehen
waren, Und es ging um
die Lebendigkeit In seinen Werken. |
|
Als sie hörte,
dass die Schwägerin Ein Kind bekommen
sollte, War sie voller
Freude, Und sie sprach
mit ihr Und wollte
gratulieren, Und die
Schwägerin sprach nicht mit ihr Darüber, Und sie würde
Tante werden Und das Kind
besuchen, Und sie wäre eine
junge Tante, Und sie hatte
selbst schon einen Mann Und brauchte sich
nicht zu beeilen, Und sie waren
noch mit allem Erst am Anfang. Ihre Schwägerin
ließ sie nicht aus den Augen, Und sie sprach
sie oft auf ihren Zustand an Und auf den
Umstand Und erwähnte
nicht vor ihrem Mann, Dass seine
Schwester Keine Freude
daran hätte Und verglich sich
mit nicht einem Wort Mit ihr Und dachte sehr
an sich dabei. Sie würde, wenn
sie soweit wäre, Sich vor Freude
selbst umarmen, Und sie sah, dass
ihre Freude Schon in
ungeheurer Nähe saß Und greifbar
wurde, Und ihr Hoffen
wuchs, Und oft genug hat
man gehört, Dass, wird die
eine schwanger, Es nicht lange
bis zur Schwangerschaft Der andren
dauert, Das liegt an der
Frau, so sagt man, Weil sie den
Gedanken nähren Und ihn in sich
Früchte Tragen lassen
kann. |
Ihr Ohr lag innen Und sie war voll
Hoffnung Und voll Freude, Und die
Schwägerin verlor kein Wort Der Freude Und dass sie in
guter Hoffnung war Und kleidete sich
nicht nach ihrem Umstand, Und nur einmal
stöhnte sie, Dass sie im
Umstand sei, Der sei
beschwerlich, Und sie hätte
diesen Umstand nicht geahnt. Es ging ihr auch
nicht gut, Sie hätte sich
sehr gern' davon befreit Und ihre Sache
einer andren angetragen, Und sie sagte
auch, Dass sie sich
jetzt ein Kind Noch gar nicht
hätten leisten können, Und es wäre ein
Versehen, Und sie dachte an
die Zukunft, An die eigne
Zukunft, Und nicht, wie es
weitergehen könnte. Ihre Schwägerin
war nicht im Dank, Das sah sie, Und sie schrieb
es ihrem Zustand zu, Der war nun gut
zu sehen, Und sie dachte,
wie ein Mädchen denkt, Und nahm mit ihrer
Hand Das Maß des Fußes
dieses ungebornen Kindes, Das nahm sie vom
Bauch der Schwägerin, Und strickte
kleine weiche Schuhe. |
Mit der Farbe war
sie ganz neutral Und einmal öfter,
dass es ihr schon auffiel, Strich sie über
ihren eignen glatten Leib, Und ihre Haut war
ohne Falten, Die, so dachte
sie, Wär'n mir ein liebes
Zeugnis, Und die
Schwägerin rief aus der Klinik an, Es wärt noch
einmal alles gutgegangen Und es ging ihr
gut, Das Kind sei eine
Totgeburt, Sie läge noch
zehn Tage in dem Einzelzimmer, Und sie wär'
nicht krank Und jeder könnte
sie besuchen, Und die junge
Schwägerin saß fassungslos Und ungefasst Und weinte sich
die Tränen Über ihre Hände. |
|
Ein Land der Sonne Als sie selber schwanger wurde, War sie ohne das Gefühl Für diese Schwangerschaft. Die hatte sie herbeigesehnt, Und das Gefühl war ihr vorangegangen. Nun war es zersprungen, Und es schien, Als machte es für andere Gefühle Platz, Die waren erst im Wachsen, Und sie hatte keine Angst Und wusste nicht, sich zu verhalten, Und sie hätte ihrem Mann Davon erzählen sollen, Dass er sie in Ruhe hätte Mutter Werden lassen können, Und sie wollte ihren Zustand nicht
berufen Und verschwieg es ihm Und wollte wenigstens zwölf Wochen warten Und so gut es ging sich schonen, Und sie hatte all die Zeit ganz allgemein Sehr viel davon erzählt Und viel von Schwangerschaften Andrer Frauen, und sie wollte Seine Meinung hören. |
Und er sagte wenig, das war viel Und machte sie ganz sicher, Und er sagte schließlich viel Als sie ihm wenig sagte, Und er freute sich Und riet ihr noch zu schweigen, Und sie sagte "Ja", Und beide kannten sich nicht aus, Und ihre Mutter hatte sie schon lange
eingeweiht, Und die schwieg auch Und sagte es nur ihrem Mann Und den vertrauten Frauen, Und die schwiegen auch, Und alle wussten längst davon, Das wussten beide nicht Und dachten nicht daran Und gaben es den Freunden dann bekannt. |
In ihrer Schwangerschaft War sie nicht frei von ihm, Und er war manchmal unbeherrscht, Und sie sprach mit dem Arzt, Und der beruhigte sie etwas, Und sie sollte ihm entgegenkommen, Und es wurde sowieso zu unbequem Und hörte schließlich auf, Und er spann eine große Sorge um die Frau, Die trug die Last mit Freude Und mit Sorge und mit Vorbereitung, Dass sich eine Sorge um die andre zog, Sie tastete mit ihren Ohren Und den Händen ihren Leib, Das neue Leben ab, Und gab ihm Sinn in ihrem Sinn Und liebte den gespannten Leib, Und liebte seine Eifersucht, Die war umsonst Und eine Kinderei, Daran und an die neue die nun käme Wollte sie sich schnell gewöhnen. |
|
Die Niederwerfung eines Volkes Sie wurde
schwanger In Gewalt von
ihrem Schwager, Und sie hatte
selbst mit Schuld daran, Und wusste nicht, Wie sie es ihrem
Mann erklären sollte, Und sie hatte
schon zwei Kinder, Und ein drittes
war nicht mehr geplant, Und sie begann in
Windeseile Ihrem Mann die
Liebe vor zu heucheln, Und er lachte
über sie Und nahm sie an Und sprach zu
seinem Schwager über seine Frau Und spottete, Dass Frauen, wenn
sie nicht mehr Frauen wären, Läufig würden, Und sie tranken
Bier dabei Und lachten
wieder unter ihrer Derbheit, Und sie griffen
nach den Schwestern Und vergriffen
sich, Und in der Angst
bereute sie Und schwor sich
zu entziehen. Sie erinnerte
sich auch Und hatte damals
auch gedacht, Dass sie die
Vergewaltigung Mit ihrer Kraft
verhindern könnte, Und es hatte
nicht nur nicht die Kraft gereicht, Sie hatte auch zu
wenig Willen Gegen sie gesetzt Und hatte sich
ihr ausgesetzt Und hatte
nachgegeben. |
Später sagte sie
von sich zu sich, Sie hätte
aufgegeben, Und das stimmte
nicht, Und wenn die
Männer tranken, Prahlten sie, Und ihre
Schwester durfte nichts erfahren, Und ihr Mann war
unberechenbar. Und sie erzählte
ihm, Dass sie das
Klima nicht vertragen könnte, Und es ginge ihr
hier schlecht, Und diese Gegend
wäre ungesund, Und er kam nicht
auf sie Und nicht auf die
Gedanken, die sie hatte, Und sie sorgte
sich auch, Dass der Schwager
sie nicht lassen würde, Und beschwor den
Mann Und machte ihm
Versprechen, Bis er
schließlich von alleine Auf den Umzug
kam, Und sie beeilte
sich Und schrieb die
Briefe, Dass er sich
bewarb um eine neue Stelle, Und das ging sehr
schnell, Und ihrer
Schwester und dem Schwager Wurde die
Versetzung vorenthalten. |
Und er fuhr
voraus Und war die nächsten
Wochen hinter ihr Und sehnte sich
zurück Und war dann auch
nicht zimperlich Und ließ es sich
bei einer anderen gefallen, Die sah auf sein
Geld Und gab ihm, was
er wollte. Und im vierten
Monat Zogen sie in
aller Stille um. Er kam nicht erst
zurück zu ihr Und half ihr
nicht Und half ihr so
am meisten Und beendete vor
ihr die andre Frau. Dann fand er sie In ihrem Zustand,
der sich wiederholte, ganz normal, Sie machte einen
Strich und baute sich von unten wieder neu Ein winzig
kleines Glück von vorne auf Und sah der
Niederkunft entgegen, Und sie schwor
sich einen zweiten Schwur, Und Kindersegen
hätte sie danach genug Und dachte auch, Wer weiß, wozu
das alles gut ist. |
Auf dem rechten Weg in die Irre
|
Sie hat nur noch
ganz selten die Gelegenheit Ihr Haus zu
zeigen, Das ist klein
geworden, Und es dehnte
sich mit jedem, Der das Haus
verließ, Um eine weitere
Unendlichkeit. Man hatte ihr
einmal ein Bild Aus einem
Sternenbuch gezeigt, Darin sah sie die
Sternenexplosion, Die raste
allseits in den Raum Und stand doch
sichtlich still, Und in der Mitte, Dort, wo sich der
Kern befunden hatte, Drohte trotz der
absoluten Leere Der
Zusammenbruch, Der Einsturz der
Materie auf ein Nichts, Das würde sich
zum Nichts zusammendrücken, Wenn es auf sich
fiele. |
In dem
Treppenhaus Hat sie die Bilder
hängen. Alle hat sie
früher selbst gemalt, Und eines hängt
verkehrt herum, Das hängt so
wegen seiner Proportionen, Und es war bei
allen Immer wieder im
Gespräch, gewesen. Ihr war's völlig
gleich, Sie sah die
Qualität mit andren Augen, Und sie schloss sich
keiner Meinung an Und hielt auch
nichts dagegen, Und im All, so
hatte damals noch ihr Mann gesagt, Bedeuten Unten,
Oben gar nichts, Alle müssten
davon lernen, Und sein eigner
Kopf, Das wusste sie
dann besser als er selber, Ging auch ohne
ihn spazieren. |
In den
Kinderzimmern standen alle Spiele still, Und diesen
Frieden Hatte sie als
Kriegsspiel gegen sich, Sie war hier die
Verliererin Und wurde an die
Wand gestellt, Im selben
Augenblick verurteilt, und Es legten die
Gewehre immer wieder auf sie an, Wenn sie in ihre
Kinderzimmer kam. Der Arbeitsplatz
von ihrem Mann War unverändert, Und sie hatte nie
den Schreibtisch untersucht Und nie versucht
