Mann aus Blech und Plastikfrau
Ein dramatisches Bühnenstück in
drei Akten
Glaube - Liebe – Hoffnung
Harald Birgfeld

Ein dramatisches
Bühnenstück in drei Akten
Glaube - Liebe –
Hoffnung
Harald Birgfeld
Copyright
2009 beim Autor, Harald
Birgfeld, alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne
schriftliche Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und
Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Herausgeber, Autor,
Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:.
Harald.Birgfeld@t-online.de
ISBN
978-3-937264-44-8
In
dem Stück kommen vor:
Sie
1 Seine Frau
Ein anderes Ehepaar Sie 2 Eine Plastikfrau
Er
2 Ihr Mann
Eine
Freundin Fr. Eine Frau
Jugendliche JU. Sehr
aggressiv, erst menschlich, dann unmenschlich.
Eine
dressierte Ratte mit dem Namen „Susi“
Ein
schwuler Postbote Post.
Rezeption, Rez.
Bedienung
Die Bilder in der
Reihenfolge:
1. Akt
1. Bild Monolog Kein Triumph
2. Bild Im
Büro Begegnung
und Verwirrung
3. Bild Im
Büro Herausforderung
4. Bild Im
Büro Bedrängnis
und Befreiung
5. Bild Im
Park Verlockung.
Ein Lied.
6. Bild Zuhause, Einsicht, Angst, im
Park
2. Akt
1. Bild Kantine Liebesgeständnis
2. Bild Zuhause Kampf um Wahrheiten
3. Bild Büro Versteinerung
4. Bild Zuhause Kampf der Beutetiere
5. Bild Kantine Ein Kartenhaus
6. Bild Zuhause Erfolgloser Bote
3. Akt
1. Bild Im Park Auf der Suche. Ein
Lied.
2. Bild Straße Ein Kind?
Trennung?
Freundschaft?
Männerliebe?
Männerhass?
Oder
Suche
nach der Freiheit?
3. Bild Drei Träume, Befreiung durch Zerstörung?
4. Bild Bahnhofshotel Es soll nicht sein
5. Bild Büro im Spinnennetz, Mord auf Raten
6. Bild Straße. Mord oder Hilfe zum
Selbstmord
Monolog
1.
Akt, 1. Bild, Kein Triumph
Er 1 Meinetwegen könnte, könnte Jesus
Weiblich sein.
Ich hätte nichts
dagegen.
Was wär'
einzuwenden?
Seine Leiden, seine
Wunden
Würde ich nicht
sehen wollen,
Sondern den Verlauf
des Frauenhaars,
Das wäre lang und
blond.
Hätt' man den Kopf
der Frau, als Jesus, kahlgeschoren,
Würden meine Augen
über ihren ganzen Körper fahren.
Meine Augen brennten
sich in ihre Züge ein.
Sie wäre nach wie
vor ans Kreuz geschlagen
Und wär voller
Leiden,
Und für mich voll
Leben.
Diese Frau als Jesus
wär' für mich alleine da.
Sie wäre eine ganz
besondere Besonderheit.
Es wär' nicht sie
die litte, sondern ich.
Ich litte unter ihr.
In ihrem Leib könnt'
ich mich wahrhaft
Wiederfinden.
Sonst wär' sie vor
meinen Augen
Eine zarte Frau.
Im Wesen zart , das
würde Ausdruck haben.
Ähnlich der Pieta
Michelangelos,
Der Mona
Lisa Leonardos.
Ja, ich weiß, es
hört sich kitschig an.
Trotzdem soll man nicht
denken,
Dass ich mir den
Jesus weiblich wünsche,
Das wär' falsch.
Ich hätte nur
dagegen gar nichts einzuwenden.
Manchmal denke ich
zum Beispiel,
Jener Arzt, der mich
behandelt,
Wäre besser eine
Frau.
In der Beziehung
hab' ich wenigstens an einer Stelle
Glück gehabt,
Denn jetzt bin ich
bei einer Zahnärztin.
Ich glaube, sie ist
Polin.
