Home

Lyrik/ Prosa/

Literaturgutachten

Ingenieur/

Kleine Fibel

Bildergalerie/

Ausstellungen

Künstlerportrait/

Vita/ Autor

Veröffentlichungen im Buchhandel/in Anthologien

Gedicht der Woche/

Galeriebild der Woche

Besucher/ Presse/

20 Raum-, Zeitgedichte

Impressum

Archiv

 

..and I said to myself

what a wonderful world

 

Lyrik und Prosa,

 

2. erweiterte Auflage

Inhaltsverzeichnis

ISBN 978-3-937264-89-9

 

Copyright, Urheberrecht 2011 beim Autor, Herausgeber, Redakteur: Harald Birgfeld,

e-mail: Harald.Birgfeld@t-online.de

 

---

 

"Es lohnt sich, einmal einen heutigen Dichter kennen zu lernen, der mit der deutschen Sprache einen faszinierend fremden Weg betritt und trotzdem dem Leser Freiraum lässt für eigene Gedankengänge, ohne dass die Probleme in erhobener Zeigefingermanier zu zeitkritischen Trampelpfaden werden." (1986: Gutachten)

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Lyrik

 

Abgespeichert

Alinas Traum

Aschenbrödel

Chile, 2010, oder „Seht sie an, die Schöne, Neue Welt.“

Cora

Das kalte Herz

Das Lächeln der Delfine

Des Kaisers Nachtigall

Der Froschkönig

Die Schneekönigin

Dornröschen

 

 

 

Es ging mir gut, sehr gut

Es war kein Traum

Er war Soldat

Hänsel und Gretel 2010

Hans im Glück

Ich bin Mensch

König Drosselbart

Marianne auf dem Feld

Mauerblümchen

Mein schönster Traum von einem Meer

Mein schönstes Delfingedicht

 

 

 

Mein schönstes San Remo Gedicht

Schlaraffenland

Tausendundeine Nacht

Unter dem Wacholderbaum

U.N.

Walther von der Vogelweide

 

Prosa

 

Pina Bausch, Nachruf

 

Vom Sterben nach dem Tod.

In Erinnerung an meinen 1986 verstorbenen Bruder

 

 

 

 

Mein schönstes San Remo Gedicht

 

Du musst dir alles aufbewahren,

Was dir lieb und wertvoll ist.

 

Es muss nicht sein, dass ich mit

Teer an meinem blassen Fuß dem Meer entsteige

Und den weißen Strand

Und eine Promenade, ganz aus

Edlem Holz, am Ufer von San Remo

Schmierig mache und veröle.

 

 

 

In dem Chinaladen

Find ich eine Muschel aus Papier.

Die lege ins Wasser meines Zahnputzglases

Und sie öffnet sich und schenkt mir

Zwei, drei Fischlein, die an Fäden hängen,

Und die schwimmen mir vor Augen

Neben einer grünen Wasserpflanze.

 

 

 

Durch das Fenster fällt ein wenig Sonnenschein.

 


 

 

Marianne auf dem Feld

 

Rapunzel war ihr kein Begriff,

Und deutsche Märchen las sie nicht,

Sie kam aus Polen,

Hatte langes, blondes, offnes Haar,

Das trug sie tags zum Zopf.

 

Im kaum mehr grünen Feld, von einem

Ungarn, der in Frankreich lebte,

Kümmerlich bestellt, schnitt sie

Im morgendlichen, kalten Wind

Den Feldsalat von angefrorner

Erde.

 

 

 

 

Manchmal kam jedoch, wenn sie den

Rücken streckte, und den Blick nach vorne hob,

Ein innerliches Glühen über sie,

Dann riss sie ihre Bluse auf und ihren rechten

Arm in Siegesgeste in die Höhe,

War „Marianne“, die sich über

Menschen schwang, und sang in ihrer

Heimatsprache:

„Ich bin jung und frei und schön, die

Schönste hier aus meinem Land,

Und auch die Schönste überhaupt,

Ich reiße alle, alles mit!“

 

 

 

Danach wurd sie im

Bauernhaus zur

Wäscherin der grünen Ernte.

 


 

 

Mein schönstes Delfingedicht

 

„Ich bin Delfin

Und schwimm im Meer

Dahin.“

 

Das ist ein Kinderreim, den hat sich

Mama für mich ausgedacht,

Sie hat mir auch noch beigebracht,

Dass ich ein wenig anders bin als andere.

 

 

 

Ich habe eine Nylonschnur um meinen

Hals, die hatten wir zu Anfang nicht beachtet,

Doch sie wird mich langsam würgen,

Und sie hindert mich schon jetzt

Zu schwimmen und zu springen

Wie die anderen, und ganz zuletzt

Werd ich, obwohl ich doch

Ein Kind des Wassers bin,

An ihr in meinem Meer,

Ertrinken.

 

 


 

 

Das Lächeln der Delfine

 

Heute Morgen

Fand ich in der Tageszeitung

Ein modernes,

Farbenfrohes Foto mit

Tiefrotgetränkter Bucht,

Mit Jägern, die im dunkelblauen

Wasserschutzanzug im

Himmelblau des kleinen, umgebauten

Fischerbootes standen,

 

 

 

Die dort, abgeschirmt von einem Vorhang

Japangrüner Blätterwände,

Silberbäuche lächelnder Delfine in dem Boot

Aufschlitzten,

Alles das vor schönem Felsenhintergrund,

Ein Foto, das dem Fotografen

Alle Ehre machte.

 

 


 

 

Es ging mir gut, sehr gut,

Und auch der

Wurm in mir war satt.

Die Gänge seines Fressens

Hinterließ er hohl.

 

 

In einem letzten Winkel hielt ich die

Erinnerung an die

Berührung mit Vertrautem

Fest.

 

 

Es ging mir wirklich gut,

Sehr gut.

 


 

 

Mein schönster Traum von einem Meer

 

Ich hatte einen Traum von

Einem Meer.

Darin befanden sich in tiefem

Grund, auf Sand aus Gold,

Und eingetaucht in einen Wald

Aus unbewegten Lichtersäulen,

Fast im Sonnenbaden,

Kinder, die ganz ruhig

Und mit Augenleuchten,

Einem ungelesnen, lang verschollnen

Märchen lauschten.

 

 

 

Um sie her ein Wasserhimmel voller

Schmetterlinge, händegroß und riesenhaft,

Grell reflektierend, grün und gelb und rot,

Im Schweben, Gleiten, ohne jeden Flügelschlag,

Ein Stillstand des Erzählten.

Zwischen ihnen und daneben kleine Flügeltiere,

Die, in strengen Farbenmustern, taumelten,

Als Glasstaub schließlich endlos weit verwehten.

 

 

 

Über allem hing ein

Dünner, brauner, zäher, leicht bewegter Film aus Öl

Von Horizont zu Horizont, der brach das Licht in

Dunkelgoldne Streifen und in

Regenbogenfarben, die mit

Niedertropfendem Gewölk

Bis hier in diese Tiefe sanken.

 


 

 

Es war kein Traum.

 

Sie war hinausgegangen auf das Meer,

Sehr weit,

Und hatte ihn getroffen.

Beide schwammen nicht

Und hatten auch kein Boot, nichts

Was sie hätte tragen können,

Und sie flogen nicht und schwebten nicht.

 

 

 

Sie hatte ihn an ihre Hand genommen

Und zu sich nach Hause.

Dort lag er nun neben ihr

Und hatte ihr schon beigewohnt

Und schlief ganz fest.

So konnte sie das erste Mal

Die Andersartigkeit an ihm

Betrachten.