in ihm zu finden, Was sie suchte,
wenn sie ihn besuchte. Manchmal wischte
sie den Staub Von seiner Oberfläche. Sauber
eingestäubt lag auch sein Bett, Das ließ sie wie
es war, Und nahm sich
wieder an die Hand Und führte sich
zurück Und konnte sich
nicht mehr viel mehr Von früher
zeigen. |
|
Es war die Strafe
dafür, Dass sie sich
verboten mit ihm treffen wollte, Und er war nicht
an dem Platz im Park, Den hätte er doch
finden müssen, Und sie sah sich
um Und wollte nicht
vor sich nervös erscheinen, Sonst war niemand
da. Sie ging die
Schritte Bis zu einem
großen Baum Und kam zurück Und drehte sich
auf einer Sohle Auf der Stelle
hin und her Und trat auf einen
kleinen Stein, Den bohrte sie
tief in den Sand. Sie sah zurück Und durch die
Büsche, Und alleine
wollte sie in diesem Waldstück Auch nicht
bleiben. |
Dunkelheit Begann hier
schneller Als an andren
Stellen Und es klopfte
ihr das Herz Aus Angst vor ihm
und sich, Aus Angst vor
diesem Treffen, Und aus Angst,
das es misslingen würde, Und aus Angst vor
diesem Platz. Sie hatte alles
eingefädelt, Und, es war
gemein, mit ihr so umzuspringen. Dann ging sie den
Weg ein Stück zurück Und hoffte nun, Dass niemand
kommen würde, außer ihm. Die Tränen konnte
sie jetzt gar nicht brauchen, Und die standen In der ersten
Reihe. Endlich tat sich
in der angestarrten Tiefe Etwas, Eine Dunkelheit
schnitt sich heraus, Die wurde heller. Unter ihr, der
Stuhl aus Angst und Wut Verflog in eine
Schaukelei der Freude |
Blitzschnell zog
sie ihre hohen Schuhe aus Und lief zu ihm Und ihre
ausgestreckten Arme Jubelten im Sieg Und stiegen an
ihm auf. Sie schluchzte in
sein Ohr, Fast schimpfte
sie ein wenig, Sagte ihm ein
Kosewort Und ließ sich von
ihm halten. Er nahm sie
verlegen an, Beruhigte sie
sanft, Und sagte: "Hier im
Park braucht niemand Angst zu haben, Wenn sie wollen Bringe ich Sie an
den Ausgang." Fast unhörbar
schrie sie ganz kurz auf. Dann sank sie
fassungslos in sich zusammen Und verlief als
Wasser auf dem Weg, Der sog sie auf. |
|
Er war auf einer
Wanderung In einem Land, das
hatte er gesucht, Und hatte Hunger. Es war warm. Das Land lud ihn
zu allem ein Und gab nichts
her. Um ihn herum die
Knoten kleiner Höfe. Vor der
Dunkelheit Schlug er sein
Zelt in einer Gegend auf Und ging zu einem
Haus, Das war viel
weniger als ein Gehöft, Dort wollte er um
Arbeit fragen, Ja, vielleicht
würd' man ihn Essen lassen, Und er hatte sehr
viel Zeit, Die wurde immer
mehr, Je mehr sie von
ihm wich. Er hatte lange
Wege hinter sich gebracht. Es würfelte sich
ihm Ein kleiner Hund
entgegen, Der war
zutraulich, Der lief vorweg,
zurück und hinters Haus. Dort stand vor
einer Bank, Als suchte sie
schon, Eine Frau. |
Die sagte gleich
zu ihm: "Da bist du
ja," und meinte ihn, "Verstau
dein kleines Zelt Und komm' hierher
und bleib' die Nacht. Von mir aus
bleib' so lang' du willst." Er sagte:
"Guten Tag" in seiner Sprache, Die sie sprach, Und ging zurück. Ihr Alter, dachte
er... Sie konnte seine
Mutter sein, Und nahm sich
seiner an. Er war sehr müde
und verbraucht, Und sie war auch
arm dran Und sah nicht
ärmlich aus. Der Hund ging mit
ihm mit Und blieb bei ihm
und auch bei ihr. Es war ein Tier, Das sich zu
teilen wusste. Sie war ohne Arg
und ohne List Und aß mit ihm Und zog sich
später vor ihm aus Und ging mit ihm,
so wie er war, Ins Zimmer, wo
sie schliefen. Alles ist, so
dachte er, Mit irgendetwas
zu bezahlen, Und er wusste
nicht womit. |
Von nun an
überließ sie ihm das Ganze. Sie tat, wie es
ihm gefiel, was ihr gefiel, Und langsam war
sie es, Die ihm gefiel, Und beide taten schließlich vieles nur, Sich und dem
andren zu gefallen. So band sie ihn
nicht, Und er war
ungebunden, Und er fragte
einmal mehr, Womit er das
verdiene. Doch sie
überlachte ihn: Es sei ihr immer
noch der Erste Tag. Die Ankunft
jährte sich, Und morgen würde
er mit ihr den Tag Als den
Geburtstag feiern Und er schlief
aus Spaß in dieser Nacht In seinem Zelt. Am Morgen nahm er
aus der Gegend Ein paar Blumen, Die verschrieb er
ihr. Das würde er im
nächsten Jahr So wiederholen, Und im Jahr
danach Und danach und
danach... |
|
Dieses ist ein ungeschriebner Brief Insofern, als ihn
der, den er betraf, diktierte, Und es war mehr
ein Gespräch, Mehr eine
Beichte, ein Geständnis, Das gestand
vielleicht Viel von der
andren Seite, Die war noch am
Leben. Er, so sagte er, Kennt kein Gefühl
für Mutterliebe, Kein Gefühl für
das Gefühl, daheim zu sein, Und nie in seinem
Leben habe er gespürt, Dass diese Frau
ihn sich in ganz besondrer Weise Spüren lassen
wollte, Nicht als Kind
und später nicht. Sie war für alle
da Und für die
Schwester und die Brüder, Und es gab nicht
einen Tag, An dem sie nicht
den eignen Tag Zum Tag der
andren machte, Und sie war nie
krank Und sah bis in
das hohe Alter aus, Wie man sie
kannte, Und man kannte
sie ja täglich Bis ins hohe
Alter, Und ihr Alter kam
in unmerklichen Tagesschritten. |
Er, so sagte er, Erinnert sich
nicht mehr an sie, Und so sind sie
einander nah Und herzlich
zugetan Und sind einander
fremd, Und keiner greift
dem andren in das Denken, In das Wünschen, In das Handeln, Jeder hütet seine
Sehnsucht Nach dem anderen
als ungewünscht Und tut sie ab Und hütet sie in
einer ganz besondren Lade, Die ist
beiderseits als Schranktür Im Tapetenmuster, Und man sieht sie
nicht. In ihrer ersten
Krankheit, Die kam spät, Empfand er kein
Bedauern, Und sie nahm sie
auch nicht ernst, Und dass er sie
besuchte, freute sie, Dass, meinte er,
sei übertrieben, Und ein andres
Mal, Als er
erfolgreich war, Fand er sie außer
sich vor Glück Und
Überschwänglichkeit Und lauter
Ruferei nach anderen, Die hören
sollten, Und er fühlte
sich dadurch auf seinem Weg, Den jeder wissen
konnte, ausgerufen Und verraten, Und es ging ihm
gut dabei, Und es bewirkte wohl
auch das Gespräch, Von dem ich
anfangs sprach Und das ich
schreibe. |
Etwas, sagte er,
sei aus der Frau gefahren Und beträfe ihn, Und es sei eine
Wandlung In ihr
vorgegangen, Und sie habe ihn
geweckt, Er wüsste nicht
wohin mit seinem Denken, Und sie habe ihm Die Hand berührt, Es schien wie aus
Versehen, Und sie hätten
sich sonst nie berührt, Im Kommen nicht Und nicht im
Gehen, Und sie habe
dieses Handberühren Mit den Augen
eines scheuen Tieres Durchgeführt Und es in seinen
Augen abgelesen, Und es hätten
ihre Augen hinterher geglänzt. Und er, so sagte
er, Sei immer noch
verlegen, Und er hätte
ihren Handgruß Nicht erwidert, Und, so sagte er, Er habe nie auf
ihrem Schoß gesessen, Und nun wäre er
zu groß dafür. |
|
"Vielleicht
bin ich ein junger Mann, Vielleicht auch
noch ein Jugendlicher," Sagt er selbst
von sich, "Und ich seh aus wie meine Mutter, Die sieht aus wie
ich. Wir lachen viel Und denken
schnell, Und die Gedanken
überschlagen sich Auf unsren
Zungen." Und er liebte
seine Mutter, Das bemerkte man
sofort, Und er sprach
über ihren Mund Und über ihre
Augen Und von ihrer Größe, Und vom Vater
wusste er fast nichts zu sagen, Und er käme gut
mit seinem Vater aus, Und was er an ihr
liebte, Liebte er an sich Und sie an sich Und sich an ihr Und war in allem
frei Und wortgewandt Und kam zurück
auf sie Und sprach in der
Begeisterung von ihr, Und meinte sich
als Teil von ihr Und käme ohne
seine Mutter gar nicht aus, Das dachte er
nicht aus Und nicht zu
Ende. |
Und er machte
gerne, was sie machte, Und sie ritt und
hatte Angst davor, Und er ritt auch
und redete sich ein, Dass er die
Pferde liebte, Und er hatte
hinterher erst das Befreiende
Gefühl, Das kannte sie,
das teilte sie mit ihm, Und beide ließen
sie nicht ab Von diesen
Tieren. Und er kochte
gerne Und verglich sich
oft mit ihr Und sah in ihrer
Hausarbeit die Arbeit, Die er gerne
machen wollte, Und er machte sie
vor ihr, Und sie empfand
die Wohltat, Und sie tat für
ihn sehr viel voraus, Das holte ihn
dann ein Und überraschte
ihn. |
Und seine Welt
war fest gefügt, Und er war kein
Athlet Und war nicht
stark, Und seine Stimme
blieb zu lange In der Höhe
liegen, Und man fragte
nach, Wenn er sich
telefonisch meldete, Ob wohl der Sohn
zu sprechen sei, Das fanden beide
lustig, Und sie trieben
damit eine Spielerei, Die schloss die
andren völlig aus. Und nichts war ihnen
vorzuwerfen, Und wenn er auf
Reisen ging, Schrieb er ihr
täglich einen Gruß Und rief am
zweiten Tag schon bei ihr an, Und fuhr die
Mutter fort, War es ihr Amt, Und zwischen
ihnen gab es keine Eifersucht, Und sie verziehen
sich im voraus Jedes mögliche
Versäumen Und bedankten
sich, Und liebten sich