Sie behandelt mich,
Ich meine nicht nur
medizinisch,
Sondern eigentlich
die ganze Art
Wie sie sich um mich
kümmert,
Wie sie mit mir
umgeht,
Also, sie behandelt mich,
So, wie ich mich
behandelt wünsche:
Sie erweckt in mir
ein prickelndes Gefühl.
Es ist schwer zu
beschreiben.
So ein königliches
Selbstgefühl ist es.
Ich könnte mich ihr
völlig überlassen.
Ein Gefühl der
Selbstauslieferung ist es.
Sie weiß natürlich
nichts davon.
Ich will es so
erklären:
Sie, als meine
Mörderin,
Als meine Mörderin
an mir,
Hätt' leichtes
Spiel.
Ich ließe mich von
ihr, fast wie gelähmt,
Zu Tode quälen.
Der Gedanke kitzelt
mich
Und schüttet eine
Wohligkeit auf mich,
Die kann ich nur in
Gegenwart von einer Frau
Empfinden.
Dabei ist viel
Träumerei, ich weiß,
Und trotzdem reicht
der Schrecken des Erwachens,
Der dahinter steht,
nicht aus,
Mich in die
Wirklichkeit
Zurückzuholen.
Eine
Gruppe von Frauen tritt auf. Alle legen sich auf den Rücken und spreizen die
Beine. Sonnenlicht fällt in ihre nackten Schenkel.
Frauen haben eine
Welt in ihren Händen,
Die ich nie
begreifen werde.
Diese Welt ist
maßlos fern von meiner.
Und je näher sie mir
steht,
Steht sie mir um so
weiter weg.
Ich kann zum
Beispiel diese Frauen nicht verstehen,
Die behaupten, dass
das Leben aus dem
Weltall kommt.
Sie warten so auf
Weltraumsperma.
Das soll sie
befruchten.
Diese Frauen. gibt
es wirklich.
Wenn ich richtig
unterrichtet bin,
So wollen sie erst
Frauen werden,
Aber immerhin.
Das Weltraumsperma
soll in ihre Scheiden dringen.
Ist das Dummheit
oder was?
Die
Frauen treten wieder ab.
Die Dummheit, wenn
es Dummheit wäre,
Stört mich nicht,
Weil ich sie nicht
verstehe.
Nein, mich stört
auch nicht der Glauben ins Geschehen
Oder das Vertrauen
auf Unmöglichkeit.
Mich stört, so
glaube ich, an diesen Frauen,
Dass sie sich so
ohne weitres
Von den Männern wenden,
So, als gäbe es sie nicht.

Eine Nachbildung der
"Dinner Party" (verkleinert) wird hereingefahren. (Künstlerin: Judy
Chicago) DINNER-PARTY,
die riesige Festtafel aus Keramik, Porzellan und
Textilarbeit, an der für 39 Frauen gedeckt und für weitere 999 mit Stickereien
gedacht ist.
Ein andres Beispiel für mein
Unverständnis
Zielt auf eine
Gruppe Künstlerinnen.
Deren Werk mag ich
nicht sehen
Und nichts von ihm
hören,
Aber es hat
überrascht.
Um sich in dieser
Männerwelt,
Wie sie bestimmt zu
Recht behaupten,
Durchzusetzen,
Schufen diese
Frauen, einsam und gemeinsam,
Ein aus Ton
gebranntes Kunstwerk:
"Dinner
Party",
Das als "Fest
der tausend Frauen"
Namen aller Frauen
trägt,
Von denen man
inzwischen weiß,
Wie stark sie waren
Und in fremder und
in eigner Sache
Kämpften und
verloren,
Siegten und
gewannen.
Dieses Kunstwerk hab'n die Frauen
Rundherum mit
Kacheln schönster Formen
Ausgeschmückt
Und damit einen
Tisch gedeckt.
Was mich nur daran
stört,
Was sie entblößt und
das Intimste zeigt,
Das eine Frau doch
niemals ohne ihrer selbst,
Wenn überhaupt,
Der Öffentlichkeit
überlassen würde, ist,
Dass diese Kacheln
Als ein metergroßes
Mosaik
Entfremdeter Vaginen
anzuschauen sind.
