Harald Birgfeld
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Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:. Harald.Birgfeld@t-online.de
ISBN:
3-937264-43-4
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Inhaltsverzeichnis |
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Er
fuhr schon sieben oder acht
Jahre zur See. Er hatte immer dasselbe Schiff gehabt und die Mannschaft war
seit drei Jahren gleich geblieben. Mal ging einer in Urlaub oder wurde krank,
aber abgeheuert hatte keiner in der Zeit.
Das
Leben an Bord war, bis auf kleine Unterbrechungen, recht eintönig. Die Wachen
wurden geschoben, man schlief, sobald es Zeit war und fütterte die Bordkatze,
die immer weglief, wenn man sie streicheln wollte. Wäre nicht die elende
Gewohnheit, dachte Allan, könnte man von Erholung
sprechen. Von Sydney nach Santiago. Wie lange wird es dauern? Ach, ist auch
gleichgültig, wenn das Wetter so bleibt, können wir uns freuen. Es wehte
tatsächlich kaum Wind, und tagsüber liefen fast alle ohne Hemd an Deck herum.
Es
war noch sehr früh heute, vielleicht halb vier. Allan
hatte Wache, und um vier würde er abgelöst werden. Danach würde er sich bis
acht in die Koje lagen und später Frühstück machen. Aber erst einmal schlafen.
Er band sich seine Armbanduhr wieder um, die er immer auf das Pult legte, um
sie nachher nicht zu vergessen. Noch eine halbe Stunde.
Von
Sydney nach Santiago, dachte er wieder, quer über den Großen Ozean oder den Stillen
Ozean. Kann wirklich sehr still sein. Er empfand eine große Stille. Sein Ohr
hatte sich schon so lange an die Geräusche der Maschine gewöhnt, dass er sie
nicht mehr wahrnahm. Selbst, wenn er darauf achtete, wusste er manchmal nicht,
ob er sie hörte oder nicht. Wie das Ticken einer Uhr. Man horcht auf, hört's und hört's doch nicht.
Noch eine Viertelstunde, dann leg ich mich hin. Allan
bewohnte mit Charles dieselbe Kajüte. Sie waren Freunde, und sie vertrugen sich
gut miteinander.
Charles
hatte ein Radio an Bord und Bücher waren auch da. Er sollte Allen ablösen und
musste gleich kommen. Welch herrliche Ruhe hier oben ist, dachte Allan wieder und welch eine Einsamkeit. Sein Blick glitt
über die Wellen zum Horizont und in die beginnende Bläue des Himmels und wieder
zurück auf das Wasser. Er tastete die ganze Fläche ab, kein Schiff, keine
Insel, nur Wellen, Wellen, Wasser. Er verfolgte die weißen Kämme, die
vereinzelt entstanden, eine Weile getragen wurden, um langsam zu verlöschen. Er
suchte sich eine Welle heraus und verfolgte sie, indem er sich krampfhaft an
sie heftete. Aber es waren so viele, und eine sah wie die andere aus. Es war
unmöglich. Seine Augen tanzten einmal von ihr fort und schon hatte er sie
verloren. Er gab das Spiel bald wieder auf, kontrollierte den Kur und dann
hörte er die langsamen Schritte Charles' die ihm sofort das gelangweilte
Gesicht seines Bettgenossen vorzauberten. Die Tür ging auf, sie grüßten sich.
"Alles
klar?"
„Alles
klar!“
Allan verließ den Raum, sah noch durch
das Türfenster zurück und musste leise, lachen, als er ihn drinnen mit der
Klarsichtscheibe spielen sah.
Er
ging die Stufen hinunter, und als er auf Deck stand, bemerkte er nur die kleine
Katze. Er ging zu ihr, und sie wartete ruhig, bis er auf einen Meter vielleicht
heran war, dann, als er sich bückte und den Arm ausstreckte, um sie zu
streicheln, bog sie sich geschmeidig zur Seite, lief mit schnellen Pfoten an
die Reling und leckte sich dort das Fell. "Kleines Biest,“ murmelte er und
ging an den Luken vorbei nach hinten.
Er
trat an die Reling, beugte sich vorsichtig weit nach vorne über, bis er das
Gewicht seines Körpers nach beiden Seiten gleichmäßig verteilt hielt, löste
langsam die Füße, dann die Hände und balancierte so, nur mit dem Bauch auf dem
Eisen liegend, indem er die fast gleichmäßigen Schiffsbewegungen mitmachte.
Seine Arme zuckten manchmal zurück, als brauchten sie doch einen Griff, dann
knickte er zögernd wieder ein und suchte mit den Fußspitzen den bekannten Halt.
Als er sich kraftvoll, ohne die Hände zu benutzen, abdrücken wollte, rutschten
seine Schuhe ab, und er stürzte lautlos ins Meer. Er tauchte tief ein. Das
Schiff fuhr volle Kraft und als er auftauchte, nur für den Augenblick eines
Atemzuges, war er schon mehr als hundert oder zweihundert Meter hinter dem
immer kleiner werdenden Schiff. Ihn erfassten die Wirbel der Schraube, er
schluckte Wasser, ruderte wie besessen mit den Armen und war plötzlich wieder
im Licht.
Er
keuchte und versuchte, sich entsetzt im Wasser herumwerfend, das Schiff zu entdecken.
Es war in seinem Rücken. Bevor er es zu sehen bekam, war es schon so weit fort,
dass er nicht einmal mehr seinen Namen hätte lesen können. Ihn ergriff panische
Angst, und ein fürchterlicher Schrei entrang sich seinem Mund. Er stand fast im
Wasser, seine Arme versuchten in der freien Luft zu winken und schlugen das
Wasser. Eine überkommende Welle ließ ihn beinahe ertrinken und er kämpfte nur
um die Luft des nächsten Atemzuges. Als er hochkam, nahm ein einziger Gedanke von ihm Besitz. Die
Kleider, du musst die Kleider ausziehen, die Hose, die Schuhe, die Strümpfe.
Ausziehen, ausziehen hämmerte sein Hirn. Er atmete bis ihn ein Schwindel
erfasste, ließ sich schnell untergehen, zog die Schuhe aus und die Strümpfe und
knöpfte die Hose auf. Seine Arme begannen nach oben zu rudern, und die Rose
rutschte ihm bis zu den Füssen, wo sie wie eine Fessel liegen blieb. Sein Herz
jagte erneut von Furcht getrieben: Luft, Luft. Die Füße konnten nur gemeinsame
Stoßbewegungen ausführen, und er erkannte schon beim zweiten Mal, dass das
Heraufholen der Beine ebenso viel Schwung raubte wie er durch den Stoß gewonnen
hatte. So ließ er sie schlaff hängen, und nur mit Hilfe der Arme erreichte er
die Wasseroberfläche.
Gierig
sog er, trank er die Luft, und nun machten seine Beine doch irgendwelche
Bewegungen, die ihn an der Oberfläche hielten. Er dachte nur noch daran, seine
Beine zu befreien, aber er befahl sich selbst zuvor so viel Luft zu atmen, bis
ihm erneut schwindlig werden würde. Er wusste noch von früher aus den Tauchversuchen
mit seinen Schulkameraden, dass man es gleich nach dem Schwindelgefühl am
längsten unter Wasser aushielt. Sein Atem ging gezwungen gleichmäßig, bis er
etwas ruhiger wurde und seine Beine zu erschlaffen drohten, dann erst füllte er
die Lungen schnell hintereinander und ließ sich fallen. Es war ganz leicht, und
er kam, nur mit der Unterhose bekleidet nach oben zurück. Ihn packte neues
Entsetzen, als er die Hose etwa einen Meter unter sich treiben sah. Das Schiff.
Keiner war auf Deck gewesen und Charles? Doch Charles, bitte, bitte, Charles!
Er muss mich gesehen haben, sicher hat er mir zugesehen. Ganz sicher. Sie
können nur die Maschinen nicht so schnell stoppen. Charles. Charles muss mich
gesehen haben. Ich werde winken. Rufen! Nein, nicht rufen. Rufen nützt nichts.
Dazu sind sie schon viel zu weit. Aber winken. Ich muss winken. Womit? Die
Hand! Nein, ich muss doch schwimmen. Du musst mit einer Hand schwimmen! Aber
mit der Hand... Mit einer Hand.. Das sehen sie ja nicht. Mit der Hose! Wo ist
die Hose. Ich muss mit der Hose winken. Ich hab' sie doch eben noch gesehen.
Unter mir. Unter mir war sie. Er drehte sich, sah in das Wasser und konnte sie,
jetzt noch tiefer unter sich erkennen. Die Hose, nein. Die Unterhose und gleich
danach: das Taschentuch! Sein gejagter Geist klammerte sich an den Gedanken wie
an die Rettung. Mein Taschentuch ist in der Hose. Er war schon untergetaucht,
hatte sie erfasst und zog sie mit nach oben. Eine kurze Strecke schwamm er auf
dem Rücken, suchte die Taschen, griff in die Seide, die sich saugend um seine
Finger legte, holte das Tuch hervor, ließ die Hose achtlos fallen, drehte sich
um und blickte nach dem Schiff. Er drehte den Kopf, um es zu sehen, und es war
in seinem Rücken. Ihn trug der Kamm einer Welle, und er warf sich herum, indem
er ruckartig das Tuch schwang, welches sich vor Nässe immer wieder um seine
Hand legte.
Dann
musste er die Hand zum Schwimmen benutzen. Der Wellenberg glitt unter ihm
dahin, nach vorne zu, und ließ ihn langsam auf seinem Rücken abwärts gleiten.
Das Schiff entschwand seinem Blick und er schrie: Charles! Charles! Hört mich
doch Hilfe! Hilfe! Hört mich doch, ihr verfluchten Hunde! Oh. Gott! Bei allen
Teufeln! Ihr müsst mich doch hören!” Er spürte sein verzerrtes Gesicht, nachdem
er das letzte hinausgeschrien hatte, erkannte seine namenlose Angst und machte
sich neuen Mut. Sie werden die Maschinen gestoppt haben. Sie werden ein Boot
aussetzen und mich holen. Hier kann man doch alles auf dem Wasser erkennen. Sie
sind ja noch so nah'. Du brauchst nur ab und zu zu
winken. Ja, du musst nur winken, dann kommen sie. Sie können mich doch nicht
allein lassen. Das können sie nicht. Das ist doch undenkbar, das gibt es
einfach nicht. Stell dir doch vor, mitten im Ozean bei schönstem Wetter und
einfach weiter fahren. Das gibt es doch nicht. Du musst nur winken, dass sie
dich auch sehen, sonst hast du selber Schuld. Wenn du
nicht winkst finden sie dich nie! Nie gibt es nicht! Nur winken. Immer, wenn du
oben bist, musst du winken.
Er
spürte den sanften Aufschwung, der von hinten kam, und sein Herz schlug ihm vor
Aufregung im Halse. Sowie ich das Schiff sehe, werde ich winken. Er stieg höher
und höher und das Schiff lag genau vor ihm. Sein Arm schlug aus dem Wasser, und
er sah gar nicht hin, so sehr war er überzeugt. Er schwamm auf der Seite, das
eine Ohr in Wasser, und er achtete weniger auf sein Winken als auf das
drängende Rauschen in seinem Ohr. Er konnte ohne große Mühe schwimmen, wie mit
zwei Armen, und es beruhigte ihn sehr, dass es so unerwartet leicht ging. Ihn trug
bereits der dritte Berg, ohne dass er sich nach dem Schiff umgesehen hätte. Die
Wellen kommen immer von hinten, dachte er. Ich schwimme direkt auf das Schiff
zu. Ich mache ihnen die Arbeit leicht. Sie werden nicht lange zu suchen
brauchen. Ich brauche heute auch nicht mehr zu arbeiten. Ich werde mich in die
Koje legen dürfen und schlafen, schlafen.
In
dem nächsten Tal schwamm er wieder mit beiden Armen. Die linke Hand hielt das
Taschentuch umschlossen. Er erwartete den kommenden Aufschwung, und das Schiff
war klein und weit weg. Mein Gott! Die linke Hand blieb im Wasser. Das Schiff
fährt, es fährt weiter! Großer Gott!
Eine
ohnmächtige Leere kam über ihn und
schuf dort, wo er eben noch die Hoffnung trug, die Überzeugung, ein unendliches
Nichts. Von jeden Buckel, der ihn langsam in die Höhe hob, ließ er seine Blicke
nach dem davoneilenden Schiff gleiten. Seine Augen waren so mit Traurigkeit,
mit Mutlosigkeit gefüllt, so willenlos waren seine Schwimmbewegungen, dass sich
sein Ich von ihm entfernte und ihn in Zeitlosigkeit zurückließ. Er trieb im
Wasser, hielt die Augen geradeaus, sah eine Wand, sah einen Punkt, sah eine
grüne Ewigkeit, sah hoffnungslose Vergangenheit. Das Unentrinnbare umklammerte
sein Herz, ließ es Stein werden, kalt, eiskalt, und er schmeckte nicht mehr das
Salz des Meeres.
Sein
Körper war eine ausgespülte Höhle, in welche die Brandung schlug und nur den
hohlen Klang erzeugte, nur das Nichts wie einen Gong berührte. Dort lebte sein
Feind. Das Allein, die Einsamkeit, saß ihm in Nacken, hielt seinen Hals
umklammert, schlug ihm schwer auf den Kopf, drückte ihn nach unten, wollte ihn
töten, vernichten, seinem Ich rauben. Seinem Ich, das ihn liebte, lieben
musste, schützte, schützen musste. Sein Gegner war die Leere des Meeres, die all zu große Weite, die flüsternde Stimme, der
schmeichelnde Klang.
Du
kannst ja deinen Schlaf bekommen, du kannst ja alles bekommen, alles was du dir
wünschst! Kannst du jetzt eine Frau begehren? Kannst du Schönheit, Liebe
begehren? Kannst du etwas anderes verlangen außer Ruhe, sanftem Getragensein, dem ewigen Schweigen? Der Tod ist doch süß.
Das ganze Leben war bitter und nun bietet es dir den Lohn an. Das ist süßer
Lohn! Nimm ihn dir, berühr mich, leg dich in meine Arme. Du wirst dich
vergessen, alles lieben und nichts begehren. Kannst du dir Schöneres wünschen?
Gibt es Besseres? Nur deine Arme. Gib mir deine Hand. Es geht leicht und du
kennst alles genau. Du wirst keine Furcht haben, keine Angst. Bin ich nicht
das, was du suchst? Bist du nicht ich? Hindert dich nicht nur dein armseliger
Körper, diese lächerliche leere Höhle? Mach dich doch frei. Sei groß, sei ewig.