 

 

 

Sie war stolz auf sich.

Wer geht schon so weit auf ein Meer

Und sichert sich nicht ab.

 


 

 

Er war Soldat

Und kam zurück aus einer

Andren Welt,

Und niemand lebte dort für ihn,

Für ihn war alles tot.

 

Die Weisungen bekam er aus

Ihm völlig fremder Stadt

Von einer Frau im Halbtagsjob,

Die vor dem Bildschirm saß,

Und ihn in seiner Sprache dirigierte,

Dass er Ausschau hielt nach einem

Etwas.

 

 

Einmal nur in dieser langen Zeit,

Und nur dies eine Mal

Sah er ein lichtdurchflutetes

Und übergroßes, menschenüberragendes und

Rosafarbenes Gebilde, das pulsierte als ein

Herz, das nach Umhüllung suchte,

Und er meldete es gleich.

 

Sonst lag er auf der Lauer,

Bis man ihn zurück nach Hause rief,

Und ihn betraf das alles nicht

Und ging ihn auch nichts an.

 

 

Fast liebevoll erinnerte er sich dann daran,

Dass er zuhause heimlich an der Rettung wilder

Tiere teilgenommen hatte

Und an dem Versuch,

Verirrte Meerbewohner neu zu orientieren.

Das war ihm sehr nah gegangen,

Das ging ihn viel an.

 


 

 

Hänsel und Gretel 2010

 

Sie war schon groß,

So groß, dass sie den

Kleinen Bruder auf den

Armen tragen könnte,

Und sie hatte auch gehört,

Dass man sich fern in andren

Ländern täglich wusch

Und traute sich und ihrem

Brüderchen im Übermut

Mit ihrem T-Shirt und dem

Wasser einer Pfütze zwischen

Fernzuggleisen, wo sie beide lebten, schliefen,

Und auf Pappen wohnten,

Hände und die Wangen abzuwaschen.

 

 

 

Sie war glücklich hier und froh,

Und sie empfand es dankbar,

Einer lockenden, maskierten Frau,

Den Weg erst von dem Brüderchen

Und dann von sich so listig abzuschneiden,

Dass sie sie für dieses Mal und

Für die vielen andren Male

Überführen konnte,

Das mit einem kleinen

Stöckchen unter einem Überzug,

Der Blase eines Fisches,

Einem jungen, alten Trick,

Von dem sie wusste.

 

 

 

Sicher käme irgendwann einmal die

Mutter oder gar der Vater

Hier vorbei,

Um sie zu finden.

 


 

 

Chile, 2010, oder

„Seht sie an, die Schöne, Neue Welt.“

 

Ich trage nur zum Schutz

Die schwarze Sonnenbrille.

 

Ich war Bergmann unter Tag

Und kam nicht wieder an,

Und ich war nicht allein,

Der Weg zum Tageslicht war eingebrochen,

Unumstößlich sperrte uns ein

Steinschlag für die nächsten

Tausend Jahre ab vom Oben und vom Tageslicht,

Kein Mensch, der unser Leben noch erahnte,

Das verbrachten wir, im schwachen Schutzlicht

Und bei Vorratsteilung, als den

Rest der Tage, und der konnte lange, lange

Währen, und wir waren dreiunddreißig hier im Schacht,

Tief unter jeder Denkbarkeit.

 

 

 

 

Wir gaben uns die Täglichkeit und

Nächtlichkeit nach einer Uhr, die musste einer

Führen, und wir hatten reichlich Wasser, Licht und

Luft und Nahrung, die für Jahre reichen könnten,

Wie zum Spott.

 

Dann, eines Tages, kam der schwache Schein von

Hoffnung, unser Klopfen hatte man gehört,

Doch dieser Hoffnungsschein entwickelte sich uns zur

Hoffnungslosigkeit, weil er aus

Undenkbarem und Unmöglichem bestand,

Zu tief war unser Schacht gelegen,

Und zu arm war jeder, der uns hätte helfen

Wollen.

 

 

 

 

Noch ahnte niemand unter uns, dass sich

Ein ganzes Volk dort oben und weit über sich hinaus

Erhoben hatte und den

Langen Finger durch die Erde und Gestein

Bis hier nach unten bohrte

Und auch traf und jeden,

Wie in einem Rettungshalm, damit zu sich

Empor, nach oben, zog und nur das eine wollte:

„Seht sie an, die Schöne, Neue Welt.“

 


 

 

Ich bin Mensch

 

Ich bin Mensch

Und habe Kompetenz.

 

Wenn an den fernen Küsten,

Inseln der Karibik oder der Kanaren, starke Winde,

Fast schon Stürme wehen,

Jette ich mit meinen Freunden hin.

Wir wollen Kiten, Surfen oder uns mit

Andren Kräften messen

Ohne uns zu stressen,

Was wir brauchen sind nur

Meer und Wind.

Der Flug dahin geht schnell und

Kostet uns fast nichts und

Drei, vier Tage reichen da.

 

 

 

Wir sind sehr kompetent und lehnen

Auch das Fleisch von Tieren gänzlich ab,

Nicht nur, weil man sie oft so furchtbar quält,

Bis sie für uns getötet werden;

Nein, wir essen nur noch echten Lachs und Fleisch von

Wirklich jungen Kälbern,

Die in ordentlichen Boxen standen, oder Wild

Und auch Geflügel,

Das man nur im Freiland hielt.

 

 

 

Wir können nicht verstehen,

Dass sich andere nicht danach richten

Und, wie wir, ein ganz klein wenig

Auf ein wenig Mehr verzichten.

 

 


 

 

Aschenbrödel

 

Aschenbrödel geht mit ihrem

Rucksack ins Theater, zum Ballett,

Sitzt dort im Publikum und

Trinkt aus einem Campingbecher Nesseltee.

Sie trägt heut einen kurzen, keuschen Zopf

Und einen roten, selbstgestrickten Pulli

Und darunter gar nichts,

Das fällt auf.

Der Prinz auf ihrer Bühne wird von ihrer

Stieffamilie, Mutter und zwei Schwestern,

Arg bedrängt,

Auch weiß er nichts von ihr.

 

Sie weint.

 

 

 

Von oben lässt man an dem

Seil der Unvernunft ein Kleid und Schuhe

Wie aus Glasstaub nieder.

Die darf sie nun tragen und

Betritt die Bühne, tanzt und nur mit ihrem

Prinzen und bleibt ihm doch fremd.

Sie liebte ihr Zuhause und die Ärmlichkeit,

Litt alle Schmach, die ihre Stieffamilie

Über sie je brachte.

 

Sie ist brav.

 

Um Mitternacht ist ihre Zeit vorbei.

Das Seil zieht alle Habe wieder hoch

Und nur ein Schuh fällt in die

Hand des Prinzen.

Der erkennt die Zuversicht der schönen

Fremden und auch seine Leidenschaft,

Er findet ihren Fuß, dem passt der Schuh.

 

 

 

Die Bühne ist zu klein für so viel Glücklichsein.

Doch noch im Rampenlicht verurteilt sie

Als Strafgericht die

Mutter und die bösen Schwestern.

 

Dann geht sie an ihren Platz zurück

Zu ihrem Ehemann.

Der trinkt aus einem zweiten Campingbecher

Ihren Nesseltee.

Den süßt er mit ein wenig Zucker

Nach.

 


 

 

Mauerblümchen

 

Hinten, weit in meinem Garten,

Kündigt sich der Frühling an

Und lässt auf einem Mauervorsprung

Eine Veilchenblüte wachsen,

Die entdecke ich an ihrem Duft

Von Sinnlichkeit und Liebelei

Zuerst.