Man "isst"
aus ihnen.
Das versteh' ich
schon.
Doch bleibt mir
dieses Kunstwerk unzugänglich,
Fremd, unnahbar,
Und der Zugang
sollte doch natürlich sein.
Mich stört das ganz
gewaltig.
Andrerseits, denk'
ich,
Ist dieses Stören
Absicht? Könnte sein!
Die
Nachbildung wird hinausgefahren.
Wenn ich schon beim
Gestehen bin,
Geb' ich auch zu,
dass ich ein Bild,
An das ich nicht zu
denken wage,
Immer wieder vor mir
sehe,
Immer wieder vor mir
habe.
Es steht fest in
mir.
Es ist ein
Schreckensbild:
Ich sehe eine
ausgestreckte Hand,
Die einen abgeschlagnen Frauenkopf
Hoch in die Lüfte
hebt.
Er packt einen
Gegenstand in seiner Nähe,
den er demonstrativ
hoch wie an einem
Schopf in die Luft
hebt.
Es
ist ein glatter Schnitt.
Doch meine Phantasie
verbindet unablässig
Diesen Frauenkopf
mit irgendeinem Rumpf
Und trennt ihn
wieder ab,
Verbindet ihn und
trennt ihn ab,
Bis ich in einem
Augenblick erkenne,
Dass es sich um
keinen mir bekannten Frauenkörper handelt.
Jedes Mal ist es ein
anderer.
Die Phantasie ist
nicht zu zügeln,
Und ich will das
alles nicht.
Ein schlanker
Körper, schmale Schultern,
Frauen, die sich
bücken,
Schöne Frauennacken
ganz besonders,
Mit ein wenig Flaum,
Verführen mich zu
diesem Bild.
Es sind die
schlimmsten Augenblicke.
Alles sehe ich
genau,
Und sonderbarerweise
fließt kein Tropfen Blut.
Ich seh' den Schnitt genau,
Kein Blut!
Das Bild, erinner'
ich,
Stammt von der
letzten Köpfung
Einer Bremer
Mörderin.
Der wurde, sagt man,
Nicht der Kopf
geschoren.
Ach, in meiner
Phantasie empfind' ich
Keinerlei Triumph
Und keinerlei
Befriedigung
Und kein Bedauern,
nichts.
In mir ist alles
abgestumpft,
Ein Tasten in der
kalten Asche
Nach der Glut.
Vergeblich!
Monoton die
Wiederholung,
Monoton der Ablauf.
Wolken sind es,
Die sich hoch am
Himmel ineinanderschieben
Und sich trennen
Und erneut zusammen
fügen.
Und ich selbst lang'
dort hinauf
Und schieb die
weißen Felder.
Pause.
Ich vergaß noch ein's:
Ich bin ein Mann aus
Blech, ein Mensch.
Ich wurd' als Mensch geboren,
Und ich seh' nicht anders aus als ihr,
Nur weil ihr's denkt,
wenn ihr mich seht.
Ich hab' ein Herz
Und ebenso, wie
jeder andere das Recht,
Doch davon
später....
Er
1 tritt ab.
Begegnung und Verwirrung
Er 1 / Sie 2 , eine Plastikfrau, Freundin (Fr).
Er 1 kommt auf die Frauen zu.
Er 1 Die Treppensteigerei
ist nichts für mich.
Fr. Zu eitel für den Fahrstuhl, oder?
Er 1 Nein, ich bin doch Fahrstuhlführer,
Für den Notfall.
Steht doch drinnen an der Wand.
Fr. Ach ja, dann kann ja nichts passieren.
Er 1 Deshalb darf ich alle Treppen laufen.
Guten Morgen erst 'mal.
Zu
Sie 2 gewandt
Sie
sind also neu? Willkommen. : Eine Plastikfrau ist- selten.
Fr. Soll ich Kaffee kochen?