Nimm, nimm das Angebot. Greif zu. Jedem Leben wird nur eine Chance gegeben,
alles andere ist Zwang. Dies’ ist deine Chance. Nur einen Satz brauchst du zu
denken: nicht mehr sein! Sieh, wieg' ich dich nicht schon in meinen
Versprechen? Die Wellen sind meine Boten, meine Diener, deine Träger, dein
Verlangen. Sie schaukeln dich, damit du mir glaubst, damit du siehst, dass ich
dich wirklich liebe. Ich bin doch dein Ich! Ich spreche wahr! Komm, komm..
Zweifelst du noch? Du traust mir noch nicht? Hängst du etwa an der
Verzweiflung, an dem, der dir die Kehle schnürt? Komm zu mir, und er lässt dich
frei. Wozu glaubst du denn, bin ich geschaffen. Für euch! Für dich! Nur für
dich. Zu deinem Guten. Alles ist zu eurem Leiden bestimmt, nur ich bin das
wahrhaftig Gute. Ich bringe das Licht! Ich biete mich dir an und du zweifelst,
zweifelst wirklich.
Sieh,
wenn du mich rufst, komm’ ich nicht. Wenn ich komme, rufst du mich nicht. Nur
einmal komme ich, wenn du mich nicht gerufen hast, aber mich brauchst. Ich
komme freiwillig, weil du mich vergessen hast, weil du nicht weißt um die
Wärme, die von mir ausgeht, weil du nicht weißt um die Geborgenheit, die du in
mir findest. Vertrau dich den Boten an. Lass einen Augenblick nur dir befehlen,
ach, lass sie einen Augenblick dich lenken.
Komm,
komm...
Seine
Beine wurden schwerer, seine Arme langsamer, und er stand auf der Schwelle. Er
taumelte nach vorn, fing sich nach hinten, schwankte, schwankte und ging
zurück, fort von dem Schmeichelnden.
Das
Schiff war kaum noch sichtbar. Er spürte den stärker werdenden Griff am Hals
wie er ihn als Kind empfunden hatte, wenn er weinen wollte, aber sich zwang,
die Tränen zurückzuhalten. Mein Feind, mein Tod. Es ist nicht das Wasser, vor
dem ich mich fürchte. Das Wasser ist nicht mein Tod, sondern unser beider
Diener. Es trägt mich ist friedlich und wartet auf meine Schwäche, um mich
fallen zu lassen. Mein Feind sitzt mir im Nacken und wenn ich auf dem Rücken
schwimm, hockt er sich auf meine Brust. Nein, lieber im Nacken als auf der
Brust, und er tauchte tiefer unter Wasser nur weil er die Umspülung wie einen
Schutz fühlen wollte.
Wieder
weitete sich der Horizont. Das Schiff, ein Punkt nur noch, an den er sich
klammerte. Verlass mich nicht, bat er. Bleibe dort, wo du jetzt bist. Mehr
verlang ich ja nicht. Warte dort, ich schaffe es zu dir. Ganz leicht schaffe
ich es, du musst nur warten. Solange ich dich sehe, gebe ich nicht auf.
Wenn
ich nur immer vor den Wellen schwimme, bist du gar nicht zu verfehlen. Ich
schwimm direkt auf dich zu!
Ich darf mich nicht
umdrehen dachte er plötzlich, Hinter mir ist alles leer. Hinter mir ist das Nichts.
Ich darf nicht auf dem Rücken schwimmen, sonst seh
ich das Nichts. Nur zum Schiff darf ich blicken, nicht nach hinten. Aber er
lockt mich so sehr. Vielleicht ist ein anderes Schiff in deinem Rücken.
Nein hinter mir
sitzt Er!
Hinter dir ist ein Schiff.
Ist es ein Schiff
oder das Nichts.
Soll ich mich
umdrehen? Vielleicht ein Schiff? Sein Herz begann zu jagen, und eine gewaltige
Kraft zerrte an seinem Kopf, der von dem Punkt an Horizont nach vorn' gerichtet
war. Es ist etwas in meinem Rücken! Wer ist es, was ist es!
Für den Bruchteil
einer Sekunde durchlebte er den Gang des Odysseus durch die Unterwelt, und er
hörte eine leise Stimme. Dann von vorne: mach dich nicht verrückt, verschon
dich doch vor diesem wahnsinnigen Spiel. Alles ist Einbildung. Dort ist das
Schiff, das siehst du, und hinter dir ist nichts. Nichts als Wellen und Himmel.
Und er hörte die leise Stimme hinter sich. Er konnte nicht mehr und sein Kopf
flog herum und ihm war als eile ein Schatten davon. Er sah wie der nächste Berg
auf ihn zu kam, hoch und erdrückend.
Er schien ihn
töten, überrollen zu wollen, wie ein aufsässiger Diener und hob ihn dennoch auf
den Kamm, wo er durch die weite Öde nicht einmal mehr erschreckt wurde.
Was hast du denn
erwartet? Ein Rettungsboot vielleicht? Ein Schiff? Dummkopf! Lässt du dich von
ihm narren? Merkst du nicht, wie er auf deiner Brust sitzt, wie er dir an der
Kehle sitzt, wie er von vorne ruft? Vom Schiff her? Er ruft! Er ruft von unten
von vorne. Er ruft von dort, wo du ihn nicht sehen kannst. Er will dass du ihm
nachhetzt, dass du ihn suchst. Er will, dass du dich umdrehst, ihn hier findest
und dort und dort und dort, bis du ihn unter dir suchst, und das ist deine
Schwäche. Die Wellen lassen dich fallen, deine Diener verraten dich. Verschließe
deine Ohren! Denke nichts mehr. Sieh nur das Schiff da vorn auf dich warten und
schwimm hin. Immer vor den Wellen. Nur schwimmen, nichts denken, nur schwimmen.
Und das Taschentuch? Meine Hand ist schon ganz verkrampft. Jeden Muskel musst
du lockern und lösen. Du muss so entspannt wie möglich schwimmen, ganz leicht,
wie vorhin, als du auf der Seite lagst. Nur das Wasser hörtest du brausen oder
war es mein Blut? Steck das Tuch in die Hose, aber achte, dass du es nicht
verlieren kannst.
Er
lag auf dem Rücken. Halb unter das Gummiband seiner Unterhose steckte er das
Tuch, dass es festgeklemmt war.
Dann
blickte er auf die Uhr. Ohne festzustellen wie spät es war, folgte er nur dem
Sekundenzeiger, der sich wie zu jeder anderen Stunde drehte und drehte. Der
Mensch ist nie verlassen, und wenn es nur das Leben einer Uhr ist, das mit uns
ist. Er liebte das kleine Wunderwerk, das sorglos wie ein Kind zu spielen
schien. Er dachte, der Sekundenzeiger ist das Kind. Ein Kind voll Vertrauen, Es
hat nichts weiter als seine Spiele, und die sind seine Zeit. Die großen Zeiger
werden wohl die Eltern sein. Sie sind auch zufrieden und viel ruhiger. Sie
achten nur auf ihr Kind. Das ist ihre Welt. Eine gefahrlose, eine angstlose
Welt. Ach, ich liebe euch alle drei. Und mir habt ihr euch anvertraut. Das war
dumm. Ich kann für nichts mehr gerade stehen. Aber es freut mich, wenn ihr euch
sicher fühlt bei mir. Ihr seht mich nicht einmal an, so sehr seid ihr von mir
überzeugt. Das ist gut. Ich werde euch nicht enttäuschen. Euer Vertrauen verpflichtet
doch. Sein Körper entspannte sich, so gut es ging.
Er
schwamm mit beiden Armen und stellte dann erst fest wie spät es war. Nach
seiner Rechnung schwamm er etwa eine halbe Stunde. Mein Gott. Wir lange soll
ich das aushalten. Es ist wirklich sinnlos. Wie soll hier je ein anderes Schiff
herkommen. Innerhalb fünf Wochen oder Monaten fährt vielleicht eines vorbei.
Wahrscheinlich war unseres das erste, das diese Stelle passiert hat. Es ist so
sinnlos noch zu schwimmen. Warum lässt du dich nicht fallen. Hab ich überhaupt
noch eine Chance? Ich werde einmal alle günstigen Möglichkeiten durchdenken.
Die günstigste wäre, dass man mein Fehlen an Bord bemerkt hat, nach mir sucht
und umkehrt. Vielleicht ginge es auch noch, wenn sie mich um fünf vermissten oder
sagen wir halb sechs, denn später als in einer Stunde kehren dien nicht mehr
um, weil sie mich bestimmt verfehlen. Ach was, ich rede schon wieder irre. Wer
sollte wohl auf darauf kommen, mich vor acht Uhr zu suchen. Kein Mensch. Wenn
ich nicht beim Frühstück erschein, kümmert sich auch niemand darum. Wäscht sich
wahrscheinlich oder etwas ähnliches werden sie denken und es nicht laut
erwähnen. Ich sage dir, die fahren weiter. Und sollten sie es schließlich
merken, ach, unter Umständen erfährt Charles es erst heute Abend, und bis
dahin…
Wenn
das die günstigste Möglichkeit ist, habe ich so gut wie keine Chance. Aber
vielleicht kommt ein anderer Kahn vorbei. Vielleicht! Ja. Ich hoffe, dass ein
anderer Kahn vorbei kommt. Zufällig. Es gibt die größten Zufälle! Nichts
spricht gegen einen Zufall. Meine Chancen steigen wieder. Ersten kann mein Kahn
zurückkommen, und zweitens ein anderer vorbeikommen. Was gibt es noch? Ich muss
überlegen. Ob einer an Bord etwas von mir wollte? Der Käpt'n oder irgend einer?
Nein, die wissen alle, dass ich Wache hatte, und wer nach der Wache schläft,
wird nicht gestört. Wenn ich wenigstens auf etwas Schwimmendes stoßen würde,
einen Balken, eine Bohle. Ich könnte die Arme ausruhen. Auf jedem Berg muss ich
Ausschau halten nach einen Stück Holz, einer Kiste oder einem Fass.
Manchmal
wirft man so etwas über Bord. Dann werde ich meine Arme ausruhen. Als er daran
dachte, die Arme nicht zu bewegen, fiel ihm ein, dass er einen Krampf bekommen
könnte. Ein Krampf im Arm ist nicht schlimm, aber einer im Bein lässt dich
untergehen. Hol dich der Satan! Meinst du etwa, ich schufte mich hier ab, um
mit einem Krampf zu ersaufen? Ich brauche das Bein nur gerade zu machen und die
Zehen nach der Nase zu biegen, wenn er kommt. Ganz stark, und das Knie ausgestreckt
halten. Ich muss mit einem Bein schwimmen können. Er schwamm auf dem Bauch und
hielt einfach ein Bein steif. Also, das geht nicht. Ich muss mich umdrehen.
Jetzt war das Linke steif und es ging nicht so schnell unter wie vorher, als er
anders herum geschwommen war.
Ich
muss oben bleiben. Wieder wollte er nur mit einem Bein paddeln, aber das andere
machte, steif wie es war, einfach Schwungbewegungen noch außen und nach innen.
Er sah beide Beine in gleicher Haltung und die gleichen Bewegungen machen. Es
hält mich über Wasser, obwohl es sehr anstrengt. Oberhalb der Schenkel entstand
ein Schmerz, der beide Beine gleichermaßen ergriff. Als er zu stark wurde,
drehte er sich herum und schwamm normal weiter. Zwar halt ich's nur kurze Zeit
aus, aber ein Krampf dauert ja auch nicht ewig. Der Schmerz klang langsam ab
und kam nur zurück, wenn er die Beine zu sehr anstrengte, manchmal, wenn er sie
zu weit ausschwang.
Bei
jedem der Berge versuchte er,
soviel Wasser wie nur möglich abzusuchen, aber nichts Schwimmendes war zu
entdecken. Du bist ein Feigling, sagte er plötzlich laut zu sich. Ein großer
Feigling. Du versteckst deine Gedanken vor dir selber. Warum schimpfst du dich
nicht aus. Warum schreist du dich nicht. Warum sagst du dir nicht selber, das
du alles treu und brav verdient hast! Treu und brav mit deiner Dummheit
verdient hast. Warum verfluchst du dich nicht! Warum bist du noch nicht
ersoffen, Feigling? Ersauf doch, lass dich doch unter Wasser ziehen. Meinst du
eine Dummheit, wie du sie auf der Reling vollbracht hast, ist es wert, dass du
auch nur eine Minute über Wasser bleibst? Er spürte sein Gesicht heiß werden.
Ja, werde nur rot. Schlag dich nur mit dem Wasser!
Arme
und Beine wurden langsamer. Nur das erste hatte er laut gesagt, das andere
schrie ihm sein Innerstes zu, und er schämte sich um so mehr. Seine Wangen
glühten, es brannten ihm die Augen, und das kam nicht vom Salzwasser. Dann
gewahrte er sein langsames Untersinken und mit jeher Heftigkeit bewegten sich
Arme und Beine von Neuem. Im selben Augenblick schrie er heraus, und seine Arme
trommelten es auf das Wasser: Ich will! Ich will leben! Leben! Ich will leben!
Ich will! Wasser schlug ihm in den Mund und in die Lunge. Er hustete, schluckte
und keuchte. Seine Augen traten hervor, und nur mühsam, bei den wildesten
Bewegungen seiner Hände, die mehr in die Luft griffen als in das Wasser, kam er
wieder zu sich.
Das
darfst du nicht wieder tun, darauf wartet er nur. Bleibe ruhig, ganz ruhig.
Denk an andere Dinge, an Bäume, an Frauen, denk an Sydney. Er dachte an die
große Dummheit. Dann wieder, ich bin dir nicht mehr böse, nur, wenn ich mir
vorstelle, wo ich jetzt bin und wie lange ich noch hier bin, während ich in der
Koje schlafen könnte, wird mir elend. Nein, nicht daran denken. Ein
tausendfacher Feigling will ich sein, wenn ich nur wieder herauskomme. Ich will
hier wieder raus! Tränen drängten sich in die Augen. Ich will aber nicht
weinen. Und ich bin kein Feigling, auch wenn ich weine. Ich kann nicht mehr!
Ich kann nicht mehr! Unaufhaltsam flossen die Tränen. Er rief seine Mutter und
nur ihr Name war da. Ihren Namen zu sprechen und dabei weinen zu dürfen, war
ihm ein unendlicher Trost. Noch einmal flüsterte er das geheimnisvolle Wort,
dann versiegten die Tränen, und er war so sehr erleichtert. Die Gedanken an die
Dummheit waren fort und auch daran, dass er, er der kleine Mensch, in diesem
Meer, in diesen All der Verlorenheit sein bisschen Leben zu retten suchte.