 

 

 

Ich zögere, sie mir zu pflücken,

Weil sie ganz allein dort steht,

Und ich den violetten Hauch im ersten

Sonnenlicht des nahen Frühlingstages

Lassen und noch weiter

Lieben möchte.

 

 

 

Drinnen auf dem Küchentisch

Hab ich ja ohnehin den

Blütenechten Strauß von immerfrühen

Freesien stehen,

Die sind leicht verstaubt ,

Sie trinken nicht

Und sollen auch demnächst

Mit unauffälligen Aromakapseln überall

Erhältlich sein.

 


 

 

Cora

 

Cora steht als

Weißer Engel,

In der Größe einer jungen Frau,

Auf einem Sockel,

Weithin sichtbar, gleich am

Eingang und an einem guten Platz.

 

 

 

Sie starb, sagt man,  an einer

Brustvergrößerungs-Op.,

War viel zu jung

Und viel zu schön für diesen frühen Tod.

 

Ihr Blick aus Material ist

Frauenweich und menschenfreundlich,

Über ihren Mund huscht leise nur ein

Wort, das kann man kaum

Verstehen.

 

 

 

Sehr viel weiter hinten, im Verborgenen,

Befindet sich der

„Garten der Frauen“.

 


 

 

Schlaraffenland

 

Es ist sehr schwer,

Den Eingang in ein Land zu finden,

Das den Träumer seine Träume leben und

Die Wachen ihre Träume träumen lässt.

Sobald ein Jemand es jedoch erreicht,

Ist er gleich unter

Gleichen.

 

 

 

 

Kleidung, Essen, alles Leben, alles

Denken werden angefüllt und angedient

Mit Köstlichkeiten eigenen Begehrens,

Was man machen möchte,

Ist bereits getan.

 

Es gibt auch keinen Zaun

Und keine Grenze um dies Reich.

 

 

 

 

Nur selten,

Wenn ein Träumer seine Träume nicht mehr

Leben kann und

Wenn ein sonst so Wacher seinen Traum verliert,

Wächst still ein Tunnel in ein wahrhaft

Unbegrenztes Land heran.

Der wird zum eigentlichen Eingang.

 

Dort, so heißt es, ist man wirklich

Ohnegleichen.

 

 


 

 

Unter dem Wacholderbaum

 

Sie lebte an der Küste.

 

In der Liebe hatte sie schon

Alles hinter sich:

Zu lieben und geliebt zu werden.

 

Nun jedoch hat sie ein Neuland,

Das sich lohnt, entdeckt:

Sie nimmt und gibt

Und gibt und nimmt.

Mit ihrem Körper leiht sie

Mutterschaft an andre aus.

 

 

 

 

 

So hatte sie beim ersten Mal

Den Garten und das Haus erworben.

Doch beim zweiten Mal

Lässt sie die Eltern warten.

 

Sie besinnt sich, wie es war,

Als sie mit fünfzehn Jahren

Schwanger wurde von dem Jungen,

Der hier Urlaub machte,

Den sie damals, als er nicht mehr

Wiederkam, in einem regionalen Wochenblatt,

Als wäre es normal,

Beschrieb und suchen ließ.

Das fanden alle süß,

Sie aber fügte sich den Eltern

Und brach ab.

 

 

 

Jetzt fand sie in dem neuen Haus

Auch einen alten Balken,

Der war hoch genug und fest

Und hielt das Seil.

 

Das Kind war nicht zu retten.

Man begrub es ungeboren in dem Garten

Unter dem Wacholderbaum.

Nur so, das war hier Brauch,

War neues Leben möglich.

 

Plötzlich saß und sang,

Wie aus dem Nichts, ein

Feuervogel in dem Baum,

Der blendete sie alle.

Niemand hatte solches je zuvor

Gesehen:

Unter dem Wacholderbaum

Lag ein gesundes Kind.

 


 

 

U.N.

 

Die Welt, in der sie lebte,

War die beste und die einzige.

Sie sprach nur Suaheli und war schwarz.

Vom Nachbarland war sie in dieses

Reservat geflohen,

Lebte dort im Busch

Und fing sich Fleisch in Fallen.

 

 

 

Mit der linken Brust

Gab sie dem Säugling reichlich Milch,

Die rechte hatte ein Soldat

Ihr einfach wie aus Lust,

Vom Leib getrennt.

Das dunkle Blut und ihre Haut

Ergaben sich, als er sie nahm.

 

Die Pergamenthaut ihrer Narbe

Hielt sie stets bedeckt.

 

 

 

Sie hatte Unterschlupf in einer Höhle,

Und darin, an einer Wand, zwei übergroße Zeichen,

Dass sie nicht die erste war.

Sie konnte lesen

Und verstand doch nicht den Sinn.

 

Das eine war ein Bogen,

Der nach oben öffnete,

Das andere ein Blitz,

Wie U und N.

 


 

 

Tausendundeine Nacht

 

Die Kinderschaukel

Stand so seltsam ruhig

Vor dem Mond.

 

Im Garten war es viel zu eng

Für weite Sicht

Und doch glitt er mit

Sehnsuchtsvollen Augen

Über die Gebirge, die er

Auf der weißen Scheibe

Sah.

Sie sollte schon einmal ein

Mensch betreten haben.

 

 

 

In das grelle Licht

Stieß eine Stange dieser Schaukel,

Daran hing der Anfang

Ein Seiles.

 

Jetzt war er dort oben

Astronaut an einem Kraterrand,

Zugleich ein Fremdling,

Irgendwo auf einem Blütenfest.

Hier fesselte zuerst

Die schwingende Bewegung einer Körperkünstlerin

Den Blick,

Doch dann verlor der sich in ihrem Rücken

In der Abendsonne,

Die war nah und stand in einem See

Und blendete.

 

 

 

Von seiner Medizin, die er noch

Regelmäßig nahm,

Versprach er sich sehr viel.

 


 

 

Walther von der Vogelweide

 

„Wer schlägt den Löwen, schlägt den Riesen

Wer zwingt jenen und auch diesen…“

 

Es sind nicht die schönen Worte,

Die mir meine Narben glätten können,

Nicht die Medizin, die vielversprechend

Darauf tröpfelt,

Und es ist auch nicht das Rosenblütenblatt,

Das lautlos auf sie schneit.

 

Ja, ich bekenne meine Schuld,

Und ich verlange Strafe,

Doch man sieht sie nicht:

„So, wie du liebst, ist es normal.“

 

Ich liebe nicht normal.

 

 

 

Der dunkle Rand am schwarzen Loch,

Ist mein Zuhause.

Manchmal wird mir federleicht,

Dann schwebe ich dahin,

Dann liebe ich die Welt

Und möchte mich umarmen.

 

Doch mit einem Schlag

Begegne ich mir selbst

Ganz tief in mir

Und in der größten Enge,

Frage nach, nach mir

Und dem Warum

Und drehe mich und wende mich

Und finde keinen Sinn.

 

 

 

Wenn ich mich selber zwänge…

Wüsste ich nur wie.

 


 

 

Des Kaisers Nachtigall

 

Mein großer Garten liegt

Wie heil

In einer Wald- und Wiesenlandschaft.

 

In dem Garten

Finde ich ein kleines Nest

Mit fingernagelgroßen Eiern

Und mit einem Kuckucksei darin,

Das überschattet alle,

Und die Vogeleltern

Ahnen nichts von dem Betrug.