so jeder sich an sich Und an dem
anderen. |
|
Sie ging zurück
ins Nachbarland, Man gab ihr die
Erlaubnis, Und sie wollte nur
als die Besucherin Die Heimat sehn,
die war seit vierzig Jahren Keine Heimat mehr Und zog sie heim, Und jemand, der
vor ihr hier war, Erzählte, dass
sich kaum etwas geändert hatte. Und sie dachte an
die Einzelheiten, An die Wanduhr,
die Tapeten, Ganz bestimmte
Räume, Büsche, Wege,
Flüsse, Teiche, Hecken, Augenblicke, die
sie nacherleben wollte, Und sie ging
zurück Und kam gut an, Und kam zu Anfang
gar nicht an, Und niemand lebte
hier von denen, Die sie kannte, Und erst langsam
sah sie in den Alten, Die von damals
wieder, Und es war ein
Stich, Der riss ein Tuch
von ihrem Kopf. Im Elternhaus wurd' sie zum Kind Und ließ sich von
der neuen Mitbewohnerin, Die war sehr alt, Die Zimmer
zeigen, Und die kannte
sie auch nicht, Bis sie sich dann
erkannten. |
Und sie sah in
jeder Stube Das Gesicht der
Mutter, Hörte über kleine
Flure Ihre Mutter rufen, Sah sie in den
Fenstern und Gardinen, Sah sie winken,
sah sie laufen. Irgendwo hier
draußen War sie ohne sie
begraben worden, Jetzt war es zu
spät, Und die Erlaubnis
in dies Land zu reisen, Konnte gar nichts
mehr erlauben. Vieles war
vergessen Und erhob sich
erst bei ihrem Eintritt, Und sie fragte
nach der Pflege dieses Grabes, Und es machten
Jugendliche Und die Leute aus
der Nachbarschaft des Grabes, Und es stand kein
Kreuz, Es stand kein
Stein, Es war nichts zu
beschaffen. |
Sie war
hergekommen, Um zurück zu
gehen, Und sie ging als
Schülerin den Schulweg, Dass sie fast
dieselben Gräser An den
Straßenrändern sah, Und immer wieder war
die Stimme ihrer Mutter Tief in ihrem
Kopf, Die rief ihr nach
und rief ihr hinterher Und etwas zu, und
sie bedachte alles, Das war ihr schon
längst entfallen, Und das Grab war
karg und menschenleer Und kümmerlich
gefasst, Man konnte nichts
mit sich nach Hause nehmen, Und sie machte
auch kein Bild Und nahm das
Bild, wie sie es sah, mit heim Und war allein
hier draußen, Und sie suchte
nach dem Zwiegespräch Mit ihrer Mutter,
das blieb aus Und stellte sich
erst spät am Abend, Fast im Schlafen
bei ihr ein, Und hier am Grabe
war es schwer, Das war schon
halb im Traum, Und sie stand
über ihr und unter ihr, Weil sie ja oben
war. Der Himmel hing
nicht tief genug. So nah bei ihr zu
stehen, War für sie, das
Kind zu schwer, Und warme Tränen liefen
über ihre Wangen In die Kissen. |
|
Im Warten hatte er
gelernt zu warten, Und er hatte
lange warten müssen, Als er in der
Wache stand Bei den Soldaten, Und er hatte
damals Glück gehabt Und die Gefahren
nicht gespürt, Und andre Wachen
waren Trotz des Wartens
und des Wachens Überfallen und
getötet worden, Und man hatte
ihnen Munition gestohlen Und die Waffen, Und in seinem
Warten war er nie Von der Gefahr
berührt gewesen. Und er wartete
sehr gerne und so oft es
ging, Und wartete, weil
er das Warten liebte, Ohne Grund auf
nichts. Er konnte sich, Weil ihn die Zeit
nicht drängte, An die
Straßenecke stellen Und dort warten, Und er dachte
nichts dabei, Und fremde Leute,
die ihn nur vom Sehen kannten, Lachten etwas
über ihn Und kannten ihn, Obwohl sie ihn
nicht kannten Und sie sagten
sich: "Er wartet wieder Und weiß nicht
warum Und nicht auf
wen, Und er vergeudet
seine Zeit mit Warten." |
Und er hatte
ihren Fragen zugehört Und sie sich
angehört Und sie nicht
überhört, Ob er auf etwas
warte, Und wenn ja, auf
wen und was, Und seine Antwort
war ja seine Wahrheit, Und er sagte: "Sicher
warte ich auf etwas." Und die Leute
waren damit nicht zufrieden, Und er sagte
noch: "Wenn ich es
jetzt schon wüsste, Brauchte ich doch
nicht zu warten," Und er wartete
woanders weiter. Leute sprach er
nie Von sich aus an. |
Man dachte, dass
er etwas wissen wollte Oder wissen
müsste, Nur damit er
etwas andres wissen konnte, Und er fragte
nicht Und wollte auch
nichts wissen. Und er wartete
bei sich Zuhause weiter. Während er die
Mahlzeit zubereitete Und aß, Tat er nichts
weiter als zu warten, Und er wartete in
großer Andacht fort Und in
unendlicher Geduld Und mit Vergnügen
immer wieder neu Und wünschte sich
nichts anderes Und wartete
zurück bis in die Jugend, Bis in seine
ersten Kindertage Und soweit er
denken konnte. |
|
Die Kleinheit eines Augenblickes Er sagte zu sich
selbst, Ich muss im
Warten warten, Und an einem Tag
blieb er daheim Und rief in
seiner Firma an Und meldete sich
krank, Und alles deutete
auf eine gute Post, Die musste
endlich kommen, Und er musste in
der Nähe sein, Wenn sie nach
seiner Nähe fragte, Und er ging nicht
aus. Er hatte dies
Gefühl im Magen, Und er las nun
wieder in dem Horoskop, Das stand sehr
gut für ihn. Es war auch
höchste Zeit, Dass eine Antwort
kommen würde. Käme sie nun
wieder nicht Und in den
nächsten fünfzehn Tagen nicht, Dann riefe er
dort an Und würde einfach
fragen. |
Und er stand am
Fenster Und war ganz
allein zurück geblieben, Und den andren
hatte er erzählt, Er ginge später
fort, Das könnte er so
richten, Und er richtete dabei
an sich den Schaden an, Und alles setzte
er auf diesen Brief. Dann kam die
Botin mit der Tagespost, Sie war ein
junger Mensch, Und sah ihn
gleich im Fenster stehn. Für sie war es
ein ganz gewohntes Bild, So sah sie
täglich hundert Leute stehn, Die sahn ihr nach
und ihr entgegen, Und die sahn
einander nicht Und bildeten auf
ihrem Weg die Kette. Viele waren alt
und sehr allein. Sie winkte mit
der Post zu ihm Und warf sie in
den Kasten Und fuhr fort, Und er schlug,
ohne seine Hand zu heben, Seine Hände vors
Gesicht Und schämte sich
in seiner Gier nach Post, Die sollte nun
den Glauben An das endliche
Geschehen enden, Und es war weit
überdehnt, Und er ging
schnell nach draußen. |
Hinter ihm sprang
noch die Tür ins Schloss, Den Schlüssel
hatte er vergessen mit zu nehmen, Und er hatte
keine Jacke an, Und draußen war
es kalt, Und die Probleme
wuchsen, Und im Kasten
steckten wieder nur, Die dummen und
verfluchten Antwortkarten
irgendwelcher Sonderangebote, Und er dachte
auch, Das hast du nun davon Und lernst mit
nichts dazu Und frierst im
Frost Und stehst vor
deiner Tür Und bist
enttäuscht von dir Und von den
anderen. Die Kleinheit
diese Augenblickes Wuchs zu einem
Riesen aus, Der herrschte
über Und beherrschte
ihn. |
|
Er war voll
Ungeduld, Und er entschied
in seiner Sache gleich Und schrieb
sofort den Brief, Der musste
pünktlich sein. Er brachte ihn
auf seinen Weg Und zögerte, Weil auch der Weg
ein Anfang war, Und alles drehte
sich um den Termin. Der Brief wurd' von ihm aufgegeben. In demselben
Augenblick Erinnerte er
sich, Dass er in seiner
Eile Doch das Datum
nicht mehr eingetragen hätte, Und der Brief lag
in dem Kasten, Und die Hand, die
danach griff, Erreichte ihn
natürlich nicht. So wartete er auf
den Sammelboten, Der gab auch den
Brief nicht frei Und ließ sich
nicht bereden, Und es wäre
streng verboten, Und auch, dass er
ihm, dem Boten, Die Erlaubnis
gäbe, wär' verboten. |
Und es war ein
Schreiben, Das blieb in der
Stadt, Und er schrieb
einen zweiten Brief, Der trug nun
wirklich alle Daten, Und dem musste er
sein eigner Bote sein, Sonst käme er
nicht an, an dem Termin, Und er erschien
mit seinem Schreiben in der Hand Und stand vor
seinem eignen Brief, Der traf grad ein Und war versehen
mit dem Eingangsdatum, Und das war
genug. Und alles, was er
sonst noch tat, War viel zu viel Und nur das
Resultat der Ungeduld, Die war kaum zu
ertragen. Und er fragte
gleich Nach dem Bescheid,
den gab man nicht, Er musste sich in
neuer Ungeduld bescheiden., Und er dachte
über andre Wege nach Und schritt sie
ab Und eilte sich
auf ihnen, Und er kannte
jemanden, Den könnte er
gewinnen Und ihn seine
Sache mit gewinnen lassen, Und er ging gleich
zu ihm hin Und traf ihn
nicht Und hinterließ
ihm einen neuen Brief, Und rief ihn an Und konnte ihn
Zuhause nicht erreichen. |
Und es schalteten
sich Leute ein, Die wollten ihm
behilflich sein, Das nahm er gerne
an Und rief auf
ihren Rat auch andre an, Die rieten ihm, Weil sie von
einer Sache wussten, Die ganz ähnlich
war, Und er riet ihnen
und bedankte sich Und schrieb in
deren Sache einen Brief. Und weil er nun
den Schreiben wenig traute, Machte er sich
auf den Weg Und sprach in
fremder Sache Eine fremde Sache
an, Und er verfolgte
sie so weit es ging, Und dachte in der
fremden Sache Auch an seine
Sache, Die trieb ihn,
das spürte er, Maßlos voran. |
|
Eigentlich war
sie die Speise, Die wir aßen, Morgens, mittags,