Der
Gedanke an seine Mutter zauberte die Erinnerung, und er glaubte ihr Streicheln
zu fühlen. Ihre Hand glitt über sein Haar und über die Wange und wieder und
wieder, und sein Kopf lag in ihrem Schoß. Einmal sah er ihr Gesicht, gütig,
jung und lächelnd, sonst waren nur ihre Liebkosungen. Sie tröstete ihr Kind mit
so viel Liebe wie es ihr wohl nie in Leben gelungen war. Ihre Ruhe ging auf ihn
über, und er schwamm und schwamm und schwamm. Gleichmäßig waren seine Züge und
sein Atem, und er schämte sich nicht geweint zu haben.
Das Schiff war am
Horizont verschwunden. Als er das bemerkte, dachte er, ich schere mich herzlich
wenig um meine Chancen. Ich schwimme immer vor den Wellen her. Genau vor den
Wellen, damit ich hinter unserem Schiff bleib. Ich will ruhig bleiben und abwarten
was geschieht. Schwimmen werde ich und mich nicht um den kümmern, der mir im
Nacken hockt. Mag er quälen, so viel er will. Er wandte den Kopf etwas seitlich
und sah eine leere aber verkorkte Flasche. Sie trug kein Schild mehr und auch
ihr Inneres war ohne Zettel. Sie schlug im Wasser hin und her und er hatte kein
Interesse an ihr. An ihrem langen Bleiben stellte er nur fest, das ihn seine
Schwimmbemühungen so gut wie gar nicht vorwärts brachten. Umso besser. Desto
weniger kann ich mich von meinem Platz entfernen.
Es verwunderte ihn
dass er die Flasche nun erst zu Gesicht bekommen hatte, da sie kaum zwei Meter
von ihm entfernt war. Wir beide haben ein Geheimnis, und sie wurde ihm doch ein
wenig lieb. Du hast mich getroffen und ich dich. Du bist so allein wie ich.
Nein, du bist ja viel einsamer als ich. Sieh mal, ich kann mich mit mir
unterhalten und du nicht. Ich habe meine Uhr, und dann liegt mir noch etwas
daran wieder herauszukommen und dir nicht. Ihr weißbrauner Korken hüpfte im
Wasser, als er mit der Hand kleine Wellen machte, so als zucke sie bedauernd
die Schultern. Du glaubst doch nicht, dass du es besser hast als ich, redete er
sie wieder an. Ich habe zwar so gut wie keine Chance, aber immerhin die
Gewissheit noch zu leben, während du eine Chance hast nicht unterzugehen aber
keine Hoffnung je zu leben. Sage selbst, was mehr wert ist: eine Chance ohne
Gewissheit zu leben, oder eine Gewissheit ohne Chance zu leben. Du kannst das
natürlich nicht erkennen. Schwimm weiter meine liebe, gute Flasche, vielleicht
verbirgt sich in dir ein Geist, der über ungeahnte Kräfte verfügt. Wer weiß?
Mir fehlen nur die Mittel dich zu öffnen.
Langsam
trennten sie sich voneinander. Sie blieb zurück und er sah sich nicht mehr nach
ihr um. Es ist schwer, keine Flasche zu sein. Bin ich doch selbst eine. Ich
schaukle auf den Wellen und wackle mit dem Kopf wie sie, rede dummes Zeug
während sie schweigt. Ja sie hat es besser, weil sie keine Angst hat. Ihr hockt
keiner im Nacken, um sie hinunter zu drücken. Ihr Korken ist dicht. Und wenn
sie untergeht, was macht es ihr schon aus! Was macht ihr schon aus, ob ein
Schiff vorbeifährt oder fortfährt. Sie wackelt nur mit dem Kopf. Sie wackelt
nur, wackelt, wackelt.. Zum Teufel mit der Flasche! Hoffentlich säuft sie ab!
Ich wünsche ihr, dass sie absäuft und nie wieder hochkommt. Alle sollen
absaufen, alle, alle, alle!
…Charles
auch? Und Gerd und der Zimmermann und deine Mutter? Deine Mutter auch? Soll
deine Mutter auch ersaufen, nur weil eine Flasche mit dem Kopf wackelt? Nur
weil ein Flaschenkopf so bedenklich wackelt? Nur weil du genau weißt, dass du
lieber ein Leben ohne Chance aber in Gewissheit lebst? Nur weil du wütend bist,
dass dich das Schicksal vorher nicht gefragt hat? Nur deshalb willst du die
Welt zerschmettern? Oh du Ärmster!
Warum
lebst du denn dann noch! Warum hast du dich nicht getötet als es noch Zeit war?
He? Warum willst du weiterleben, Rechte fordern, wenn du die einzige
Verpflichtung nicht wahr haben willst? Die einzige Bedingung, dich vom
Schicksal führen zu lassen, he? Sprich doch! Antworte doch! Sogar deine Mutter
willst du töten! Nein! Das habe ich nicht gesagt! Meine Mutter nicht! Nein,
meine Mutter nicht! Charles auch nicht und die anderen? Nein, keinen will ich
töten! Ach, was soll ich denn tun! Ich kann nicht weiter. Ich kann doch nicht
immerzu geradeaus schwimmen. Immerzu und immerzu. Nur geradeaus!
Ich
werde wahnsinnig, wenn ich immerzu die Berge vor mir sehe. Immerzu die gleichen
Berge. Einer wie der andere, alle sind gleich. Warum kommen die Wellen nicht von
der Seite, ganz einfach von der Seite. Sie sollen von der Seite kommen. Ich
will, dass sie von der Seite kommen! Dreh' dich doch um! Schwimm doch ein Stück
zur Seite. Nur ein paar Minuten. Du hast doch eine Uhr. Schwimm vier Minuten
'rauf und vier Minuten runter. Oder schwimm zurück. Zurück?! Zurück soll ich
schwimmen? Nie! Zurück darf ich nicht. Das Schiff! Wenn das Schiff kommt, und
ich schwimme zurück, fährt es vorbei, findet mich nicht. Ich darf nicht zurück
schwimmen und auch nicht zur Seite! Nur geradeaus, nur geradeaus darf ich
schwimmen. Immer weiter, immer weiter. Und er hörte wieder die Stimme rufen:
Komm’, komm’. Hier bin ich. Seitwärts! Komm doch. Schwimm seitwärts. Hier bin
ich, hinter dir. Schwimm zurück, und die Wellen werden von vorne kommen. Du
siehst sie kommen und nicht mehr enteilen! Sie kommen näher und näher, heben
dich, tragen dich. Es ist viel leichter. Schwimm zurück! Es flüsterte ihm ganz
nah am Ohr, und es drückte ihn hinab. Nein! Er warf sich herum und schwamm
genau gegen die Wellen. Es war ein befreiendes Gefühl.
Das
Wasser stand in seinen Diensten, hob ihn, schien ihm unter die Arme zu greifen.
Er beobachtete die Berge, und als er fünfzehn gezählt hatte, drehte er sich wieder
um und hörte keinen Rufer mehr. Ohne es zu wollen zählte er weiter. Er zählte
die Wellen, die von hinten kamen, und bei neunzehn sagte er immer wieder
dreizehn als nächste Zahl, bis er den Fehler bemerkte und sich das Zählen
verbot. Hör auf, das macht dich wild. Und er zählte. Hör auf, sagte er, als er
schon wieder bei fünf war. Und er musste weiter zählen. Bei neunzehn blieb er
stecken und dann schwamm er auf dem Rücken und dachte an etwa
anderes. Über ihm war der schweigende Himmel, und nichts weiter war zu sehen
als die unendliche Tiefe des Raumes. Haltlos, nicht eine Wolkenfahne. Wer in
den Himmel fällt, fällt in einen tiefen Schacht, in einen tiefen See, nein, der
fällt ins Meer. Alles ist Meer, sogar der Himmel. Nicht einmal an eine Wolke
können sich meine Augen klammern. Früher, als ich noch klein war, konnte ich
mich mit den Wolken unterhalten. Sie waren meine Freunde, meine Verbündeten.
Ihnen erzählte ich, was niemand hören sollte. Später habe ich sie vergessen,
völlig vergessen. Und nun lassen sie mich im Stich, nun, wo ich sie wirklich
brauche.
Das
Schwimmen strengte nicht sehr an. Er achtete einzig darauf, direkt vor den
Wellen zu sein. Dann blickte er auf die Uhr, um zu sehen wie lange er schon
schwamm. Es war halb sechs. Ich muss mir überlegen, wie lange ich das noch
aushalten kann. Noch mindestens drei Stunden. Das ist ja doppelt soviel wie bisher! Das ist zuviel!
Zuviel heißt aufgeben! Diese eineinhalb Stunden waren ein Beginn. Wenn du nicht
mehr schwimmen kannst, wenn du dich nur noch über Wasser hältst, nur soviel, dass du Luft holen kannst, dann darfst du daran
denken, es nicht mehr zu schaffen, dann beginnt die Anstrengung.
Er
lag auf den Rücken und es arbeiteten nur seine Beine. Einmal schwang er sie zu
weit aus und spürte beim Zusammendrücken den Schmerz oberhalb der Schenkel. Du
musst dich vorsehen. Es dauerte eine Weile bis sich die Klammer lockerte und
den Beinen ihre Freiheit wiedergab. Er träumte von einer Möwe wie sie über ihm
segeln würde, und in Gedanken war er die Möwe, von den Wellen, dem Wind auf und
ab geschwungen, getragen. Weit streifte sein Blick in den Horizont und hinauf
in die Bläue des Himmels. Er zuckte zurück auf die einzelnen Wellenkämme wie
vorhin von der Brücke aus, blieb an einem weißen Kamm haften, versuchte den
Ausgewählten zu verfolgen, sprang auf den nächsten und zurück, und wieder war
allen verloren. Woher sollte auch eine Möwe kommen? Wenn Land in der Nähe wäre,
aber so? Wo sollte eine Wolke herkommen? Eine Wolke, eine Möwe als
Henkersmahlzeit. Henkersmahlzeit? Bist du denn verloren? Gibst du dich denn
verloren? Ich bin verurteilt, aber wann muss ich sterben? Ein Todeskandidat.
Welcher Todeskandidat lässt sich die Hoffnung rauben? Wenn ich meine Hoffnung
nur begründen könnte. Ich hoffe auf den Zufall! Ja, ich hoffe ganz einfach auf
einen glücklichen Zufall! Da darfst nur die Ruhe nicht verlieren. Ich finde es
auch ganz in Ordnung, dass ich weiterschwimme, obwohl es aussichtslos ist.
Solange ich nicht sterben will, habe ich eine Möglichkeit. Wenn ich sage, ich
will nicht sterben, enthält es doch viel mehr Widerstand, als wenn ich sage,
ich will leben, und ich habe eben gesagt, dass ich nicht sterben will. Wenn ich
sterbe, liegt das einzig an meiner Schwäche, daran, dass ich nicht mehr will.
Noch befiehlt mein Wille der Zeit.
Eins,
zwei, drei, vier... Er hatte sich herumgedreht und zählte die Wellen. Du
wolltest doch nicht mehr zählen, und während er mit sich schalt, zählte er
weiter. Fünf, sechs, sieben. Ihn machte das lange Warten auf die Nächste so
wild. Hör jetzt auf zu zählen. Acht, neun. War Neun schon vorbei oder nicht.
Ich weist es nicht. Da kommt sie. Also, neun. Ich bitte dich hör' auf. Lass sie
laufen. Denke nur daran, wie sie dich schaukeln. Zehn. Ich werde verrückt.
Bitte, du brauchst nur an etwas anderes zu denken Es gibt tausend andere Dinge.
Elf! Also, gut, wenn du unbedingt zählen willst. Meinetwegen. Zähl. Zähl immer
weiter, immer weiter. Zähle, bis du wahnsinnig bist. Nach zwölf kommt dreizehn,
vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn. Ihn hob die nächste
Welle. Zähl doch! Warum zählst du nicht! Ich lass dir ja deine Freiheit. Zähl
doch immer fort. Ach, dich stört wohl das Warten? Das Warten auf die Nächste?
Ja, warte nur und verzähl dich recht oft. Nach neunzehn kommt dreizehn nach
neunzehn kommt dreizehn. Armer Kerl! Du musst bis fünfzig zählen, das befehlt
ich dir! Du bist verloren, wenn du es nicht schaffst. Bis fünfzig! Aber du
kannst nur bis neunzehn. Habe ich neunzehn gehabt oder war es dreizehn? Teufel,
hör doch auf zu zählen! Er schrie den Satz übers Wasser und seine Stimme war so
verloren. Obwohl seine Gedanken rasten, wagte er doch keinen weiteren Ton, aus
Furcht vor dem einsamen Klang seiner Worte. Nicht einmal zu flüstern wagte er,
sosehr umschlang ihn die Verlorenheit. Ihn würgte das Verlangen zu weinen, aber
er dachte daran, dass er bis fünfzig zählen musste und erst bei neunzehn, war.
Er
dachte an früher, als er noch in der Lehre war. Morgens und abends hatte er
genau sechsundsechzig Stufen 'rauf und runter zu laufen, zum Umkleideraum, wo
sein Schrank stand. Und er musste immer zählen. Die erste Treppe hatte sechs
Stufen, die zweite elf, die dritte auch elf, dann dreizehn, zwölf und wieder
dreizehn. Und immer verzählte er sich, immer kam nach neunzehn dreizehn. Richtig
zählte er nur, wenn er ganz langsam hinauf ging, und dazu hatte man selten
Gelegenheit. Und wenn er auf der Straße ging, einer gepflasterten Straße,
zählte er die Steine bis zur nächsten Unterbrechung, einer Auffahrt oder dem
Straßenende oder einer zerbrochenen Platte. Danach fing er wieder von vorne an.
Auch durfte er nie auf die Spalte treten, die zwischen den Steinen waren. Warum
er wohl zählen musste. Und nach neunzehn kam dreizehn. Ihm fiel vieles wieder
ein, und während er sich darauf besann, brauchte er nicht zu zählen.
Er
schwamm mit dem Gesicht zur Seite gewandt, das eine Ohr im Wasser. Er überhörte
das dumpfe Brausen, welches von unten zu kommen schien und achtete nur auf die
längst vergessenen Menschengesichter, die ihm seine Erinnerung vorführte, mit
denen ihn gemeinsame Erlebnisse und jahrelanges Beisammensein verbanden. Über
ein Jahrzehnt hatte er nicht ein einziges Mal an sie gedacht Sie kamen und
gingen. Seine Freunde und andere, mit denen er sich nie gut verstanden hatte.
Gesichter tauchten auf, die er beizeiten, als sie noch täglich um ihn waren,
nicht beachtet hatte. Bilder aus seinen Kindertagen. Schulkameraden, Lehrer und
die Mädchengesichter aus der Zeit, in der er langsam zu erwachen begonnen
hatte. Mädchengesichter in denen sich eine ganze Welt verborgen hatte, eine
Welt, deren Zugang er so lange Jahre vergeblich suchte.
Sie
kamen und gingen, und alle hatten etwas Gemeinsames. Er ahnte es und
durchforschte die Gesichter, das Bestimmte zu erkennen. Warum kommt ihr alle?