 

 

 

Aus meinem Zimmer, weit in meinem Rücken,

Höre ich vom Bildschirm

Beifall klatschen.

Sicher ist ein großer Sieg

Errungen worden.

 

 

 

Spät, schon in der tiefen Dunkelheit,

Weckt mich aus einem Dämmerschlaf

Das helle Singen einer Nachtigall.

Sie ist mir gleich vertraut, ich kenne sie.

Ihr langes Lied und ihre Melodien, ihr

Schluchzen rühren mich,

Ich gebe gerne mein Versprechen,

Dass ich niemandem auch nur ein

Wort von ihr erzählen

Werde.

 


 

 

Dornröschen

 

Sie zog in den Süden,

Wo die Erde wärmer war,

Und wo das Blühen blühte,

Wo sie Rosen pflanzen, lieben,

Atmen und berühren konnte,

Und sie hatte schnell zwei

Rosengärten, einen vor

Und einen hinter ihrem Reihenhaus.

Sie kannte alle Rosennamen,

Und die Blütenpracht in

Rot und Rosa, Weiß

Und ganz besonders warmem Gelb,

Verwehte sanften Duft,

Ein Schatz, den sie tagaus, tagein

Als leichtes Sommerkleid empfand.

 

 

 

Die Leute nannten es das

Rosenhaus, weil vorne zwei der

Rosen über Fenster und die ganze

Hauswand bis hinauf aufs

Dach gewachsen waren.

 

Ihre Welt stand still.

 

An einem lauen Sonnentag jedoch

Durchbrach ein starker Arm

Den Wall von Dornen bis zu ihr.

Mit seinem ersten Kuss

Schloss er ihr alle Himmel wieder auf

Und sprach von ihren beiden Gärten,

Ihren Rosen,

Und wie lange sie schon

Tief in seinem Herzen wohnte,

Und wie schwer sie aufzufinden war.

 

 

 

Sie aber zog ihn langsam zu sich hin

Und flüsterte ihm in sein Ohr:

„Ich hab noch einen dritten

Rosengarten,

Der steht immer ganz in Blüte,“

Und es wuchsen

Schlanke Ranken ihm um

Leib und Schultern

Und an seinen Mund

Und hatten keine Dornen.

 


 

 

Der Froschkönig

 

Sie war Tochter, jung und reich,

Die Welt hielt sie mit

Goldenen Karten in den Händen.

Ihre Spiele waren neu,

Vom Hubschrauberlandeplatz des

Höchsten Hauses ihrer Kette von Hotels schlug sie

Den Golfball, einen nach dem anderen,

Auf weit entfernte Ziele unter sich ins Wasser,

Aus Versehen aber auch die kleine Silberkugel,

Die mit Engelsharfenklang beim Fallen,

Und dem eingebauten Zufallsgenerator,

Großes Liebeglück verkündete.

 

Die Kugel war ihr Schatz,

Ein Himmel schien mit ihr

Für alle Zeit verloren und sie weinte bitterlich.

Sie schwor, den, der den Schatz ihr wiederbrächte,

Selbst zu ihrem Schatz zu machen.

 

 

 

In der Nähe hielt ein Rapper

Ausschau nach ganz neuen Texten,

Hörte ihren Schwur und

Ließ sie ihn erneuern,

Sich dazu noch einen Kuss

Und eine Nacht in ihrem Bett

Versprechen.

 

Er war Frosch, ein Kind des Wassers.

Seine Haare hatte er als Königskrone hochgestellt

Und war mit Heinrich, seinem Freund,

Dem Stummheit seinetwegen eisern seinen Mund verschloss,

Voll Tatendrang.

Er  hatte ihre Silberkugel schnell entdeckt

Und brachte sie zurück.

 

Als er auf ihren Schwur bestand,

Gab sie ihm schnell den Kuss

Und stieß ihn dann,

Vom Dach des Hauses in sein Element.

Sie wollte nur die Kugel.

 

 

 

Dann jedoch, im letzten Augenblick,

Betört von einem wunderbaren Wandel

Seiner Augen, des Gesichtes, seiner Haut,

Riss sie ihn sich zurück.

Sie fühlte ihm sich plötzlich sehr vertraut

Und war für ihren ganzen Schwur bereit

Und schloss nach Frauenart die Augen.

 

Ganz behutsam spürte sie

Ein Liebesglück erwachen

Und ihr Herz zur Engelsharfe werden.

 

Ihre Silberkugel hielt sie fest an sich gedrückt,

Und dem getreuen Heinrich

Brach bei so viel Glück

Der Eisenring von seinem Mund.

 


 

 

Hans im Glück

 

Ich ging auf eine lange Reise,

Meine Hände hielten einen Barren Gold,

Den hatte ich verdient,

Der sollte mir nun Glück bescheren.

 

Auf der Reise bin ich

Einem Mann begegnet,

Der seit über fünfundvierzig Jahren

Einen Elefantenbullen

Wie sein eignes Leben hütete und pflegte.

Dieser Mann war sehr begabt

Und tauschte

Eine Zeichnung seines Elefanten,

Gegen meinen Barren Gold.

 

 

 

Das war mein Glück,

Denn danach traf ich eine Frau,

Die lebte über zwanzig Jahren schon

Als Leittier einer Elefantenherde,

Und sie tauschte mir

Ein leeres Tagebuch,

In das sie gern geschrieben hätte,

Gegen meine Zeichnung

Von dem Elefantenbullen.

 

Und ich hatte wieder Glück, denn

Schließlich war ich Gast in einer

Kleinen Küche,

Dort erfuhr ich von der Hausfrau,

Wenn sie nur auf diese eine Küchenleiste

Klopft, erscheint,

Seit sie vor drei Jahrzehnten

In dies Haus gezogen sei,

Gleich eine Spinne,

Die lebt dort versteckt.

 

 

 

Die Hausfrau tauschte mir ihr Wissen

Und Geheimnis gegen mein

Noch leeres Tagebuch,

Sie wollte darin

Alles niederschreiben.

 

So traf Glück auf Glück,

Denn als ich endlich heimkam,

War ich unbeschwert und frei

Und dankbar über so viel Glück,

Das ich bei anderen für mich

Gefunden hatte.

 


 

 

Abgespeichert

 

Als wir dich begruben,

Warst du einen Tag verstorben.

Beide großen Kriege hattest du noch miterlebt,

Im zweiten, damals, warst du eine

Reife Frau.

 

Wir waren hier nur wenige

Und kamen von weit her.

 

Es war sehr kalt,

Der Himmel strahlend blau,

Der Frost stand in der Luft und in dem Boden,

Und man stellte deinen Sarg nun

Ebenerdig neben eine Stelle, die mit einer

Grünen Plane überdeckt war.

Alles andre sollte später folgen,

Wenn die größere Maschine

Für den Erdaushub gekommen wäre.

Das war uns zu spät,

Dann wären wir schon wieder

Abgereist.

 

 

 

Du wolltest keine Reden,

Nur ein schlichtes Kreuz aus Holz

Und auch kein Vaterunser.

Alles mussten wir versprechen.

Ich sprach leise einen

Kinderreim, der war in meinem Kopf.

Wir legten unsre Blumen auf den Sarg

Und sprachen übers Wetter,

Dass wir wegen unsrer Eile

Keine Trauerkleidung trugen,

Dass uns Fremde sehr behilflich waren,

Und verließen uns darauf,

Dass sie dich nachher ohne unser Beisein,

In die Erde lassen würden.

 

 

 

„Mutti“ und den Namen dieses kleinen

Ortes habe ich noch vor der Rückfahrt

Abgespeichert.

