Buchtitel, ISBN
3-937264-05-1
Inhaltsverzeichnis nach Themen,
Inhaltsverzeichnis, alphabetisch.
Lyrik
Dies ist der erste
Band einer Trilogie.
Copyright 2002 beim Autor, Harald Birgfeld, alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche Erlaubnis des
Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt insbesondere für
Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und Einspeicherung sowie
Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald
Birgfeld, e-mail:.
INHALTSVERZEICHNIS nach Themen
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In einem französischen Atelier Die Rufe eines jungen Kirschbaumes Ein Augenblick der fürchterlichen Stille |
Vom Aufbau einer Glaslandschaft |
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Inhaltsverzeichnis, alphabetisch
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Die Rufe eines jungen Kirschbaumes |
Ein Augenblick der fürchterlichen Stille In einem französischen Atelier |
Vom Aufbau einer Glaslandschaft |
Die Frau des Terroristen
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Er hatte es an ihr getan Und hatte ihr nichts angetan In einer stillen Gartenecke, Dahin kam sonst niemand. Beide waren sehr, sehr jung. Damals hatte er gesagt, er sei Soldat Und sei verpflichtet, seine Frau, Und sei sie auch noch nicht die Frau von
ihm., Zu seiner Frau zu machen. Dann erst würde
man ihn ziehen, Dann erst würde man ihn, den Soldaten., Zum Soldaten machen. Das, so hatte er gesagt, Sei ein Gesetz bei den Soldaten, Und sie hatte über ihn gelacht, Und ihm ins Haar gebissen, Und sie gab sich hin Aus Spaß, aus Liebe, aus Gott weiß wer
was., Und irgend etwas
war an ihm, Das sie erleben wollte. Und sie dachte wie im Blitz, Es hätt' sie auch ein andrer nehmen
können. |
Dann war es vorbei. Sie wollte das Erlebnis Unter allem, was es gab, Zu Ende leben. Sie war auch gewiss, Dass ihr nichts bliebe, Wenn ihr gar nichts blieb. Er durfte schließlich gehen. Jahre später, Keine Nachricht kam, Kein Zeichen, dass sie sich erinnern
konnte, Zwang man sie zum Ort des Schreckens. Einen abgerissnen
Vogelflügel, Der am Straßenpflaster klebte, Hatte sie sich stehlen können. Sicher war der Vater ihres Kindes... Blut an Glas in Leichenteilen in der Abflughalle, Leichenteile unter Planen. |
Nichts mehr wird sie von ihm wissen
dürfen. Und sie selbst ist nichts Und darf nichts sein, Und er, weiß sie, Ist tot, auf irgendein Kommando, Und es dämmert tief in ihr Ein irres Licht. Es mochte sein, Dass sie den eignen ausgerissnen
Flügel Aufgefunden hatte. Viel zu lose hatte er gesessen all die
Zeit. Und sie ist immer noch sehr jung Und hofft voll Übermut Auf eine Flugprothese. |
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Alles hatte sie sich vorgestellt, So wie es ist, Und sie ist ansehnlich Und einflussreich Und kommt vom Gegenlager, Das hat sie geliebt Und dies nun auch Und lebt mit ihrem Lebenslänglich In der Freiheit, So wie er mit seinem Tod, Den sprach man vielfach über ihn Und hat ihn auch an ihn heran getragen. Sie, das musste sie sich sagen lassen, Ist die Frau danach. Die Frau davor kam um, Die Frau dazwischen fand den Tod. |
Sie ist sehr blond und groß und aufgeschlossen, Hat studiert Und will das Studium nicht unterbrechen Und vertraut auf ihr Geschick Und baut auf seine Stärke, Und sie sieht sich letzten Endes Auch als Bindeglied, Das soll sich noch bewähren. Sie bleibt unfruchtbar. Ihr Schoß gähnt sich In Leere aus. Die Medizin versuchte sich Für eine Zeit an ihr. Das war umsonst. An ihm, das weiß sie, liegt es nicht. |
Und überhaupt, denkt sie, Ist zwischen allem eine dünne Aber zähe Haut, Die müsste man durchstoßen lernen, Und sie selbst sieht sich Als Loch im Fell der Nacht, Als Tagesstern, Dem hängen alle mit dem Fernrohr nach, Der ist so leuchtend hell, Trotz seiner roten Spur, Die scheint, Als hätte man sie angehängt an ihn, Als ließe sie sich Kinderleicht entfernen. |
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Ihre Stärke Sollte seine Stärke sein, wünscht sie, Und sie verfluchte, nicht als Mann zu leben. Keine Frau hätt ihr mehr Etwas über Männer sagen dürfen, Und sie bräuchte sich nicht länger zu bewegen, Über Schliche nachzudenken, Ihn zu etwas zu bewegen, Was sie selber nicht bewegen konnte. Ja, ja, schreiben könnte sie und planen, Und es würde keiner lesen, Oder reisen. Er dort aber sitzt Und sagt kein Wort, Und alle hören zu Und wissen, was, wovon Und auch weshalb er schweigt und spricht, Und immer wieder unterlässt er es Zu handeln. Tausendmal hat sie ihn dafür umgebracht., Auf seinem Platz erschossen Und erschoss sich selbst dabei. |
Die Rücksicht, die sie auf ihn nahm, Nahm sie auf sich, Das war ihr großer Fehler. Fehlerfrei zu sein, denkt sie, In einer fehlerhaften Zeit, Das schafft wohl keiner. Wenn dann seine Hände nach ihr griffen, Und sie seine Hände nach sich greifen ließ, Verließ sie sich auf sich. Sie glühte für ganz andre Dinge, Als für das Zusammensein. Dann sicherte sie sich schnell ab, Dann fand sie die Gelegenheit, Und schlug blitzschnell In seinem Ohr die Zelte auf Und war nun tausendfach in ihm Und war die Frau, die ihn bewohnte, Und er sagte "Ja" Und wieder "Ja" Und "Du hast recht", Und er bestätigte ihr Wort, Und er bedrängte sie |
Und dachte auch: "Sie ist die Feder meines Motors, Schlecht wär es um mich bestellt, Hätt' ich sie nicht, Und ohne ihre Spannung, Ohne ihre Ruhe und Besonnenheit, Wär alles längst umsonst", Und sie erschoss ihn wieder nicht, Und er verstand sie wieder nicht, Und sie verstand ihn nicht, Und er war wirklich nicht für sie, Und sie war wirklich nicht für ihn, Und andre hatten schließlich auch Ein Stimmrecht, Und wer wusste schon, Wem sie sich noch Zu ganz geheimer Wahl als Urne bot, Und er bedachte auch die Zeit, Die stand zu still für ihn. |
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Sie setzte sich an ihren Tisch Und suchte ihre Speise, Und der Tisch war voller Speisen, Und sie suchte nach dem Trinken, Und der Tisch ertrank darin, Und an dem andren Ende saß ein Mann, Der war ihr Mann und sprach: "Nun iss und trink, es gibt ja alles
reichlich", Und es gab den Reichtum wirklich reichlich, Nicht nur auf dem Tisch, Und zwischen ihm und ihr Befanden sich auf jeder Seite Drei Soldaten, die bezahlte er, Die waren schwer bewaffnet, Und sie standen ordentlich Und kümmerten sich nicht Um die Gespräche, Und sie achteten nur auf Befehle, Die sie kannten, Und sie richteten die Waffen Niemals gegen ihren Herrn Und niemals gegen ihre Herrin Und nicht gegen sich |
Und hatten ihre Augen überall, Und sie stand auf und sagte noch einmal: "Ich finde meine Speise Und mein Trinken nicht auf diesem Tisch,“ Und er verlachte sie, Und sie ging auf die Straße, Und er ließ sie gehn Und teilte die Soldaten ein, Und drei von ihnen folgten ihr, Die anderen beließ er, wo sie waren. Sie betrat nun ein Geschäft, Dort kannte man sie gut. Sie selbst war hier das erste Mal Und kannte sich nicht aus Sie ließ die Wache draußen, Die vertraute ihr Dort drinnen gab sie ihren Schmuck Und alle Kleider, die sie trug, als Pfand, Und kaufte sich sofort ein Billigkleid, Das sollte sie nicht mehr bezahlen, Weil es übrig war, es wurde ihr geschenkt, Das zog sie einfach an. Sie löste ihre Haare auf |
Und ließ sie pfleglos
hängen Und ging aus der Tür, Die Wache wachte nicht, Die lehnte mit den Augen nur an der Frisur, So konnte sie sie nicht erkennen, Und sie ging an einen Stand In einer andren Straße, Kaufte sich ein Brot, das nahm sie mit, Und ein Getränk, das war noch warm, Und setzte sich, Nun von sich selber ausgesetzt, Auf eine Parkbank, um zu essen. So begann ihr Leben, Und es fing mit einer Stärkung an. |
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Er hatte einen
Traum, Der wiederholte
sich Und setzte ihn,
wenn er ihn träumte, So in Angst, Dass seine Frau
ihn wecken musste, Weil er rief Und sich vor sich
im Bett versteckte, Und er tat ihr
leid, Sie gab ihr
Schlafen auf, Und lange Zeit
begriff er diesen Traum, Den er zu träumen
hatte, Den er morgens
erst erzählte, nicht. Es war ein Traum,
der blieb kein Traum Und wiederholte
sich Und war ein
kurzer Traum. Und anfangs hatte
er ihr nichts Von seinem Traum
erzählt, Auch weil er
glaubte, |
Dass ihm daraus
Bilder fehlten, Aber später
achtete er ganz genau Auf jede
Einzelheit und jedes Wort, Und alles stand
so unzusammenhängend wie es war In dem
Zusammenhang. Sein Traum begann
mit einer Ruhepause, Die verbrachte er
allein In einem gelben
Sandbett, Darin stand er
angelehnt An einen gelben
Felsen, Und, kaum dass er
diesen Stein berührte, Hörte er auch
schon die Stimme, Die ihn rief und
aufrief, Sich ihn melden ließ, Wie um sich zu
vergewissern, schien es ihm, Und sagte: "Du hast
einen Mord begangen, |
Aber eines ist
gewiss, Du bist der
einzige, der davon weiß", Und er versuchte
gar nicht erst Die Stimme zu
entdecken, Und er fühlte
sich sofort entdeckt, Das Wissen um die
Schuld Brach über ihn Und warf ihn in
den Sand, Und Überdeckte
seine Ungewissheit Ob es eine
Wahrheit für ihn gäbe. In der Wachheit
fragte er die Frau Ob ihm aus seinem
Mund Die Maus gelaufen
sei, Und sie empfand
die Frage noch Als einen Teil
des Traumes, Und für ihn
entstand Tatsächlich das
Gefühl für die Gefahr, Entdeckt zu
werden. |
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Nachts, das weiß
ich, Steht das
Tulpenrot Nicht mehr in
Flammen. Ja, ich weiß so vieles Und so vieles
weiß ich besser, Und ich gehe
nachts trotzdem ins Zimmer, Will, dass mich
die Blumen überzeugen, Und sie stehen in
der Vase, Und ein wenig
Licht fällt durch die Fenster, Und die Blumen in
der Vase sind tiefschwarz, Und mich täuscht
nichts, Sie bleiben
schwarz Mit einem
Lichtpunkt in dem Kelch. Ein eigenartiges
und sonderbares Werben Meinerseits setzt
ein. Ich denke an den
Tag, der war, Und ich stand an
dem Rednerpult. |
Vor mir hielt man
mir Eine große Rede, Und man öffnete
mir dabei Eine Tür sehr
weit Und hatte mich
alleine eingeladen Einzutreten, Und es war an
mir, den neuen Raum, In den sie alle
schauten, auszufüllen, Und ich wollte
über mich nicht reden, Und ich dachte an
die Stunde vor der Rede, Als der Saal noch
leer war, Und ich sprach
darüber Und beschrieb den
Saal nach meiner Rede, Wenn er wieder
leer wär', Und ich fragte,
was denn diesen Raum In seiner
Zwischenzeit erfüllte. Es war nur das
Wissen um uns selbst Und um die
anderen, |
Und dieses Wissen
würde Trotz des
Besserwissens in uns bleiben, Und wir alle
würden eben nicht Den Leerraum mit
nach Hause nehmen. Jeder einzelne
füllt Seinen
körperlichen Raum ganz aus Und kann ihn
nicht um andrer, Nicht um
seinetwillen leeren. Damit endete die
Rede Und ich leerte
meinen Raum Und meine
Räumlichkeit Blieb ganz zurück
bei denen, Die die Rede
hörten Und mich mit sich
nahmen. |