Warum gerade jetzt? Eine Weile war er überzeugt, dass sie erschienen wären, um
ihn zu trösten, wie, vorhin seine Mutter als er seinen Kopf in ihrem Schoß
bergen durfte. Sie wollen mir Trost sprechen, dass ich mich nicht von ihm da
unterkriegen lasse, und er meinte den im Rücken, der ihn hinunter drücken
wollte, der ihn umflüsterte und rief. Ihr wollt mir
die Einsamkeit vertreiben. Es kamen neue Gesichter hinzu, und er kannte sie
alle. Sie kamen wieder und wieder und alle trugen das Zeichen, welches er nun
zu kennen glaubte. Wenn ihr mich trösten wollt, dann sagt mir doch ein liebes
Wort, und er sah in die schönen Mädchengesichter. Aber wie kann ich das von
euch erwarten, die ihr ja nie erfahren habt, wie sehr ich euch liebte, und von
euch, er sah andere, um deren Freundschaft er sich nie bemüht hatte, ja, denen
er ausgewichen war, und die ihn nun gleichermaßen besuchten. Er zweifelte an
ihrem Auftrag. Nein, sie sollten etwas anderes. Irgendwie ahnte er auch, was es
war. Diese Blicke, die ihn trafen, in denen er ein entschuldigendes, ja
zurückziehendes Lächeln, ein gewisses Achselzucken las, trugen die ganze
Wahrheit seiner Situation. Als er wieder die langsam davon rollenden Wellen
beobachtete, verließen ihn die Bilder.
Er
blickte in das grüne Wasser, das weiter weg dunkler zu werden schien, und auf
seine Arme, wie sie gleich Maschinen einem ununterbrochenen Rhythmus
gehorchten. Seine Arme waren weiß, und er musste an die Möwe denken, in die er
sich vorhin gewünscht hatte. Aber ich will nicht solchem Spuk nachhängen, ich muss
an etwas anderes denken. Was wohl die Gesichter wollten? Ach, du hast zu sehr
an die alte Zeit gedacht, wegen deiner Mutter und der Treppen vielleicht. Seine
weißen Arme bewegten sich wirklich wie die Flügel einer Möwe. Ich habe nicht
verstanden, was sie von mir wollten. Es ist alles verrückt! Weiße Flügel und
Gesichter und neunzehn und dreizehn, mit den Wellen und gegen die Wellen. Du
machst dich irre! Und die Flasche. Hat es die Flasche gegeben? Vielleicht habe
ich sie mir nur eingebildet wie den im Rücken. Nein! Der im Rücken ist wahr. Er
ist die einzige Wahrheit, die es für mich gibt! Flügel. Weiß Armflügel. Weiße
Flügelarme. Er hat ja gesagt, ich brauche nur nichts zu tun! Loslassen, fallen
lassen. Nichts weiter.
Sein
Kopf lag auf der Seite, er hörte das
Brausen in dem Ohr, er sah Gesichter, und er sah einen seiner Flügel. Möwe,
Gesichter, Schwingen, Schwung. Er kam etwas aus dem Wasser und glitt ganz
leicht wieder hinein. Er flog über sich. Vielleicht drei Meter über sich,
vielleicht tausend Meter über sich. Nur fallen lassen! Einfach loslassen. Seine
Schwingen bewegten sich ohne Anstrengung. Schweben lassen! Lautlos trug ihn der
Wind. Schwunglos sank er tiefer. Ein roter Schnabel. Wellen waren Wind und
Wasser. Der rote Schnabel schlitzte das Meer. Er segelte, trieb im Wasser, über
dem Wasser. Tausend Meter unter sich? Die Schwingen hingen leicht herab, und
tief unten trug es ihn noch. War es nicht ganz leicht zu sterben? Er schwebte
doch immer noch, eine Möwe tief unter sich. Sie hat dir die Schwingen gegeben,
damit du leichter gleitest, weiße Schwingen, die dich tragen. Du bist doch
schon oft gestorben, früher. Wie oft bist du in einen endlosen See gefallen,
von einem endlos hohen Turm in einen endlos tiefen Schacht. Oder war es Traum?
Es ist so leicht. Du sinkst, aber er wiegt dich, dein Tod. Dich wiegt die Möwe.
Du gleitest auf Schwingen, auf den weißen Flügeln, auf den weißen Flügelarmen,
auf den Armen!
Er
riss die Augen auf. Seine Arme bewegte ein rhythmischer Atem. Meine Arme! Meine
guten Hände! Verlasst mich nicht! Lasst mich nicht im Stich!
Oh!
Nun erst erschrak er heftig. Deshalb seid ihr zu mir gekommen! Ihr alle, alle!
Ihr wollt Abschied machen. Ja, ihr wollt von mir Abschied machen. Ihr gebt mich
wohl auf? Ihr denkt ich bin verloren? Denkt ihr das? Er sah keine Gesichter
mehr. Dann lasst euch von mir sagen, dass ich noch lange nicht verloren bin.
Noch lange nicht! Er hatte blaue Lippen, das wusste er, weil seine Hände blauweiß waren. Auch war ihre Haut faltig, was er manchmal
fühlen konnte. Und wenn ich am ganzen Körper blau bin, fertig bin ich noch
lange nicht! Jetzt fange ich an! Jetzt erst. Er hatte kein lautes Wort gesagt,
aber seine Bewegungen wurden energischer, wenn er auch gleich einsah, dass das
nicht viel zu seiner Rettung beitragen konnte. Er war keiner besonderen
Anstrengung mehr gewachsen.
Die
Angst hielt ihn über Wasser und zog ihn nach unten. Die Verzweiflung zwang ihn
zur Bewegung seiner Arme und Beine, wenngleich er damit kämpfte, sie
bewegungslos hängen zu lassen und sich dem Tode zu ergeben. Er wollte wieder
auf dem Rücken schwimmen, wagte es aber nicht, aus Furcht sein Rücken habe
nicht die Kraft sich zu strecken, denn er schwamm nicht parallel zur Oberfläche,
wie man schwimmt, um ein Ziel zu erreichen, sondern die Bewegungen seiner Beine
waren so kraftlos, auch wegen der Gefahr, dass er sie zu sehr anstrengen und
dann den Schmerz im Oberschenkel haben würde, dass er mehr im Wasser stand als
lag. Es galt ja nur sich zu halten und die Wellen genau von hinten nach vorne
laufen zu lassen.
Mein
Gott, schick mir Rettung, dachte er, und wie ein Kind, ich will auch immer an
dich glauben. Immer, immer, solange ich lebe. Rette mich, nur diesen eine Mal.
Erbarme dich!
Ja, er dachte
wirklich an Erbarmen, obwohl er keine rechte Vorstellung davon hatte, aber es
schien ihm als einziges Wort seiner Begriffswelt in der Lage zu sein, seine
Ohnmacht, sein Ausgeliefertsein, seine völlige Hilflosigkeit zu umfassen und
sein ganzes verkümmertes Ich, die Verantwortung, die er für sich empfand,
seinen Willen und seine Hoffnung zum Leben in die Hände eines Allmächtigen zu
legen. Für Sekunden flößte ihm das Wort die absolute Gewissheit seiner Rettung
ein. Er trank sie gierig und wäre vielleicht zu gewissem höheren Dank bereit
gewesen, wenn nicht sein Widersacher höhnende Worte dazwischen gerufen hätte.
Heuchler, hörte er, Feigling! Das Wort kannte er. Du bestehst nur aus
Selbstbetrug, aus Unwahrheiten. Hast du dir früher nicht hundertmal selbst
gesagt, dass du an keinen Gott glaubst? Und hast du nicht jedes Mal dazu
gesagt, dass du ganz genau weißt, dass du zu schwach bist, ihn auch in deinen
schwersten Stunden zu verleugnen? Warst du nicht immer überzeugt, dass du ihn
in Stunden der Not anrufen würdest? Und hast du dir nicht ebenfalls fest
vorgenommen, ja, einem nicht vorhandenen Gott gedroht, dass du ihn nach
gelungener Rettung mit der gleichen Überzeugung verleugnen würdest? Schon im
Voraus hast du ihm jeden Dank für eine Hilfe abgesprochen. Jede Hilfe hast du
ihm wie eine Erpressung vorgeworfen, denn du bist in Not, du willst leben, jede
Hilfe ist dir willkommen! Und dennoch tröstet mich der Gedanke an das Erbarmen
gab er zurück. Ich schenke ihm mehr Glauben als dir, denn nicht das Früher ist
die Wahrheit, sondern das Jetzt. Nur das Jetzt!
Als
er sich umdrehte, um auf dem Rücken zu schwimmen überkam ihn ein heftiger
Schwindel, und die Arme mussten ihre rhythmischen Zuckungen mit Gewalt
unterbrechen. Sein Kreuz lag wie eine Mulde im Wasser. Er streckte es, bis sein
Bauch dicht an die Oberfläche kam. Der wirbelnde Tanz des Himmels und der
Wellen wurde schwächer, um dann ganz aufzuhören. Er drückte sein Kinn auf die
Brust und sah dem Spiel der schwarzen Haare zu. Wie Seegras bewegten sie sich
hin und her, hin und her in schneller Folge. Lautlos und gleichmäßig. Zeitlos.
Er betrachtet sie, ohne sich mit ihnen verbunden zu fühlen. Fremder Körper. Nur
die Arme. Meine Arme sind es. Aber das Seegras und die Beine. Die Beine gehören
mir sicher nicht. Ich kann ihnen befehlen still zu stehen, aber sie bewegen
sich weiter. Ach, ich habe nur darauf zu achten, dass mein Kreuz gerade bleibt.
Wenn
die nun an Bord immer noch nichts bemerkt haben. Mein Gott, wenn die wirklich
noch nichts gemerkt haben und weiter fahren, als wäre nichts. Als wäre nichts
geschehen. Ich kann es nicht begreifen, und wie sollen die mich wiederfinden,
wenn sie tatsächlich umdrehen. Nein, nein, nicht daran denken.
Ich werde Ausschau
halten nach einem Stück Holz. Die Arme beginnen mir zu schmerzen. Vielleicht
finde ich einen Balken oder eine Kiste, nur zum Festhalten.
Sein Blick glitt
suchend zur Seite, und dann fühlte er wie sein Herz für Augenblicke zu Schlagen
aufhörte. Er war so über jedes Maß erschrocken, dass ihm sein ganzes Entsetzen
mit keinem Gedanken ins Bewusstsein drang. Sein Blick war starr. Etwa zehn
Meter von sich entfernt sah er eine schwarze, glänzende Flosse aus dem Wasser
ragen. Er lag in einem Wellental, und seine Augen hingen an den undeutlichen
Umrissen des dunklen Körpers unter der Flosse. Die nächste Welle ließ sie etwas
tiefer eintauchen, dass nur noch die Spitze heraus sah. Der Körper war
verschwommen, und bei der zweiten Welle tauchte er mit einer einzigen Bewegung
weg. Nichts war mehr zu sehen. Ein Hai schoss ihm das Signal in den Kopf. Er
wird gleich wieder auftauchen, näher als zuvor. Und ich habe kein Messer,
nichts. In seinem Kopf jagten sich Angst und Mut wie das sprunghafte Pochen in
seiner Brust. Aber, wenn er kommt, zeigt er den Bauch nach oben. Dann sehe ich
das Weiße. Er wird wieder auftauchen. Ich darf keine Angst haben. Angst sollen
sie spüren. Nur den, der Angst hat, greift er an. Wo wird er auftauchen? Ich
darf mich nicht überraschen lassen. Er wandte den Kopf zur anderen Seite und
bei der dritte Welle versuchte er rundherum alles abzusuchen. Immer noch lag er
auf dem Rücken und als er den Kopf verdrehte, um nach vorne zu sehen,
durchstach ein stechender Schmerz seinen Hals. Das also ist mein Tod! Dann aber
konnte er den Hals noch wie vorher beugen, und er wusste, dass er nur irgend
einen Halsmuskel unglücklich bewegt hatte.
Er drehte sich um,
dass er auf dem Bauch schwamm, sah ins Wasser nach vorne, nach hinten und
suchte die Wellentäler ab. Ich kann mich nicht wehren. Ich bin ihm ausgeliefert.
0h, hätte ich mich vorhin nur absaufen lassen, statt mit der Flasche zu reden
und dem im Genick. Jetzt ist ein Hai da, und ich kann mich nicht wehren. Da,
ist er... Nein. Oder doch? Ach, es war ein Wellenspritzer. Und da? Nein, nein,
das ist nichts. Er wird gleich kommen. Aber lass ich mich fallen, so kann ich
vor Angst nicht ertrinken. Meine Güte, warum muss das sein. Bin ich nicht schon
genug für meine Dummheit gestraft? Von hinten! Nein. Er schwamm im Kreis, und
der Hai kam noch immer nicht. Durch die Kreise treibe ich ab, aber die zehn
Meter machen nichts aus.
Du
hoffst also noch auf dein Schiff? Hoffen! Ja, vielleicht hoff ich noch. Es ist
doch eine Chance.
Ich
schwimme zehn Kreise und, wenn er nicht auftaucht, wieder geradeaus. Er schwamm
und seine Augen suchten die Wellentäler und -rücken nach einer schwarzen Flosse
und einem dunklen Körper ab. Zehnmal herum. Dann sagte er sich, dass der Hai
viel mehr Zeit habe als er und irgendwo lauere, und er schwamm noch einmal zehn
Kreise. Die lauernde Gefahr trieb ihn herum und herum. Im Dunklen glaubte er
den nahenden Schatten zu sehen und im hellen den nach oben gekehrten Bauch. Für
fünfzehn Hügel, die er genau abzählte, hielt er inne, dann schwamm er ein
letztes Mal zehn Kreise, die doppelt so groß waren wie die ersten. Seine Angst
hatte sich etwas gelegt, aber dem großen Schrecken folgte eine weit größere
Schwäche. Er konnte die Finger nicht mehr gegeneinander legen. Die Hände waren
halb geschlossen, als hielten sie einen unsichtbaren Stock umklammert und
harkten kraftlos durch das Wasser. Der ganze Körper zitterte, und das Herz
pochte in wilder Anstrengung. Glaubte er die Beine bei den einzelnen Zügen fest
gegeneinander gelegt zu haben, so waren die Füße noch vier Handbreit
auseinander. Knickten seine Arme ein, dann blieben sie auch bei der größten
Mühe, sie wieder auszustrecken, angewinkelt. Ihm wurde übel, und mit dem
Schwindel stieg die Willenlosigkeit in seinen Kopf. Nur dem automatischen
Zucken seiner Arme und Beine war es zu verdanken, dass er über Wasser blieb.