 


 

 

Die Schneekönigin

 

Sie erzählte mir die Sache so:

Ich war die Herrin vom Forellenhof

Und er, mein Kai, war damals noch sehr jung.

Er war verliebt in seine Nachbarin,

In Gerda, die war arm wie er

Und wusste nichts von Liebesdingen.

Ich erfüllte ihm die Wünsche, die er hatte,

Und auch meine.

Männer sind so einfach.

 

Erst war ich die unnahbare Schneeprinzessin.

Dann die „Eisfrau aus dem Baikalsee“.

Denn über diesen See hinweg war er

Die superlangen Trucks gefahren,

Wenn der zugefroren war.

Ich war das Bild in seinem Außenspiegel.

Immer war ich ihm vor Augen, bis der Frost

Den Spiegel abriss und in hunderttausend

Stücke schlug.

Davon traf eines in sein Herz, ein andres in sein Auge.

Nun war ich für ihn die Königin in allen Dingen.

Ja, ich faszinierte ihn.

Ich habe ihn bekommen, nicht die andere.

 

 

 

Er hat für mich den Hof verwaltet

Und war Herr der Fische oben in den Bergen.

Seine Liebe hatte er mir fest versprochen,

Und die zugefrorenen Gewässer tief im Winter

Wurden seine Leidenschaft.

Dann sah er durch das klare Eis,

Weit unten auf dem Grund,

Forellen wie erstarrt, wie tot.

 

Das ging so Jahr für Jahr.

Doch eines Tages las ich in der Zeitung,

Dass er unsren Hof verkaufen wollte,

Und ich wusste nichts davon.

Er schlief auch nicht mehr in den Bergen

Bei den Teichen oder hier bei mir.

Wie ich erfuhr, schlief er seit fast zwei Jahren

Bei der Nachbarin aus alter Zeit.

 

 

 

Er hat mir einen Brief geschrieben,

Dass ihm seine erste Jugendliebe, Gerda,

Neu begegnet ist, dass er zu ihr zurückgefunden hat,

Dass sie ihm Herzenswärme schenkt

Und er in ihren Armen wieder weinen kann.

Das habe ihn von mir befreit.

 

Mit seinem Brief kam ein Geschenk für mich.

Nur eine winzig kleine Spiegelscherbe,

Klein wie Diamantensplitter, als der letzte

Stein im Mosaik des Wortes Ewigkeit.

 


 

 

Alinas Traum

 

Du bist die ersten vierzehn Tage

Deines Lebens auf der Welt

Und heute zeigten uns die

Mama und dein Papa,

Dass du schon wahrhaftig träumst.

Wie schön wär es für uns,

Erahnten wir wovon.

 

Die Webcam schwenkte leicht

An dir vorbei, damit wir dich im Ausland

Besser sehen konnten, und die Mama sagte,

Dass du schon mit deinen Augen

Ihren Weg verfolgst.

 

Wir sehen, dass du deine Händchen

Ganz geschickt vom Mund an

Deine winzig kleine Nase führst,

Dass deine Fingerchen sich gegenseitig suchen

Und auch finden.

 

 

 

Hier, an unsrem Bildschirm streicheln wir dir

Wangen, Ärmchen und die Hand.

 

Ganz sicher ist, dass du die Welt erspürst,

Wenn du auf Papas Bauch ganz ruhig liegst

Und seitlich nachschaust, ob sich etwas regt,

Wenn deine Mama dich auf ihre Schulter legt

Und wenn du atmest, was dich schon dein

Ganzes Leben lang als schönster

Wohlgeruch begleitete.

 

Dann huscht ein Lächeln über dein Gesicht,

Das haben wir, so weit von dir entfernt, genau gesehen,

Und wir fragten fast ein wenig laut:

„Was sie wohl träumt,

Wovon, woran sie jetzt wohl denkt“.

 

 

 

Die kleinen Augen bleiben unverhofft

In unsrem Blickfeld stehen,

Schauen für Sekunden und ganz ruhig in die Kamera

Als wollten sie uns Antwort geben,

Und es muss ein großer Augenblick gewesen sein,

Denn du schläfst ein.

Doch noch im Schlafen scheinst du wach

Und uns ganz nah bei dir zu wissen.

 

Träume deinen Traum.

 

Wir schalten die Verbindung lautlos ab

Und sind doch selbst noch lange

Etwas Traum von deinem

Traum.

 


 

Das kalte Herz

 

Ihr Herz lag lange schon

Versteckt im Kleiderschrank

Zuunterst bei den Wintersachen,

Neben Briefen, altem Schmuck und einem Amulett,

Darin war Haar von einem

Abgelegten,

Der war ihr noch ganz in Liebe zugetan,

Die er ihr immer wieder eingestand.

Trotzdem trat er ihr nicht zu nah,

Vielleicht aus Eigenschutz.

 

Sie wusste all das sehr genau.

Sie war Juristin und verdiente äußerst gut

Und lachte laut und oft, wenn Leute

Zwischen Recht und der Gerechtigkeit

Nicht unterscheiden konnten.

Sie erkannte gleich,

Dass es nur eines gab von beiden,

Das war immer Recht,

Das war auch stets auf ihrer Seite,

Dafür lag ihr Herz im Kleiderschrank,

Das hatte zu viel Herz gehabt

Sie hatte es für viele kalte

Paragraphen eingetauscht,

Die schlugen nun in ihrer

Brust.

 

 

 

In einer Laune junger Fraulichkeit,

Ein wenig auch im Übermut,

Gab sie auf dem Designersofa

Ihrer Lust und auch dem Drängen eines Mannes nach,

Der wunderbar erzählen konnte,

Seinen Worten Sinn und tiefes Fühlen gab,

Sie aber eigentlich mit dem Vibrieren seiner Stimme

In ein Liebesland entführte,

Etwas, dem sie nichts entgegensetzen konnte,

Außer sich und eine nie geahnte

Seligkeit, die ihr erwuchs und die

Voll süßer Schmerzen war.

 

 

 

Sie litt das erste Mal in ihrem Leben

Liebesqualen als er sie verließ,

Und sie ihm wenig später in der Stadt

Mit einer anderen begegnete.

Er war sehr freundlich und begrüßte sie

Und schob ihr damit eine Kröte in den Hals.

Sie weinte bitterlich als sie zu Hause war.

Das war ihr neu, sie schämte sich

Und sehnte sich nach ihrem warmen Herz

Als es noch Herz von ihrem Abgelegten war.

Der hatte, wie so oft, mit Blumen bei ihr angeklopft.

 

Als er sie nun erneut in seine Arme nahm,

Lief sie nicht durch ihn durch.

Er hielt sie fest, und sie entließ ihr

Herz aus seinem Winterschlaf

Und nahm es fest in ihre Hand.

 


 

 

König Drosselbart

 

Ihr Vater hätte gern gesehen,

Dass sie sich verloben würde.

Die Gesellschaft fände das als gutes

Zeichen, und sie brauchte ja

Nicht gleich zu heiraten.

Die Firma lief sehr gut, so richtig gut,

Dass es ein Jammer wäre, wenn..

 

Er hatte auch schon Kandidaten für sie

Ausgesucht und wusste, dass das sehr

Gefährlich werden konnte:

Seine Tochter war in alle Richtungen

Verwöhnt und sehr verzogen.

Das war seine Schuld.

Das Risiko schien groß, denn sie nahm seinen Reichtum

Als ganz selbstverständlich hin,

Tat selber nur, was ihr gefiel und allen andren

Zwang sie ihren Willen auf.