abends, Und wir zogen
ohne sie Nicht einmal eine
Decke auf den Tisch. Und lag die Decke
unter den Bestecken, Strichen wir mit
unsren Händen über ihre Haut, um jede Glätte Zwischen den
vermissten Falten Glattzustreichen, Und es war das
Streicheln eines Zustands, Den wir nicht
vermissen wollten. Diese Decke zog
sie unter alles, Alles weihte sie
auf diese Weise, Und sie weihte
ihre eigne Fröhlichkeit, Die mischte sich
mit Freundlichkeit Und Eigenglück,
das haben Menschen, Die genügsam sind Und sich genügen
mit dem Glück in sich Und die den
Anspruch gelten lassen Und Gerechtigkeit
verwalten Und so, ohne es
zu wissen, Vorbild sind, Das wird man kaum
erreichen, Und man weiß, es
ist erstrebenswert. |
Vor unsrer Tür
liegt morgens manchmal Glas, Das sind die auf
den Weg geworfnen Weggeworfnen Flaschen, Und ich seh' sie liegen, Und ich seh' die Splitter, Wie sie sich im
Raum verspielen, Wie sie lauern
und gefährlich sind. Und sie ist schon
zur Stelle Und bedenkt auch
die Gefahr Und räumt sie
schnell beiseite, Und sie
streichelt noch ein Tier, Das kommt an ihre
Seite, Lockt die Vögel,
die sie auch bemerken, Ruft die wahre
Sonne hinter sich Und schaut hinauf
und schaut sie an, Und mir fällt
ein, Dass ich sie
immer für die Sonne hielt Und sehe sie nun
neben ihr, Und ihre Augen
kneift sie zu Und zählt wohl innerlich
gewisse Zahlen ab, Dann reicht es
aus, Und ich versteh'
mich nicht Und gehe ohne nur
ein Wort zu sagen, Das ruft sie mir
nach, Und überlasse sie
und alles ihrer Sonne Und verlasse sie. |
Mag sein, Dass sich ein
Sonnenwind auf mich ergoss Und seinen Brand
verregnete, Mag sein, Dass ich mich
auch nach einem Regen sehnte Der die Sonne
übergoss, Sie nur an aufgerissnen Stellen Seiner
Wolkenfelder für mich scheinen lassen sollte, Mag ja alles,
alles sein. Als neben ihr die
zweite Sonne stand, Zog es mich heim
und fort von ihr Zur Sonne. |
|
Von meinem Mond Kann ich die Erde
sehen, Und sie ist so groß, Wie sie uns
Bilder von der Erde zeigen, Wenn man sagt: "So sieht
man von dem Mond die Erde, Wenn sie auf- und
untergeht." Sie bildet eine
Sichel Und hat schöne
Farben. Nah ist sie und
greifbar Und man greift
nach ihr, ihr nach. Ich stehe auf dem
Mond, Auf meinem Mond,
und greife nicht hinüber, Weil ich es nicht
wage, Und es wäre Die Enttäuschung
viel zu groß für mich, Ich könnte auch
dort drüben In Geschehen
greifen, die ich gar nicht kenne, Und Geschehen
erst geschehen lassen. |
Jemand schlägt im
Regen, Nur als Beispiel, Seinen
Mantelkragen hoch, Und ich halt' ihn
zurück, Weil ich den
Regen und den Mantelkragen Nicht verstehe. Ich leb hier
allein auf meinem Mond Und kenne mich
nur wenig aus, Und kenne mich,
da ich alleine bin, Auf meinem Mond
am besten aus. |
Ich schreibe
Erdgedichte, die ich singe Und besinge damit
meine Erde, Und ich habe mir
ein leichtes Spiel erdacht, Das spiel' ich
nur, Weil hier die
Kraft, die alles abwärts zieht, Viel schwächer
ist. Sie lässt mich ohne
weiteres Die größten
Sprünge machen, Und ich bastle
Schiffchen aus Papier, Die stoße ich in
Richtung Erde ab, Und seh' sie steigen, Und weit draußen
treiben sie Mir aus den
Augen, Und der Himmel
meines Mondes Ist noch lang'
nicht voll davon. Ich weiß auch, Dass sie sich zum
Schluss Zurück zur
Oberfläche neigen werden. Ja, Ich lebe wirklich
auf dem Mond Der Erde. |
|
In den Sternen Bleiben die
Gesichter unerkannt. Ich mein' es so: In einer
Sternennacht, Die voller
Klarheit ist Und ihre Sterne
fast Aus ihrer
Klarheit fallen lässt, Dass man gespannt
nach oben blickt Und auf die
weißen Nadelstiche In der Schwärze
achtet, Die in ihrer
Schwärze immer tiefer Immer schwärzer
wird, In einer solchen
Sternennacht Wird alles hell,
was dunkel ist, Und Dunkelheit
wird eingeschränkt Auf helle
Flächen. Auf der Brücke Über einem
stillen Wasser, Finde ich mich
endlich in den Sternen selbst. Die stehen über
mir Und unter mir, Und mein Gesicht
bleibt unerkannt im Wasser steh'n, Und neben mir,
ich wage nicht mich umzuwenden, Steht ein zweiter
Mensch Und stellt sich
in sein eignes Sternenzelt. |
So einfach ist
die Welt, Und einfach ist
es auch, Ihr etwas
anzutun. Ich brauchte nur
mit einem kleinen Stein Nach ihr zu
werfen Und zerbräche ihr
Gesicht. Der Mensch in
meiner Nachbarschaft Steht still und
hofft auf mich, denk ich, Wie ich auf ihn, Dass nichts
geschieht, Und beide sehen
wir nach unten Und dabei nach oben
in die Kuppel. Dort entstehen
auch die Sternenbilder, Die ich kenne, Und ich überlege,
was dahinter liegen mag, Und falle dabei
in den schwarzen Kopf An meiner Seite, Der ist unten
neben mir Und rührt sich
nicht Und regt sich
nicht Und starrt wie ich
ins Tiefe. So entstehen
keine neuen Pole. |
Und der Mensch an
meiner Seite Ist nicht anders
zu erklären, Als dass er dort
ist, Wo ich ihn sehe, Und ich drehe
mich nicht um. Ich höre keinen
Atem, Und er muss sehr
eng an meiner Seite stehn, Und spüre keine
Wärme, Die sich
überträgt. Ich sehe in der
Tiefe in das Doppelbild, Ins doppelte Gesichterschwarz, Und halte meinen
Atem an Und hebe meinen
Kopf Und wende meinen
Blick zur Seite, Und ich sehe mich
hier ganz allein, Mein Nebenmann
ist nicht vorhanden, Und ich sehe
schnell ins Wasser Und ihn eben aus
dem Bild verschwinden, Und er ist nicht
neben mir Und war Und ist nicht
über mir, Und außer mir war
nichts in dieser Nacht, Die mich in ihre
Sterne stellte. |
|
In der
Wirklichkeit Ist es ganz
anders, Und es ist der
Mühe wert, Sich um die
Wirklichkeit zu kümmern. Und es ist in
Wahrheit so, Dass sich die
Wirklichkeit Nicht um die
Wahrheit kümmert, Und sie sind sich
völlig fremd, Und Kinder bauen
sich schon Höhlen, Die sie wie den
Mutterleib bewohnen Und verstehen
nichts davon, Und ich bin doch
schon alt genug Und sollte ganz
entwöhnt Und ganz gewöhnt
sein, Und ertappe mich
in einem Bad Und stehe unter
einen warmen Dusche, Und den Kopf
halt' ich nach vorn' geneigt, Gestützt auf eine
Armatur Und an die
Kachelwand. Und auf die
Schultern, Auf den Nacken, Auf den Kopf
ergießt sich dieses Streicheln, Kraueln, angenehme
Wohlsein. |
Und in Wahrheit
liegt mein Kopf Im Schoß der
Frau, die sitzt vor mir Und ist nicht
meine Mutter Und hat nichts
mit mir zu tun Und ist mir fremd
und völlig nah Und innerlich
vertraut, Und ihr Gesicht
ist unsichtbar Und tief gebeugt Und aufgelehnt
auf meinen Rücken, Und es ist ein
Schrecken, Der sich
plötzlich auf mich setzt Und diesen
Augenblick zertrampelt. Und ich wehre
mich dagegen, Und ich habe
nichts zur Wehr zu setzen, Und ich denke
nach Und denke, dass
sich nach dem Denken Etwas zeigen
wird, Und nichts zeigt
sich Und nichts
erinnre ich, Und nichts
erinnert sich an mich, Und niemals soll
mir jemand Das Gefühl
erklären, Und ich möchte
nicht, Dass jemand auf
mich sieht Und sieht mich
nicht, Weil er sich
sieht. |
Und unter andren
Duschen Stehen andre
Leute Und die machen
andere, ganz ähnliche Bewegungen Und stehen auch
ganz still, Als wären sie
betroffen, Und bewegen sich
nur innerlich Und sehen nicht
herum Und sind in Stein
gegossen, Und die Wahrheit
um sie her Ist keine
Wirklichkeit. |
|
Man zeichnete das
Bild des Fotografen aus, Er schuf die
Nacktheitsbilder, Die den Menschen
in der Nacktheit zeigten, Und der Mensch
war nie im Bild, Und was er von
ihm zeigte, Waren abgelegte
Kleider, Abgelegte
Angewohnheiten, Es war der
abgelegte Mensch an sich, Der war das Bild Und war doch
nicht im Bild. Es saß ein Kind
im Sand Und weinte neben
der erschossnen Mutter, Und ein andres Kind
schoss, etwas ungezielt, Auf andre Kinder, Jemand hielt die
Kriegspistole An die Schläfe
eines Jugendlichen Und erschoss ihn,
wo er stand, Und Bilder dieses
Übels reihten sich. |
Das Jahr lief
rückwärts Und begann im
Winter. Herbstlich waren
alle Fotos, Die den Menschen Als Maschine
zeigten, In der Anstalt
für Kadetten, Angeschnallt in
Anstaltsbetten, Als Beobachter
beim Austausch Eigener Organe
und Gedanken, Und beim
Überfliegen enger Und der weit
gesteckten Horizonte Mit den Flugobjekten,
darin saß Ein Mensch, Der reiste ohne
Wiederkehr. Die Sonnenbilder
schraubten den Erholungssuchenden Mit Katastrophen
in die abgestürzten Wälder Aufgeschlagener
Maschinen, Und man hatte
Bilder, die bewiesen, Dass die Räuber
schneller waren, Als die Retter, Und sie raubten
später noch Die Urnen
Hunderter Um Gold daraus zu
rauben. |
Und die
Sommerbilder trockneten sehr schnell Und hinterließen
eine Kruste, Die sprang immer
wieder schmerzlich auf In Terror Der durch alle
Jahreszeiten raste. Seine