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So, wie es sich zeigt, Ist alles aus, und alles ist verloren. Auf dem Sterbelager liegt die alte Frau. Man spricht es noch nicht aus, Und mich hat man gebeten Weil ich sie doch so gut kannte, Und sie hatte mich sehr gut gekannt, Als Letzter den Besuch zu machen. Es fällt mir nicht schwer, Ich habe die Erinnerung an sie, Und die ist gut, Und irgendwann, so denke ich, Lieg ich vielleicht an ihrer Stelle. Alt ist dieser Mensch, Und liegt im Krankenhaus, Und ich geh' hin. |
Man zeigt nur auf das Zimmer, Lässt mich schon im Flur allein, Und ich betrete ihre Kammer. Von den Fenstern fällt die Dunkelheit Herein. Den Menschen kann ich kaum erkennen, Und sie selbst erkenne ich nicht wieder. Steil nach oben läuft ein Schlauch, Es steht und fließt Urin darin, Der Mensch, den ich nicht kenne, Ist ganz ausgezogen, Nur ein wenig zugedeckt, Er war mir sehr vertraut. Ich ordne etwas diese Ordnung, Dann seh' ich es ein, Die Frau ist weit, weit weg Und in sich ab- und, aufgezehrt Und kann schon nichts mehr sagen. |
Einmal, zweimal schlägt Ein dumpfer Laut Die Lippen auf, Nur einmal zuckt der Arm, Den lege ich ihr wieder hin. Ich sprech sie an, die alte Frau, Und habe keine Traurigkeit in mir Und sehe das Geschehen, das geschieht, Und spreche aus der Ruhe auf sie ein Und tröste und vertröste sie auf morgen Und bin schon im Gehen, Und in dem Gesicht steht als ein Hilfeschrei Der Schrecken, Der bleibt stehn. Ich wende mich im Flur An eine Kraft, Die weist auf eine andre Tür, Dahinter ist es leer, Und ich beschließe hier zu warten. |
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Es ist die Nacht, In der sich eine Nacht verdreifacht Und nicht niederfällt Und sich nicht senkt Und sich als überschwere Wolke In der Höhe hält. Sie lässt sich nicht herunter starren, Sie ist lang, Und man beginnt sie einzuteilen, Viel zu heiß ist es im Bett. Den Menschen, dort im Nachbarbett, Will man nicht stören, Und er ist es eigentlich, der stört Im Gleichmaß seiner Atemzüge, Das beruhigt auch und widerspricht. |
Die Nacht Gönnt keine Ruhe. Man hat alles, hatte alles, Und die Finger gleiten, tasten in Gewohnheit Über diesen Eigenkörper. Sie ertasten plötzlich Eine ungewohnte Stelle, Die ist schmerzlos, angeschwollen, dick Und sitzt ein wenig in der Tiefe, Dass man sie vielleicht schon länger hat? Die Wachheit wird ganz wach Und Schweiß bricht aus. Noch einmal wird betastet Und noch einmal. Auf der andren Seite könnte Ähnliches... Man weiß nicht so genau Bescheid. Es könnte sein, dass die Verdopplung Alles klären würde. Nein, es ist nichts auf der andren Seite, |
Nein, es ist dort nichts zu spüren. Dann der Blitzgedanke: "Wach schon auf, wach auf, du Schläfst." Kontrolle, Blick auf eine Uhr. Der Biss in einen Finger... Und der andre ist gestört, man will nicht Stören, Und im Licht am Morgen Findet man ja kaum die Stelle wieder. Und man spricht noch nicht davon. Das Telefon... Für diesen Nachmittag... Den Arzttermin... "Und denken Sie an den besondren
Schein Dafür..." |
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Es war ein Film, Der war ein
Dokument, Und viele sahen
ihn Und sahen gar
nicht hin, Und andre
kommentierten ihn Und hätten ihn
viel lieber nicht gesehen, Und sie wandten
ihren Blick nicht ab, Das ließ nicht
nach, Und ich gehörte
auch dazu Und sah auch zu Und habe zugeseh'n. Die
Hauptdarstellerin war eine junge Frau, Und als sie kam, Mit einem Hund im
Arm, Verriet mir die
Bewegung, die sie machte, Eine
Handbewegung, Die dem Tier in
ihren Händen galt, Und die
beruhigend und liebevoll Den Kopf umgriff
und es im Nacken kraulte. Als sie kam,
verriet mir diese Handbewegung Eine Sympathie, Und ich war
sicher, dass ich diese Frau Schon lange
kannte, ohne sie zu kennen. |
Sie ging mit dem
Tier, Es war ein junges
Tier, an eine Schachtel, Die war offen, Und das Tier im
Arm versuchte zu entkommen, Sie sprach lieb
zu ihm Und liebte es
ganz kurz Und machte es
nicht frei. Sie setzte es mit
einer Armbewegung in den Kasten, Und das Tier
stand still. Sie strich ihm
übers Fell, Und mit der
andren Hand biss sie ganz flink Die Klammer einer
Elektrode in sein Ohr, Dann sprach sie
noch ein Wort. Der Hund stand
wieder still und jetzt, In einer Stille,
die nur ihn umfing, Sie legte einen
Deckel über alles, Hakte einen Haken
ein, Es war ein Haken,
der verhakte nichts Und war unlösbar, Und man sah nicht
mehr ins Innere. |
"Da drinnen
ist es völlig dunkel," Sagte sie zu uns
aus ihrem Film heraus. Sie ging sehr
schnell an einen Schrank Und schaltete den
Schalter. Eine kleine Uhr
lief über Wenige Sekunden
ab, Das waren
Stunden, Und sprang dann
zurück. Sie hakte ihren
Haken wieder auf Und löste von dem
toten Hund die Elektrode, Packte ihn am
Fell Und legte den
Kadaver auf ein Fließband, Das sprang extra
dafür an. Sie gab auch
Zahlen an Für uns aus ihrem
Film heraus, Und zeigte auf
den Nebenraum: "Dort tötet
man die Katzen, Und im Grunde tut
man diesen Tieren Großes Unrecht an." |
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Vor kurzem war
sie noch Als Lehrerin an
einer Schule. Nun hilft sie in
einer Bibliothek, Darf
unentgeltlich Bücher ordnen. "Wir
sortieren nach dem Alphabet, Das werden sie
wohl können," Rufen ihr die
jungen Mädchen zu, Die grade
angefangen haben Und ihr sagen
dürfen, Was sie hier zu
machen Und zu lassen
hat. Die kleine
Niedertracht Will sie
ertragen. Damals, als sie
noch im Lager waren, Stahl sie die
Kartoffelschalen Aus der Küche, Und die klebte
sie sieh unter ihren Anstaltskittel Auf die nackte
Brust Und trug sie heimlich
an den Zaun. |
Vom Männertrakt
kam dann ihr Mann, Wenn er es
schaffte, Dem gab sie die
Fracht. Der saß hier ein
wie sie. Dem hielt sie
manchmal auch sekundenlang Das Kleid mit
Absicht etwas offen. Das ging lange
gut, Und immer wieder,
dachte sie, Fügt sich doch
alles irgendwie. Er ist inzwischen
tot, Sie hat nur noch
die Kinder. Als sie in dem
Lager waren, War sie, Gott sei
Dank, Zu alt, um jung
genug zu sein, Und heute fühlt
sie sich Zu jung für
dieses Alter. |
Zweimal schon saß
sie allein In ihrem
Klassenzimmer Auf dem groben
Holzstuhl, tief versteckt, Mit hoch gezognen Beinen Zwischen Wand und
Schrank. Das erste Mal als
Schulanfängerin, Das zweite Mal
mit diesem Abschiedsbrief Vom Amt In ihren Händen. In der Bücherei,
das fällt ihr ein, Muss sie, wenn
sie um etwas fragt, Die Wörtchen
"bitte", "danke" sagen, Nein, Ein drittes Mal Dürft niemand sie
mehr Auf den Holzstuhl
jagen. |
|
Nun hat sie noch
das Kind, Und er hat eine
andre Frau, Die ist, weiß
sie, genau wie sie, Wie sie zu Anfang
war. Vor ihrem Fenster
ist die Einkaufsstraße, Und es könnte
sein, Dass er mit ihr
an ihr vorüber zieht Und sieht nicht
einmal hoch. Sie liebt ihr
Kind Und ist so maßlos
ungerecht zu ihm, Und rächt sich so
an ihm, Sie weiß, er
liebt es auch, das Kind, Und will die
Kleine nicht mehr sehn, Und so vor ihrer
Mutter schützen. Auf den
Pflastersteinen Wird das
Knirschen seltener. Nun geht sie vor
die Tür Und eilt mit festem
Schritt Und doch so
schnell es geht Ins andre
Viertel, dort erkennt sie keiner, Und kauft ein. |
Danach geht es
ihr besser. Dann kommt wieder
eine Nacht. Sie achtet jetzt
auf jeden Mond. Wenn er die volle
Pracht entfaltet, Trinkt sie
Alkohol Und redet sich,
sie kann dann sowieso Nicht schlafen, Schlimme Dinge
ein. Sie klettert auf
das Bett Und hat sich
nicht entkleidet Und er kommt
herein, Wie er es immer
tut, wenn sie das denkt, Und reißt ihr
alles ab vom Leib. Sie zerrt an sich Und wirft sich hin Und liegt nun auf
dem Boden, Spürt ihn über
sich Und will ihn
wieder nicht Und weiß, dass er
sie auch nicht will, Und klammert sich
erst recht an ihn Und schimpft auf
ihn |
Und flucht auf
seine Mutter Und auf seinen
Bruder Und sie weint um
sich, Am Morgen ruft
sie ihn In seiner Firma
an, Nachdem sie ihn
zu Hause nicht erreichte, Und sie hätte nun
Beweise, Und er hätte sie
mit jedem Male Mit Gewalt
gezwungen. Und er legt den
Hörer auf Und denkt ans
Kind Und hätte es
beinahe selber gern', Dass dies der
Grund gewesen sei, Dann gäb' es bald
ein Ende. |
|
Von ihm weiß ich nicht viel. Er geht mich auch nichts an, Und manchmal steht er Wie gepflanzt am Nachbarzaun, Und redet auf mich ein, Das tat er früher nie. Ein Gruß von ihm, von mir, Ein schnelles Wort, bis jetzt, War alles. Sonst war nichts, Und nun begießt er mich mit seinen Worten. Und vor zehn, zwölf Jahren Tranken wir am selben Zaun, Fast an derselben Stelle, Nur aus Übermut Ein Glas. Er lebte damals noch Mit seiner zweiten Frau, Die hat ihn dann verlassen. Seine Kinder gingen ohne große Worte Aus dem Haus, |
Zwei schöne Mädchen, Denen sah ich lange nach, Und, das hat er mir auch erzählt, Davor war eine andre Frau gewesen, Die war lange tot. Er hatte einen Sohn von ihr gehabt, Der starb mit achtzehn Jahren. Schwer, erinnere ich mich, trug dieser Mann daran. Man hatte gar nicht helfen können. Damals kam ein andrer Nachbar Auch noch an den Zaun. Der wusste von den Einzelheiten, Die schwieg er bedächtig an. Das alles liegt so weit zurück für mich Und ging mich auch nichts an, Und ich bekümmer mich Nur wenig um die Leute. |
Manchmal frage ich mich nur, Warum sie dann und wann, Wenn ich daneben steh, Von meiner Tür das Namensschild Herunterreißen. Meine Tage sind nicht lang, nicht kurz, Sie fallen mir nur irgendwann, Ganz plötzlich ein, Und schlimm ist auch, Dass ich die Namen, viele, viele Namen, Längst vergessen habe. Manchmal denke ich, Dass alles völlig unwahr ist Und dass ich es nicht bin, Von dem ich rede Und mit dem ich lebe. |
|
Einen Tag lang
gab er sich kein Essen, Einem freien Tag, Den nahm er, um
ihn sich zum freien Tag zu machen, Und den nächsten
auch. Am Abend gab es
etwas Tee zum Trinken, Und es stand der
zweite Tag bevor, Den wollte er wie
diesen ersten fasten. Zwischen beiden
lag die Nacht. Er wollte seinem
Gott ganz nahe kommen. Was es war, dass
konnte er nicht wissen. Ob er einen
Glauben damit meinte, Oder sich zum
Zeugen machen wollte Für ein
übermenschliches Geschehen, Für die
Überlieferung, Für eine
Religion, Dass sie sich nun
in ihm vollziehe Wiederhole,
widerspiegele, Er wusste nichts davon. Und schon am
ersten Abend Zitterten ihm
seine Hände. |
Ungewohnt und
schwach Stand er dem
eignen Willen gegenüber. Der stand schnell
in Frage. Er gab niemals
nach. Die Nacht war
voller körperlicher Quälerein Und Andacht kam
nicht auf, Und die Gedanken
kreisten Nicht um ein
Gebet Und nicht um eine
Gottesnähe, Und sie kreisten
nicht um die Vergangenheit, Dass man
Besinnung hätte, Nicht um
irgendeine Zukunft, die wurd fade, Sondern nur um
seine wahre Gegenwart, Um seinen Leib, Das wurde
schrecklich deutlich. |
Gegen Morgens
trank er noch einmal Und füllte etwas
Zucker in den Tee Und sprach zum
ersten mal in sich Das Wort:
"Verzeih", Er sah sich als
Betrüger. Der Betrug wog
schwer. Sein Zittern
hatte sich gelegt, Und er stand auf. Erst abends aß er
seine erste feste Speise, Vorsichtig und
voller Andacht Und mit
würdevoller Freude Aß er trocknes Brot Und trank noch
einmal von dem Tee, Und sprach zu
niemandem davon, Denn alle hatten
viel und reichlich, Hätten ihm auch
gerne viel und reichlich abgegeben, Selbst sein
eignes Haus War übervoll