Sie sah nicht ein, dass sie sich binden sollte.

Besser könnte sie es nur bei einem wirklich Reichen haben.

Männer waren ihr somit nicht wichtig,

Und sie hatte nur noch Spott und Hohn für sie.

Schon Äußeres, wie Kleidung, und die Sprache

Eines stillen Werbers, zog sie laut ins Lächerliche.

 

 

 

Dann, aus Übermut nahm sie sich einmal einen

Lückenbüßer, einen armen Musikanten.

Der gefiel ihr, weil er sein Gesicht

Versteckt hielt hinter einem Bart.

Trotzdem verspottete sie ihn als König Drosselbart.

Der Vater war darüber sehr erbost und schmiss sie raus und

Setzte sie, zwei Mittellose, einfach auf die Straße.

Das quittierte die Gesellschaft mit viel Schadenfreude.

 

Notgedrungen hielt sie bei ihm aus, zunächst als

Besserwisserin:

„In meines Vaters Haus wär ich jetzt reich“,

Doch willigte sie dann, zum Schluss,

In eine Heirat mit ihm ein,

Die war so ärmlich wie ihr ganzes, neues Leben,

Ohne weißes Kleid und ohne Strauß.

Nach Hause traute sie sich nicht zurück.

 

 

 

Ihr Mann war gut zu ihr und half ihr sehr

Und hatte selber nichts.

So lernte sie den Müllcontainer eines Supermarktes

Sehr zu schätzen.

Doch dann gab sie sich geschlagen und erkannte ihrer beider Not.

Sie floh deshalb von ihm und

Hatte Glück mit einer Arbeit in der Küche eines

Herrschaftlichen Hauses.

Dort bereitete man sich auf eine große Hochzeit vor.

Den Herrn des Hauses hatte sie noch nie gesehen,

Wer das Brautpaar war, blieb allen ein Geheimnis.

Daran war sie aber gar nicht intressiert, sie dachte jetzt

Nur noch in Liebe an den eignen Mann, den sie verlassen

Und wie unrecht sie an ihm gehandelt hatte.

 

An dem Tag der Heirat wurde sie zu ihrem

Herrn gerufen, der sah sehr gut aus und war ihr plötzlich

Wohlbekannt.

Der nahm sie diesmal richtig an die Hand

Als seine Braut im weißen Kleid mit einem Strauß

Aus roten Rosen und Rapunzeln und viel Schleierkraut.

 

 

 


 

Prosa

 

Pina Bausch, Nachruf

 

…was Pina Bausch‘s Tod betrifft, hat es mich schwer erschüttert. Ich hatte zwei Begegnungen mit ihrer Truppe und jedes Mal auch mit ihr. Schon das erste Mal hatte ich eine meiner Vorahnungen, die ich dir jetzt etwas komprimiert erzählen möchte.

Damals, das war tatsächlich etwa um 1984 war sie in Hamburg in der Kampnagel mit ihrem Stück "Cafe Müller". Die Karten waren schon lange ausverkauft und ich hatte ca. 2 Stunden vor Beginn eine meiner Eingebungen "...nun kannst du hingehen, er liegt eine Karte für dich bereit." Das hat mich nicht überrascht und ich bin hin zur Kampnagel-Fabrik. Dort war alles an der Kasse leer, nur ein Student oder so, saß da noch herum. Ich bin zu ihm rein und brauchte nicht zu fragen sondern er bot mir sofort eine Karte an: "Die ist eben zurückgegeben worden. Die können Sie haben." So bin ich also da rein gekommen und war total fasziniert von einer für mich neuen künstlerischen Welt. Sie tanzte mit und auf Stühlen. Ich dachte immer, dass Neumeier Neues brachte, aber sie setzte allem die Krone auf. Noch in der Nacht habe ich ihr ein seitenlanges Gedicht meiner neuesten Fassung zugesandt und natürlich nie wieder etwas von ihr dazu gehört.

Im Jahr 1991, das war im März, musste ich in die Nähe von Wuppertal, um meine mündliche Prüfung für meinen Sicherheitsingenieur zu machen. Aus ganz Deutschland waren etwa 65 Personen eingeladen und ich dachte sofort an P.B. Die Prüfung konnte mich nicht schrecken, weil ich einfach alles wusste und eine Wissensprüfung sowieso nicht erfolgen sollte. Schon als ich in den kleinen Ort, noch vor Elberfeld ankam hatte ich nur noch sie im Kopf. Am nächsten Tag bin ich also zu der einzigen Vorverkaufsstelle und gleichzeitig Reisebüro gegangen, um mich nach einer Möglichkeit zu erkundigen. Dass sie etwa nicht spielen würde, kam mir nicht in den Sinn. Das Geschäft hatte noch auf, und es hing eine Vorankündigung im Fenster. Darauf stand sie als Ankündigung für eine der nächsten Tage mit dem Stück: "Nelken", Ende offen, wegen der freien Inszenierung, Dauer mindestens zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden, und, zu meinem Schrecken, handelte es sich um eine geschlossenen Gesellschaft, alles Banker. Der Verkäufer machte mir keine Hoffnung: "Das können Sie wirklich vergessen, die sind alle unter sich." Punktum. Die Vorstellung sollte am nächsten oder übernächsten Tag um 20.00 Uhr beginnen. An dem Abend so gegen 18.00 hatte ich wieder eine meiner Eingebungen: "Du kannst jetzt ganz ruhig losfahren, es ist alles in Ordnung und sehr schön vorbereitet." Von nun an lief alles wie von Geisterhand. Ich erkundigte mich, wie ich nach Wuppertal käme und wo so etwas stattfindet. "Die tanzt immer in der Oper. Erst nehmen Sie den Bus nach Elberfeld und dann die Schwebebahn bis Sie die Oper sehen, die kann man nicht übersehen." Als ich beim Bushalteplatz ankam, traf gerade der Bus ein und fuhr gleich los. Die Zeit rann mir unter den Fingern davon. In Wuppertal-Elberfeld bin ich in die Schwebebahn, die nur auf mich zu warten schien. Trotzdem war ich erst so um 20.20 Uhr an der Oper. Ich hatte zwar oft gefragt, nach der Station usw. aber man hat mich immer beruhigt: "...die ist nicht zu übersehen." Ok. An der Oper stieg ich aus und ging über einen menschenleeren, wirklich menschenleeren Platz und schaute in eine große Eingangstür. Es war niemand zu sehen. Dann ging ich weiter zu einer anderen Tür und sah ziemlich weit hinten, im Dunklen, so eine Art Bedienung stehen. Es waren drei oder vier Garderobenfrauen, die mich gebannt anschauten. Ich bin auf die zu, und eine sagte zu mir: "Sie haben Glück, da drinnen ist noch eine Demo. Sie haben nichts versäumt." Eine andere nahm mir meinen Mantel ab, gab mir eine Marke, und eine Dritte öffnete vorsichtig eine Besuchertür, wies auf einen Platz am Rand in der vierten oder fünften Reihe und wünschte mir viel Spaß. Da habe ich mich hingesetzt und der Pinguin neben mir sagte: "Es soll jetzt gleich losgehen. Bisher gab es gar nichts besonderes."