Sie gehorchten keinem Gedanken mehr. Ihr Aussetzen wäre sein Tod gewesen, und
er hätte sich nicht dagegen gewehrt. Er war nun ohne jede Furcht, und als ihn
der Taumel verließ, dachte er nur: ich will nicht, ich will nicht mehr. Ich
habe keine Chance. Soll er kommen. Ich will nicht mehr ins Wasser sehen, und
ich will nicht wissen von wo und wann er kommt. Soll er kommen oder nicht. Ich
habe mein Möglichstes getan, alles was ich konnte. Nun bin ich am Ende. Ich
kann nicht mehr, mir fehlt die Kraft zu wollen. Bis die Arme und Beine stehen
bleiben, dann lasse ich mich fallen.
Mir
schmerzen die Oberschenkel und die Schultern und das Genick. Ich warte auf den
Hai und auf das Ertrinken.
Ihn
würgte die Übelkeit im Halse. Zweimal krampfte sich sein Magen zusammen, dass
er mit dem Gesicht ins Wasser schlug. Er schloss jedes Mal den Mund, damit das
Salzwasser nicht von ihm geschluckt werden würde. Über ihm war blauer Himmel
und eine ganz klare Sonne. Die Wellen kamen in ihrem Gleichmaß und waren seine
Diener und Todesboten in einem. Als sich sein Magen entspannte, atmete er
gerade bei einer überkommenden Welle. Das Wasser drang in seine Lungen und er
schluckte und schnappte nach Luft, bis ein zerreißender Husten seinen Körper
hin und her warf. Sein Kopf war wieder an der Oberfläche, und die Arme schlugen
aus dem Meer. Aus Mund und Nase hustete und keuchte er das eingedrungene
Wasser, und ihm brannten die Augen. An seinem Hals schlug ein harter Puls,
Sterne und rote Kreise wirbelten vor dem Gesicht.
Er
erzwang den Rhythmus der Arme und Beine
wieder und den seines Atems, aber um seine Augen blieb der Kranz aus Funken und
glühenden Splittern, die ihm seine Schwäche zeigten. Er flehte sich selbst um
Ruhe an, und als sein Blick auf die Uhr fiel, zweifelte er daran, vorhin
Gedanken gefunden zu haben, in den Zeigern lebende Wesen und aus der monotonen
Gleichförmigkeit ihrer Bewegungen eine Verpflichtung für sich hatte erblicken
können. Wie lange noch, stöhnte er in sich hinein, und er sah, dass der größte
Schmerz der ist, den man sich selber auferlegen muss, so wie er sich zum
Weiterschwimmen zwang. Mein Gott, mein Gott, ich kann doch nicht mehr! Und
dennoch trieb es ihn. Wer wen zum Leben zwang konnte er nicht sagen, ob er
seinen Körper oder sein Körper ihn.
Es
war halb sieben Uhr, und er rechnete nach, wie lange er schon von Bord war.
Zweieinhalb Stunden, stellte er fest. Drei Stunden waren das Mindeste. Drei
Stunden hatte er sich vorgenommen, aber auch von Anfang an gewusst, dass er nur
wenig darüber schaffen würde. An Bord dachte sicher keiner ans Umkehren. Könnte
ich doch eine kleine Pause einlegen, aber das wäre sicher wie beim Wandern,
wenn man wunde Füße hat. Sie schmerzen und man sehnt sich nach kurzer Ruhe.
Scheinbar erholen sie sich auch sofort, wenn es aber weitergehen soll, glaubt
man nicht mit den zerschmetterten Füßen je einen Schritt gegangen zu sein.
Leichter geht man noch auf einem Nagelbrett. Besser ist es ohne Rast. Vielleicht
würden Arme und Beine einfach streiken?
Ihm
fiel eine Atemtechnik ein, wie sie ihn als Schüler gelehrt worden war. Beim
Vorstoßen der Arme atmest du aus, beim Heranziehen ein. Ganz regelmäßig: aus,
ein, aus, ein….
Mit
Gewalt zwang er sich zu diesem neuen Schritt, zumal sein Atem noch flog. Fast
nach jedem ruhigen Atemzug musste er ein paar Mal schnell Luft schöpfen. Aber
es gelang ihm immer öfter und er wusste, dass er seine Kräfte zu schonen hatte.
Der flimmernde Kranz seiner Augen hatte zwar an Stärke nicht zugenommen, war
aber auch nicht abgeklungen, so dass er seine Schwäche noch fürchtete. Zu
seinem Erstaunen ordneten sich die Stöße der Beine in die der Arme in den
Rhythmus des Atems ein. Es war ein harmonischer Dreiklang und in unerklärlicher
Weise brachte es ihm Ruhe und ein leises Gefühl von Sicherheit. Sobald es ihm
gelang, alle Drei in Einklang zu vereinigen, durchströmte ihn Leichtigkeit und
Vertrauen zu sich selbst. Er hoffte dann nicht nur auf seinen Willen zu Leben,
den er trotz seiner Zweifel für den größten Kraftspeicher hielt, sondern in
ebenso großem Maße auf diese beruhigende Gleichmäßigkeit.
Er
ahnte die Schwelle zu einer großen Kraftquelle in sich, die unangetastet ruhte,
die nicht in seinen Diensten stand. Es war ihm, als sei er etwas gestorben, als
sei er teilweise tot, denn sein Körper schien ihm nicht mehr zu gehören. Ihm
wurde heiter ums Herz. Er war in seinem Körper und spottete doch, dass er immer
geglaubt hatte, sein Körper sei die Wohnung seines Ichs. Eigenartig und berauschend
in seiner Einfachheit. Vielleicht werde ich verrückt, dachte er. Ich bilde mir
etwas ein, was weder wahr und vorhanden ist, noch sein kann. Aber ich kann so
viel leichter schwimmen. Vielleicht würde ich erschrecken, wenn es nicht diese
Leichtigkeit mit sich brächte. Und dennoch ist es mir nicht neu. Dieses Gefühl
habe ich früher schon kennengelernt. Es kann nicht lange her sein, weil ich es
noch so deutlich in mir habe. Aber, wann und wo? Ich möchte lachen, nicht laut
lachen, nein, heiter sein. Nicht mit dem Mund lachen, sondern, ach, es ist
schwer zu sagen. Es gibt Menschen, die stecken alle an mit ihrem Lachen und
andere, die so traurig lachen, dass Tränen in die eigenen Augen steigen. Aber
es gibt auch Menschen bei denen ist das Lachen eben leicht, beflügelt, heiter.
Schaut man denen ins Gesicht, gibt es keine Schwierigkeiten mehr. Man möchte
lachen und weinen, alles ist grenzenlos. So fühl ich mich, grenzenlos. Oder ich
glaube dieses Gefühl nur zu kennen, weil ich mich danach gesehnt habe. Nein, ich
bin weder verrückt noch sonst etwas. Jetzt weiß ich es genau.
Heute
ist es das dritte Mal, dass ich es erfahre. Das erste Mal war es, als ich noch
nicht an Mädchen dachte. Acht oder zehn Jahre war ich alt und war verreist.
Aufs Land. An einem Nachmittag ging ich auf eine Wiese und legte mich dorthin.
Der Kopf lag etwas erhöht und das Gras wuchs wie eine schwankende Wand um mich
herum. Ich sah nur in den blaue Himmel und konnte mal eine weiße Wolke
verfolgen, wie sie langsam dahinsegelte, oder die Halme an meiner Seite
betrachten. Ich lag dort und träumte und wanderte mit den Wolken fort von mir.
Die Himmelswanderer waren meine Vertrauten denen ich alles erzählte. Wir zogen
weit fort und ich sah mich nicht ein einziges Mal nach dem um, dort im Gras und
dachte nicht mehr daran, dass ich am Tage zuvor das erste Mal in meinem Leben
einen toten Menschen gesehen hatte, mit einem zerschmetterten Kopf, ehe jemand
kam, der ein Tuch darüber legte und mir sagte, dass ich nach Hause gehen
sollte.
Das
zweite Mal war vor weniger als zehn Jahren. Wie verrückt war ich nach einem
Mädchen. Sah ich sie nur, so war mein ganzer Körper ein Wunsch, ein Zwang. Ich
wollte viel von ihr und bekam nichts, verfolgte sie und war blind, bis ich mich
in eine andere flüchtete, bei der sich mir nichts in den Weg stellte. Erst
danach ernüchterte ich von dem Taumel. In der Nacht entfloh mein Ich, und dem
Zurückbleibenden galt nur ein mitleidiges Lächeln. Es war eine unendliche
Befreiung. Genau wie jetzt. Vielleicht habe ich den Schritt ja schon getan,
eben, als ich suchte und nicht wusste, was mich Neues ankam.
Ich will meine
Grenzenlosigkeit durch nichts einschränken, durch den Gedanken daran oder wie
lange es dauern wird.
Er schwamm ohne
Mühe und wusste lange Zeit nicht, ob er etwas dachte und wann er etwas dachte.
Er überließ sich seiner Zeitlosigkeit wie ein Kind, dass sich selbst noch nicht
entdeckt, seinem Spiel oder Leben. Er durchlebte und durcheilte seine Gedanken
nach Räumen, die ineinander griffen, sich überschnitten, durcheinander wirkten.
Sie waren ein Chaos und bildeten eine geschlossene Einheit, ein Ganzes. Er
spürte das Nichts und war von Räumen so umdrängt, dass ihm der Atem fehlte. Auf
dem Kopfe schwebte er, und seine Beine schienen sich mit seinen Armen zu
vereinigen. Sein Mund war der rote Schnabel einer Möwe, und er lag zu gleicher
Zeit an der Brust einer Frau. Ein Tisch stand im Zimmer, und die Alpen waren
darauf aufgebaut. Er hielt einen Spiegel darüber. Alles stand verkehrt und
richtig. Er badete in den Fenstersee, der die Alpen spiegelte. Sein Körper war
eine wellende Bewegung, traumlos und zugleich die ganze Welt, jeden Gedanken,
jede Wahrheit, jede Zwittergeburt aus Gaukel und Wahrheit in sich vereinigend.
Er wurde das Bestandteil eines phantastischen Kaleidoskops. Einmalige Bilder
zerstörte er mit einer einzigen Handbewegung. Aus ihrem Tode die
Unwiderruflichkeit des Alten erkennend schuf er Neues und wusste gleichzeitig,
dass das Neue ja nur aus dem Alten bestehen konnte. Er durchzuckte Räume, wo er
nicht unterscheiden konnte, war es Farbe oder Musik. Beides schien gleichzeitig
ohne Grenzen zu wirken. Ein Wirken ohne Ende. Aufsteigend, abfallend, sich
ordnend und voneinander lösend, zerstörend und schaffend, alles war Eines,
alles war Nichts. Er durchbrach neue Wände, schuf neue Räume, Dufträume, die
festgehalten waren und schwebten. Sie wären greifbar gewesen, wenn nicht
absolute Willenlosigkeit seine Hände ihre eigenen Wege zu gehen gehindert
hätte. Er spürte den Duft, war selber Duft, Farbe, Musik und Raum, war selber wundervolle
Wandlung. Alles atmete, alles regte sich. Alles warb, alles drängte. Jeder
Atemzug tötete und gebar neues Leben. Blütenkelche waren groß wie Schluchten,
Blätter segelten in unbestimmtem, wiegenden Wind. Zwischen allem war er.
Allein. Sein Körper löste sich auf, fügte sich zufällig zusammen, tanzte wieder
fort, ohne Sehnsucht nach Vereinigung. Zu Größtem fühlte er sich fähig und maß
ihm die Bedeutung des Geringsten bei. Jedes Erlebnis zerstörte ein anderes, und
er wuchs und wuchs und war zu allem fähig. Er hätte alle geschriebenen und
ungeschriebenen Dramen, Jahrtausendealte Lieder, alles je Gedichtete, Erzählte
und Gedachte aufsagen können, und er sagte alles. Er sprach alles und sagte
keinen Ton. Die Gewissheit, es in sich zu bergen, ließ ihn schon alles
aufgesagt haben. Er betrat eine nie versiegende Kraftquelle. Der Tod konnte ihr
nichts anhaben, denn die Zerstörung war ihr Leben. Und was fürchtete er mehr
als den Tod? Jetzt war er doch unsterblich! Er verstand Bilder, die er
irgendwo, irgendwann gesehen hatte, gleich, ob sie die Wirklichkeit trugen oder
die herausgerissenen Fetzen seiner jüngsten Welt. Es gab keine Schwierigkeiten
mehr, kein Bedauern, kein Zögern, kein Hoffen.
Ihm kam eine Idee,
und er wusste dass dieses wirklich eine Idee aus dem Ursprung des absolut Guten
sein konnte, wenn nun Gott das ist, was ich hier sehe? Vielleicht ist Gott nur
der Glaube an das ewige Sterben und Leben? Oder gar Tod und Leben selber?
War es Hoffnung
oder Zweifel was ihn befiel. Seine Visionen waren fort. Nur manchmal noch, wenn
ihm der Dreiklang seiner Bewegungen gelang, vernahm er den Hauch jenes ersten
Gefühls. Alles war wie zuvor. Um seine Augen tanzte der Flimmer, der Körper
schien zu erwachen. Irgendwo wusste er um die Flucht seines Geistes, dass sein
Ich geflohen war, für Sekunden vielleicht nur, und nun dem Verbündeten wieder
zu dienen hatte. Geist und Körper, Illusion und Wahrheit, Hoffnung und
Verzweiflung fanden erneut zueinander.
In
seinem Rücken machte Er sich zu schaffen und bleierne Gewichte zogen ihn von
unten. Mit jedem Beginnen wurde der Kampf gefährlicher und drohender. Fürchtete
er im Anfang einen Krampf, so zweifelte er jetzt, ob er seinen Armen und Beinen
noch trauen durfte.
Wenn
er bis dahin die Sprünge seiner gehetzten Phantasie als entlastend empfunden
hatte, so war er nun daran, sie als ein Zeichen beginnenden Wahnsinns
hinzunehmen. Seine eben noch erlebte Gleichgültigkeit gegen den Tod hatte sich
in grausame Angst verwandelt.
Es
gab noch eine Hoffnung. Eine Hoffnung auf die Möglichkeit, den Weiterlebenden
wenigstens seinen Namen zu hinterlassen, die Hoffnung nicht völlig spurlos zu
verschwinden! Die Hoffnung, ein letztes Lebenszeichen zu übersenden. Ihn
überfiel der Gedanke mit einer alles verdrängenden Mächtigkeit. Der unendliche Zauber,
eine Aufgabe in sinnloser Öde erhalten zu haben, erfüllte ihn mit der Freude
eines großartigen, unerwarteten Sieges. Sie brachte ihm Gewissheit.
Rettung
war doch nur die Flucht seiner gequälten Gedanken gewesen und nichtig im
Vergleich zu diesem neuen direkten Ziel. Er musste die Flasche wiederfinden.