Frühjahrsbilder brachten Über Wasservögel
diesen Schwarzfilm, Über
Unterwassertiere fast den letzten Atem, Und in einem
Wasserarm Ließ sich die
Schwarzblutwunde Nicht mehr
schließen, Und ein Krieg auf
beiden Seiten Hielt die Ader
offen, So als wäre sie
die Ader ihres Lebens Und des
Überlebens, Und es durfte
daraus keiner trinken. Und im
Frühjahrsbild War es in andren
Ländern Sommer Oder Herbst; Und war dort
Winter oder Regen, Waren wir wie die
im Umlauf, Und man konnte
diese Bilder allen zeigen, Jeder kannte sich
auf ihnen aus Und unterschied
sofort die Jahreszeiten. |
|
Selten las er in
der Tageszeitung, Selten hörte er
von einer Nachricht, Die ihn intressierte, Selten gab es
Abendfilme, Die in seinen
Abend passten, Und er hatte eine
Welt in sich, Die nahm ihn
gänzlich in Beschlag Und sprach aus
ihm, Dass man sich
fragen musste, Woher seine Worte
kommen, Die sind im
Zusammenhang Und doch aus dem
Zusammenhang gerissen. Ihm verblieb kein
Unverständnis, Und er hörte,
dass man überall Nach einem Zeugen
rief, Der hätte etwas
zu bezeugen, Und es riefen
keine Polizisten Und auch niemand
der geschädigt war Und niemand, der
die Unschuld Oder Schuld
beweisen musste, Sondern dieser Ruf
erging von Wissenschaftlern Aus verschiedenen
Bereichen, Und die stritten
sich Und riefen ihre
Lehren aus Und fanden nichts
sie zu beweisen, Und sie suchten
einen Zeugen Der vollendeten
Entfremdung. |
Und die einen
sagten, Dass es den ja
wegen der Entfremdung Gar nicht geben
konnte, Und die andren
brauchten den Beweis, Und niemand kam
voran, Und nun rief man
den Zeugen aus, Im Zeugnis zu
beweisen, Was nicht zu
beweisen war; Und er lief
Schlittschuh, Und er glitt auf
einer Zeitung aus, Und er verstand,
was er verstanden hatte, Und er hielt es
für ein Zeichen, Und er las in ihr Und las den
Aufruf, Und, dass es ein
Aufruf war, Der ihn erreichen
sollte, Ja, er war an ihn
ergangen, Und er konnte
helfen, Und er ging nach
Hause Und verfasste einen
Brief Und stellte sich
mit allen seinen Namen vor, Es wären drei, so
schrieb er. Und er sprach von
seiner Haut, Von mir als sich, Und sich als
einem dritten, Und es war für
ihn ganz einfach Und verständlich. |
Die drei Namen
führten Eigenleben Und sie kannten
sich sehr gut. Er schrieb als
Beispiel, Dass die Augen
auf dem Eis gewesen wären Und gelesen
hätten, Und sie hätten
dort etwas für ihn entdeckt, Das hätte er dann
seiner Haut erzählt, Und die berichte
nun von ihm. Und tags zuvor Sei ihm ein
gestriger Gedanke In der Stadt
begegnet, Und der habe ihn
gebeten, Ihn von sich zu
grüßen, Und das hätte er
versprochen Und auch
ausgerichtet. |
|
Sie waren nun der
Klugheit Auf der Spur, die
hing von vielem ab, Und eine Klugheit
konnte man noch nicht begreifen; Wenn sie sich
nicht zeigte, Und wenn sie sich
zeigte, Maß man sie an
andrer Klugheit, Und sie wurde
dadurch klug Und dadurch dumm, Und wenn man
keine andre Klugheit kannte, Maß man sie an
dem Gefallen. Das Gefallen galt
dann der Person, Sich selbst Und weniger der
Klugheit, Und man lobte
sie, wenn sie gefiel, Und lobte damit
sich Und hoffte, dass
es rundherum gefiel. So konnte man die
Elsternnester ruinieren Ohne in den Baum
zu klettern, Und man hoffte
immer wieder Einen kleinen
Schatz zu finden, Der fiel in ein
Niemandsland, Man konnte Beute
machen. |
Jemand sprach zu
mir Und sprach mit
mir, Weil ich mich zu
den Klugen zählte, Und man wollte
mir behilflich sein Und gab mir einen
Rat, Um meine Klugheit
zu beweisen: "Stehe auf
und gehe fort, So wie du bist Und halte gar
nichts fest Und halte dich an
gar nichts fest Und nimm nichts
mit Und lass dich
nicht mitnehmen, Bitte nicht und
frage nicht Und gehe, Und wenn du
gegangen bist, Dreh' dich nicht
um Und sieh nicht
mehr zurück, Und daran können
wir die Klugheit sehen, Und wir lassen
dich allein Und bleiben nah
bei dir Und lassen dich
zu deiner Sicherheit Zugrunde gehen Und von uns, das
schwören wir, Greift keiner
ein." |
Dann gaben sie
mir ein Papier, Das war nicht
auszufüllen, wie ich dachte, Sondern
durchzustreichen, Und ich las es
aufgelistet, Was mich meine
Klugheit kosten würde, Und ich hatte
viel, viel zu verlieren Und erinnerte
mich gut, Und das Papier
war eng beschrieben, Und ich strich
geduldig alles Auf den ersten
Seiten durch. Es waren meine
ersten Seiten, Dann wurd' mir die Zeit zu knapp, Und ich riss
alles durch Und warf die
Fetzen nicht zu Boden, Sondern übergab
sie dem Behälter Und stand auf Und war nicht klug
genug Und ging nach
Hause, Meine Klugheit zu
besuchen. |
|
Sie war die Frau
von ihm, Und er war wegen
seiner Wissenschaft Dozent. Es war ein langer
Weg dorthin gewesen, Und am Anfang War sie wenig intressiert an ihm, Dann konnte er
sich so qualifizieren, Dass sie auf ihn
sah Und übersah den
Mann nicht mehr, Und er war auf
dem Weg zu ihr, Und ihre Bahn wurd' nun zu seiner Bahn, Und ihre Fädelei Wurd' ihm zu Faden, Und er war ihr
Mann, Und sie war,
wegen ihrer Klugheit, Seine Frau Und hatte auch
studiert. Und übermäßig
liebten sie sich nicht, Und später sollte
sie einmal, Da schoss sie
über jedes Maß Vertraulichkeit
hinaus, Zu ihrer
Freundin, Die sich nicht
als ihre Freundin fühlte, Fast ließ sie
sich dabei gehen, Später sollte sie
einmal zu ihr bemerken: "Könntest du
den Mann, mit dem du lebst, Im Monat öfter
als einmal ertragen? Mir wär' das zu
viel." |
Und zugegeben
litt die Freundin, Die ja keine
Freundin war Ein wenig unter
dem Zuviel, Und lachte über
diese Frau Und dachte auch
sekundenlang, Dass ein Zuviel,
auch wenn es zu viel wäre, Einer
Dauerschweißung glich, Die glühte
wenigstens nicht aus Und kühlt sich
nicht zu Grunde, Und sie hüllte
sich mit ihrer Antwort In ein Schweigen,
als sie sprach: "Ich weiß
nur, wie es bei mir ist Und ich werd'
nicht gefragt Und frag' auch
nicht." Die Frau goss ihre
Klugheit, Die sie pflegte
und zur Blüte trieb, Auf die Familie,
die sie sehr schnell gründete, Mit Eifer aus, Und überall
erreichten sie und ihre Lieben Mit dem Fleiß Und mit dem
Wissen um die Gründe Ihre Gründe, Und sie lud die
Mutter ihres Mannes, Als sie Hilfe
brauchte, wegen ihrer Kinder, In ihr Haus Und ließ sie sich
im Haus bewegen, Und ging außer
Haus Und war sehr
stolz Auf ihre Liebe
zur Verwandtschaft, |
Und sie wollte
nun Verwandtschaftspflege treiben, Und war stolz auf
sich, Weil sie der Frau Den ganzen Tag
den Ganztag überließ, Und kam am Abend
spät nach Haus' Und fragte die
Gewohnheit ab, Da konnte nichts
passieren Und betrat mit
einem Schritt, Den zögerte sie
noch hinaus, so lang' es ging, Das Heiligtum,
das Blank der Küche, Das war ungemacht Und vollgestopft
mit der Benutzung einer Werkstatt, Und sie schrie im
Augenblick des Anblicks auf Und ließ den
Wahnsinn in ihr Haus, Der macht sie zu
einer Vorbestraften. Und ein
Weinkrampf griff nach ihr Und riss die
Schultern aus, Dass ihr die
Sprache Bis weit in die
Nacht hinein versagte, Dann erst stellte
sich Die Klarheit der
Gedanken wieder ein, Und diese Strafe
traf sie ungerecht Und gar nicht
vorbereitet, Und sie würde
niemals wieder Etwas mit sich
machen, Was sie andren überließ. |
|
Er hatte eine
kluge Frau, Und eine kluge
Frau ist eine Doppelfrau, Die lebt mit zwei
Gesichtern, Und sie zeigte
ihm nur das Gesicht, Das er verstand, Und niemals das
Gesicht mit dem Sie zu ihm
sprach, das sie verstand. Und wenn sie mit ihm
sprach, Sprach ihr
Gesicht mit ihm, Und innerlich
verfolgte sie, Wie er auf das
Gesagte reagierte, Und sie steuerte
mit kleinen Wünschen, Kleinen
Freiheiten, die sie ihm überließ Und in ihm
weckte, Alles dorthin, wo
sie es gern' hätte, Und man sagte über
ihn; "Er ist in
seinem Hause König, Und sie sagte
auch: "Wir leben
so mit ihm Und richten uns
nach ihm Und überleben so
mit ihm," Und übertrieb
dabei ein wenig, Und sie dachte
dann für sich 'Zum Glück bin
ich die Klügere, Und wenn er sich
nicht lenken lässt, Hab' ich die
Schuld, Weil ich ihn
nicht bedachte Und nicht daran
dachte, wie er ist.' |
Und viel, viel
Arbeit hatte sie Von der
Geschicklichkeit mit sich Und ihrer
Ungeschicklichkeit, Die manchmal auf
ihn fiel, Dann ließ sie ihn
schnell frei Und schickte ihn
in eine Wichtigkeit, Die konnte er
nicht nachvollziehn. Sie fragte ihn, Wenn er aus einer
Freiheit kam, Und fragte
niemals nach Und niemals
gleich danach Und wartete, dass
er zu ihr davon Von ganz alleine
sprach. Das dauerte ihr manchmal
viel zu lange, Und sie dachte
auch an ihren Schutz Und wollte gar
nicht alles wissen, Und sie dachte
auch, Es wäre wieder