Ich habe dann P.B. und ihre Tanzgruppe ein zweites Mal gesehen und war wieder total aufgeregt. Nach etwa eineinhalb Stunden wurde alles unterbrochen und die Banker überreichten ihr einen Preis, den sie an die Folkwang-Tanzschule weitergab. Das dauerte sehr lange und danach ging es bis zu einem vorzeitigen Ende weiter. Dann rief man auf zu einem kleinen Bankett mit Sekt usw. Ich habe mich aber abgesetzt, um den letzten Bus noch zu bekommen. Das hat alles sehr gut geklappt. Zuvor, in der Schwebebahn fragte mich ein Herr, der ebenfalls vorzeitig gegangen war: "Berichten Sie auch für eine Zeitung oder so?" Ich habe ehrlich geantwortet, dass ich nur durch Zufall dabei gewesen sei. Das hat ihn aber nicht weiter berührt.

Ja, lieber Leser, das waren meine beiden Begegnungen mit P.B.

Harald Birgfeld im Juli 2009

 


 

Vom Sterben nach dem Tod

 

In Erinnerung an meinen 1986 verstorbenen Bruder.

 

Sie fordern mich also auf, die ganze Geschichte, nein, eigentlich den Schluss der Geschichte zu erzählen.

Dabei muss ich zugeben, dass ich gerne sagen würde, dass ich dafür gar keine Zeit hätte oder so etwas ähnliches.  Ja, Sie haben recht, es geht oder ging schließlich um meinen Bruder, einen meiner Brüder.  Wir sind ja fünf Geschwister.  Waren es.  Wie alt mein Bruder war, als es passierte?  Warten Sie.  Das war vor eineinhalb Jahren.  Da war er 52.  Sehen Sie, wir stammen aus einem Hause, wo jeder seiner eigenen Wege gehen konnte.  Ich meine nicht nur im Alltag, sondern auch in seinen Gedanken.  Das mag an der Zeit gelegen haben, aber mit Sicherheit auch an der oder nicht vorhandenen Erziehung, oder, heute würde ich sagen, es lag an der Seelenlosigkeit des Umganges, den wir Kinder miteinander hatten und, während des Krieges und der ersten fünf Nachkriegsjahre, als mein Vater noch in der russischen Gefangenschaft war, an der Seelenlosigkeit des Umganges der Mutter mit den Kindern und noch später an der von beiden, nämlich Vater und Mutter. Nein, Sie dürfen nicht denken, dass ich Vorwürfe erheben möchte. Lassen Sie mich Ihnen drei Beispiele geben:

Mein ältester Bruder, also der, um den es hier geht, goss sich als Jugendlicher Spiritus über die Hand und auf die Oberschenkel und zündete sich an.  Wir kannten ihn und erschraken nicht. Die kleinen bläulichen Flammen auf seiner Haut konnte er immer wieder löschen.

Mit der Hand machte er zwei, drei schnelle Bewegungen und schüttelte die Flamme aus.  Es roch etwas nach verbrannten Haaren.  Mein Bruder war wortkarg.  Auf Fragen antwortete er nur, wenn er wollte.  Nein, er sagte immer, dass er keine Schmerzen empfände. Er stach sich auch eine feine Nadel senkrecht in den Oberschenkel.

Eine andere Geschichte erfuhr ich vor noch gar nicht langer Zeit aus dem Munde meiner Mutter, als sie mit etwas Stolz in der Stimme erzählte: "Meine eignen Kinder habe ich nie auf dem Schoß gehabt. Das müsst ihr doch noch wissen.  Dafür hatten wir immer eine Kinderfrau."

Meine Kindheit zeigt mir noch meinen andren Bruder.  Der saß oben im zweiten Stock unseres Hauses dauernd vor dem Küchenfenster und malte die gegenüber liegende Kirche. Wir Geschwister unterhielten uns wenig miteinander.  Sehen Sie, darin, und in vielen anderen Begebenheiten, erkenne ich heute, im Nachhinein, eine gewisse Seelenlosigkeit.  Ich selbst neige dazu.  Meinen Sie nicht?  Na, Sie können das nicht beurteilen, aber ich bin auch ein Einzelgänger oder besser ein Eigenbrötler.  Bin zum Beispiel gern' allein.  Sehr gerne.  Na ja, wir werden das Gespräch schon zu Ende führen.  Bestimmt.  Wenn ich auch der Meinung bin, dass ich erstens kaum etwas dazu sagen kann, und es Sie ja eigentlich auch wenig angeht.  Nein, ich möchte Ihr Interesse daran wirklich nicht erfahren.

Damals rief mich meine Schwester an und lud mich zu einem Konzert ein.  Ihre Tochter war auch dabei.  Sie hat zwei bildschöne Töchter.  Für meine Begriffe bildschön.  Sie sind zart mit feinen Gesichtszügen.  Das muss ich deswegen sagen, weil ich an interessanten Gesichtern "kleben" bleibe und viel zu lange hinschaue.  Ich bin aber oft so fasziniert, auch von den Bewegungen, dass ich mich leicht verliere.  Das hat mit Begehren oder so etwas überhaupt nichts zu tun.  Es ist eine Art Studium am Objekt.  Ich würde zu gerne malen, Natürlich.  Entschuldigen Sie, das gehört nicht hierher.  Nach dem Konzert gingen wir drei in ein sehr schönes Restaurant in einer großen Hotelhalle in der Innenstadt, und ich musste meiner Schwester noch vor dem Eingang einfach sagen: "Dafür hab' ich kein Geld." Die beiden Frauen lachten.  Ich mag mich nicht gerne aushalten lassen.  Meine Schwester, ihre Tochter und ich bestellten einen kleinen Nachtteller, mit Salat und wenig Fleisch.  Ich meine, es gab auch Wein dazu.  Meine Schwester ist in meiner Erinnerung nicht die "liebe Schwester", sondern die herumerziehende Schwester gewesen.  Deshalb sind wir uns viele Jahre etwas aus dem Weg gegangen.  Mir fiel nun auf, dass sie sehr viel redete und sich in einem Gespräch mit ihrer Tochter verfangen hatte.  Zu mir gewandt sagte sie plötzlich: "Sag' doch auch 'mal 'was dazu.  Es ist doch auch dein Bruder." Ich nahm mich zusammen, auch weil ich mich in der Umgebung nicht wohl fühlte.  Meine Schwester redete schon wieder.  Es ging um meinen ältesten Bruder.  Verstehen Sie, sie sprach mich an, aber gab auch die Antworten selbst.  Mein ältester Bruder war ihr in seinem Verhalten aufgefallen.  Er war ihr zu still geworden und zu zurückgezogen vorgekommen, als wir alle, also Geschwister mit Anhang, kürzlich bei ihr zu Besuch gewesen waren.  Sie sagte nun: "Man muss doch irgendetwas für ihn tun können." Ich platzte dazwischen.  Ja, so bin ich, und daran sehen Sie meine eigene Kälte, Gefühllosigkeit: "Was willst du machen, was könnten wir tun.  Er lässt doch niemanden an sich heran.  Er erzählt nichts von sich.  Wir wissen nichts von ihm.  Viel zu wenig jedenfalls.  Kaum, dass ich ihn noch besuche.  Und ganz ehrlich, ich habe auch gar kein Verlangen danach." Meine Schwester gab nicht auf: "Er ist doch unser Bruder." Ich wieder: "Er läßt sich einfach gehen.  Dem ist doch wirklich alles egal.  Wenn ich mich so verhalten würde, könnte ich gleich einen Strick nehmen." Meine Schwester: "Meinst du, er könnte sich etwas antun?..oder würde?" Hören Sie gut zu.  Ich sagte: "Das weiß ich doch nicht, und wenn er sich aufhängt, kannst du auch nichts machen und ich auch nicht.  Oder willst du zu ihm hinfahren.  Dann müssen wir jetzt sofort aufstehen, ins Auto steigen, ihn aus dem Bett holen und Händchen halten." Die Tochter kam dazwischen: "Man kann euch gar nicht zuhören.  Mir wird richtig schlecht von eurem Gerede." Meine Schwester sagte, und glauben Sie mir, es ist die reine Wahrheit: "Meinst du, dass er sich aufhängen wird?" Und ich Idiot sagte: "Das weiß ich doch wirklich nicht.  Vielleicht.  Vielleicht nimmt er Tabletten.  Vielleicht ist er auch glücklich so.  Ich weiß es nicht.  Ich kann es nicht wissen!  Ich habe keinen Zugang zu ihm." Der Abend war schlimm.  Sehen Sie, meine Phantasie ist mein Nachteil.  Vielleicht bin ich meinem Bruder aber auch zu ähnlich, oder er mir.  Von nun an dachte ich den ganzen Abend immerzu ans Aufhängen.  Wie das funktioniert, meine ich.  Ich dachte an Einzelheiten, die zur Hand oder vorbereitet sein müssen.  An den Entschluss, es zu tun, dachte ich dabei nicht eine Sekunde, obwohl es eigentlich das Wichtigste sein müsste. 