davon. |
Die
Versuchung
|
Sie dachte an das
Buch der Bücher Und an andre
Bücher, Die sich auch die
Bücher aller Bücher nannten, Und zum Schluss,
so sagte sie, Ist alles ein
Verzagen und Versagen Und sich
Gehenlassen, Und man hält sich
selber nicht zurück, Und andre
schieben einen hin zu anderen, Die machen grade
ihren Schritt In eine andre
Richtung, Und der Mann, den
ich in meiner Nähe wünschte, Bleibt nur eine
Illusion, Er lässt sich von
mir küssen Und wischt sich
trotzdem mit seiner Hand Die feuchte
Stelle ab. Und der, der
meine Nähe ist, |
Küsst mich sogar
wo mir die schwarzen Blätter wachsen, Und ich halte
mich an meinem Laken fest Und stehe nachher
lange unter einer Dusche, Kann und kann es
nicht verwinden. Alles ist
verkehrt, Und alles kehrt
sich in sich vor mir um: Ich in der Liebe
dieser beiden Männer. Der mich lieben
darf, Liebt meinen
Körper, Und dem, der mich
liebt, Trag' ich ihn
nach. Er aber streift
ihn von sich ab. Er hat mir seine
Liebe eingestanden Und gestand mir
noch, |
Dass er in Treue
lebe, treu im Glauben, Und die Treue,
die er Einer anderen
geschworen hätte, Würde er nicht
brechen. Gut denn, gut, Nun will ich sein
wie er Und will ihm
schwören. Er ist Inhalt
meiner Beterei. Doch der, der ihn
im Glauben lässt, Ist mir zu
kläglich. Ihm soll mein
Gebet als Klagerei Zum Himmel
steigen. |
|
Sie hört ihm
gerne zu Und glaubt ihm
jedes Wort, Und einmal
sprachen sie von einem Stern, Der sollte im
Labor gezündet worden sein, Das, hatte er
erklärt, Wär' eine Folge
ganz bestimmter Reaktionen, Und es ginge
dabei um die Strahlen, Die entstünden, Nicht um
irgendeine Helligkeit. Er hatte ihr ein
Buch gezeigt, Daraus las er ihr
vor, Und sie verstand
ja nichts von dem. Als Lesezeichen Hielt er einen
Zettel in der Hand, Der fiel ihr auf,
den las sie an, Es war wohl ein
Gebet. |
Sie fragte ihn
direkt, Und er bestätigte
es so und sagte: "Alles,
alles hat im Leben einen Anfang, Ich bin ja ein
Mensch, Der weiß nicht
viel, Dies ist nur ein
Versuch, der stammt von mir. Was du in Händen
hältst Ist wirklich ein
Gebet. Und handelt
dummer Weise Nur von mir. Ich hebe es mir
auf Als Kieselstein
auf einem Weg, Den jeder geht, Und ich wohl
auch. Ich drück es nur
ein wenig anders aus. Es stimmte die
Versuchsanordnung Noch nicht ganz, |
Und unversucht wollt'
ich es auch nicht lassen, Und ich denke
immer wieder nach. Ich bin stets in
Versuchung." Über soviel Worte lachte sie, Weil nichts
dahinter stand. Sie konnte
trotzdem, wenn er redete, Das, was er
sagte, nachvollziehn. Sie hatte früher
Ähnliches gedacht Und aufgebetet, weil man betete. Nun sah sie ganz
verschämt auf ihren Frauenfuß, Der war sehr
schlank und elegant Und voller
Weiblichkeit Und steckte doch
in einem kleinen Kinderschuh. |
|
Gerne hätte sie
die Rolle, Die sie spielte,
auch gespielt. Vor zwanzig
Jahren stand sie Vor der Frage
nach den nächsten Zwanzig Jahren. Schauspiel war
ihr viel gewesen, Mehr als allen
andren, die sie kannte. Ganz gewiss, das
hatte sie gespürt und auch gewusst, Doch, was ihr
fehlte, war Besessenheit, Es fehlten ihr
die ruhelosen Nächte, Die sie morgens
übernächtigt Als den Bleifluss In den Tag
gegossen hätten. Sie verstand, es
musste sich der Traum von einer Bühne Ohne sie zu Ende
träumen. Sie begnügte sich
allmählich mit den Posen, Die sie aus der
ersten Schauspielschule kannte, Die sie aber
immer wieder einstudierte, Die sie nicht
vergessen wollte; Hatte ihren
Brautstrauß Sozusagen
präpariert Und holte ihn
genau genommen Viel zu oft
hervor. |
Sie stand dann so
vor sich Und in der
Fensterscheibe. Draußen hatte
Regen aufgehört, Und sie entdeckte
sich sofort In ihrer Nähe. Sie erstarrte mit
dem letzten Tropfen auf dem Glas, Verharrte mit
weit aufgesperrten Mund, Dem einstudierten
Schrecken im Gesicht. Die flinken Augen
kontrollierten ihre Züge, Huschten über die
gespannte Haut. Sie sah, dass so,
im Fensterspiegel Und bei dieser
Pose, Ihre kleinen
Falten völlig schwiegen. Sie erschrak noch
einmal, Schreckensfreude
breitete sich in ihr aus, Ganz ohne Grund
natürlich. Eine Tür in ihrem
Rücken War ins Schloss
gedrückt. Sonst hielt sie
diese Tür Als Fenster
offen, Damit alle Welt
sie sah. Ja, mitten in
Gesprächen verharrte sie, Versteinerte zum
Bild, Das räumlich
wurde, |
Und genoss die
Stille, die um sie entstand, Dann hörte sie
sich weiterreden, Tat als wäre
nichts geschehen, Hatte sich
verzückt In den Gesichtern
anderer gesehen. Lange würde diese
Wirkung dauern, Dauernd war sie
im Gespräch. Bei
Festlichkeiten passte sie die Kleidung Ihren Posen an, Das Publikum
erwartete von ihr, Das spürte sie, Die Perfektion, Die war schwer zu
erreichen. Immer wieder
stellte sie sich So die Frage nach
den letzten Zwanzig Jahren. |
|
In seinem Zimmer Saß er an dem
Tisch Und ließ die
Schwärme Schöner Reden
steigen, Die umkreisten
ihn Und fielen wieder
ein, Und Worte, die er
eigentlich nicht kannte, Landeten auf
seiner Zunge, Dabei sprach er
nicht. Er redete mit
stummen Sätzen Eine Rede nach
der anderen, Er hätte sie so
schnell nicht schreiben können. Alles hatte er
versucht. Nur Brocken kamen
aufs Papier. Er stolperte beim
Wiederholen Und verzweifelte. Es fiel ihm eine
neue Rede ein. Die hatte nichts
zu tun mit der vorher. Sie tat ihm
trotzdem gut. |
Sie hob ihn auf
von seinem Stuhl, Dass er die
Stimme hob. Sie war nur
innerlich. Die konnte er
nicht mit den Ohren hören. Darum sprach er
einmal laut. Das war ein
Krächzen, Das war
unerträglich laut, Er schwieg sofort
zurück, Dass er für sich
erträglich wurde. Nein, es machte
nichts mehr aus, Die Rede war
nicht fest zu halten. Und der Sinn? Am liebsten hätt'
er alles mitgeschrieben, Doch das ließ er
sein, Es ging zu viel
dabei verloren, Und es war ja
ohnehin die ganz und gar Verlorne Rederei. Vom Klopfen an
der Tür war nichts zu hören Trotz der
Totenstille. Erst beim zweiten
Mal |
Schob er mit
seiner Hand Die Reden, die
nun durcheinander gingen, Schnell beiseite. Niemand da, er
hatte sich geirrt. Er konnte weiter
machen. Redete von nun an
mit dem nicht vorhandnen Gast, Den er nicht
kannte, Und er stellte
sich ihm vor. Der wollte ihn
nun reden hören, War sehr
aufmerksam, Verstand ihn auch
und richtig. Er bedauerte an
einer Stelle, Ganz zu Recht und
völlig überzeugt, Dass es zu wenig
Leute gäbe, Die sich für die
Reden andrer Leute Intressierten. |
|
Sie war sehr alt Und lebte in dem Altenzimmer. Niemand hier war abgeschnitten Von der Welt. Sie hatte von den Gegenständen, Die ihr lieb und wertvoll waren, Sie an Wichtiges, Besonderes erinnerten, Das Damals aufbewahrten, Vieles aufbewahren können. Auf dem Tischchen stand ein Telefon, Das durfte sie benutzen, Musste nur bei Ferngesprächen fragen. Täglich führte sie ein Stadtgespräch. Das richtete sie ein. Sie führte es fast immer zu derselben
Zeit, Das wussten auch die anderen, Die störten sie dann nicht. |
Heut' hatte sie den Automaten Für die Zeitansage angerufen. Die war lang und langweilig, Und nächstes Mal würd' sie sich wieder Kochrezepte sagen lassen. Immer rief sie Automaten an. Sie redete dabei von Anfang an, Und sie beschwerte sich. Sie machte dabei Pausen, Sich zu vergewissern, Dass die Leitung noch bestand. Sie fühlte sich nicht alt, Sie hatte Einsicht. Einmal hieß es, dass Die Stimmen dieser Automaten Selbst aus Automaten kämen. |
Und in absehbarer Zeit Bekämen sie die Möglichkeit, Auf Fragen, wenn sie einfach wären, Eine Antwort abzugeben, Aber das, so glaubte sie, Würd' sie nicht mehr erleben. Sicher müsste man dafür Auch einen Extrapreis bezahlen. Eine ihrer Nachbarinnen Fragte sie stets nach dem
Telefongespräch, Ob sie denn Neuigkeiten hätte, Und sie musste, etwas aufgeregt, Von dem Gespräch berichten. |
Die Rufe eines jungen Kirschbaumes
|
Ich weiß es, Weil ich selbst
der Baum war, Der im weißen,
roten, schwarzen Hemd Ins
Kinderzimmerfenster sehen konnte. Weiß es, Weil ich durch
den Hauch der jungen Rinde Jeden Kinderarm
vernahm, Der mich
umschlang, Und jeden
Kinderrücken, Der sich an mich
lehnte, Jede Kinderhand, Die sich, an mich
gestützt, Die Kinderaugen
zuhielt. |
Weiß es, Weil ich, der ich
nie Von dieser Stelle
kam, Sogar die
Kinderreime lernte, Die man über
meinen jungen Wurzeln sang. Nur, weil ich wie
die anderen Bäume um mich her, Zu schnell
verwilderte, Schlug mich ein
Axthieb um. Als grüne Feder
fiel ich in das Gras. |
Mir bleibt nur
wenig Zeit. Ich weiß, Mich würde man, So anders als bei
einem Kinde, Erst beweinen
wollen, Wenn ich hoch im
Alter stünd' Und stürb. |
|
November 1985, Kolumbien, Arinero. Nach dem Ausbruch des Vulkans, Nevado del
Ruiz, stirbt die 12-jährige Omayra Sanchez in der
überfluteten Ruine ihres Elternhauses, eingeklemmt in Beton und von ihrer toten
Tante Adela unter Wasser festgehalten, bis zum Mund im Wasser stehend, nach
59 Stunden Überlebenskampf. |
||
|
Unsre Zeit
bedachte nicht Die Ketten, Die die Freiheit
mit sich brachte. Über Satelliten
waren wir vor Ort, Den konnten wir sonst
nicht erreichen Und betrachten, Und die Augen von
millionen Kettengliedern Sahen auf das
Mädchen nieder, Dem stand brakig Wasser an den Mund, Und kläglich rief
die Stimme, Die von unten
eine tote Anverwandte Nicht mehr aus
den Händen ließ: "Wenn ihr
das Leiden sehen könnt Und helft, Sterb ich doch
nicht umsonst." |
Dem Mann der
Feuerwehr, Der mit den
eignen Armen Dieser Armen auch
nicht helfen konnte, Dessen Hirn schon
stumpf vom Wissen Um die
fünfundzwanzigtausend Toten einer Nacht Nichts mehr vollbrachte, Machte sich und
diesem Mädchen Mut Und zündete sich
einen Zigarettenrest Von Neuem an. |
Es kam kein
Material, Die Ketten rissen
nicht, Und tödlich wurd' die Dunkelheit, Die stand dem
Kind nun an. |
Ein Augenblick der fürchterlichen Stille
|
Ein Augenblick
der Unaufmerksamkeit Ein Augenblick,
den wünschte man Im selben
Augenblick zurück, Ein Aufschlag, Kurz ein
Knirschen, Bremsen bremsen viel zu spät, Vorbei der
Augenblick, Den man von nun
an sieht, Ein Augenblick Der
fürchterlichen Stille, Des Nichtgglaubenwollens, Eines Stillstands
jedes Schreies vor dem Mund, |
Der atmet nicht,
ist schreckensweit, Und traut sich
nicht zu sehen, was er sieht, Auf grauem Teer Ein wenig
Flüssigkeit Und etwas Blut Und abgewinkelt
diese kleinen Arme, Diese kleinen
Beine, Abgewinkelt auch
der Kopf In einer
Ahnungslosigkeit, Die lässt für
nichts mehr Raum, Und wird zur
Hässlichkeit an sich. |
Und jede Rettung,
Jedes
liebe Wort Und
jeder Kuss Sind
schon zu spät Gesprochen
und versucht Und ganz
vergebens. |
Der
Wunsch
der Wünsche
|
Du bist ein Kind,
denk' ich. Und du hast einen
Herzenswunsch. Es ist dein
Wunsch der Wünsche, Den soll man, Den will ich dir
erfüllen. Und ich nehme
deine kleine Hand Und führe dich
mit kleinen Schritten, Fast im
Stillstand, fast im Stehenbleiben, In das
Glücksland, Dort soll man dir
helfen. Und die
Kinderaugen Irren von dem
einen Wunsch zum andren, Zwischen
Puppenköniginnen, Zotteltieren, Automatischen
Familien, Über
Bilderbücher, die sich selbst erzählen Und bebildert mit
dir reden, hin zu Häusern aus der
Phantasie, Die sind für