ihre Schuld, Wenn er mit einer
Schuld nach Hause käm. |
Er sprach im
Traum, Das war ihr zu
gefährlich Als die Tür zu
andren Türen., Und sie wagte
nicht ihn auszufragen, Und sie wäre
manchmal gern' Die Träumerin in
seinem Traum gewesen, Und der Traum war
nicht ihr Eigentum, Das gab sie zu, Und las auch
seine Post erst, Wenn er sie ihr
überließ Und hoffte, das war
wirklich klug, Dass ihr der
Zufall Schlimme Dinge
vorenthielte Und sie ihr nicht
in die Hände spielte, Und er sah, Wie sie sich mit
der Klugheit mühte Und verbarg ihr
wenig, Und es war kaum
etwas zu verbergen, Und, weil er es
sah, Sah er auch sich Und gratulierte
sich zu seiner Klugheit, Eine kluge Frau Im Haus' zu
haben. |
|
Sie war als alte
Frau zu alt Und auch zu krank Und hatte Kinder, "Die",
so würden Kinder sagen, "Sind doch
auch schon alt", Und denen klagte
sie ihr Leiden Und beschwerte sich Und jammerte
herum, Und sie ging
wirklich krumm, Und die Gelenke
ihrer Hände, ihrer Beine Waren runde
Kugeln, Die nach außen
standen, Und sie hatte
ihre Schmerzen überall, Und sagte so von
sich: "Wenn ich
mich in dem Spiegel seh, Seh ich, Dass ich so krumm
geh' wie ein altes Weib,“ Und ihre Kinder
lachten über sie, Dass sie das
alles nicht begriff, Und Kinder würden Von den Kindern
dieser Alten sagen: "Die sind
selbst schon alt Und gehen krumm, Und keines ihrer
Kinder ist so jung, Dass es die alte
Frau verlachen dürfte, Und die passen
gut zusammen." |
Und die Alte gab
kein Geld Für ihre Leiden
aus, Und ihre Kinder
hatten eine Last mit ihr Und hätten sie
schon längst Der Anstalt
überlassen, Und das täten sie
sofort mit ihr, Wenn sie nicht
wüssten, Dass die Alte
viel, viel Geld Zu hinterlassen
hätte, Und das fiele
alles einer Anstalt In die Hände, Und die Kinder
rieten ihr nicht gut Und dachten an
ein Ende. Und die Alte
hätte gern' ein Ende, Und sie gab den
Kindern nichts, Sie wusste auch
warum Und drohte mit
der Anstalt, Wo es ihr
vielleicht in ihrem Zustand Besser ginge, Und sie gab es
nicht vor sich Und vor den
andren zu Und schwieg auch
über die genaue Summe, Die sie hatte, Und die Kinder
klebten mit dem Telefon An ihrem Leiden Und sie klebte
wegen ihrer Leiden An dem Telefon, Sie ließen sich
nicht aus den Händen Und nicht aus den
Augen, Und die Alte
dachte schlecht Von ihren
Kindern, Weil sie sah wie
schlecht die waren. |
Und die Kinder
dachten schlecht von ihr Und dachten an
das Gute, das sie hatte, Und es dachten
ihre Kinder Und die Alte, Dass es eine
Lösung wär', Stürb einer schon
vorher. Das dachte jeder
von dem anderen Und rechnete in
Lebensjahren, Die vielleicht
noch waren, Und sie teilten
die Gerechtigkeit Für sich mit
neuen Zahlen aus, Die hätte sich am
Ende Auszuzahlen. |
|
Er lebte in der
Nähe des Kometen, Und er hatte dort
den Arbeitsplatz, Und zog mit ihm Und wusste, streng
genommen , wenig über ihn, Und so, in seiner
Nähe, War er kaum zu
sehen. Und er lebte im
Kometenschweif, Der war nur eine
Lichtanhäufung, Die sich in die
Länge zog Und endlos dehnte Und in ständiger
Veränderung befand. Er sollte und er
wollte ihn erforschen, Und man forscht, Wenn man an dem
Kometen forscht, Ein Leben lang an
ihm, Und das ist eine
kurze Zeit, Weil es im Leben
des Kometen gar nichts ist. Es ist nicht
einmal so, Als sähen wir auf
einer Gehwegplatte Die Ameise
huschen. |
Viel, viel
weniger ist das Erforschen Des Kometen, Und man ist nie
an der rechten Stelle, Nie zur rechten
Zeit, Weil er ein
unberechenbares Schleierleben Führt, Das ist, Obwohl die Bahn
genau beschrieben ist, Dem Zufall
unbekannter Schwerefelder Völlig überlassen, Und der Forscher
kann nicht wissen, Was es zu
erforschen gibt. Sehr einsam ist
der Forscher, Der dort forscht Und nichts
erforscht, Weil auch das
Leben des Kometen Der Erforschung
wert ist, Und wie soll man
die Veränderung, Die sich nicht
ändert, je begreifen. |
Der
Kometenschweif ist zu vergleichen Mit den
Lichtausschweifungen, Wie wir sie von
den Polen unsrer Erde kennen, Wenn die Sonne
sich nicht zeigt; Und durch das
Hirn des Forschers Schießt aus
unverständlicher Verbindung Immer wieder ein
Geräusch, Das ist der
morgendliche Schrei der Krähe, Wenn sie durch
die Kaltluft zieht Und wenn sie sich
vom Ast des Baumes Dreimal oder
viermal Schreiend, fast
zu weit, Mit ihrem Kopf
zur Erde neigt Und doch nicht
fällt. Dies ist sein wahres
Forschen, Sein Objekt, Und festgesetzt
hat sich in ihm Die Neugier nach
dem Tier, Und jeden Urlaub, Der ihn in die
Heimat führt, Das ist die ganze
Erde, ohne Unterschied, Reist er in eine
Gegend, Wo es Krähen
gibt, Vereinzelt und in
Scharen, Und am meisten intressiert ihn ihre Sprache, Und hier draußen,
in der Einsamkeit, Denkt er im
Grunde pausenlos An die
Erforschung des Geschreis der Krähen. |
|
Sie saß an einem
andren Tisch In der Kantine, Die lag tief im
Rathaus, Und ihr
jugendliches Aussehn, Ihre blasse
Farbe, Ihre zarte
Schüchternheit, Lag ohne, dass sie
Essen vor sich hatte, Zum Verzehr im
Raum, Sie war ein
Taubentier, das saß ganz still Und hielt die
Augen offen Und war nicht im
Raum, Sie war hier nur
gehalten, eingefangen. Und sie säße
lieber auf dem Dach, Dort hätte sie
die kleine Freiheit, Die sie brauchte. |
Alles schien in
Anspruchslosigkeit Und einer
Hoffnungslosigkeit, In eine
Traurigkeit zu münden. Und es saß die
Ältere an ihrer Seite, Die aß viel und
redete dazwischen, Und die forderte
das Mädchen auf, Das lächelte in
Artigkeit Und pickte mit
dem Kopf aus seinem Trinken, Dann strich es
die langen Haare Mit den langen,
schmalen Händen in den Nacken, Und es waren
Flugbewegungen, Die sich im
Sitzen machen ließen, Ohne
aufzusteigen, Und es war
bestimmt beringt Mit tausend Höflichkeiten
und Entschuldigungen, Und entschuldigte
sich für sich selbst Vielleicht vor
sich. |
Die Mittagszeit
in der Kantine Ist die Illusion
von einer Essbarkeit All dessen, was
gemacht wird, Was zu machen
ist, Was andre machen Und man selber macht, Und diese
Illusion an sich Ist wieder eine
Essbarkeit, Die ist für
manche keine Speise, Und sie übergeben
sich dabei Und hüten sich
mit angeborner Sicherheit davor, Die kann man
nicht erklären, Und sie
hinterlässt die Übelkeit Und die
Unsicherheit Die überträgt
sich als ein kalter Wind Auf ihren Leib Und alles, was
der darin hütet. |
|
Sie kam zurück aus
dem Entwicklungsland. Man gab ihr, ihr
zu Ehren, den Empfang, Und zwei von
denen, Die mit ihr im
Ausland waren, Waren tot. Sie fehlten dort
und hier Und brachten
doppelt Not. Aus ihrem Kopf
floh keiner der Gedanken An die Überfälle, An die Jagd auf
Menschen, An die Notwehr Und die
Rücksichtslosigkeit, Und was sie sich
am Anfang ihrer Reise Von dem Land
erhoffte, traf nicht ein. Dort herrschte
Krieg, der war nicht offiziell, Und keiner kannte
ihre Ärmelzeichen, Die sie schützen
sollten, Und die anderen, Die vor ihr
angekommen waren, Und schon bis zum
Ellenbogen In den Menschen
gruben, Die als Ärzte
hoffnungslos versagen mussten, Weil sie nicht
versagen durften, Weil sie ganz
allein die Hilfe waren, Diese anderen
erschraken, Als sie eine Tasche
öffnete, In der noch
Ordnung übrig war, Und sie
erschraken, Als sie eine
Zeitschrift zeigte. |
Darin warb man
für den Lippenstift Und Kleidung Und für frische
Luft Und laue
Stimmung, Man erschrak, Weil man es ganz
vergessen hatte, Dass es Länder gab,
in denen gab es diese Dinge Auch in einer
Wirklichkeit, Die war für die
nicht wirklich. Und es kam der
erste Überfall, Den machte sie
schon mit, Und Helfer, die
sie hatten, halfen ihnen, Weil sie um die
Hilfe wussten, Die sie von den
Helfern hatten, Und sie rettete
den Autoschlüssel, Der war nur
versehentlich dabei, Das Auto stand
daheim Auf einem andren
Kontinent In einer
Tiefgarage. |
Nach dem Überfall
ging jeder an die Arbeit, Und man musste
ihr die Arbeit Nicht erst
zeigen, Sie war Ärztin wie
die anderen, Und ihre Tasche,
ihre Kleider, Ja, sie selbst,
sah nicht mehr aus Wie noch vor
einer Stunde, Und die
Zeitschrift lag nun auf dem Boden Und war
aufgeschlagen Und sie sah die
Werbung, die blieb ganz in sich, Es war der
Schrecken von vorhin, Der holte sie für
sich Noch einmal ein. Hier gab man ihr
zu Ehren, den Empfang Und war sehr
rücksichtsvoll mit ihr, Und einen ersten
Tanz mit ihrem Vater Nahm sie an Und weinte bis
zur Mitte der Musik Auf seiner
Schulter, Dann gab er sie
ab an einen jungen Mann, Mit dem war sie
verlobt, Das galt noch
immer, Und sie konnte
sich nicht mehr daran erinnern, Und sie würde das