Wir trennten uns vor der Haustür meiner Schwester.  Ich machte von dem Abend noch ein paar Notizen und eine kleine Zeichnung, was ich wirklich nur gelegentlich mache.  Hier, sehen Sie.  Ja, die Skizze zeigt uns am Tisch. Zuhause trank ich noch ein Glas Wein und ging dann schlafen.  In meinem Kopf arbeitete es weiter.  Gegen 23.40 Uhr habe ich mich hingelegt und gegen 0.3o, also nicht einmal eine Stunde später, bin ich wieder aufgestanden, weil ich mich nicht ertragen konnte. Im Halbschlaf hatte ich fortwährend den Gedanken, mich aufzuhängen.  Ich konnte ihn nicht loswerden, Im Traum suchte ich zunächst nach einem Seil, nach einem geeigneten Seil.  Ich verfiel auf das Autoabschleppseil, weil sich daran so eine gebogene Stahlschlaufe befand, durch welche das Seil gut rutschen konnte.  Ich suchte dann nach einem Haken, um das Seil zu befestigen. Nirgends fand ich etwas Geeignetes, so dass ich die Bohrmaschine holen wollte, um einen Haken anzubringen.  Mein Blick fiel auf eine Wasserleitung. Die verlief über einem kleinen Schacht im Keller.  Alles war plötzlich wie vorbereitet.  Von nun an erinnerte ich mich nicht mehr an Einzelheiten sondern an den Satz: "Ich erhänge mich." Nichts weiter.  Dieser Traum wiederholte sich ein zweites und wenigstens noch ein drittes Mal.  Ich wurde schließlich wach, hellwach, stand auf und spottete innerlich über mich, dass ich mich durch das "Gefasel der Weiber" in eine derartige Unruhe hatte versetzen lassen. Meine Frau war verreist, ich war ganz allein in dem Haus.  Ich schaltete den Fernseher ein.  Daher weiß ich auch die genaue Uhrzeit. Der Apparat lenkte mich ein wenig ab, und ich konnte schließlich einen neuen Anlauf nehmen.  Morgens stand ich früh auf.  Ich hatte diese Tage frei oder Urlaub und hielt mich im Hause auf. Spätestens gegen l0.00 Uhr rief mich mein jüngster Bruder an.  Er war in der Firma. Er sagte gleich: "Du, es ist etwas ganz Entsetzliches passiert.  Unser ältester Bruder hat sich aufgehängt." Er sagte nicht den Namen unseres Bruders, sondern er umschrieb ihn, indem er sagte: unser ältester Bruder.  Ich sagte: "Nein," aber in meinem Kopf sagte es: Ja. Er sagte dann: "Jemand muss zu B.  Es muss sofort etwas gemacht werden." Ich sagte. "Das ist ja furchtbar, was sollen wir denn machen?" Hören Sie zu, wie kopflos man sein kann.  Mein Bruder sagte: "B hat mich eben angerufen, sie weiß nicht, was sie machen soll.  Er hängt vor ihrem Wohnzimmerfenster an der Kinderschaukel.  Im Nachthemd.." Ich wieder: "Hat denn die Polizei oder ein Arzt.... " Er: "Du kennst sie doch.  Sie ist eben erst aufgestanden und hat das gesehen." Ich sagte also: "Gut. Ich kümmere mich darum." Er  wieder: "Würdest du zu ihr fahren?  Du bist doch der einzige, der Zeit hat." Ich war auch durcheinander, denn ich fragte ihn nach der Anschrift meines Bruders.  Die hatte er parat.  Dann legten wir auf, und ich rief die Polizei an. Eine ruhige Stimme war in der Leitung.  Ich erklärte, was ich wusste und dass ich hinüberfahren würde. 

Es waren knapp sieben Kilometer, also keine Entfernung mit dem Auto.  Ich verstehe Sie.  Ich weiß genau, was Sie sagen wollen und weswegen Sie möchten, dass ich Ihnen a11es erzähle.  Alles jedenfalls, was ich weiß.  Ich komme noch auf den Punkt.  Ich glaube, wir sind schon nahe dran.  Sie müssen auch ... Nein, Sie müssen gar nichts.  Also, ich stieg ins Auto und fuhr hinüber.  Ich konnte mich nicht in die Lage der Frau versetzen.  Ich weiß nicht, wie es ist, wenn der Ehemann vor dem Wohnzimmerfenster erhängt ... Ich meine, das Gefühl habe ich doch nicht nachempfinden können, oder?  Meine eignen Gefühle?  Darüber sprechen wir ja gerade.  Das Bild von dem und die Unsicherheit über das, was mich wohlmöglich erwartete, setzten mir arg zu.  Ich hatte wenig Mut zu dem Besuch, das gebe ich zu.  Als ich schließlich ankam, wurde mir von einem der Kinder geöffnet.  Es war der älteste Junge.  Er hatte keine Tränen in den Augen. Auf der Straße, etwas abseits, hatte ich ein Polizeifahrzeug erblickt.  Es fiel nicht weiter auf, stand wie zufällig da, so dass ich es fast übersehen hätte.  Ich wusste nicht, was ich dem Jungen sagen sollte und fragte nach seiner Mutter.  "Die sitzt im Zimmer." Also im Wohnzimmer, dachte ich.  Ich ging hinein.  Unerwarteterweise saß mein jüngerer Bruder, also der, der mich angerufen hatte, schon bei ihr.  Er war also doch gefahren. Wenig später traf meine Schwester ein.  Beim Eintreten hatte ich sofort verstohlen aus dem Fenster geschaut.  Die Schaukel war leer. Ich wagte nicht nachzufragen.  Als ich dann auf meine Schwägerin sah, die mit verquollenen Augen einerseits abwesend zu sein schien und andrerseits hilflos nach einem festen Punkt Ausschau hielt, überkamen mich auch die Tränen.  Ich beugte mich zu ihr hinab und nahm sie, so gut es ging, in den Arm.  Wir stellten uns beide sehr ungeschickt an.  Ich glaube, es war das erste Mal überhaupt, wenn man von einer "Umarmung" bei irgendeinem Tanz einmal absieht.  Immerhin kannten wir uns schon über zwei Jahrzehnte.  Es ist doch kaum zu glauben, nicht wahr?  Sie fasste sich angenehm an.  Mir fiel dabei eine Kuriosität aus meinem Elternhaus ein: Zwischen den Eltern und den Kindern, sowie den Kindern untereinander hat es nie körperlichen Kon