Ganz gleich wie. Ihm war eingefallen, dass sein Taschentuch an dem Ende einer
Kante seinen vollen Namen trug. Seinen Vornamen und seinen Nachnamen. Er
brauchte das Tuch nur um den Flaschenhals zu knoten, und es dem Schicksal zu
überlassen, es auch unter Menschen zu treiben. Hieran zweifelte er nicht. Er
befand sich plötzlich in einer ganz anderen Situation. Die spärliche Zukunft
war scharf umrissen, sie hatte einen Sinn erhalten. Er gab nichts mehr auf Rettung.
Nur noch die Flasche wollte er wiederhaben, musste er wiederhaben, und er würde
sie wiederfinden!
Ich
schwimme nicht mehr nach Zeit, sondern um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich es
schaffe, ihr das Tuch umzuknoten, bin ich bereit zu
sterben, dann kannst du mich holen, dann darf ich mich getrost abschreiben
lassen. Eigentlich ist sie gar nicht zu verfehlen. Ich werde ruhig schwimmen,
vielleicht ein wenig kräftiger als zuletzt und zielbewusster. Ach, es ist
schön!
Er
sah in den Himmel und war sehr zufrieden. In seinem Kopf herrschte Klarheit,
Überlegenheit. Die Wellen waren keine Boten mehr und keine Diener, sondern
seine nächste Aufgabe. Er betrachtete sie nüchtern als weghemmendes Element,
das überwunden werden musste. Die strahlende Sonne in der kristallenen Klarheit
des Himmels und den blendenden Reflexen des Wassers begrüßte er wie den frühen
Sonntagmorgen, der alles zu erfüllen verspricht, was man sich wünscht.
Er
bemühte sich die Beine zu schonen, damit der Schmerz in seinen Schenkeln wieder
abklingen würde. Er hatte ein Ziel, und das war mehr wert als alle Aussicht auf
Rettung. Seine Züge waren ohne Hast. Die verkrampften Finger störten ihn nicht
mehr. Welch eine Gewissheit war über ihn gekommen, welche Sicherheit in seinem
Schwimmen. Immer wieder glitt sein Blick in den Himmel, und er freute sich an
der so lange missachteten Lichtfülle. Es reizte ihn im Wasser zu plantschen,
vor närrischer, kindischer Lust. Auch dar war Rettung! Fast konnte er sich ein
wenig ärgern nicht gleich den Gedanken gehabt zu haben, als er in der Nähe der
Flasche gewesen war. Das berauschende Glücksgefühl überflügelte diesen leichten
Schatten jedoch, um das eigene Licht noch heller strahlen zu lassen.
Seinen
Geist überkam eine abwartende
Ruhe. Er vertrieb sich die Zeit mit Erinnerungen und dem einfachen Betrachten
der gleichmäßigen, schönen Wellenbewegungen. Manchmal, wenn ihn ein Kamm trug,
hielt er Ausschau, obwohl die Flache so bald nicht zu erwarten war, und erholte
sich, denn diese Reinheit und Durchsichtigkeit der Gedanken war ihm wie ein
Ausruhen. Nicht anders konnte Jonas im Leib des großen Fisches empfunden haben,
als er Gott seinen Psalm sprach und der Aufgabe in Ninive wieder bewusst wurde.
Welch ein Geschick, ohne Aufgabe zu leben!
Er
hatte die merkwürdigsten Visionen. Auf einer Allee ging er spazieren und besah
sich die vorübergehenden Leute. Vornehm gekleidet, mit ihren Hunden an der
Leine, die Kinder vor den Schaufenstern stehend, die Mädchen geschmackvoll und
frühlingshaft bunt gekleidet. Für Augenblicke lebte er ein Leben, dass er nie
kennen gelernt hatte. Selbst elegant angezogen, er, allen überlegen. Trotz
ihrer äußeren Gleichheit besaß er etwas vor den anderen, was ihn isolierte und
dieser Welt entzog, dieser Welt der puppenhaften Schönheit, der leeren toten
Schönheit. Nur selten glaubte er auch an anderen dieses Unbestimmte,
Absondernde zu bemerken. Statt der Fahrbahn floss ein breiter Strom, in welchem
er jetzt schwamm. Neben ihm gingen die Leute spazieren und Gesichter, die eben
unter den Gehenden waren, tauchten im Wasser wieder auf, blieben oder wanderten
zurück, schnell und langsam. Hin und her glitten sie, waren mal im Wasser, mal
im Trockenen. Manche bewegten sich ruhig, ausgeglichen, manche sprunghaft,
verzagt.
Solange
sie im Trockenen waren hatten sie freundliche, gleichgültige und maskierte
Mienen, die nichts verrieten über das Vorgehen im Strom. Waren sie aber im
Wasser, und das geschah ohne ihr Dazutun, so öffneten sich Ihre Augen
schreckensweit und ihren Mund wie in Verzweiflungsschreien. Sie klammerten sich
aneinander, gingen unter, tauchten auf und kein einziger kannte die
Wirklichkeit, die Gegenwart.
Selten
nur tanzte ein eiliger Blick vom Ufer auf das Wasser, der schnell genug, wie
gefährdet, zurück flog.
Er
allein schwamm in Ruhe. Ihn reizte kein Ufer. Er wusste um das Leben auf dem
Trockenen und den flüchtigen Blick vom Wasser fort. Nichts störte seine Bahn.
Seltsam und doch am natürlichsten war seine Angstlosigkeit. Mitleid erfasste
ihn zuweilen, wenn er die verzerrten Gesichter der Nachbarn sah. Ihnen schien
er unsichtbar zu sein. Sein Weg führte an allen vorbei. Weiter, weiter....
Er
fühlte sich unsagbar müde. Seine Müdigkeit war echt und stark, aber dem Willen
das Ziel zu erreichen, untertan. Das süße Versprechen, nach dieser letzten
Anstrengung den Wunsch eines endlosen Schlafes erfüllt zu bekommen, ließ sein
Bedürfnis zurücktreten.
Ihm
schienen die Schwimmbewegungen von einer vollendeten Gleichförmigkeit zu sein,
wenn er auch den Dreiklang kaum mehr erreichte. Immer öfter huschten seine
Augen, sobald er auf der Höhe eines Kammes war, in die Täler und auf die
benachbarten Berge. Mit einer leichten Drehung des Kopfes konnte er weite
Flächen überblicken. Der flimmernde Kranz hatte die Augen verlassen und nur die
Schärfe des Meerwassers ließ die Lider schmerzhaft brennen.
Ihn
leitete das unbestimmte Gefühl, dass die Flasche zu seiner linken auftauchen
würde. Hier und dort glaubte er schon ihren wackelnden Hals zu bemerken,
entdeckte dann aber bald die Täuschung, ohne darüber zu erzürnen, denn er
konnte ihr noch nicht begegnen, wenn er auch nicht allzu weit von ihr entfernt
sein konnte. Sein Blick tauchte in das immer tiefer werdende Grün des Wassers
hinab, und ihn durchlief keine Angst mehr vor der Grundlosigkeit. Den
oberflächlichen Farbenschimmer empfand er als wärmend und die Tiefe als
beruhigend. Die gleichmäßig sich hebende und senkende Brust, auf der er ruhte,
wiegte ihn ein, und für Sekunden träumte er von einer Frau. Um seine Hand floss
das Wasser so mild, als wäre es das duftende Haar. Seine Bewegungen waren
gleichsam die Liebkosungen eines unendlich sanften, weichen Körpers, ja, in
wunderbarer Weise fühlte er sich nicht nur eng an den Körper geschmiegt,
sondern war in ihm. Erfüllte ewige Sehnsucht wogte um ihn. Er war im Licht und
gleichzeitig einer endlosen Dunkelheit, Verlorenheit so nahe wie ein
selbstvergessener Mensch nur sein konnte. Nie in seinem Leben hatte er die Erfüllung
so deutlich geahnt. Ach, flüchtig strich der Gedanke an Rettung durch sein Hirn
und schien ihm lächerlich. Nichts war mehr wichtig. Er hatte ein Ziel, dem er,
wenn überhaupt, die einzige Bedeutung schenkte. Doch, erreichen wollte er es
unbedingt, aber war es für diesen Augenblick nicht wirklich bedeutungslos? Nur
für diesen einen Augenblick?
Als er sein Gesicht
erneut nach vorne wandte, schlugen ihm Schaum und Wasser zweier Wellen, die
sich vereinten, in Mund und Nase zugleich. Das Schicksal entriss ihn einem der
schönsten Augenblicke seines Lebens. In den Lungen war Wasser, und sein Körper
bog sich unter dem unterdrückten Zwang zu atmen. Eine zeitlang
war er ganz unter Wasser, weil seine Arme keine lohnenden Bewegungen mehr
vollbringen konnten. Sie schlugen zuckend umher. Trotzdem gelang es ihm wieder
hochzukommen und mit jämmerlichem Schnaufen und Zittern schöpfte er etwas Luft.
Seine Kräfte hatten wohl ausgereicht, einem ununterbrochenen Rhythmus zu
dienen, aber diese Aufwallung des Fleisches unter der drohenden Erstickung
kostete mehr, als er glaubte noch übrig behalten zu haben. Selbst in einer
halbwegs schwimmenden Lage vermochte er das Beben und Schütteln des ganzen
Leibes nicht zu unterdrücken. Jede Fiber war in wildem Aufruhr. Er zwang mit
einem Willen, der alles Leben in ihm umfasste, seine Beine und Arme wieder zu
ihren Bewegungen. Fast blieb das Gefühl, gegen die Wellen zu schwimmen, als
einziger Orientierungssinn, denn die geöffneten wie geschlossenen Augen nahm
eine flimmernde, tanzende, blitzende, rote Kulisse mit tausend Mustern und
Filigranen gefangen.
Erst
nach Minuten begann sich der Schleier allmählich zu teilen um dem Sonnenlicht
als neuem Peiniger Platz zu machen. Ihn blendeten die Reflexe, und niemals
zuvor hatte er so sehr nach Aufgabe und Selbstvernichtung verlangt, wie jetzt.
Gleichzeitig war er wie hypnotisiert von der Pflicht, die er zu erfüllen hatte.
War sie erst erledigt, mochte mit ihm geschehen was wollte, solange aber durfte
sein Wunsch nicht siegen. Unbeugsam war der Zwang gegen die Versuchung. Seine
despotische Macht zerschlug jeden Gedanken, der ihn zu verführen trachtete,
beim ersten Aufflammen. Sein Körper war bereit, das Letzte zu tun, aber bald
und schnell und nicht mehr als das. Voll Vertrauen sehnte er die Flasche herbei.
Ihn
schreckte das Ende nicht. Wie viel Angst hatte er schon ausgestanden, wie oft
war ihm der Tod lieber gewesen als das Leben. War er nicht ein Gezeichneter?
Ein vor allen Menschen Gezeichneter, ja ein Verfluchter? Klebte nicht Blut an
seinen Händen? Hätte er nicht bedenkenlos gemordet, wenn er die Möglichkeit
besessen hätte, vorhin als er der Flasche wünschte abzusaufen? Da sie als
Symbol seines Mordes an der ganzen Menschheit absaufen sollte? Wo waren
Schranken gelesen! Oh, die Verzweiflung ist die Hure der Hoffnung. Schmutz
gebärt sie, ein Stiefkind des Unglücks. Ihn hatte sie geboren. Er war Schmutz,
er war Abschaum. Und er liebte und hasste zugleich den, der ihn dazu stempelte,
denn er glaubte an das Gute in sich, welches das Böse verachtete, wenn er auch
beides in seinem Innern vorhanden wusste,
Gut
und Böse, dachte er, Gut und Böse. Er besann sich des Liederabends einer
japanischen Gastsängerin. Wunderschön zart sah sie aus in ihrem
landschaftsbetupften Kimono, den schwarzen Haaren, die das bleiche Gesicht und
das Dunkel der Augen betonten und der Zierlichkeit ihres Schreitens. Am Anfang
sang sie Lieder des Gastlandes, die trotz Ihrer allgemeinen Beliebtheit,
unschön und farblos wirkten. Der überaus zerbrechliche Klang Ihrer vibrierenden
Stimme, die ungewohnte Aussprache der sonst so wohlklingenden Worte übte einen
nervösen Reiz auf die Zuhörer aus, die dauernd der Exotik der Stimme verfielen,
aber vor dem Ablehnen des Verzerrten, Hässlichen zurück schreckten.
Als
sie später jedoch ihre heimatlichen Lieder sang, wandelte sich die Stimme in
das wunderbare Schluchzen versteckter Nachtigallen. Die Fremdheit und der
seltsame Zauber der Lieder hielten alle gefangen, weil sie in ihrer Echtheit,
Natürlichkeit und Schönheit das Gute schufen, das unwandelbar Gute.
Das
war der Unterschied zwischen Gut und Böse. Das Böse, unbekannt und uns für
Augenblicke beherrschend, verführend, gewinnend und verlierend in stetem
Wechsel, weicht dem Guten, das trotz seiner scheinbaren Fremdheit und dem
scheinbar undurchsichtigen, neuen Gewand, sich uns so selbstverständlich
offenbart. Sein Sieg ist immer da, und doch ist der verflucht, der mit dem
Bösen rang. So war auch er verflucht und konnte sich dennoch lieben, mehr
lieben als hassen. Er war verflucht, weil er die Menschen gehasst hatte, und er
lebte noch, weil er ein Mensch war, weil er das Gute in sich trug.
Noch
immer schmerzten die Lider. Wenn ein zufälliger Spritzer ihm sekundenlange
Linderung verschaffte, trank er die Erleichterung in gierigen Zügen, obwohl er
sich der Täuschung bewusst war, denn wenig später nur, begann sich die Qual ins
Unerträgliche zu steigern, und ein neues Befeuchten verhieß noch stärkeres
Brennen. Trotzdem ertrug er die Pein mit Gleichmut, denn seit er die Flasche
wiedersuchte, hatte ihn das tötende Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit ganz
verlassen. Sein Kopf lag schräg im Wasser, und seine Blicke glitten nur über
die Berge und Täler zu seiner Linken. Er zwang sich, nicht dem verlockenden
Schließen der Augen zu unterliegen, denn auch das stillte den Schmerz. Der
Feind, der ihm im Rücken gehockt hatte, hatte einem einfachen Gegner mit
offenen Waffen Platz gemacht, dem einzigen Gegner, dem Wasser, stark aber nicht
unbezwingbar. Einem sichtbaren Gegner, viel leichter zu bekämpfen als einer, der
mit den eigenen Waffen schlägt, viel leichter zu bekämpfen als sich selbst. Er
dankte dem Schicksal für diese Gunst.