Versprechen lösen, Wenn sie sich ein
wenig wieder Eingebunden
hätte. |
|
In der Schule gab
es einen Tanz, Den tanzten
Eltern, Lehrer, Kinder, Wenn es hieß: "Wir wollen
alle tanzen"" Und den führte
eine Lehrerin, Und alle
schlossen sich ihr an Und bildeten die
lange Schlange, Und es war ein
Schulfest Und ein
Kinderfest. Und an der Schule
gab es nur noch eine Unterstufe, Und die Kinder
waren klein Und leicht zu
lenken, Jedenfalls an diesem
Fest, Und sonst gab es
die Schwierigkeiten, Die dann später
bei den Schülern Zur Erinnerung an
ihre Schule Und an ihre
Lehrer auskristallisierten Und sich
modellieren ließen. |
Auf den Festen
führte eine Lehrerin den Tanz, So war es üblich, Und auf diesem
Fest griff sich die Lehrerin Aus Spaß und
Übermut die Kleinste, Die dort stand
und rief ihr zu: "Du führst
uns alle an Und denk' daran,
wir werden eine lange Schlange." Und die Kleine
sah die große Möglichkeit, Und lange wurde
man von ihr, der Kleinen, reden, Und sie gab den
Einsatz, Und es hängten
sich die Schüler, Eltern,
Lehrer, Kinder, die als
Gäste in der Schule waren, An das Kind, Das führte alle
gut Und lauschte
stets auf die Musik, Dass sie ihr
nicht verloren ging. |
Und ließ die
Türen auf Und ging vorbei
an allen Spielen Dieses Tages Und vorbei an
einer "Goldsandwaschanlage", Die war nur für
Kinder Und war heut' das
Allergrößte, Darin lagen, in
dem Sand versteckt, Die Steine, die
mit Gold besprüht, Zum Goldstein
wurden, Und die musste
man im Sand entdecken, Und vorbei an
allen Lieblingsplätzen, Und sie dachte
immer an die Schlange, Dass sie nicht
zerriss. Sie machte ihre
Sache schließlich besser, Als die
Lehrerinnen All die Zeit
zuvor Und alle staunten
über ihr Gefühl Für die Musik Und für die
Schlange, Und man sprach
auch noch Zuhause Von dem kleinen
Mädchen, Und man rätselte
in dem Kollegium, Was aus dem Kind
mit der Begabung Und mit dem
Naturtalent Noch alles werden
konnte. |
|
Sie tanzten in
der Meisterschaft Als Paar auf
schwarzem Eis Und waren in der Meisterschaft Und brauchten
darum nicht zu tanzen, Und sie waren nun
die Meister aller Meister, Und sie hatten
die Gelegenheit Den Tanz zu
tanzen, Der wurd' nicht bewertet Und erhielt die
höchste Wertung überhaupt. Und in der Halle,
um die Eisbahn, Saßen viele
tausend Menschen, Und die froren
nicht Und schwiegen
sich im Fieber an, Und in den
Ländern, Wohin man das
Schauspiel übertrug, Erwarteten
Millionen, Die viel näher
saßen, als die Menschen in der Nähe, Diese wenigen
Minuten, Und der Tanz
begann mit einem Aufschwung, Der die Tänzerin
als Feder In die Arme ihres
Tänzers hob, Und die
Geschwindigkeit der Gleitenden Nahm zu. Das konnte man
sich nicht erklären, Und man wusste
auch, Dass jede
Leichtigkeit Die größte
Schwierigkeit bedeutete. Sie glitten
weiter übers Eis Und machten die
Musik Zum Ausdruck
ihres Tanzes, Und sie wurden
eins, Und trennten sich Und blieben
ungetrennt Und blieben
unzertrennlich, Und sie kamen eng
zusammen, Dass sie
ineinander liefen, Und sie stießen sich,
das sah man, voneinander ab Und hielten sich
ganz fest an ihren Händen. |
Und der
Widerspruch in ihrem Tanz War die
Vollendung, Die verstand man
ohne die Musik, Und die verstand
man als die Reihe Schneller Bilder, Die sich
aneinander reihten, Jedes Bild
erlebte sich und wurde mitgeteilt, Und jedes Bild
war ein Erlebnis, Das war nicht zu
teilen, Weil die
Schwierigkeit verloren ging, Und übrig blieb
die ganze Leichtigkeit, Die machte man
sich leicht zu eigen. Und die beiden
tanzten durcheinander, Und er ließ sie
fallen, Und sie schlug
nicht auf, Und eine große
Zärtlichkeit, Wie man sie nur
sich selber bringen konnte, Machten sie zum
Spiel, Das spielte sich
nicht auf, Das übertrug sich
auf die Leute, Und es wurde in
den fünf Minuten dieses Tanzes Eine unerfüllte
Ewigkeit, Die ließ man
ungern frei, Und die zwei
taten es nun doch Und machten einen
kühnen Schritt, Den hatte man
noch nie gesehen, Und sie glitt mit
ihm verschmolzen Über Kopf auf
seinen Händen stehend, Dass die
Leidenschaft auf sie hernieder brach, Und einige, die
das empfanden, Stöhnten auf im
Schmerz, Den konnten sie
nicht spüren. |
Und der Tänzer
und die Tänzerin Verlangten ihren
Körper ganz, Und die Musik
verlangte mehr von ihnen, Und sie schlang
den Leib um seine Beine, Und sie hielt
sich daran fest, So tief es ging, Und glitt nicht
auf dem Eis Und stützte sich
als Menschenring Auf seinen Füßen
ab. Und beide glitten
so, An sich Mit sich Um sich
gefesselt, Als Gefesselte, Die konnten sich
nicht voneinander trennen, Und die Menschen
klatschten nicht, Weil sie
gefesselt waren, Und man hatte die
Musik schon ausgeblendet, Und es war ein
Blendwerk Höchster Kunst, Das wollte man
mit Beifall nicht zerstören, Und die Tänzer
glitten Auf den Ausgang
zu, Der wurde nun zum
Eingang, Dort erst brach
das Schweigen Der Verzauberung
von den Verzauberten. |
Die Tür, die nicht ins Freie führt
|
Sie dachte auch, Sie müsste nun
ihr Kind verkaufen, Nicht, wie man
ein Kind verkauft, Wenn man es
kauft. Die Tochter war
schon groß, Und ihre Mutter
war besorgt. Die Tochter ließ
nicht Über sich
bestimmen Und bestimmte
selber über sich Und dachte auch, Dass sie sich
bald verkaufen müsste, Nicht, wie sich
die Frau verkauft., Die man sich
kauft, Und ihre Jugend
ließ schon nach, Und andre Werte
mussten sie ersetzen. Und sie hatte den
Erfolg, Der lief ihr in
Geschäften nach Und war ein Wert, Der war in
Liebesdingen gar nichts wert, Und Liebesdinge
ohne Wert Bewertete sie
plötzlich hoch Und gab sich
leichter, schneller hin Als früher, Und die Mutter
dachte an das Glück der Tochter, Das sie ihr
beschrieb, Die lachte über
ihre Mutter Und verbot ihr, Sich ins Glück
der Tochter einzumischen. |
Und sie reiste
einem Mann, Den kannte sie
erst kurze Zeit, Von einer
Weltstadt in die andre nach Und müsste, Wenn sie bleiben
wollte, Den Erfolg
verkaufen. Und er fand es
gut, Wenn sie sich nicht
verkaufte Und verlangte
viel von ihr, Denn sie war auch
bereit, Sich an ihm
aufzugeben, Und wenn der
Erfolg sie lassen würde, Könnte sie sich
um die Dinge kümmern, Die sie selbst
betrafen, Und sie dachte an
Familie Und an
Häuslichkeit, Und alles konnte
sie nicht retten Und entschied
sich nicht, Um sich nicht zu
entscheiden, Und er dachte,
dass sie sich entschieden hätte, Und sie zog ihm
nach Und reiste mit mit ihm Und ließ sich vom
Erfolg begleiten, Der erwies sich
als ein schlechter Wert. |
Und eine andre
stille Frau, Von der er
heimlich Post empfing, Band ihn an sich Und war ihm gar
nicht fern Und gab ihn dabei
immer wieder auf Und hatte schon
von ihm Familie Und bereitete ihm
Häuslichkeit, Wenn er nach
Hause kam. Die beiden Frauen Hatten nie von
sich gehört Und wussten
voneinander nichts Und würden, Wenn es weiter so
gut ginge, Nie von sich
erfahren. |
|
Sie liebte ihren
Mann Und hatte ihn
sich ausgesucht Und hatte Glück
gehabt Und ihn bekommen, Und er hatte erst
die Andere, Dann war sie wie
die Andere, Dann war sie
anders als die Andere, Dann war sie
selbst die Andere, Dann war sie anders
und sie selbst. Das hatte sie
sich aufgebaut, Und heute wusste
sie, Dass sie den
konstruierten Mann Als Konstruktion
erhalten hatte, Und sie hatte ihn
um sich Vielleicht auch
sich um ihn geschaffen, Heute wusste sie,
Dass sie die Konstruktion
nicht liebte. |
Und sie liebte
einen andren Mann, Der wusste davon
nichts, Der würde sie nie
lieben können, Und sie war ja
eine große Frau, Die überragte
ihn, Das nahm ihr jede
Illusion, Und neben ihm lag
eine andre Frau, Und beide drehten
sich als Doppelstern Um eine
unsichtbare Mitte, Darin war kein
Platz Für einen
Dritten, Und sie liebte
ihn, Wenn sie in
seiner Nähe war, Bis hin zur
Selbstaufgabe, Und sie brach um
seinetwillen Die Gespräche ab Und sah ihn an Und sprach in Ruhe
weiter ohne jeden Sinn, Der war ganz auf
den Mann gerichtet. Und sie wurde vor
ihm klein Und würde gut in
seine Arme passen, Und sie sprach
mit anderen dabei Und malte sich
die Einzelheiten aus. |
Und er war immer
mit den anderen beschäftigt, Und sie klebte
ihre Blicke fest an ihn, So konnte er ihr
nicht entkommen, Und sie schrie
mit ihrem Innenmund So laut sie
konnte, Rief nach ihm Und sie sei nur
für ihn Und dachte auch,
mein Gott, Ich habe doch
schon Kinder, Und sie fing ihn
ein. Er ließ sich
irritieren, Und sie dachte
sich, Nun merkt er
endlich, was ich will, Und er schlug,
dass sie es nicht sah, Die Augen nieder, Und er dachte,
was sie dachte, Und sie wäre eine
Frau Aus andrer Hand, Die würde er