Kinder zum Bewohnen, Und nur Kinder
kennen sich in ihnen aus, Und über Kissen, |
Die genau im
rechten Augenblick Das Gutenachtlied
an der einen Stelle, Die so lieblich
klingt, Unmerklich
wiederholen, Über
Tastsensoren, die dem Streicheln Der von dir
geliebten Hände Zum Verwechseln
ähnlich sind. Die Kinderaugen
irren, irren, irren, Und sie füllen
sich mit Tränen, Und die kleinen
Hände suchen nach Ich weiß nicht
was, Und ziehen aus
der Tasche meines Mantels, Ach, ich steckte
ihn Nur aus
Gewohnheit ein, Den komischen und
unansehnlichen "Melasche". |
"Der",
so sagt das Kind, "Ist auch
aus einer andren Welt, Den liebe ich am
meisten." Und das Kind
erzählt mir draußen Wieder neu von
seinen Wünschen: "Die sind
riesengroß, die kann man
nicht So leicht
erfüllen, wie die sich das denken." |
|
Du liegst jetzt
unter mir, denk' ich, Und bist nicht
mehr so schön wie eben. Ja, ich brach das
Wort zu meiner Frau, Du weißt es,
deinetwegen, ganz allein um deinetwillen. Dafür wirst du
mich noch töten wollen, Und ich tat an
dir, was Männer gerne tun, Wenn sie es
wollen, Und ich wollte
es, und tat nur dies, Mehr tut kein
Mann, Und tat mir
selbst am meisten an, Und vorher schon
bestrafte ich mich dadurch, Dass ich mich von
dir bereden ließ. Und nun hältst du
die Augen auf, Bist heller wach
als ich Und quirlst im
Fieber über, Schneller kann
man Leben nicht erwecken, |
Bist jetzt über
mir Und beißt mit
zarten Bissen, Willst mir das
Gewissen, das du siehst, Vom Leibe zieh'n, Und bist ein
junges Tier, Das wirft sich
auf den Rücken, Scheuerst dich an
mir Und schlägst noch
einmal Funken, Willst als Drache
steigen, Und mich stellst
du an die Schnur. Ich weiß schon
jetzt, Du wirst, dass es
dir alles glückt, Wie du es denkst, Und ich versteh'
mit Absicht Nicht ein Wort
von den Gedanken, Die du heimlich
in dir trägst und die du mir, Damit ich sie
dann doch begreif', Mit Fingernägeln
auf die Arme schreibst, |
"Dass du es
weißt, ich will ein Kind von dir", Du wirst nicht
lange fragen. Gebe doch ein
Gott, dass einmal nur ein Wunsch, Den man erfüllt, Auch die
Erfüllung ist. Denn wenn es
glückt, was du dir denkst, Auch wenn du es
noch leugnest, Wird mich nun ein
Leben lang Papier von dir
begleiten. |
|
Wenn der
Augenblick Des Wunsches
aller Wünsche naht Und man ihn
sprechen muss und weiß, Es ist das letzte
Mal, Dass jemand oder
man sich selber fragt, Und vorher sprach
uns niemand darauf an Und auch nicht so
direkt Und nicht so
rücksichtslos Und schlimmer
noch, Wohl die
Erfüllung dieses Wunsches meint In einer Zeit
danach, Von der man gar
nichts wissen kann... |
Wie bin ich arm, Es fällt mir
unter diesem letzten Wunsche Gar nichts ein. Ich könnt' mir
etwas Für die andren
wünschen. Dafür wär' zuvor
Gelegenheit Genug gewesen, Nein, es sollte
für mich ganz alleine sein; Und für mich
selber Wünschte ich mir
schon die ganze Zeit, Dass
Unerfüllbarkeit erfüllbar wäre, Das ist wenig
wert, ich weiß. |
Und soll ich mir
für die nach mir Im Vorweg etwas
wünschen, Das mag recht,
das mag auch unrecht sein. Ich schrecke in
dem Zimmer auf. Von meinem Dach,
das ist sehr schräge, Rutscht der
Schnee Von einem
Augenblick zum andren Mit Getöse ab. Von draußen ist
es nicht zu hören, Und was dort im
Wege liegt, Werd' ich mit
einer Schaufel An die Seite
kehren, Bis es von
alleine schmilzt. Im Sommer wird
mich nichts An dies Geräusch
erinnern. |
Die Frau, die sich verließ
|
Sie war sehr alt Und war nicht alt
genug Und ging auf
Reisen Und besuchte
junge, fremde Leute weit entfernt, Die wohnten in
der Nähe Einer alten Dame,
die sie kannte, Und sie wusste
nicht viel mehr Und wurde magisch
angezogen, Und es zog an ihr
die Kraft, Die sie erkannte, Und die konnte
sie sich nicht erklären. Auf der Reise las
sie einen Brief Von ihrem Mann, Der war seit
einer Ewigkeit Nicht mehr am
Leben, Und in ihrem
Alter Zählte eine
Ewigkeit nicht viel. Sie hatte einen
schweren Atem, Wenn sie an die
Söhne dachte. Alle waren tot, Gestorben und
erschossen und gefallen. |
Damals, als sie
selbst Familie waren, Fiel ihr ein, war
eine alte Dame zu Besuch bei ihr. Die war ganz
fremd, die kam Gott weiß woher, Die kannte ihre
Mutter. Und es schien ihr
fast, Dass alte Damen
reisten, Um sich
einzuholen. Heute kämpften
sie mit der Gebrechlichkeit Und morgen mit
den letzten Zwanzig, dreißig
Jahren. Dann war sie am
Ziel, Und wurde
vorgestellt, Und alles war wie
damals, Als sie selbst
die alte Dame bei sich hatten, Und sie war
erneut die junge Frau, Die war ein wenig
überfordert, Und ihr Mann war
nicht so überzeugend, Ja, drei Söhne
hatten sie, Und spät am Abend
trank man Wein. |
So einfach,
dachte sie, Lässt sich das
Leben wieder wiederholen. Endlich fuhr sie
heim Und schrieb noch
einen Brief Und einen Dank an
diese jungen Leute Und sie schrieb,
sie hätte auf der Rückfahrt Oft geweint und
auch warum. Und in demselben
Umschlag Steckte auch die
Karte über ihren Tod. Die hatte jemand
gleich dazu gesteckt Und einmal Porto
hatte man dabei gespart. |
|
Sie hatte einen
Doktorgrad erworben, Und obwohl sie
durch die Studien Lange Jahre ihrer
Jugend Außerhalb der
Jugend stand, War ihr ein
jugendliches Aussehn Und die Unverbrauchtheit ihres Leibes Eine Leiblichkeit
geworden, Die sie über
alles liebte, Und sie hielt
sich oft in ihrer Nähe Vor dem Spiegel
auf. Dann kam ein
Dauerlauf dazwischen, Weil sie sich auf
einen Mann besann, Es ging Hals über
Kopf, Und Kinder kamen, Ohne dass sie
sich besinnen konnte, Und sie wusste
schon nicht mehr Warum sie diesem
Mann, Den man im Grunde
gar nicht lieben konnte, Aufgesessen war. |
Nach außen trug
sie steinern Die Fassade einer
handgeschliffnen Frau, Die rührte man
nicht an, Die rührte selber
auch an nichts, Und in der Ehe
brach ein Grad In der Verwüstung
aus, Der war die
absolute Fremde, Und sie wuchs mit
ihm, Und Schläge, die
sie trafen, Trafen nicht nur
sie. Sie wehrte sich
nach Kräften, Die verließen sie
sehr schnell Und alles wurde
in ihr aufgezehrt. Er war ein
Schläger und ein Trinker Und ein grober
Mensch Und warf sie auf
den Teppich ihres Zimmers Und er hielt sein
Glied auf sie Und urinierte
über sie. |
Sie schrie im
Fieber, das brach aus, Und sie mit ihrem
Fieber. In dem
überfüllten Frauenhaus Nahm man sie
auf., Und dort sah sie
das erste Mal Seit Wochen ihre
Kinder wieder, Und sie fragte,
wie die Kinder denn Hier her gekommen
seien, Wo sie
abgeblieben wären, all die Zeit. Und, die sie nun
betreuten, kannten das Und hatten sich
mit anderen besprochen, Und sie fassten immer
wieder neuen Mut In ihrem
bodenlosen Fass. |
|
Eines Tages
dachte sie darüber nach, Und andre hatten
auch schon nachgedacht, Und einige, das
wusste sie, Die dachten viel
zu lange nach Und überschritten
einen Punkt; Und dächte man zu
wenig nach, Und eigentlich an
sich, Dann kam man
nicht zu sich Und blieb im
Sande stecken. Sie kam aus dem
Sand, Den klopfte sie
nun aus den Kleidern, Die gehörten gar
nicht ihr. Von ihm kam alles
Geld Und alles, was
man so als Tagesdecke hatte, Und er konnte es
von einem Augenblick Zum anderen Von ihrem Leibe ziehn, Das war die
Wirklichkeit. Sie fasste ihren
Mut Und sprach mit
ihm |
Und er war
fassungslos Und hätte einen
fremden Mann bekämpft, Wenn sie ihn
hätte, Ganz bestimmt
wär' ihm Noch irgend etwas eingefallen, Aber so, zu einer
andren ziehn, Und ihn verlassen
wollen, Wegen einer
andren Frau, Das war nicht zu
verstehen. Und er dachte
einen Augenblick . An tiefe
Frauenfreundschaft, Meine Güte, Aber dies war,
wie sie sagte, etwas anderes, Und in der Wut Zog er sie in den
Schmutz, Und sie
beschmutzte ihn, Und er war
hilflos, Und sie sah ihn
fallen Und beherrschte
ihn in seinem Fall, Das wollte sie
nun wirklich nicht Und tat es doch
ausdrücklich, |
Und sie zeigte
ihm in ihrer Wut Wie schwach die
Wut auf seiner Seite war, Und bot sich ihm
ganz einfach an, Zum Abschied
sozusagen, Und sie hatte
recht Und spielte hoch Und erst im
letzten Augenblick Besann er sich Und warf sie
ohne Rücksicht, Ohne irgend etwas aus der Tür. Sie ging sofort. Und draußen, sah
er, Nahm sie jemand
in Empfang. Und zueinander
liebevoll geneigt Und eng an eng Entfernten sich
zwei Frauenköpfe. |
Der verkaufte Verkäufer
|
Sein Lebtag
wollte er Verkäufer sein, Und das, so
dachte er, sei gut. Es gibt im Leben
nichts, Das nicht auf
irgendeine Weise Angeboten,
angefragt, benötigt Und verzweifelt
abgestoßen wird, Und immer muss
ein zweiter sein, Der will genau
das Gegenteil. Der edlere
Verkäufer Ist nun nicht so
plump Und bietet an und
handelt ein, Der wartet auf
Gelegenheit, Die fädelt er in
unsichtbare Ösen Und verwandelt
sie zu einem Band Mit dem er seine
Sache näht. |
Er kann dann den
Verdienst allein bestimmen, Und es hält
zusammen, Und es mehrt noch
seinen Ruf, Und es beflügelt
ihn zu größerem Gelingen. Eines aber, hat
er schnell erkannt, Ist nicht zu
übertreffen, Wenn man es
versteht den Käufer Und den, der es
kauft, In einer
Angelegenheit allein zu lassen, Wenn sie sich mit
ihrem Herzen, Ihrer Seele etwas
wünschen Und ihm den
Verdienst, Weil sie ans Gute
in ihm glauben, In die Wohnung
tragen, Und ihm dankbar
sind, |
Und er noch oben
drauf, Auf das, was er
verdiente, Ganz verschämt
die Dankbarkeit Verzinsen lassen
kann, Sie sich als
Rente Ständig ohne neue
Arbeit bringen lässt, Dann, denkt er,
hat man wohl Sein Ziel
erreicht, Und fühlt sich
als ein edler Mensch. |
|
So wurde er
Verkäufer, Und er sah
hindurch Und konnte das,
was er verkaufen sollte, Gar nicht lieben, Ja, er hasste die
Gespräche, Die er führte, Und er musste
davon leben. Seine Koffer
packte er mit Sorgfalt Jeden Tag, Dass alles
griffbereit Und immer
übersichtlich war. |
Er selbst war
nichts, ein Niemand, Und er könnte,
wenn er wollte, Jemand sein, Das aber eben
mochte er von sich Nicht wollen, Und man kaufte
nichts bei ihm, Und was er anbot, Machte niemanden
zufrieden. Die er doch
zufrieden stellte, Kauften nur um
seinetwillen, Und sie gaben es
gleich wieder mit, Und davon lebte
er. |
Zum Schluss, so
sah er sich, War er ein ganz
besonderer Verkäufer, Der verkaufte
sich Und konnte
eigentlich verkaufen, Was er wollte. |
|
Er hatte die
Idee, Und die Idee an
sich ist immer gut. Er sagte so zu
sich: "Die Tür,
die einerseits, Wenn ich das Haus
verlasse, In die Freiheit
führt, Führt
andrerseits, Kehr' ich am
Abend heim, Ein zweites Mal
in meine Freiheit." Er begriff nun
den Zusammenhang Und auch was er
bedeutete, Und er erzählte
es herum, Und alle stimmten
zu, Und keiner hörte
hin, Und er begann,
wie es geschrieben steht, Das Wort zur Tat
zu machen. |
Lange dachte er
darüber nach Und wollte auch, Dass jeder ohne
eine Tat Das Wort sofort
verstand. Nur wie, Das wusste er
noch nicht, Bis er durch
Zufall eines Abends Seine Haustür
offen fand. Es traf ihn die
Erkenntnis Als ein Blitz, Und ohne sich
noch zu besinnen, Schlug er Tür und
Rahmen aus dem Haus Und ging sofort
danach die Runde, Seinen Einfall zu
verkünden, Und er würde nun
in seinem Leben Niemals wieder
seine Tür verschließen Müssen. |
Diese Freiheit,
meinte er, Begriffe
jedermann Sie führte ja in
beide Richtungen. Dann ging er in