Fr.
geht.
Er 1 Danke, das ist gut.
Kleine
Pause, dann zu Sie 2 :
Sie haben eine
Gänsehaut bekommen?
Oder darf ich sagen,
Ihnen sträubt sich
gleich das Silberfell der Arme?
Ich bin nebenbei
„Poet",
Ich schreib ein
bisschen.
Sie 2 Das sieht man bei Plastikfrauen gut, nicht wahr?
Ja,
guten Morgen.
Er 1 Noch ein Kompliment erlaubt, gefällig?
Sie 2 Bitte, wenn es sein muss.
Er 1 Muss nicht sein.
Es sind nur Ihre
Augen, Ihre Haare und Ihr Nacken...
Wunderbar.
Man müsste malen
können.
....schräg nach
vorn' geneigter Nacken.
Klassisch!
Ich bin noch nicht
'mal dreißig.
Sind Sie immer so
charmant?
Es kommt mir vor,
Als plünderten Sie
mich gehörig aus.
Sie räubern wohl an
mir herum?
Er l Ich stehle
mit den Augen, Das ist doch erlaubt?
Sie 2 Erlaubt ist, was gefällt.
Pause.
Ich hab' Sie auch bestohlen.
Davon
haben Sie noch nichts bemerkt.
Er l Bestohlen? Wie, womit?
Sie 2 Wie Sie! Mit meinen Augen
Geht
auf ihn zu.
Ihre Augenfarbe, Ihre Stimme,
Sie,
Wenn ich das sagen darf.
Ja,
Sie hab' ich gestohlen.
Sie
gefallen mir.
Er l War das die erste Schlacht?
Geschlagen
und entschieden?
Sie 2 Gibt es Sieger und Besiegte?
Er l Wir bekommen gleich Kaffee.
Ich lass' mich, wenn es sein
muss,
Gerne zum Besiegten machen.
Noch
dazu von einer schönen Frau.
Ich
wäre gerne Ihr Gefangener!
Sie 2 Alarm, Alarm, Gefahr! Für Sie!
Sie
passen nicht mehr auf.
Er 1 Für diese Spiele gibt es keine Regeln.
Sie 2 Sagen Sie das nicht.
Die gibt es ganz bestimmt.
Vielleicht
kenn' ich nur andere als Sie.
Er 1 Ein Gegenangriff!
Es geht schnell bei Ihnen!
Spielen
Sie? Ich meine Karten, Schach?
Sie 2 Ich spiel' Gitarre, weiter nichts,
Und
manchmal fahr' ich Rad.
Er 1 Gitarre spiel' ich auch. Zum Zeitvertreib,
Nein,
um zu träumen.
Sie 2 Wie bei mir.
Er 1 Falls wir uns weiter so sympathisch finden
Und uns weiter
Komplimente machen,
Werden wir schnell ins Gerede
kommen.
Sie 2 Das ist sicher schlecht für mich, nicht wahr...
Und auch für Sie natürlich.
Er 1 Richtig.
Außerdem kann man die Plänkelei
Auf kleiner Flamme halten,
Das wär' kein Problem.
Sie 2 Wenn's geht, wenn sich das machen lässt?
Er 1 Es muss sich machen lassen.
Wir
sind doch erwachsen.
Sie 2 Eben.
Er 1 So ein Tempo bin ich nicht gewöhnt.
Sie 2 Das glaub' ich gerne.
Sicher führ'n
Sie eine gute Ehe,
Haben hohe Ziele, noch viel vor.
Karriere? Nein.
Karriere wollen Sie nicht machen.
Aber Ehrgeiz ist vorhanden.
Er 1 Stimmt. Ich schreibe..
Sie 2 Sagten Sie bereits.
Er 1 Ich bin davon besessen.
Ja, ich schreib' an einer großen
Sache.
Die braucht meine ganze Zeit.
Sie 2 Und Ihren ganzen Ehrgeiz.
Er 1 Wissen Sie, ich glaube alles untersteht
In irgendeinem größeren
Zusammenhang...