niemals berühren, Und er schämte
sich, Dass er ihr die
Gedanken unterstellte. |
|
Neben mir Saß ihre Freundin Und die rief sie
an. Sie sprach mit
ihr Und neben mir war
das Gespräch. Sie sprachen über
mich, Und dass ich es
nicht hören durfte Und ich hörte
auch nicht hin. Die Freundin kam
nachher zu mir Und sagte gleich, Dass sie
versprochen habe, Mir von ihr
nichts zu erzählen, Und es sei
belanglos Und nur eine
Kleinigkeit, Sie wüsste ja Dass wir uns fast
ein Jahr Schon nicht mehr
sehen Und uns nicht
mehr sprechen, Uns nicht sehen
und nicht sprechen durften, Und das käme nur
von mir, Und sie, von der
sie sprach, Sah es nicht ein Und richtete sich
nur danach, Weil sie
erhoffte, dass sie mich, Wenn sie in
meinem Sinne still hielt, Dass sie mich in
meiner Unnachgiebigkeit Bezwingen würde. |
Und sie war in
ihrer Liebe sicher, Und von mir war
ihr, Was sie sich
nehmen konnte, Ohne dass ich es
verwehren konnte, Reichlich, Und ich würde
ihr, so glaubte sei, Wenn ich
Gelegenheit bekäme, Freiwillig die
Liebe bringen. Und ich stünde
der Gelegenheit entgegen Und so sprach sie
mit der Freundin, Und die sprach
mit mir, Sie sprach so
über ihre Freundin doch mit mir, Und die sprach
gut zu mir Und sah, dass ich
die Liebe Für sie hegte, Und ich war nicht
frei davon Und gab es vor
ihr zu Und gab der
Freundin recht, Doch nicht vor
ihr, Das würde sie ihr
wohl berichten, Und dass sie mit
mir gesprochen habe, Und ich wär für
diese Liebe gar nicht frei Und hätte meine
Freiheit zu verlieren. |
Und sie sagte
auch zu mir, Dass sie ihr sagen
würde, Wie mich jeder
Anruf quälte Und ich bat die
Freundin trotzdem Mich nicht
auszulassen, Und der Anruf
heute, sagte sie, Sei eine
Kleinigkeit gewesen, Ihre Freundin
habe einen freien Nachmittag So habe die ihr
mitgeteilt, Und sei alleine
auf dem Eis. Ich wusste also
wo sie war und wann Und fuhr auf
meinem Heimweg, Spät am Abend nah
daran vorbei, Und quälte mich
am Nachmittag Mit meinem Wissen Und sah aus dem
Fenster auf die Leute, Und es war ein
völlig falscher Platz, Und ich nahm mir
nicht frei Und kämpfte
weiter meinen Kampf Und gab mir noch
nicht nach. |
|
Wie gingen auf
ein Fest, Das war gut
vorbereitet, Und die Hausfrau
hatte alles vorbereitet, Und es war nichts
vorbereitet, Und sie brachte eine
kümmerliche Speise, Darauf war sie
stolz, Und die Gespräche
gingen um die Gräser Immer gleicher
Wiesen, Die in ihrer Nähe
lagen, Und darüber lag
nun Schnee. Man sprach noch
vom Verfall der Preise, Dann vom Alter, Vom Verfall der
Häuser Und den Häusern,
die man selber hatte Und die immer
leerer wurden, Und in diesen
Häusern wuchsen Viele Räume leer. Und ich wollte
aus der Eigenarbeit lesen Und war gar nicht
vorbereitet, Und es fragte
niemand mehr danach, Und zählte die
Tapetenmuster, Die sich wiederholten, Stellte in
Gedanken alle Möbel auf den Kopf Und baute daraus
Höhlen, Die in diese
Landschaft passten, Und ich zählte
alle Dielenbretter, Und man
unterbrach mich, Und ich stimmte
zu Und hatte dabei
Glück. |
Ich hatte mich
gut vorbereitet, Dann trank ich
aus dem Wasser, Das stand mir
direkt am Mund Und dachte an ein
Königshaus, Das machte eine
Feuerübung auf dem Schloss. Die Königlichen,
die dort wohnten, Freuten sich Auf diese
Unterbrechung, Und es gab kein
Feuer, Und man übte
diese Übung, Weil es eine
Übung war, Die konnte sehr
schnell wahr sein, Und nur eine
Frau, Die Schwester
dieser Königin, Verlachte dieses
Feuer, das kein Feuer war. |
Die andren nahmen
alles ernst, Und drängten sie, Aus der Gefahr zu
fliehen, Und es war
umsonst, Und sie
entschlossen sich zuletzt, Sie ihrem
Schicksal und dem Feuer, Wie sie war, zu
überlassen, Und man gab die
Rettung auf, Sie durfte, Wo sie war,
verbrennen, Und die andren
lebten alle in der Rettung Und im Überleben, Und es war ein
neues Wertgefühl, Das, sagte die
Verbrannte, Wäre gar nichts
wert, Sie sollten alle
erst einmal verbrennen Und dann
überleben, So wie sie, Dann könnten sie
von einer Rettung reden, Und die andren
lachten über sie, Es sei Geschwätz
aus königlichem Mund. Das Fest, So sagte man auch
hinterher zu mir, Sei sehr gut
vorbereitet. |
|
Einen Zettel fand
ich gleich bei meiner Suche, Darauf las ich
den Termin beim Arzt Und einen anderen
Termin Zur Probe meines
Chores. In der Tasche
lagen andere Termine, Die schon lange
nicht mehr galten, Und ich hatte sie
verpasst. Vom Keller her
kam unerwartet Ein Geräusch, Das riss mich aus
den Überlegungen, Und ich erschrak
so tief, Weil ich nicht an
die andren dachte. Meine Frau stand
auf der Treppe, Und die kannte
mich Und hatte das
Geräusch gemacht, Dass ich mich nicht
erschrak, Wenn sie
erscheinen wurde. Zwischendurch
fiel mir ein halber Sinn, Ein Wort, das ich
noch nicht verstanden hatte, ein, Das schrieb ich
auf Und legte es auf
die Termine, Die verschoben
sich dadurch, Ich dachte an die
großen Bilder einer Werbung, Die um gar nichts
warben, Und man wartete
gespannt. |
Die Werbung
zeigten einen Eisberg, der im Eismeer Völlig einsam
schwamm, Und über ihm sah
man die Silhouette Eines Flugzeugs, Das, erkannte man
sofort; Befand sich auf
dem Irrflug, Und ich wusste
nicht, Woran ich es
erkannte. Und das Bild ließ
mich nicht los, Und wenige
Sekunden später, Dachte ich an
unsre Postbotin, Die trug nicht
mehr die graue Kleidung Grauer Boten, Sondern trug, was
ihr gefiel, Und damit fiel
sie auf, Weil sie die
Fingernägel schwarz lackierte, Ihr Gesicht mit
grellen Farben färbte, Ihre Kleidung
stahl sie aus den Pop-Gemälden, Die in dem Museum
hingen, Dorthin kam sie
nie, Und ihr Empfinden
hatte sie nicht aus der Kunst Und hatte eine
weiße Haut Und war nun schon
das dritte Mal Von einem
schwarzen Manne schwanger, Der war völlig
farblos, Und sie liebte
ihn, Und sie bestimmte
über ihn, Und er tat alles,
um ihr zu gefallen. |
Und ich dachte an
die jungen Leute, Die in der
Verachtung Und in
Selbstgefälligkeit An einer Straße
lagen Und mit zwei
dressierten Ratten spielten, Und ich ging nun
endlich los Und kam vorbei an
dem Plakat, Traf auf die
Postbotin Und überquerte
jene Straße mit den jungen Leuten, Und mir fehlte
immer noch Der andre halbe
Sinn, Der stellte sich
nicht ein. |
|
In der Frühe
dieses Morgens Fuhr ich noch im
Zug Und hatte eine
ganze Nacht darin Mit Reisen
zugebracht, Die führten durch
ein fremdes Land, Und am Geschrei
der Möwen, Die schon in den
Wagenfenstern standen, Hörte ich das
nahe Meer zuerst. Die Schienen
liefen durch das seichte Wasser, Durch ein grünes
Glas, Das lebte an der
Oberfläche, Liefen als ein
Reißverschluss der Irrealität Uns nach. Es war ein
Reißverschluss, der sollte Wahrnehmung der
Sinne mit den Sinnen dieser
Wahrnehmung verbinden Und in der
Verbindung auseinanderreißen, Und dazwischen
stand der Schrei der Möwen, Der hielt sich an
gar nichts fest Und fiel aufs
Wasser Und ertrank
darin. Die Wasser
schrieben in den kleinen Wellen Eine Schrift, die
konnte ich nicht lesen, Und ich rätselte
trotzdem herum Und sah durch sie
hindurch Auf einen hellen
Sand, Der war wie sie
beschriftet. |
Und ich las darin
nun unsre Fahrgeräusche Und ich rundete
den Mund Und hielt ihn in
den Fahrtwind, Und der sang auf
ihm und klang in mir Und machte mich
zu seiner Resonanz, Und meine Augen
sammelten dabei vom Horizont Die Sonnenperlen
ein, Die fielen dort
ins Wasser, Und es war ein
Feuerwerk Das nicht zu
hören war Und trotzdem war
es nicht zu überhören. Und der Abstand
zwischen Land und Sandbank War gleich groß, Der Abstand
zwischen mir Und dieser leeren
Weite, fast schon unermesslich, Und ich war darin
im Nachteil. Ich versuchte
alles, mich zurechtzufinden, Und ich sang ein
Lied, das sich ergab, Und dachte, so
ergeben sich die Liebesspiele, Die sich nicht
erzwingen lassen Und die sich, Weil sie die
Liebe zeigen, Von alleine
zeigen, Und sie brauchen
keine Lehrer, Und sie sind ein
Spiel, Das spielt man
mit sich selbst am anderen Und umgekehrt. |
Und ich war Wind Und war im Wind Und war am
Horizont Und an der Sonne Und im Wasser Und im Sand Und auf der
Sandbank Und in jedem der
Geräusche, Und das alles war
an mir In mir Und teilte sich
mit mir, Mir mit, Und Wahrnehmung Wurd' mir zur Wahrgenommenheit, Und meine Sinne
spürten eine Sinnlichkeit. Der Raum dort
draußen Schuf sich eine Räumlichkeit
in mir, Und später würde
ich die Augenblicke Nicht beschreiben
können, Und sie würden
unbeschreiblich bleiben, Und ich müsste
mich sofort als Raum, Der zwischen
Räumen lag, Beschreiben. |
ISBN 3-937264-06-X