sein Zimmer. Jeder wusste,
dass er dort alleine lebte, Und man brauchte
sich Nicht sehr um ihn
zu kümmern. Erst sechs Tage
drauf Fand man ihn tot
in seinem Blut, Erschlagen mit
dem Türknauf, Der war von ihm
selber abgeschraubt, Beim Ausbau. |
|
Zu Anfang sprach
ich gern' mit dir, Und seinerzeit,
als ich das Sprechen lernte, Sprach ich oft
mit dir, Und meine Sprache
war ganz neu, Du fandst sie
ungeheuerlich. Ich sprach vom
Wort im Wort des Wortes Und vom Ball im
Ball des Balles, Nirgends hatte
man dir ähnliches gesagt, Und schwer würd
ich es haben, Ob ich mich denn
selbst verstehen könnte, Ob ich wüsste,
was ich sage, Und, obwohl doch
ich es war, Der diese Sprache
lernte, Warst du es, die
immer wieder Fragen stellte Und die immer
weniger verstand |
Und deren Neugier
wuchs Und der Verdacht, Und andere
befragtest du nach ihrer Meinung über mich Und stelltest sie
vor mich Und überließt
mich ihnen, Und sie gaben
sich verständnisvoll Und waren mir und
dir in allem überlegen, Und ich merkte es
zum Schluss Und gab es auf Und wurde leiser, Sprach auch
weniger Und endlich
schwieg ich ganz Und sprach nun
wieder so Wie ihr es
kanntet |
Deine Freunde
ließen mich, Es gab im Grunde
auch nichts mehr Und dein Verdacht
bestätigte sich nicht, Und ich zog mich
von dir zurück. Mit beiden Füßen
hing ich über einer Kante. Oben auf dem Weg Verlöschte auch
das letzte Licht, Es liefen noch
die kleinen Steine nach Und rollten über
meine Hände, Sonst bewegte
sich auf diesem Hang Nichts mehr. Und hielte ich
nun wirklich still, Dann wäre das
wohl die Gelegenheit Zu überleben. |
|
Du hattest dich
an eine Haut gelehnt Und rutschtest
von ihr ab. In deinem
Horoskop stand etwas Von der großen
Liebe, Die käm auf dich
zu, Die würde dir zu
dem Problem, Das müsstest du
nun selber lösen, Und es stand
nicht wie. Der Lichtpunkt
auf der Scheibe Zeichnete mit
seinem Auge Unsichtbare
Schleifen und Figuren, Später sahst du, Wie genau du dich
im Blickfeld hattest, Und du fragtest
dich um Rat. Du wolltest
schreiben, |
Und du wusstest,
dass du immer An die Wahrheit
denken Und nur schreiben
würdest, Was dir selbst
begegnet war. Du brauchtest
Abgeschiedenheit Und brauchtest
das Erlebnis, Das entstand in
deinem Kopf, Und du empfandst
es nicht Als eine Art
Betrügerei, Und halfst dir
nicht dabei, Und du erlebtest
doch Die größte
Unwahrheit, Die richtete sich
gegen dich allein. |
Die Haut, an der
du lehntest, Wurde zum Geröll, Ein weites Feld, Das dehnte sich
unendlich aus Und ließ dich
keinen Schritt Mehr machen, Und in deinem
Kopf entstanden All die Bilder, Die schriebst du
nun nicht mehr auf Und hattest es
auch satt, Mit deiner
Lügerei, die keine war, Obwohl du damit
andere betrogst Um eigene
Gedanken. |
|
Auf dem
Marktplatz Stand die junge
Frau. Sie war in ihrer
Heimatstadt. Die Augen stiegen
mit dem Schwarm Der Tauben in das
Himmelsgrau. Dahinter, wusste
sie, Verbarg sich eine
Sonne. Ekelhaft kam es
sie an, Als in der Nähe
jemand leise flötete. Die Leichtigkeit
der Töne Und dass der, der
flötete, Sie gar nicht
meinte, War die Tür in
ihrem Rücken, Die flog
unerwartet heftig zu. Die Brücke war
nun nicht mehr weit, Und unten fuhren
Züge. |
Das Geländer
hatte sie erkundet Und sie war auch
schon einmal So weit gewesen, Dass sie mit dem
einen Fast mit dem
ganzen Bein.... Sie schauerte. Man wusste ja
auch nicht, Wie lange alles
dauern würde. Sie war feige, Das war ihr
Problem, War feige zu den
anderen, War feige zu sich
selbst, Es fehlte ihr an
Mut, Sonst hätte sie
nicht immer wieder Die Gedanken an
die Brücke, Oder würd' es
endlich tun. |
Sie schlenderte
entlang am Gitter Und der
Zeigefinger ratschte über alle Sprossen, Dass daraus ein
Schwington kam, Der sang ganz
harmlos neben ihr, Das kam gut an, Und außerdem, wem
könnte ihre Tat Gefallen, Wer würd' außer
ihr Die Bitterkeit
bemerken, Die auf ihrer
Zunge lag, Und wenn, so
dachte sie, Tu ich es nur an
einem Sonnentag. |
|
Er hat in seinem
Haus ganz kleine Anker, Winzig kleine
Retter aus der Not, Die hat er
heimlich aufgestellt Und wacht auch
über sie, Dass sie ihm
nicht verloren gehen. In der Küche,
dort wo ständig Nachrichten und
schreckliche Berichte Auf die
Frühstücksbrote rieseln, Wo das Radio sich
völlig frei bewegt Und alles sagen,
alles bringen darf Und sich als
Zirkus mit Manege, Mit Direktor, Ja, mit Clown und
Publikum serviert, Wo selbst die
Kinder Schnell noch in
der Zeitung lesen Und beginnen vor
dem Schulweg Eine Politik, Die sie zu
diskutieren, Niemals die Gelegenheit
bekämen, auszudiskutieren, Hier in dieser
Küche Steht ein
Porzellandelfin, Nicht größer, als
ein Kindermund, Mit blauen
Flossen |
Und mit
übergroßen Augen, Die von einer
Unschuld sagen, Die er nicht
versteht. Vom Meer, das
weiß er, weiß der nichts. Er hat den Platz
auf einem Küchenbord Und neben ihm hat
er zur Tarnung Noch ein Püppchen
stehn, Das ist genauso
klein Und lenkt ein
wenig ab Und ist sehr
schön Und stimmt mit
seinen Proportionen Und mit seinen
Farben überein, Und hat für ihn
doch kaum Bedeutung. Oben gibt es noch
das Zimmer, Das wird kaum
benutzt, Hier schlafen er
und seine Frau, Und abends lässt
er sich für eine Stunde Oder zwei an
seinem Schreibtisch nieder Und verfällt auf
allerlei, Das schreibt er
auf Und lässt es auch
veröffentlichen, Und er schreibt
auf diese Weise viel, |
Und er bedenkt
dabei unendlich viele Kleinigkeiten, Die bedenkt sonst
keiner, Und auf seiner
Fensterbank Steht übers ganze
Jahr, Im Schatten der
Gardinen, Dieser
Friedensengel, auch aus Porzellan. Den kennen alle,
der wird respektiert, Und jeder setzt
ihn, Wenn er ihn
versehentlich verschiebt, Zurück an seinen
Platz, Und die erhobnen Hände, wissen sie, Und das verlangt
er, Müssen zu dem
Platz am Schreibtisch weisen. |
Vom Aufbau einer Glaslandschaft
|
Schon in der
Jugend hatte er begonnen Seine
Unterschrift zu üben, Und sie sollte
flüssig sein Und etwas zeigen Und ihm, wie man
sagt, "aus seiner Feder fließen", Und sie floss so
eifrig Und entfernte
sich sehr schnell Von ihrer
Wirklichkeit Und wurde bald
unleserlich. Das hatte er
gewollt und beibehalten, Und in all den
Jahren hörte seine Überei Nicht auf. Am Ende schrieb
er anfangs schließlich Nur noch einen
Haken, Daran hing ein
langes Band, Das war sein
Name. Wer ihn kannte,
kannte seine Unterschrift Und konnte sie
doch nicht erkennen, Und das wollte
er, |
Und andere, das
wollte er wohl auch, Die sollten
fragen, wer das sei Und wer er sei Und was er sei, wenn
er das sei, Und ihn beglückte
das, Auch wenn ihn
niemand fragte. Als die
Unterschrift nun ausgeprägt Und fertig war
und ausgereift Und ihm gelungen
schien, Ließ er im Hause
alle Gläser, Die er hatte, mit
dem Namenszug gravieren, Ließ ihn in die
Kleidung sticken, In Bestecke
schneiden Und in seinen
Siegelring. Die Muster für
Gardinen, Teppiche Und die Tapeten Ließ er sich
damit entwerfen, Und der Türgriff
seiner Haustür War der Name
selbst, Er ließ sein
Porzellan bemalen |
Und verfasste
eine Niederschrift, Die Auskunft gab,
wie seine Unterschrift Entstanden war, Und dass sie über
viele Jahre Hatte reifen
müssen, Und er ließ das
Buch verlegen, Und es wurde
rasch bekannt. Und seine
Unterschrift, Die fing ein
Eigenleben an Und löste sich sehr
schnell von ihm, Und irgend jemand machte Ein Geschenk
daraus für jedermann, Und jeder kannte
schließlich jedes über sie Und hatte sie bei
sich zu Haus, Und ihm ins Haus
trug man Prospekte, Dass er nicht der
allerletzte sei, Der von der
Unterschrift erfahre. |
|
In seiner Hand
befand sich eine kleine Vase. Auf dem Schild,
das außen an der Seite Dieses Glas
beschilderte, Stand, dass man
Kunst in seinen Händen halte, Und im Inneren
des Fußes stecke Eine kleine
Blase, Diese sei dafür
ein Zeichen, Und das Ganze sei
auch mundgeblasen, Und er sah von
außen auf die Perle, Die im Innern saß
und keine war, Und sah auch die
Entfernung bis dorthin, Die war unendlich
groß, Weil man mit
nichts dorthin gelangte. Diese Vase ließ
er nicht aus seiner Hand Und stellte sie
auf einen Tisch Und setzte sich
davor Und sah auf ihren
Mittelpunkt, Der war nicht in
der Mitte, Und er konnte
sich den Hohlraum Nicht erklären, |
Und der war doch
auch mit Luft gefüllt, Und böte einen
Lebensraum, Wenn man gar
keinen Raum mehr hätte, Und der wäre
nicht genug, Weil alles
fehlte, Und er würde
schnell zum Un-Gemach, Das hatte auch
nur eine knappe Höhe, Dass man sich
nicht stellen konnte, War so eng, dass
man nicht liegen Und nicht sitzen
konnte, Und es war die
Quälerei an sich. Er sah die Kunst
vor seinen Augen nicht Und konnte in der
Blase nichts entdecken, Die war rein und
säuberlich Und statt der Luft,
so dachte er, War sie
vielleicht mit einem Gas gefüllt, Das wäre aus
Metall entstanden, Das wär in der
Glut der Schmelze Um sich her
verdampft Und hätte so den
Ball gebildet, Und er dachte an
den Zwischenraum, |
Der stand nun
zwischen ihm und ihm Und hinderte ihn
daran Die Gewissheit zu
erfahren, Und der
Zwischenraum war auch aus Glas, Und nach zwei
Stunden Hielt er alles
nicht mehr aus Und wickelte die
Vase in ein Tuch Und schlug mit
einem Hammer Auf die Stelle Und zerschlug die
Kunst Und auch das Glas Und wickelte
begierig alles wieder aus, Das waren tausend
Scherben, Die verrieten, Zwischenraum
und Blase hatten Niemals
existiert. |
Zarter Kuss in grellen Farben
|
Man wusste von
dem grünen Land, Und alles, Was man dort im
Grünland kannte, War auch grün. Es gab in dieser
Farbe keinen Unterschied, Und eine
Wissenschaft Befasste sich mit
jedem Grad der Grünheit, Nur um
festzustellen, Ob es einen
Regulator Für die absolute
Grünheit gäbe, Oder eine
Messbarkeit für etwas, Was sich sowieso
nicht änderte. Das einzige, Was man an Farberei erkennen konnte, Waren
Lichtabweichungen, Die durch den
Sonnenstand Und durch den
Abend, Durch die Nacht Und durch den
Morgen unabweichlich waren. Das war ja
naturbedingt. |
Der Himmel und
die Wolken Waren einheitlich
und grün. Man sah sie nur, Wenn man sich
einen Filter Vor die Augen
setzte, So entstanden
ungewöhnlich schöne Farben, Jede neue Farbe
weitete das Wissen Und die Farberei. Sonst war das
Leben so wie hier Und anderswo. Hier also, Das vergaß ich
wohl zu sagen, Leben wir im
Gelb, Das ist total Und hat ganz
andre Möglichkeiten, Ist viel wärmer
und viel freundlicher Und
sonnenähnlicher, Und Gelb war
immer schon Die schönste Farbe
aller Farben. |
Unser Wissen um
die Möglichkeiten Und die Existenz
der andren Farben Ist viel
ausgedehnter, Und wir haben
unser Gelb in unsre Kunst, In die Musik, in
unser Wissen aufgenommen, Ja. wir
existieren mit uns selbst Und lehnen uns
nicht ab. Wir haben auch
ein Ideal, Das ist das
Wappen unsres Landes, Und es neigt sich
über eine junge gelbe Frau Ein junger Mann
mit unbekannter Farbe, Und den Kuss, der
zwischen beiden steht, Trennt nur noch
eine schmale Kante. Dieses Bild
erregt uns alle Wegen einer
Möglichkeit, Die liegt in der
Verschmelzung Greller Farben. |
|
Er war Monteur
und kam oft raus Und lebte in der
großen Stadt Und kannte sich
dort, Wo er nicht
Zuhause war, Oft besser aus, Und in dem einen