Na ja, ich meine einer höh'ren Ordnung.
Sie 2 Bilden Sie sich ein.
Er 1 Das glaube ich.
Sie 2 Und wenn sich etwas ändern soll,
Dann
nur durch eine "Fügung"
Oder etwas ähnliches, nicht wahr?
Sie zeigt mit dem Finger
nach oben.
Er 1 Bin ich ein Bilderbuch für Sie?
Fr. Es gibt jetzt Kaffee. Kommt.
Sie
stellt den Kaffe hin und geht noch einmal hinaus.
Er 1 Ich tret' den Rückzug an.
Sie 2 Das ist nicht fein.
Er 1 Sie sind doch schon auf Festland.
Sie 2 Sie doch auch.
Er 1 Sie werden plötzlich rot.
Bis an den Haaransatz, warum?
Jetzt seh'
ich erst, wenn Sie erlauben,
Dass ich's sage,
Dass Sie Ihr Gesicht nicht
schminken.
Aus Prinzip?
Sie haben's aber auch nicht
nötig.
Ihre
Haare sind ein Bilderrahmen. Schön!
Sie
stehen fest auf Ihren Schultern.
Sie
2 holt einen Spiegel aus der Tasche und betrachtet sich darin.
Sie sind doch eitel.
Sie
2 beugt sich etwas vor, dass er ihr in den Ausschnitt sehen kann.
Diese
Schlacht ist keine Schlacht für Sie.
Er 1 Es fällt mir immer schwerer, Ihnen ins
Gesicht zu blicken,
Oder soll ich raten,
Wo die Wurzeln Ihrer Röte enden.
Sie 2 guckt selbst in
den Ausschnitt, ohne ihn verschließen zu wollen.
Sie 2 Schminke nehm' ich nie.
Fr. Was ist denn los!
Wollt ihr bedient sein?
Guckt euch bitte nicht bereits am
ersten Tag
So tief in's
Äugelein.
Das gibt sich wieder.
Das kommt täglich tausendmal
In tausend Zimmern vor.
Und nach 'ner Woche kräht kein Hahn
danach.
Erfahrung, Leute. Nur Erfahrung.
Asche bleibt.
Nichts weiter als ein wenig Asche,
Die ist kalt.
Nun
trinkt, sonst wird der Kaffee kalt.
Ein
Telefon klingelt.
Fr.
geht an den Apparat. Es geht um geschäftliche Dinge.
Er 1 Ich müsste mich vielleicht
entschuldigen?
Sie 2 Bei mir? Wofür, warum?
Er 1 Ich hab' Sie eben wirklich viel zu lange
angesehen.
Sie 2 Finden Sie?
Sie
haben sich vielleicht 'was ausgemalt?
Er 1 Im Grunde bin ich hier
Um Sie ein wenig einzuweisen.
Ja, ich wollte Ihnen Ihre neue
Arbeit zeigen
Und erklären.
Das ist mein Job.
Wenn Sie 'was wissen wollen,
Können Sie mich immer fragen.
Unterschriften
kriegen Sie von mir.
Dann kommen Sie nach
unten.
Übrigens, wir
sollten wirklich
Nicht so locker miteinander reden.
Sie 2 Wieder Angst?
Er 1 Hier haben Wände Ohren.
Jeder möchte über
jeden etwas sagen können,
Und das muss nicht
sein.
Sie 2 Ist das Erfahrung
Oder nur Befürchtung.
Er 1 Beides.
Sie 2 Ihre Augen, Ihre Stimme...
Daran
werde ich mich erst gewöhnen müssen.
Er 1 Sie verwirren mich.
Sie machen mich zum Trottel vor
mir selbst.
Ich muss mich
schämen.
Nun, ich werde mich
zusammenreißen,
Und in einer Woche
werden wir uns nicht mehr
In die Augen blicken
wollen.
Sie 2 Sind Sie sicher?
Er 1 Man kann Abstand halten.
Darf ich etwas sagen?
Sie 2 Bitte.
Er 1 Sie und ich, das weiß ich und das wissen
Sie..