Nie
würde er es jemandem erzählen können, selbst
wenn seine Füße wieder festen Boden berühren sollten, würde es ihm unmöglich
bleiben. Den Kampf gegen sich selber zu beschreiben und die Flucht davor ohne
Wendung des Ausganges willkommen zu heißen, das alles je lebendig werden zu
lassen, lebendig vor die Augen anderer treten zu lassen, um ihnen ein Stück
gelebtes Leben zu zeigen, würde immer seine Kräfte übersteigen.
Wenn
er je wieder an Land käme... Nein, ich will zufrieden sein. Dieses eine noch,
das Tuch und dann sterben. Erlösendes Sterben.
Man
wird die Flasche finden! Wer? Wieso: "Wer". Ein Mann natürlich. Er
wird den Fund melden. Man wird erfahren auf welchen Schiff ich gefahren habe.
Man wird erzählen, dass ich über Bord gefallen sei. Ja, über Bord! Aber es war
doch in den ganzen Monat kein Sturm. Nein es war kein Sturm, und er hat sich
sicher sehr lange über Wasser halten können. Das sieht man an dem Tuch, denn er
ist bestimmt nicht neben der Flasche über Bord gefallen. Gefallen! Über Bord
gefallen! Bei bestem Wetter über Bord gefallen! Hast du das gehört? Und niemand
war dabei! Merkwürdig, niemand war dabei gewesen. Sehr merkwürdig. Ob
vielleicht..? Mein Gott, die kommen auf Gedanken? Ob man das tatsächlich
annimmt, dass ich nicht von allein über Bord gefallen bin? Meinst du, die
glauben, mich hätte jemand über Bord geworfen? Einfach über Bord? Aber nein,
wer sollte wohl. Wer wohl und warum wohl. Ich hatte keine Feinde. Freunde waren
an Bord. Zwei gute Freunde, Gerd und Charles. Charles vielleicht noch mehr als
Gerd. Charles! Er war allein auf der Brücke, und ich war allein auf Deck! Nur
noch die Katze. Charles werden sie fragen. Sie werden ihn immerzu fragen. Er
wird antworten. Er wird auf alles antworten, aber sie werden ihm nicht glauben,
sie werden ihm einfach nicht glauben. Wenn er gut antwortet, werden sie sagen,
ein ganz schlimmer, antwortet viel zu sauber und zu glatt. Antwortet er
stockend, erschrocken darüber, dass man ihn derartig verdächtigt werden sie ihm
erst recht misstrauen.
Wer kann ihm
glauben? Vielleicht hat doch einer meinen Schrei gehört, aber nicht weiter
darauf geachtet. Er wird es dann erzählen. Gestern glaubte ihm jeder, aber
heute, wo ich nicht mehr an Bord bin und er allein auf der Brücke war, heute
glaubt ihm keiner. Er wird Angst bekommen und ihnen erzählen wollen wie es war.
Dann sieht er, dass es gar nichts zu erzählen gibt. Er hatte ja nur oben
gestanden und nach vorn geschaut.
"Nein,
nach hinten habe ich mich nicht umgesehen. Überhaupt nicht. Warum sollte ich
wohl nach hinten schauen.“ Dann werden sie ihn wieder fragen, zweifelnd
überzeugt von seiner Schuld, und jede Frage wird wie eine Falle sein. Charles
wird merken, dass sie seine Worte nur hören wollen, um ihn zum stolpern zu
bringen. Er wird merken, dass alle seine Schuld wollen, nicht seine Unschuld.
Er
wird, oh Großer Gott! Charles ist ein einfacher Mensch Er ist gut und einfach.
Er wird wütend werden, wenn sie solange fragen und zweifeln. Er wird sich auf
sie stürzen und sinnlos schlagen. Er wird sich mit ihnen schlagen, gerade, wenn
sie ihm eine Falle gestellt haben und er darauf hereingefallen ist. Aber sie
sind ihm überlegen an der Zahl und werden ihn verprügeln, bis er nur noch weint
und wimmert. Stöhnen wird er: "Ich bin unschuldig, ich habe doch keine Schuld.
Ich war doch nur auf der Brücke. Ich bin unschuldig, glaubt mir doch, ich bin
unschuldig."
Dann
werden sie von ihm ablassen. Es sieht jetzt etwas anders aus, wo sie sich
abgekühlt haben. Alle werden überlegen, ob man nicht am besten zurückfahren sollte.
Zurückfahren und suchen. Wie viele Stunden fehlt er etwa schon? Wird es noch
Sinn haben? Nein, sie fahren nicht zurück. Einer wird sagen: Was geschieht mit
Charles? Vielleicht antwortet der Kapitän: Das ist Sache der Polizei. Charles
ist zwar verdächtig, aber niemand kann ihm etwa beweisen. Fortlaufen kann er
auch nicht und wenn er über Bord springt, beweist das nur seine Schuld. Er soll
weiter frei herumlaufen.
Die
anderen werden zufrieden sein mit dieser Lösung. Jeder könnte im Wasser
schwimmen. Aber zurückfahren lohnt sich wirklich nicht, es ist zu spät.
Charles
wird allein stehen bleiben, die anderen weiter weg. Er wird Angst haben. Sie
stehen auf einem Haufen und flüstern miteinander. Was reden sie? Sogar Gerd
meidet seinen Blick. Glaubt ihm denn keiner? Ich muss etwas tun, wird er
denken. Soll ich die Rettungsringe über Bord werfen? Quatsch, die denken, ich
will fliehen. Wohin wohl? Aber ich muss etwas tun!
Er
sieht alle scharf an und überlegt. Ich muss ganz ruhig bleiben, ganz ruhig. Er
denkt und denkt und nicht mehr an den, der vielleicht noch im Wasser schwimmt,
weit hinter ihm, sondern nur an sich, so wie ich nur an mich dachte und nicht
an Charles. Er entschließt sich zu den anderen zu sprechen, weil sie ihm wie
eine Mauer gegenüberstehen und auf sein Wort au warten scheinen. Er macht zwei
Schritte auf sie zu und mit einem Ruck blicken ihn die Gesichter an.
Verkniffene Gesichter mit boshaften Augen. Wieder wird er Angst haben. Nicht
vor denen, sondern vor der Schuld, vor der unbewiesenen Unschuld.
„Ihr..
Ihr wisst doch genau… Ihr könnt doch nicht.“
Sie
starren ihn schweigend an. Er hebt die Hände, die Schultern. Seine ganze
Unschuld, Verzweiflung, Bitte um Verstehen liegen in dieser Geste. Eine Sekunde
hat er alle überzeugt, aber Hände und Schultern fallen wieder herab, die Augen
heften sich an den Boden. Er tritt beiseite. In ihm werden wieder Wut und
Ohnmacht ringen. Für und wider.
Es
ist wirklich ernst. Einer behauptet mit Gewissheit sich an den Schrei erinnern
zu können. Er möchte es beschwören. Er hatte sich zuerst nichts dabei gedacht,
aber später, als ihm die anderen erzählten, dass einer über Bord sei, war es
ihm sofort wieder eingefallen und er hatte es auch gleich gesagt. Die anderen
bestätigten das. Es war doch unmöglich, bei dem Wetter über Bord zu fallen. Als
erfahrener Seemann bei geradezu lächerlichem Seegang. Alles spricht gegen
Charles. Armer Charles. Nicht einmal die Gewissheit wird er haben, für den im
Wasser etwas getan zu haben. Man wird dir ein fürchterliches Wort auf die Stirn
brennen. Man wird es in alles brennen, was du tust.
Sie
haben geschlagen, und jeder könnte im Wasser schwimmen, und jeder könnte
Charles heißen. Schuldig, schuldig! Später wird es heißen, beweisen konnten sie
ihm ja nichts, aber wenn man ihn sich genau ansieht, er blickt immer auf den
Boden, immer auf den Boden. Er soll getötet haben!
Er
hört sie schon reden, die anderen, die anderen. Als er sich mit der Hand über
den Mund fährt, ist ihr Rücken mit einer roten Flamme gezeichnet. Sein eigenes
Blut schreit ihm zu, sein eigenes Blut: Schuldig, schuldig! So rot ist es. Mein
Gott, ich bin doch unschuldig, denkt er, aber die anderen. Und die anderen
sehen ihn an: So sieht einer aus, der getötet hat.
Er
schwimmt und sucht die Flasche. Sie müsste zur Linken auftauchen, und seine
Gedanken sind wieder bei Charles. Wenn es noch einen Weg gäbe, ihm das zu
ersparen. Er selbst wollte nicht mit dieser Schuld sterben. Und die anderen?
Ach immer die anderen. Sie waren so schuldig und so unschuldig wie Charles, wie
er, wie der Kapitän, wie alle. Wie konnten sie Charles anklagen. Wie konnten
sie ihn schlagen. Sie hätten ihn nur festzuhalten brauchen, als er den Kopf
verlor. Aber sie wollten schlagen, wollten sein Blut. Wenn es noch einen Weg
gäbe. Könnte ich doch eine Nachricht in die Flasche stecken, oder auf das Tuch
schreiben, Aber wie und womit. Die Flasche allein mit meinen Namen ist kein
Hinweis. Ich schaffe es nicht, nein es gelingt mir nicht. Er dachte auch, warum
zerbreche ich mir den Kopf über andere. Habe ich nicht genug mit mir zu tun?
Habe ich nicht genug mit mir zu kämpfen? Jeder muss zusehen, wie er
zurechtkommt. Wer kümmert sich um mich? Mein Schiff fährt weiter. Sollen sie
Charles doch schlagen. Er braucht noch nicht zu sterben. Wer weiß, ob es ihm
überhaupt etwas ausmacht, was die anderen reden und denken. Vielleicht genügt
es ihm, unschuldig zu sein. Vielleicht denkt er wirklich nur an sich und nicht
daran, die Rettungsringe über Bord zu werfen. Vielleicht beschuldigt ihn
niemand. Vielleicht!
Aber
dann glaubte er wieder dem anderen mehr. Er war niedergeschlagen, verzweifelt
und an Ende seiner Kräfte. Jetzt hatte er zwei Aufgaben, die eine klein und
egoistisch, die andere groß und undurchführbar. Die Flasche würde er bald
erreichen, aber Charles. Ach, wollte er auch hier nur sich selbst von Schuld
befreien?
Zu seiner Linken sah er auf dem vierten oder fünften Berg
voraus den Flaschenhals wackeln. Nur einmal sah er ihn hin- und her schlagen,
dann verschwand er auf dem Rücken. So sicher war er seiner Sache gewesen, dass
ihn ihre tatsächliche Wiederfindung nicht verwunderte, sondern nur den
freudigen Schreck auslöste, den man empfindet beim Anblick das erwarteten,
lange nicht gesehenen, lieben Freundes. Wunderbarer Zauber. War sie nicht eine
schöne Flasche, eine stolze Flasche? Hatte sie den Undankbaren nicht laufen
lassen, ohne ihn zurückzurufen? Wartete sie nicht auf seine Botschaft?
Vier
Wellen noch, dann bin ich bei dir. Ich liebe dich, wie ein hübsches, stolzes
Mädchen, das mich nicht einmal ansieht. Wirst du mir den Gefallen tun? Ich
glaube, im Stillen fürchtete ich doch, dich zu verfehlen, aber jetzt ist das
gleichgültig. Und dein Kopf ist schön dick. Das Tuch wird nicht abrutschen, mein
kleiner Bote komm' mir entgegen. Bitte, komm' mir entgegen. Ich bin nämlich
sehr geschwächt und weiß nicht, ob ich noch fähig sein werde, dir das Tuch
umzubinden. Ich werde es aber versuchen. Ich kann ruhig alle Kräfte
verbrauchen, denn den Hinweis muss ich Charles schuldig bleiben. Aber ich werde
dir sagen, ganz laut werde ich dir sagen: „Charles ist unschuldig“, ganz laut,
verstehst du, damit es einer weiß. Ein einziger wenigstens. Du kannst nicht
sprechen, nein und hören auch nicht, aber mich erleichtert es.
Sie
kamen sich ganz langsam näher, und er fürchtete schon den Augenblick, in dem er
seine Armbewegungen unterbrechen würde, um nach den Tuch zu fischen. Ja, er
dachte, ich muss fischen, denn meine Finger werden sich nur schlecht bewegen
lassen, wenn sie überhaupt noch etwas fühlen. Vielleicht ertrinke ich ja noch,
bevor das Tuch an deinem Hals hängt. Ich werde so schnell machen wie es irgend
geht und mich dann gegen nichts mehr wehren. Es ist lähmend daran zu denken,
dass man selbst, das ganze fühlende Ich, mit dem Körper stirbt. Ich meine, dass
ich die erlösende Entspannung, die absolute Befreiung, miterleben möchte.
„Endlich“, möchte ich sagen können, eine Eischale zerbrechen und daraus hervor
schweben, unendlich frei sein. Man müsste es miterleben, wenn man stirbt, sich
noch eine kurze Zeit nach seinem Tode über alles das unterrichten dürfen, was
durch den Tod geändert worden ist. Natürlich ohne den Willen zu Handeln. Ich
würde mich sofort an Bord begeben und sehen, ob es mit Charles stimmte, ob sie
wirklich glauben, dass er mich über Bord geworfen hat. Auf alles and andere könnte ich verzichten. Ja, ich glaube, wenn ich
jetzt die Wahl hätte zwischen soviel Kraft, dass ich
noch den ganzen Tag schwimmen könnte und dem sofortigen Tod, aber einem Bordbesuch,
so würde ich auf das Leben pfeifen. Vielleicht nur, weil ich so kraftlos bin,
aber ich würde das letztere wählen.
Merkwürdig,
dass ich gar nicht mehr auf Rettung sinne. Ich habe mich mit dem Ende
abgefunden und nur noch eine kleine Aufgabe und einen Wunsch, von dem ich weiß,
dass er nicht erfüllt werden kann. Fast alle meine Wünsche blieben unerfüllt.
Vielleicht, weil ich sie mir nie stark genug gewünscht habe, mit jeder Faser
meines Körpers?
Wünsche
dir ganz stark, ihr das Tuch um den Hals zu knoten, vielleicht, dass es dann
gelingt. Man muss es wünschen, nur wünschen, verlangen. Ach, „man", wie
ist das allgemein. "Ich" muss wünschen, alles in mir muss es von mir
verlangen. Ich will, dachte er in spürbarem Zusammenraffen aller Kräfte. Er
begann sich zu konzentrieren. Ich will! Ich will!
Die Flasche schwamm
einen Meter von ihm entfernt. Ihr teilnahmsloses Wackeln mit dem Kopf rief ihn
zurück, und er begann von neuem. Ich will! Ich will!