Land Befanden sich die
Frauen, Die aus dunklem
Porzellan gegossen schienen, Sehr im Aufbruch, Und sie boten
sich den Fremden an Und waren
tagelang Zufriedene und
demutvolle, Dabei lebensfrohe
Menschen, Die bis in die
Morgenstunden Zur Verfügung
standen, Und er hatte
eine, die, so dachte er, Wär gut für
immer, Und sie hing ihm
sehr, sehr an, Und er beschloss Und sie
beschlossen sich Und kümmerten
sich um Formalitäten, Hier bei ihr Und hier bei ihm, |
Und mit der
Sprache Kämen sie schon
irgendwie zurecht. Er reiste noch
einmal zurück Und wieder hin zu
ihr Und nahm sie
schließlich mit Und musste sie
schon wieder lassen, Und er überließ
sie ihrem Glück In ihrem neuen
Glück Und war gelassen
und zufrieden, Und man musterte
den Mann, Der soviel Mut besessen, so gehandelt hatte, Und es gab auch
andere, Die hätten fast
wie er gehandelt, Und er überließ
ihr seine Wohnung, Und er musste ihr
sie überlassen, Die war völlig
neu, Das konnte er
sich leisten. Dann kam er das
erste Mal zurück Und sie empfing
ihn Mit dem sanften
Wesen, Das er an ihr
liebte, |
Und sie hatte
alle Gegenstände eingerichtet, So, wie sie es
kannte, Und im großen
Zimmer standen Seine Sessel
umgekehrt Um seinen neuen
Tisch, Darüber hingen
Tücher, Decken, Laken, Und sie kroch mit
ihm hinein Und hatte dort
die ganze Zeit gelebt. Er sah schon
nicht mehr hin. Mit Kerzen Rund vor einem
Schrein Mit Ahnentafeln Inszenierte sie
für ihn In ihrem Reich Die Feier seiner
Wiederkehr Und die Begrüßung Und das
Wiedersehen. |
Ein gespaltener Kuss
|
Sie hatte einen
kleinen Zoo Und liebte Tiere Und erzog sie
richtig, Und sie hatte
einen kleinen Affen, Der war anfangs
immer menschenscheu, Dann ließ er
nicht mehr nach, Sich überall zu
produzieren, Und sie hatte
einen Otter, Der war flink und
otterschnell Und warf sich auf
den Rücken, Und die Hände Hatten immer
etwas in den Händen, Und sie hatte
neben zwei, drei Papageien Zwei sehr
schwere, schöne Schlangen, Jede fast drei
Meter lang Und schwer zu
tragen, Und man sah nun, Dass sie sich
auch selber |
Schlangengleich
bewegte Und sich diese
Tiere Um die Schultern
legte Und sie sich
bewegen ließ, Weil sie sich
selbst bewegte. Alle Tiere hatten
Namen, Und sie lebte vom
Besuch mit ihnen In den Schulen. Sie trat unter
einem Künstlernamen auf, Natürlich als
Solistin, Und war "Schlangenküsserin" Und küsste ganz
zum Schluss Die Schlangen
wirklich auf den Mund, Und aus den
Spalten sah man auch Die Schlangen
ihre Spaltenzungen halten, Dann verdrehte
sie den Kopf der Tiere so, |
Dass beiderseits, Aus ihrem eignen
Mund, Die spitzen
Zungen Nun zu schnellen
schienen, Und es war ein
grauenvolles Bild, Das zeigte eine
raffinierte Tiefe Und auch eine
große Liebe. Sonst., Erzählten sich
die Lehrerinnen Und die Lehrer, Lebt sie mit den
Tieren Tag und Nacht auf
ihrem Zimmer, Und Familie oder
andre Hilfe Hat sie nicht. |
|
Sie fasste einmal
Mut Und ging zu ihm Und wollte mit
ihm reden, Und sie liebte
ihn , Nicht wie die
andren Menschen einen Menschen lieben, Und sie wusste
auch nicht wie Und kannte ihn
nur wenig, Und er war
bekannt, Und seit zwei
Jahren hatte sie ihm wöchentlich Zwei Briefe
zugesandt, Darin war alles
aufgeschrieben, Was sie sagen
wollte, Was sie für den
Menschen, den sie wenig kannte, Den sie
kennenlernen wollte, Den sie viel zu
selten sah, Empfand. Zu sehen war er
nur bei einem Öffentlichen
Auftritt, Und es schirmte
ihn dabei Dieselbe
Öffentlichkeit ab, Man kam zwar nah
an ihn Und doch nicht
nah heran. Vielleicht bekam
er viele Briefe, Sehr viel Post. Sie schrieb ihm,
das war sicher lächerlich, Auf seidenem
Papier, |
Das steckte sie
in rosa Briefumschläge, Aber, hoffte sie,
die Briefe fallen auf. Sie war auf ihrem
Weg, Das war der Weg
zu ihm, Und mehrmals
hatte sie ein Bild von sich In ihre Post
gesteckt, Und sie war schön
und etwas still, Das war nur gut, Und an der
Haustür stand ein kleines Namensschild, Nicht mehr. Es fragte jemand
nach dem Läuten aus der Tür Und vor der
Antwort ging die Automatisch auf, Und oben auf der
vierten Treppe Stand sie ihm
schon gegenüber. Und er hatte
recht Und sprach sie so
auch an, Sie wäre sicher
wieder jemand, Der ihn aus der
Nähe sehen wollte, Und im Augenblick
möcht' er auch keine Presse, Und sie wusste
nicht mehr ein noch aus Und sagte dann
ganz schlicht: "Ich komme
Ihretwegen Und um
meinetwillen, Und es ist nicht
mehr." |
Sie dachte sich
sofort, Dass er wohl ihre
Briefe Nicht mehr las, Und drinnen, sah
sie, war ja keine Ordnung, Und das gab ihr
Sicherheit, Und dieses Reich,
das schwor sie sich, Würd' sie auch
niemals ändern wollen. Und er gab ihr
zu, Dass er mit ihr
vielleicht für ein Gespräch In ein Cafe... Und zögerte und
sie verstand Und lud ihn ein Und er nahm an
und schloss die Tür In seinem Rücken
ab. Als er noch
einmal öffnete Und seinen Mantel
holte, Schob er mit dem
Fuß die Post beiseite, Sie sah unter ihr
auch einen rosa Brief, Der klebte fest,
den ließ er liegen, Wo er war. |
|
Die Ergänzung,
die sie füreinander waren, War die Fügung
ihrer selbst, Und jeder von den
beiden kam bis hier, Herausgelöst aus
dem Gefüge, Jeder schob
danach sich wieder ein, Und sie ergänzten
sich Und waren sich,
wie man es sagt, In Liebe zugetan Und taten sich
viel Liebes und in Kosenamen an Und taten es sich
selbst und ihrer Liebe an. Man kannte sich
zu kurz, Man durfte in der
Eile Nichts mit der
Vergangenheit vergleichen. Hier mit ihm
betrog sie ihren Mann, Und konnte
heftig, leidenschaftlich lieben, Das hielt an, Solange sie mit
ihm zusammen war, Und er gab ihr
nicht das Gefühl, Dass sie der
Anlass eines Treuebruches sei, Sie meinte eher,
dass sie ihn Aus einer
Dauerquälerei befreite, Und sie fragte
auch nicht viel. Sie hatten sich
bei einem Fluchtversuch
getroffen, Der war schon von
vornherein gescheitert, Und sie standen
dabei eng im Zufall Und eng
aneinander In dem
Treppenaufgang des Museums, Wo man die
Besonderheit erklärte, Und die Rücken
ihrer Hände stießen aneinander, Und sie sahen
nicht dahin Und wollten ihre
Augen nicht In eine falsche
Richtung wenden, Und vertrauten
auf den Augenblick. |
Sie schlug die
Augen nieder, Und er sah ihr
ins Gesicht Und rollte dabei
seine Hand Auf ihrer ab, sie
blieb dabei, Dann schoben sich
die Hände ineinander, Und er zog in
seinem Glück, Die Hand in
seiner Hand Ein wenig ab Von ihrer Wand
und hielt sie fest Und gab sie dabei
etwas frei, Und sie erwiderte
den Gruß, Und an dem
Treppenende Sahen sie sich
immer noch nicht an Und sprachen bis
zum Ende nicht Und ließen sich
nicht los. Die Stadt war
klein Und groß genug, Und er war
unbeholfen, Und er kannte
diese Gegend nicht, Und sie sprang
ein, Und beiden war ja
alles unbekannt. Sie mietete ein
Zimmer, Und das zahlte er
und sagte gleich, Sie kämen jetzt
wohl öfter wieder, Und er zahlte
gut, Sie lächelte zu
dem Empfang Und ihn in wahrer
Freude an, Und draußen hielt
die Sonne für sie an. Das Zimmer lag in
Ruhe, Und sie öffnete
den Schrank Und sah nur so
hinein Und schloss ihn
wieder, Und er hielt sie
schon im Arm. |
Sie sprachen
nicht Und als sie
sprachen, sagte sie sofort: "Sprich
nicht von dir, Ich möchte dich
nach allem, Was ich von dir
wissen will, Befragen." Und er musste
sagen, Was er von ihr
dachte, Und er dachte
viel und an sein Glück Und nicht an das,
was sie wohl dachte, Und es war ein
erster Tag für sie, Der überstrahlte
alles Was es jemals gab
an Sonnenstrahlen, Und sie machten
nachher Gar nichts Miteinander aus, Und gingen ohne
ihre Namen aufzusagen, Und sie hatten ja
die Kosenamen von vorhin., Die klangen noch
im Ohr, Und die
bedeuteten nun alles. Vor der
Eingangstür, Noch in der
Dunkelheit des Flures, Legten sie sich
ihre Köpfe Gegenseitig auf
die Schultern, Und sie roch an
seiner Haut Und er in ihrem
Haar, Und eine
Nachricht, wenn es eine geben sollte, Könnten sie bei
dem Empfang erhalten Oder
hinterlassen, Und es stand die
Tür, weil sie als erste ging, In seiner Hand
ein wenig offen, Und er sah ihr
nach. |
|
Wenn sie nicht so
wäre, wie sie war, Hätt' er sie
nicht bis jetzt ertragen können, Und sie liebte
einmal nur sich selbst Fast bis zur
Selbstaufgabe, Bis zur
Selbstverleugnung, Und sie lebte in
der Eifersucht, Bis an den Rand
der Raserei. Und er saß auf
dem Spinnennetz der Weiblichkeit, Das diese Frau
verbreitete, gefangen, Und er spann sein
eignes Netz, Das war viel
klebriger als ihres Und war doch
direkt als Übergang zu ihr gebaut Und ließ ihn
schneller als in größter Eile, Zu ihr hin, Und sie war stets
bereit Und fand im Ende
erst den Anfang, Und sie warf ihm
schon in kleiner Liebelei mit ihr Die Blicke die er
sonst noch hatte, vor, Und alles sähe
sie, Und nichts ging'
ihr verloren, Und sie sähe gar
nichts ein, Und grob sei er
und rücksichtslos, Wenn er bei ihr
und in Gedanken Ganz woanders
weile, Ihre schönsten
Jahre wären noch nicht um, Und sie sei
völlig ungebunden, |
Und sie konnte
tätlich werden, Wenn er nicht
mehr tätig war, Und trieb ihn an, Und ihm wurd ihre Welt zu seiner Welt Und tat, was sie
noch wollte, Und sie hatte
Fähigkeiten, Die sprach er
nicht aus, Und sie beschrieb
in diesen Augenblicken Alles, wie es ihr
die Worte gaben, Und die waren ihm
so fremd. Dann endlich gab
sie Ruhe, Ging nach nebenan Und holte sich
vom Alkohol, Und müsste sich,
rief sie zurück, Von ihm erholen, Und er sei brutal
und ohne ein Empfinden, Und der Körper
einer Frau Sei Eisen unter
seinen Händen, Und sie kam
zurück, ihm ihren nackten Körper
vorzuführen, Und sie zeigte
auf die Stellen, Die nun wirklich
rötlich waren Und die würden
blau, Die könnte sie ja
ihrer Freundin zeigen, Und sie würde gar
nichts sagen, Wie ein Mäuschen
schweigen, Wenn er jetzt
noch einmal, Noch ein letztes
Mal.... |
Er rollte sich
zur Seite Aus dem Bett, und
sie war stark Und hockte sich
auf ihn Und wollte auf
ihm reiten, Und sie schrie
ihn an Und schwach sei
er und käme nicht voran, Da schlug er zu Und traf sie ins
Gesicht, Dass er sich vor
sich selbst erschrak, Das hatte er
niemals gewollt, Und sie bedachte
ihren Schmerz, Der tat ihr gut, Das würde er
sofort bereuen, Und sie legte
sich an seine Seite, Zog mit ihren
Armen Seine Schultern
tief zu sich herab, Und dachte an das
Glas im Nebenzimmer, Das sah sie durch
ihn und durch die Tür hindurch Mit Freude an. |
|
Sonntags ging er
aus, Mit einem kleinen
Kind an seiner Hand. Der
Altersunterschied War sehr, sehr
groß, Obwohl das Kind
sich, siebenjährig, Nicht mehr für
ein Kind hielt: "Ich bin
jugendlich", so sagte es. Es mochte sein. Er hatte kürzlich
erst beschlossen, Häufiger mit
diesem Kind Das zu entdecken, Was es für ihn
lange nicht mehr Zu entdecken gab. Er kannte sich
noch leidlich aus. Das Kind an
seiner Hand Verstand es, viel
zu fragen, Und es konnte
lange Strecken schweigen, |
Dann sprach er Und er bedachte,
nicht so viel zu sprechen, Und bedachte
seine Worte, Dass sie einfach
blieben, Einprägsam und
bildlich Und verständlich,
also Worte, Die das Kind
verstehen konnte, Ohne alles zu
verstehen. Eine Frage konnte
ruhig offen bleiben. Und das Kind
befragte ihn nach Dingen, Die es kannte,
und er kannte davon wenig, Und er wollte
diesem Kind von dem, Was er sehr gut
verstand, Was ihn, ein
Leben lang Umgeben und
begleitet hatte, Einiges erzählen. |
Dazu sagte dieses
Kind ein wenig zu erwachsen: "Das weißt
du von ganz, ganz früher, Und das hat mir
unsre Nachbarin Genau wie du
erzählt." Er dachte nach Und dachte, das
sei seine Schuld Und auch: so ist
es eben. Neben mir geht
eine Zeit, Die hat mich an
der Hand, Und sie ist meine
Zeit, Ich leb' in ihr Und kann darin Nur kleine
Kinderschritte machen. |
|
Sie hatte den
Geburtstag, Und sie wollte
feiern, Und sie hatte
eingeladen, Und es kamen
Freunde, Und es kamen
Freunde, Die ihr keine
Freunde waren, Und sie nahm es
hin und ihn, Der sie ihr
brachte, Und sie lebte ab
und zu mit ihm Bei ihm und auch
bei ihr, Und übertrieben
liebte keiner Von den beiden, Und sie hatten
sich auch dauernd in Verdacht. Er hatte etwas
Geld, Und sie war
einfach schön, Das fiel ihm an
ihr auf, Das schrieb er
ihr in schönen Worten, Und sie staunte
über ihn Und sagte: |
"Sonst ist
er doch schmerzlich primitiv." Und sagte es zu
ihm Und konnte dabei
lachen, Und das
faszinierte ihn, Weil sie dabei
die ganze Schönheit Zum Entfalten
brachte. Abends gab es
noch Musik Und gutes Essen, Und er blieb bei
ihr, Weil er vergessen
hatte nichts zu trinken, Wegen dieser
Fahrerei. Er war doch schon
sehr laut. Die Gäste waren
langsam wieder fort, Und er alleine
fand kein Ende, Und sie wollte
schlafen gehen, Und sie hätte ihn
ertragen, Und er trug sich
nicht zu ihr, Und störte in dem
ganzen Haus Mit Radiomusik
die Ruhe, |
Und sie ging
entschlossen, Wie es Frauen
sind, die sich entschließen, Mit der blanken
Schere An das
Anschlusskabel, Und sie schnitt
es durch. Es blitzte kurz, Und die totale
Ruhe kehrte ein, Sie legte ihre
Schere auf die Seite, Ging ins Bett, Er kam in
Dunkelheit zu ihr und ließ sie sein Und sagte nur: "Du hast ein
unverschämtes Glück gehabt", Dann schliefen
beide ein. |
|
Würde man ihm
einen Traum erfüllen, Hätte er nur
einen freien Wunsch, Den wurde er sich
wünschen. Immer hatte er
die Antwort auf der Zunge, Und er gäbe viel,
viel her Und hatte nichts
zu geben. Und er stellte es
sich einfach vor: Es würde jemand
kommen Und ihn fragen, Ob er in die
Zukunft reisen wollte, Weil man sowieso
die Reise machte, Und es sei ein
Platz noch frei, Den könnte er nun
haben, Und er wollte gar
nicht wissen, Wie es in der
Zukunft war Und ob ihn
Reichtum oder Glück erwartete, Er wollte dieses
Abenteuer, Schneller als die
Zeit zu sein, Um seinetwillen, |
Und er dachte so: Die Zeit verginge
hier viel schneller Als dort draußen, Das war immer so
gewesen, Und er lebte in
der Gegenwart, Und seine Zeit
stand still. Das erste Jahr
nach seinem Unfall Hatte er auf der
Station gelegen, Alles war an ihm
gelähmt Und ohne
Schmerzen, dann, Nach mühevollem
Mühen anderer, Versetzte man ihn
in den Rollstuhl, Den fuhr auch ein
anderer. Man baute aber
ein Gestell An eine Seite,
daran klemmte Eine Zigarette,
die war nah genug, Die konnte er
allein erreichen. |
Seine Welt war
klein und eng geworden. Wäre er im
"Boot", So nannte er die
Fähre in die Zeit, Dann müsste man
doch gradezu Nach Leuten
Ausschau halten, Die sich nicht
mehr selbst bewegten, Und er wäre
es zufrieden, Würden ihn
Maschinen Bis zur
Wiederkehr darin bedienen, Und die Fähre
mochte ihn und seine Zeit Gern überdauern Und für ihn nie
wiederkehren. |
Der Maler und sein Modell
In einem französischen Atelier
|
So sicher, wie
sie seiner heute ist, War sie noch nie. Ein junges Ding,
das gut gekleidet, Etwas frech In seinem Atelier
zum Fenster schaut Und sich die
Schatten kleiner Blätter In die Augen
fallen lässt Und das zugleich In einem
Sonnenausschnitt glüht Und Wärme
strahlt. Er malt nur, was
er sieht: Die Mädchenfrau, |
Die auf dem
Schaukelstuhl, den es nicht gibt, Sich selbst
genug, Die Finger über
ihre Kleider schiebt, Und mit den
Blicken nach Denselben
Schattenblättern jagt, Die sie besetzen, Die im Auf und Ab
der Schaukelei Zu eignen kleinen
Schaukeln werden. Von den Bildern,
die in ihm entstehen, Ahnt sie nichts, Und ihre Augen
schauen munter wieder Auf den Maler an
der Staffelei. |
Sie streckt sich
unter ihren Gliedern, Ja, das Atelier
macht frei. Sie würde gerne
später, Ließe ihr die
Zeit noch Zeit, Ihm etwas länger, Etwas näher
sitzen, Und sie denkt
gelassen ans Nachher, Das will sie sich
schon jetzt Bewahren. |
|
In seinem Atelier Vermeidet er
direktes Licht. Er mag es
stimmungsvoll Und sie, die
junge Frau, Sie kennen sich
seit Jahren Und nur sich, Weiß um die
Dinge. Er will Größe,
Tiefe malen, Ihre Sonnen in
den schwarzen Augen treffen, Die Verstecke
ihrer Haut, Den langen
Schatten, den ihr Körper auf den Boden wirft, Das heimliche
Verschwinden dieses Wesens Hinter einem
fremden Kaltstern, |
Der schon fast im
Explodieren steht, Will alles auf
die Leinwand bringen. Sie dringt tief
in ihn Mit ihrem
Schweigen Und mit ihrer
Duldsamkeit Und einer reinen
Landschaft Die lenkt jeden
Blick auf sich. Sie weiß von
seiner Zeit, Die rast im Flug
vorbei Und dauert
dennoch eine Ewigkeit, sie
weiß auch, Dass er heimlich
ihre Blumengärten
erntet, Die bepflanzt sie
nur für ihn |
Und lässt sich
alles, was sie denkt, von ihm Aus ihrem Munde
rauben, Nur um
seinetwillen. Dieses Jetzt ist
das Nachher für sie Von dem sie immer
träumt, Das will sie sich
bewahren. |
|
Im ganzen Haus
ist alles still. Der Künstler
sitzt in seinem Atelier Und blickt auf
das Modell In einer Ruhe,
die nicht ruhig werden will, Und seine Augen
geistern über es hinweg Und nehmen hier
den Arm, Ein Stück vom
Leib beiseite, Legen ihre Beine
fort Und schieben sie
ihr auf den Rücken. Gut, dass sie
nichts sieht von dem, Was er sich
denkt, denkt sie, Sie fände sich
nicht wieder. |
Ihre Haare fallen
weich und lang, Das ist ein
Anfang, wie er ihn sich wünscht, Und diesmal will
er alles mit dem dritten Auge sehn, Das, hat er ihr
erklärt, Sitzt hinter
seiner Stirn Und reagiert auf
Wärme. Rot wird er sie
malen, Rot in allen
Tönen, Rot in allen
Farben, Und die Leinwand
steht Als Halteschild
dazwischen. |
Nun, so will er
es, Soll sie sich auf
den Körper malen lassen, Und sie lässt es
zu Und lebt ja auch
mit ihm, Und aus dem
Fenster ruft er In die
menschenleere Straße seine neue Welt, Und alle lädt er
ein zu sich, Danach verlangt
er Wein, Sie lebt schon
lange so mit ihm zusammen Und reicht ihm
ein Glas Und denkt an das
Vorher, Das wird nachher
zum Jetzt, Das muss sie sich
bewahren. 2010 erschienen in der Lyrikreihe,
Poesiealbum neu, der Gesellschaft
für zeitgenössische Lyrik. |
|
Damals, als er
ihr das erste Mal begegnete, War er noch nicht
so weit in seiner Malerei Und hatte sein
Archiv Im Krieg
verloren, Selbst an seine
Frau gewöhnte er Sich kaum zurück. Sie ließ ihn sehr
schnell frei Und trug ein Kind
noch aus, Das war von ihm, Und sonst betrat
er schon nicht mehr Ihr Haus. Er lebte nun mit
einer Tänzerin, Die brachte ihn
voran Und stellte bald
das Tanzen ein Und sich ihm
völlig hinten an. Er malte
damals:" Die entfernten Welten" Und das Bild:
"Zweimal die Unendlichkeit", Das war sein
Widerspruch an sich, Die Werke ließen
sich auch nicht verkaufen. Seine neue Liebe
blieb ihm fest, Er wollte auch im
neuen Leben nie mehr Unzufrieden sein,
|
Das war für sie
zum Guten, Denn sie war im
Haushalt nicht viel wert,Er liebte sie darum Und auch der
andren Reize willen, Die sah niemand
außer ihm, Und sie war immer
still in seinem Schatten. Leider stellte
sich bei ihm sehr schnell Ein Leiden ein,
das war nicht mehr zu heilen, Sie war stets um
ihn Und sie umsorgte
ihn, Seit damals geht
er an zwei Stöcken. Beide wurden
langsam alt, Er schneller mehr
als sie, Und malte die
entfernten Welten Hundertmal und
neuer, Und sie kamen ihm
nicht nah, Und besser,
dachte sie, Wär er bei den
Portraits geblieben, Die verkauften
sich viel besser. |
Seine ewig junge
Hoffnung Stiehlt ihm
manchmal seinen Atem, Und er denkt dann
über Preisausschreiben nach Und nimmt an
ihnen teil Und reicht ein
Lichtbild neben seinen Bildern ein, Und sonst
verachtet er die Fragebögen, Weil er meint,
dass die nicht in die Kunst gehören, Und man gibt ihm
auch Bescheid, Dass leider wegen
der Formalität... Er will sich
einfach immer wieder zeigen Und gesehen
werden, Und von meinem
Sohn schuf er ein Kleinportrait,
das schenkte er ihm nebenbei. Das ist, meint
er, nun "Zweimal die
Unendlichkeit", Das könnte jeder
sehen, Und es sei ein
Meisterwerk. |
|
Gelesen habe ich
von ihm, Dass er ein rauer
Vater Und sehr mürrisch
jederzeit gewesen sei, Und in dem nahen
Wald Soll er beim
Komponieren Nur mit Bleistift
seine Noten Aufs Papier
gekritzelt haben, Ohne ein Klavier. Kaum hatte er im
Ernst Die Hoffnung und
den Glauben, Die Musik, die er
doch selber schriebe, Würden seine
eignen Ohren Einmal zu Gehör
bekommen, Und er konnte
sich von Hause aus, Die Liebe zu den
Noten leisten, Und, als man ihn
endlich brachte, Mehr aus Trotz
und reinem Zufall, War er gleich
verschrien. |
Man sprach von
einem musikalischen Gemetzel, Und das konnte
man so nicht zu Ende bringen, Musik, meinte
man, sei etwas anderes. Für ihn war die
Musik, Was die Musik nun
einmal war, Und in die Ohren
andrer Leute Wollte er sich
nicht versetzen, Und er war bereit
nun selbst zu dirigieren, Und er stand in
diesem Augenblick Schon etwas über
sich Und wuchs dabei, Sich wieder zu
erreichen. |
Seine Ohren,
seine Hände Schickte er in
die Orchester, Seine Augen
herrschten fürchterlich Und kannten keine
Gnade, Und die Garde
hoch bezahlter Kritiker Und wortgewandter
Wissenschaftler Schlachtete er
wegen unbedachter Worte Mit dem
Dirigentenstab Auf seinem
Dirigententisch. Er hatte etwas zu
beweisen, Und das zu
verhindern, Durfte niemandem
gelingen. |
|
Er ging stets
allein Und ihm im Rücken
seine Frau, Die ließ ihn wie
er wollte sein Und richtete sich
ein mit ihm Nachdem sie seine
Launenhaftigkeit Verstanden hatte, Und sich nichts
mehr dabei dachte. Früher hielt sie
seine Schreiberei Für eine seiner
Launen, Später, als sie
ihn auch einmal lesen sollte, Wollte sie den
Augen nicht mehr trauen. Die Gedanken, die
sie aufgeschrieben fand, Entsprangen einer
völlig fremden Welt, Die könnte sich
im Leben nicht behaupten. Seine Arbeit
hatte sie Auf ihren Tisch
gestellt Und weit
verdrängt. |
Sein Schreiben
riss nicht ab Und die
Besessenheit nahm zu, Und eine Ruhe
ganz besondrer Art Ging von ihm aus, Die ließ den
Alltag gänzlich Ihr zu Füßen
fallen, Und er stand
nicht von alleine auf. Sie packte alles
an Und brachte alles
ganz alleine hoch, Das fand er gut Und gab auch
seine Wandlung zu, Und seine Ruhe
brachte ihm zugleich Entsetzen, Denn in einer
unbekannten, harten Weise Schreckte er von
jedem äußeren Geräusch zusammen, Und vor jedem
Bild, das sich bewegte. |
Seine Not, in der
er sich befand war groß, Und sie bedrängte
ihn sehr schlimm, Dass er ihr zu
entgehen, Nur noch als ein
Fremder Unter lauter
Fremden In der Stadtbahn
fuhr und schrieb. Dort nahm man
nicht Notiz von ihm, Und er war
unbekannt Und wurde sich
hier selber anonym, Und nichts