Seine
Hand glitt unter Wasser. Mit der anderen schwamm er, ganz schräg im Wasser
liegend, wie zu Anfang, als er noch hinter dem Schiff hergewinkt hatte. Eine
Hand, einen Arm hatte sein Wille bezwungen. Mochte es das letzte sein, was er
schaffen würde. Ihm fiel ein, dass die Flasche erfahren sollte, hören sollte,
dass Charles kein Mörder sei. Und während seine Hand unter Wasser war, an
seinem Körper tastete, um Fleisch von Stoff zu unterscheiden, sprach er,
beflügelt durch die Gewalt seines Willens, laut und langsam, indem er die
Flasche scharf ins Auge fasste: "Charles ist unschuldig!“
Einen
Augenblick benebelten ihn der Klang seiner Stimme und die Sinnlosigkeit seines
Tuns, aber er hatte es sich vorgenommen und nun war es geschehen.
Seine
tastende Hand schob sich zwischen das straffe Gummiband seiner kurzen Unterhose
und den kalten Körper, der sich wie ein glattgespülter Stein anfühlte, nur von
einer tiefen Kerbe gezeichnet. Die Hand glitt rechts hinauf und links und schob
sich tiefer und etwas auf den Rücken und fand nichts.
Kein
Tuch! Kein Tuch!
Er
konnte keinen Gedanken fassen. Ein Spalt tat sich vor ihm auf. Er trat hinein
und fiel und fiel und fiel. Endlos lange währte sein Fall.
Beide
Arme schwammen wieder, und die Flasche sah er nicht mehr. In seinem Rücken,
endlos weit zurück,...
Er
schwamm wieder mit den Wellen. Sie erreichten ihn von hinten, hoben und senkten
ihn wie Diener, denen das Fragen verboten war……. Und der Spalt war endlos tief.
Er erwartete keinen Aufschlag mehr. Das Taschentuch hatte er verloren, und eine
Flasche hatte es nie gegeben! Ich war nie zurückgeschwommen, nur geradeaus. Ich
werde doch nicht zurückschwimmen, wenn ich weiß, dass die einzige Rettung nur
von vorne kommen kann!
Hatte er noch
Gefährten? Die kleine Aufgabe oder die große Aufgabe, die Bereitschaft zu
sterben, der Wille zu Schlafen? In seinem Kreuz saß sein Gefährte und lachte
endlos, als sei er von einem kleinen Ausflug zurückgekehrt und amüsiere sich
über den missglückten Fluchtversuch. Die Wellen schwiegen vor überladener List.
Sah er nicht eben die schwarze Flosse aufragen? Wer rief ihn von unten? Wer
hatte sein Herz geraubt? Wer stahl ihm die Tränen? Oh, verflucht, verflucht.
Weinen möchte ich wie vorhin. Weinen! Schreien! Wann darf ich endlich, endlich
sterben?
Nichts
wird von mir bleiben! Nichts! Nein, schlimmer noch: Charles wird bleiben, meine
Schuld wird bleiben. Er wird mich hassen! Ich hasse mich. Er spürte den
würgenden Griff an Hals und schluckte verzweifelt. Die Lider brannten höllisch
und die Wangen biss ein Fieber. In ihn grub sich das zersetzende Gefühl, der
letzten Hoffnung, in die er unbedingtes Vertrauen gelegt hatte, der Hoffnung
auf den Tod, den erflehten Tod beraubt zu sein. Er schwamm in einer giftigen
Flüssigkeit, deren Geschmack ihn mit Abscheu erfüllte, sobald ein Spritzer in
seinen Mund traf oder die über sein Gesicht laufenden Perlen sich auf den
Lippen verteilten. Mit dem Trocknen der Lippen begann ein peinigendes Brennen.
Seine Zunge schnellte heraus, sie zu befeuchten und brachte den widerlichen
Geschmack mit zurück. Bitterkeit breitete sich ihm aus. Erst jetzt bemerkte er
den Ekel.
Er
beobachtete seine weißen Finger mit den blauroten Nägeln und ihre metallische
Starre. Sein Blick blieb an der Armbanduhr hängen, und es dauerte einige Zeit,
bevor er darauf kam nachzusehen wie spät es war. Etwas über vier Stunden
schwamm schon, das war eine Stunde länger als er sich selbst gesetzt hatte.
Dann glaubte er, sich verrechnet zu haben, aber es war richtig. Vier Stunden
trieb er schon in dieser Öde, in dieser Wildnis der Einsamkeit.
Er
wusste nicht, was für Gefühle ihn noch beherrschten. Es waren Gegen- und Miteinanderwirken von Enttäuschung, Erstaunen, Verzweiflung
und einer Art düsterer Freude, die aufzuckten und verschwanden wie die Schatten
eines vom nächtlichen Wetterleuchten hervorgerufenen Baumes, wenn er daran
dachte, sich fallen zu lassen. Wie im Anfang. Wie im Anfang, nur unsagbar
schwächer, lag er im Meer. Fort waren die Gaukeleien seiner Gedanken. „Er“ saß
ihm wieder im Nacken, spottend, höhnend, lockend, bereit zu verführen. Ich darf
mich nicht untergehen lassen, ich muss weiter schwimmen.
Ich habe Angst.
Nasse, kalte Angst, die mir weh tut. Sie schmerzt mich in der Brust. Mich
schmerzt meine Angst. Sie brennt mir im Hals und im Herzen. Sie brennt sich ein
in mein Herz, in mein Ascheherz. Sie verschlingt mein Schattenherz. Ich möchte
mich aus dem Wasser heben und die Hände zum Himmel ringen oder zur Hölle, aber
ich möchte dabei schreien, so laut schreien, dass mich die Angst verlässt. Oh,
ich möchte wimmern, erbärmlich um Gnade wimmern, zittern möchte ich wie ein
Hund. Wie ein geschlagener Hund möchte ich wimmern und zittern und die Hände
ringen und schreien und schreien: Ich nicht! Warum ich!
Ach,
es ist erbärmlich, dass ich mich so gehen lasse. Aber mich hört ja keiner. Ich
spreche ja nur mit mir. Ich spreche ja nicht einmal laut. Ich halte den Mund
geschlossen. Ich rede ja nur mit mir. Mir hört doch keiner zu. Mir kann doch
keiner zuhören! Wer hört mir denn zu! Wer denn! Wer denn! Sag doch, wer! Ich!
Ich hör' deiner Dummheit zu. Ich selbst höre dir zu. Ich, dein Ich. Aber du
darfst ruhig weiter sprechen, ich kenne dich und dein kleines Hasenherz. Nein!
Nein, ich habe kein Hasenherz! Ich habe ein großes, offenes Herz. Ich habe ein
weites Herz, aber du schnürst es zu, du engst mich ein. Du machst es zu einem
Hasenherzen. Du, mein verfluchtes Ich, du engst es ein. Du hast mir die Angst
in mein großes, weites Herz gepflanzt. Du allein. Du selbst. Selbst!
Ich muss ruhig
bleiben. Ich darf mich nicht wieder verschlucken. Das wäre mein Ende, mein Tod.
Aber ich kann die Angst nicht vertreiben. Sie sitzt so tief und fest in mir.
Nur schwimmen, nur ruhig schwimmen. Nur ganz ruhig weiter schwimmen. Solange
Arme und Beine sich bewegen, bleibe ich auch über Wasser. Aber die Angst. Sie
raubt mir so viel Kraft. Und ich kann nichts mehr tun. Alles, was zu tun war,
habe ich versucht. Ich darf nur noch warten, warten und hoffen. Und ich weiß
nicht, wie lange ich noch warten kann und auf was ich hoffen soll. Auf mein
Schiff oder auf ein anderes oder ... Vielleicht habe ich die Angst nur vor den
letzten Kampf.
Wenn
dieses wirklich schon mein Ende ist, die letzten Stunden meines Lebens sind,
nein, ich kann das nicht glauben, Nein, das kann ich nicht. Ich habe doch eben
noch so sehr gelebt. Eben an Bord. Und jetzt soll alles vorbei sein? Bin ich so
ohnmächtig? Ich darf nicht daran denken! Denk’ an irgend
etwas anderes. An die an Bord, oder….. Ich bin zu schwach. Und doch
nicht schwach genug, dich untergehen zu lassen. Und die Angst quält mich, und
mein Körper quält mich, und die Gedanken an Charles quälen mich. Ich habe nicht
einmal mehr tröstende Gedanken. Ich bin ärmer als der ärmste Mensch auf der
Erde. Ohne eine Aufgabe.
Ach,
ich pfeif auf alles. Ich will Rettung! Ich will gerettet werden. Ich will, dass
ihr mich hier herausholt. Ich will… Und was geschieht, wenn sie dich
herausholen? He? Was geschieht denn dann? Vielleicht trinkst du dann eine
Brühe, schläfst ein wenig, freust dich, bist wieder der Alte, hast dein altes
Leben wieder. Hast du dich je um dein altes Leben gekümmert, als du noch darin
warst? So sehr darum gekümmert wie jetzt? Und wenn du gerettet wirst, trinkst
du eine Brühe und gehst schlafen. Von der Brühe zu reden war natürlich
unsinnig, aber ich dachte, das andere wäre selbstverständlich, dass ich mich
freuen würde, dass ich jeden neuen Tag wie ein Kind begrüßen würde. Ach, ich
bin ein Idiot. Ich denk an Brühe und weiß endgültig, dass mich niemand, hörst
du, niemand herausholen kann. Sie können es nicht, selbst wenn sie wollten.
Finde dich damit ab. Es gibt nur noch mich und das Meer. In kurzer Zeit nur
noch das Meer. Das ist bitter und wahr. Glaube daran und lass deine verrückten
Hoffnungen fahren. Es gibt keine Rettung.
Er
war überzeugt davon, und ihn überkam eine innere Ruhe, abwartende Ruhe. Seine
Arme bewegten sich mechanisch. Jedes Mal, wenn der Gedanke an Rettung
auftauchte, beschwor er sich, die Wahrheit doch endlich fest anzunehmen. Es war
ihm als spräche er zu einem Kind, und er war geduldig mit sich selbst.
Um
seine Augen flimmerte immer noch der Kranz, und er hielt nach nichts mehr
Ausschau. Den Horizont sah er nicht einmal mehr als Farbgrenze. Immer öfter
überkam ihn eine Schwäche, die für Sekunden alle Kraft raubte, ohne jedoch den
Rhythmus der Bewegungen zu unterbrechen. War sie vorüber, blieben
Gleichgültigkeit zurück, Ergebenheit und leises Staunen, noch einmal
davongekommen zu sein.
Er
schwamm, bis die Sonne
ihren höchsten Stand überschritt. Allen stellte weder die Zeit fest noch nahm
er das Wandern der Sonne wahr. Und doch waren es neun Stunden, seit ihn das
Meer in seinen Armen trug. Neun endlose Stunden, ein einziges Leben, ein
unendliches Dasein. Die Phantasie war tot, nur selten zuckte noch ein Fieberbild
über sein geistiges Gesicht, als ihn jähe Unruhe erfasste. Sein Herz schlug
schneller, und der Tanz seiner Augen glitt erneut über die Kämme, suchte in
neuen Erwachen. Irre Hoffnungen blendeten ihn, und er konnte des Taumels kaum
Herr werden. Es war, als löse er sich von einem Traum, einem bösen, bösen
Traum, von dem Durchstandenen, von dem, was ihn noch
so gierig festhielt. Fast empfand er es wie Spott, dass er noch schwamm, und
seine Angst war ihm lächerlich. Er zwang sich zur Ruhe. Keine Bewegung des Kopfes,
kein hastiges Atmen konnte er riskieren. Nur seine Augen erkämpften sich Wege.
Er war überzeugt, dass sich ein Schiff in der Nähe befände. Er brauchte nur
auszuhalten, um gesehen zu werden. Und dann hörte er tatsächlich das leise
Stampfen ferner Motoren. War es Gaukel, hatte ihn die Beherrschung vollends
verlassen? Narrte ihn ein unerhörter Schwindel? Er horchte wieder angestrengt
und alles schwieg. Nichts war zu erkennen. Dann glaubte er es lauter zu hören
als zuvor. Aber es brach ab, noch bevor er sich darauf zu konzentrieren
vermocht hätte. Seine Erregung wuchs, sein Kopf drängte nach einer seitlichen
Wendung, Arme und Beine wollten schneller rudern. Geduld, Geduld! Dann dachte
er, und es schüttelte ihn vor Enttäuschung, dein Herz, es war dein Herz, was so
pochte. Wieder tat sich ein Spalt vor ihm auf, tiefer, tödlicher als je zuvor.
Es war die Sekunde, in der er sich aufgab. Er befahl Armen und Beinen
einzuhalten, schrie es ihnen in einem schweigenden Krampf zu, will nicht mehr,
lasst mich endlich fallen. Er war eine Maschine, der man keine Befehle mehr
erteilen konnte. Sein Körper würde erst schweigen, wenn der Kopf tot wäre.
Und
da pochte es wieder und schwieg nicht und wurde lauter und blieb und blieb und
blieb.
Von
der Seite her, nach der sein Hinterkopf wies, kam ein kleines Motorboot
gefahren. Es fuhr um ihn herum, so dass er Gerd und zwei andere von Bord
erkennen konnte. Sie stoppten den Motor zwei, drei Meter von ihm entfernt. Sie
hielten ihm die Pinne hin und er sah das Holz zwischen seinen Händen. Obwohl er
das Gesicht nicht verziehen konnte, spürte er von innen her ein schmerzliches
Lächeln, wie sollte er wohl...
Arme
und Beine bewegten sich ohne Unterbrechung. Die im Boot riefen ihn, aber sein
Mund war tot, sein Blick war leer.
Einer
sprang ins Wasser, drängte Allen ans Boot und schob ihn mit Hilfe der anderen
ins Innere. Er selbst kletterte hinterher. Einer warf den Motor wieder an, und
sie legten Allan auf den Rücken. Er spürte nichts.
Dann sah er den gewaltigen Rumpf seines Schiffes an der Seite aufragen. Nach
ein paar Rufen und Handgriffen wurde das ganze Boot an Bord gehievt. Man
schleppte ihn auf eine Matratze, die an Bord lag. Vier, fünf Männer umstanden
ihn und einer sprach auf ihn ein. Allen wollte antworten, aber der Mund war verschlossen.
Jemand aus der Küche kam mit einer Kanne gelaufen und einer Tasse. Man zwang
den Mund sich zu öffnen und flößte ein wenig Brühe hinein. Allan
begann zu husten und man legte ihn auf die Seite, dass er sich beruhigen
konnte. Dort sah er eine kleine eingetrocknete Blutlache auf dem Deck und ein
paar Tropfen weiter fort. Zehn Schritte von ihm entfernt hockte eine
blutverschmierte Gestalt. Es war Charles. Sie drehten Allan
wieder zurück. Alle hatten seinen Blick gesehen. Sie fragten: „War er es?“ Allan wusste nicht zu antworten, aber es gelang ihm den
Kopf zu schütten. Es fühlte sich an, als machten seine Arme immer noch
Schwimmbewegungen.
ISBN:
3-937264-43-4