erreichte ihn. |
|
In deinen Augen Finde ich das
Diadem, Das könnte eine
Königin Als Stirnband
tragen, Und die Stirn,
die sich als Segel wölbt, Fängt etwas höher
an. In ihr steht ein
Gedankenwind, Der steigt als
Funkenflug, Als Streugut in
die Augen anderer Und heftet sich
an jeden, Der dich kreuzt. Gebräunt ist
deine Haut Und jugendlich, Und ohne Sorgen
kannst du dich In eine kleinste
Kleinigkeit verlieben Und darin die
Welt umarmen. Deine schmalen
Schultern Sind nur dafür
da, Die Kleider
schulterfrei zu tragen, Und es wächst dir
eine zarte Brust, Die, spürt man,
ist ein Teil von dir |
Und ist dir keine
Last Und ist ein Pol, Um den sich alles
an dir dreht, Den hast du
aufgeteilt, Weil es sich so
ergab, Und sicher stehst
du ab und zu Vor dir in
Willkür und in deiner Nähe Vor dem Spiegel Und bespiegelst
dich in Eigenwonne, Die kann dir kein
andrer geben, Die ist etwas
anderes, Als alles was es
gibt und völlig nutzlos, Und dein Leib
darunter wächst, Als schlängle er
sich Durch den Daumen
und den Zeigefinger Einer übergroßen
Hand, Die schließen
einen Ring Um deine Taille, Und die Haut
fließt weiter Als ein
Wasserfall, Der unterspült
ein Moos, Das wächst
gerade, |
Und das ganze
steht Auf Schlanken, jungen
Birkenbeinen, Die sind weiß und
weißer; Als den Anflug
heller Wurzeln Nimmt man deine
Füße, Die sind so
verschont, So unberührt
geblieben, Dass die Sohlen
weicher sind Als deine
Innenhände, Und sie sind
geschmeidig, Strecken sich als
Tänzerinnen ausgestreckt Weit über ihren
Bogen Und genießen bis
in jede Zehenspitze Ihre Freiheit, Und man möchte
sie in eine Höhe heben Und als
schwebende Erscheinung tragen Und bewundern
lassen. |
|
Es war ein junger
Mann, Der kam zurück in
sein Hotel. Man hatte ihn
gesandt Geschäfte zu
betreiben, Und der Tag war
lang gewesen, Und von diesem
Tag war nichts geblieben, Müde war der
Abend, Der lag auf dem
Bett Und hatte sich
von ihm in Müdigkeit Getrennt, Und er vermisste
alles, Was ihn hätte
heimisch werden lassen, Und es ging ja
auch um den Erfolg, Der schmeckte
bitter, Wenn man auf ihn
warten musste, Und es schwebte
eine Großmaschine ein, Die flog sehr
niedrig, Und die Fenster seines
Zimmers Standen offen. Gegenüber sah er
bei dem Lärm In ein privates
Zimmer, Das hielt seine
Augen an, Und mit dem
Pfeifen der Turbinen, Das verebbte,
klang von dort Ein Saitenzupfen,
das wurd deutlicher Und war Musik,
die ihn umarmte, Und er selbst war
Saitenspieler, Das, so wusste
er, Vermisste er an
diesen Abenden, |
Und die Musik war
sanft und weich Und schnell und
schwer Und sehr modern Und trotzdem
jugendlich Und voller Träume
und voll Übermut, Und viele Griffe
konnte er Mit seinem Ohr verfolgen, Und er betete, Dass nicht noch
einmal ein Geräusch Dazwischen käme Und er wollte die
Musik genießen Und er dachte
sich Als Spieler
dieses Instrumentes eine Frau, Die musste hinter
den Gardinen sitzen, Und sie spielte
sicher nicht vom Blatt Und spielte alle
Freiheit mit, Die jemand haben
konnte, Und es war ein
Glück, Dass sie nicht an
das Fenster dachte, Das stand
herrlich offen. Ihre Melodie
beflügelte sich selbst Und wuchs in
hohes Klirren Junger
Birkenzweige aus, Es war ein
liebliches, ein leibliches Gespiel, Das spielte ohne
Unterlass, Und es erinnerte
an einer Stelle An ein Seufzen,
an das Schluchzen Einer Nachtigall
und an das Singen Dieses Vogels. |
In dem offnen Fenster machte er sich’s Ohne einen Laut
bequem, Der Abend stand von
seinem Lager auf, Der Tag war jetzt
ein Tag, der war. Er fing
nun an und nur für ihn, Und seine Neugier
war geweckt Und eine wahre
Scheu vor dieser Künstlerin, Weil er die
Schwierigkeiten kannte, Und die Melodie
verklang nun ganz natürlich In der Stille,
schlug noch einmal an, Noch einmal nach, Dann legte eine
Hand das Instrument beiseite, Und ein alter
Mann zog in Bedacht Den Vorhang vor
das Fenster Und verschloss es
ganz Und sah nicht
weiter auf die Häuserseite Auf der andren
Straßenseite. |
|
Sie ging schnell
aus dem Haus Und hatte vieles
vor, Und vieles war
vor ihr, Und ihre Augen
sprangen als die Gummibälle Von der einen
Hand zur anderen, Dass sie an alles
dachte, Alles mit sich
hatte, Und sie hatte
auch Termine, Und die saßen
fest auf ihr, Und über ihr, das
sah sie im Beiseitesehen, Stand der Flieder
voll im Flieder, Und es war der
Duft, der sie erröten ließ, Sie wusste nicht
warum, Und war vor sich
ganz machtlos, Und sie hätte
sich beeilen müssen Und blieb stehn Und legte alles
aus der Hand Und sah sich um,
und niemand sah ihr nach Und sog den Duft des Flieders, Der im Flieder
stand, mit Mund und Nase ein, Und zog den Zweig
mit einer blauen Doppeldolde Tief zu sich
herab, |
Und wurde zu dem
Katzentier, Das schlich um
eine Öffnung, Und es wich nicht
einen Schritt davon. Der Duft des
Flieders, der im Flieder stand, War immer schon
Verwirrung Und die Zügellosigkeit
für sie gewesen, Und sie kannte
sich Und sah sich
langsam wieder um, Dass niemand auf
sie achtete Und schloss die
Augen und schob ihre Nase In die
Blütenstände, In das blaue Beet
und kam zurück Und zupfte mit
dem Finger eine Blüte aus, Die schob sie mit
der Spitze in den Mund, Und sog durch
diese dünne Röhre Süßen
Blütenstaub, Als Kinder hatten
sie vom Honigsog gesprochen, Der lag auf der
Zunge. |
Und sie sprang
beherzt und in dem Rausch, der
Sinne, fast besinnungslos, ins Blaubeet, Biss, so schnell
es ging, So kräftig sie
nur konnte zu, Und stieß sich
einen spitzen Zweig, Den hatte sie
nicht sehen können, In die
Unterlippe, Und der Schmerz
war stark und gut, Und Blut quoll
gleich heraus Und überlief ihr
Kinn Und tropfte auf
ihr Kleid, Und ihre Hand
verwischte es, Und sie empfand
darüber eine Freude, Und sie stand
noch in der Tür, Und alles, was
geschehen war, Blieb hier und
ein Geheimnis zwischen ihr und ihr. Im nächsten Jahr, So dachte sie, Würd sie sich
dafür Unter neuen
Wonnen Rächen. |
|
Einmal war sie
eingeladen, Und sie hatte
ihren großen Tag. Es war der Tag, An dem man diese
Galerie Mit ihr und einem
anderen Eröffnete. Sie war bestimmt
sehr tolerant, Doch was ihr
Kunstnachbar erbrachte, Runden Käse an
die Wand genagelt Und mit blöden
Zetteln ausgeschriftet, Dazu der Gestank, Der sich durch
alle Räume zog, Empfand sie doch
als unerträglich, Und sie sah in
ihm nicht den Kollegen. Aufgeblasen, dumm
und ohne Können Übersah er sie. Ihr ging es nur
um ihre Kunst, Und wenigstens
die Lüftung funktionierte. |
Abends gab man
ihr den Auftritt Vor den Kameras. Sie hatte alles
ausprobiert Und würde nicht
viel Zeit gebrauchen, Das war viel zu
viel, Und man versprach
an diesem Abend Zwei Minuten nur
für sie zu reservieren. Schrecklich ist
die Enge, Die man hat, Wenn man in Weite
lebt. Sie war ja eine
Körperkünstlerin, Ihr Körper war
ein Teil der Kunst. Sie riss in einem
kurzen Tanz Papierne, angerissne Blätter von der Wand Und fiel mit
ihnen, Mehr war wirklich
nicht zu sehen, Auf den Boden, wo
sie sich entwickelte, Und das Papier
blieb unter ihr Als ein Parkett. |
Sie konnte es
noch einmal machen Dann war sie
erschöpft. Die Galerie war
diesmal Zwanzig Wochen
auf, Und umgerechnet
auf den Tag, Die Rechnung
stellte sie tatsächlich an, Besuchten sie Zwei Komma so und
so viel Leute, Damit lag sie
gut. Sie hätte nur,
ganz streng genommen, Diese Zahl noch
einmal teilen sollen, Wegen des
Kollegen. |
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Er achtet auf den
Halt der Bahn, In der er sitzt. Als nächstes
kommt der Hauptbahnhof Das ist dann die
Station, Auf der er diesen
Vorortzug Auf jeden Fall
verlassen muss. Dahinter liegt
gleich die Museumsinsel. Das ist nur
"geweihtes" Land, So könnt' man
sagen, Mitten in dem
Land, Das keine Weihen
liebt, Und das die Kunst
an sich nicht leugnet, Aber so an sich
in Frage zieht, Sie muss nicht
sein, Man sieht was sie
verschlingt, Und niemand denkt
dabei an einen Künstler, Der vielleicht
daran zu Grunde ging. Er kennt den Weg Und lief ihn oft
genug, Weil manchmal nur
Minuten fehlten Bis zum
Schließen. |
An der schweren
Drehtür holt er Luft, Zahlt schnell die
Eintrittskarte, Dann die Treppe
rauf, Links in den
Eingang, Noch ein
Stückchen durch die Galerie, Dann wieder
Stufen, Die ihn abwärts
führen, Und nun sieht er
ihre Füße schon, Die stecken in
den Schuhen, Dann entsteht sie
ganz. vor ihm, Ein Frauenbild,
das ihn unendlich reizt Und auch
beruhigt. Kleine Blumen
zieren ihre Strümpfe, Und sie steht
kokett. Sie trägt ein
Mieder, das ist aus der Mode, Und sie sieht auf
den Betrachter, Und der Mann an
ihrer Seite, mit Zylinderhut, Ist durch den
Rahmen abgeschnitten, Das war damals
neu, Und es betonte
ein Technik, Die die Malerei
bedrohte. |
Dieses Bild ist
nur für ihn. Es war zwar
einmal ausgeliehn, Das musste er verstehn, Und sonst
versteht ihn niemand hier. Nur selten, im Vorübergehn, Bemerkt ihn
jemand. Dieses
Frauenbild, nein diese Frau, Ist Öl für ihn Und seine "Augerei", So nennt er es, Und sie erwartet
ihn, Sie sprechen
miteinander, Sagen etwas
zueinander, Schnell geht
alles, schnell, Dann dreht er
sich schon um, Verlässt sie und
sieht nicht zurück Er schwört, er
möchte niemals wieder kommen Und kommt ganz
bestimmt zurück Und wartet auf
den Augenblick, Wo einer von den
beiden Sich vom andren
trennen wird. |
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Er stand nun so
vor seinen Werken, Und er fand sie
gut. Sie hingen an der
Wand, Und einige
gerieten auf die Erde, Die war
angefahren worden, Um das Irdische
in seiner Kunst zu zeigen. Heute war der
dritte Tag, Die Galerie war
wieder leer. Man hatte es ihm
gleich gesagt, Wenn er am ersten
und am letzten Tag Erscheinen wurde,
reichte es. Das Haus, das ihn
verkaufen wollte Hatte viel
Erfahrung. Diese, das
empfand er schnell, War eine von den
bitteren. Er hatte sich
noch gegen die Eroberer Und Besserwisser
wehren können, Und er staunte,
dass man trotzdem Über ihn noch
etwas schrieb. |
Das schnitt er
aus Und klebte es in
eine Sammelmappe. Kaffee gab es
hier genug Und eine
Halbtagskraft, Die hatte keine
große Kraft, Und wusste nichts
zu reden, Und sie ließ nur
immer wieder Ihre schweren
Augenlider Langsam als die
dunklen Falterflügel
fallen. Das, so dachte
er, wär' ein Modell, Man müsste es als
Mobile verarbeiten Und seinen
Mechanismus kennenlernen. Und er kam am
vierten Tag Mit langen
steifen Drähten, Die verband er so
im Gleichgewicht, Dass sie zu
schweben schienen, Und sie hingen
hoch im Raum, Und zwei von
ihnen mussten sich, Wenn andre in die
Höhe stiegen, Langsam auf den
Boden senken, Daran klebten
kleine Segel. |
Unerwartet schied
die Halbtagskraft An diesem Tage
aus Und kam nicht
wieder, Und es war ihr
vierter Tag gewesen, Und er rief sie
abends an Und fragte sie am
Telefon Nach ihrem
Mechanismus, Den sie ihm
erklären sollte, Und er käme sonst
nicht mehr voran. Sie sagte auch, Sie könne ihn
sehr gut verstehen Und sie hatte
einen Freund, Und der verstünde
nichts davon. Da ließ er seine
Fragerei an ihr Und sah in ihrem
Kopf in seinem Kopf Sich die Gewichte
schwerer Augenlider senken Und genauso
langsam heben. |
ISBN 3-937264-05-1