Verstehen Sie...
Sie haben Ihren Mann
Und ich hab' meine
Frau... da kann...
Sie 2 Was kann...
Er 1 Man darf doch nicht...
Sie 2 Man darf?
Er 1 Sie legen einen Keim in meinen Kopf,
Dass mir ganz
schwindlig wird.
Der
zündet als die Explosion nach innen.
Sie 2 Sie vergessen mich dabei.
Er
1 steht auf und geht.
Fr Was ist nun mit dem Kaffee?
Bleibt der wieder steh'n?
Im
Büro 1.
Akt, 3. Bild
Herausforderung:
Er 1 / Sie 2
Sie
2 am Schreibtisch, mit einem kleinen Radio auf dem Tisch,
ein
Buch und eine angefangene Schreibarbeit.
Er
1 vor ihr auf dem Besucherstuhl.
Sie 2 Ist das hier immer so?
Er 1 Wir sind im Sommerloch.
Das
kann noch Wochen dauern.
Dann
ist hier nichts los.
Sie 2 Und drehen "Däumchen"?
Er 1 Oder unterhalten uns.
Sie 2 Und dafür werden wir bezahlt?
Na, mir soll's recht sein.
Er 1 Ich erleb' es nun das siebte Jahr.
Im Herbst und Winter
ist das anders.
Dann verlangt man
wieder viel von uns.
Das hängt von Dingen
ab,
Die wir nicht
kennen.
Haben Sie studiert?
Sie 2 Warum? Ist auch egal. Hab' abgebrochen.
Ja,
ich hab' studiert.
Er 1 Und Kinder?
Sie 2 Keine! Ihre will ich nicht erst wissen.
Nach
dem Vorexamen.
Er 1 Ich bin immer auf der Lauer nach dem
Denkbaren,
Vielleicht ergibt
sich daraus Undenkbares.
Sie 2 Ach.
Ein Beispiel für das
Undenkbare gibt es nicht?
Natürlich nicht.
Sonst wär's ja denkbar.
Er 1 Sonderpunkt für Sie.
Sie 2 Das "Kleine Einmaleins"!
Ich
sag' es Ihnen:
Alles, was wir
reden, reden wir an uns vorbei.
Sie meinen nicht,
das Undenkbare denken,
Sondern, denken, bis
es nicht mehr weitergeht.
Sie denken dann an
uns, an mich und sich.
Sie denken über
Möglichkeiten
Für uns beide nach.
Sie kommen aber nur
an einen Punkt.
Dort steht ein
großes Halteschild bei Ihnen,
Und Sie wissen
nicht,
Wie's weitergehen
könnte.
Dabei geht es immer
weiter, immer wieder weiter!
Meine Antwort:
Undenkbares gibt es
nicht.
Er 1 Ich
bin gefangen!
Gut, ich gebe mich gefangen!
Sie 2 Nein, Sie sitzen in
der eignen Falle.
Er 1 Mag
schon sein.
Sie 2 Sie springen immer wieder in denselben
Kasten mit vier Wänden, einem Boden.
Und
wenn Sie hineingesprungen sind,
Fällt noch der
Deckel zu
Und plumps sind Sie
im Dunkeln.
Kommen Sie mal her
zu mir, hier her,
Und stell'n Sie sich auf dieses Feld.
Von
oben kommt ein Kasten mit vier Wänden herunter, der ihn ganz umschließt. Sie
nimmt schnell einen Deckel und legt ihn oben drauf.
Kapiert!?
Jetzt könn'n Sie klopfen.
Er1
klopft von innen gegen den Kasten.
Statt ihn zu zertrümmern!
Statt ihn zu zerschlagen!
Er 1 Der ist viel zu eng'. Das ist ja gar
nicht möglich!
Geben Sie mir Werkzeug,
Oder lassen Sie mich wieder
'raus'.
Es ist so eng hier drinnen!
Sie 2 Typisches Produkt totaler Hörigkeit.
Sie sollten endlich einmal irgendetwas
Nur für sich
entscheiden! Nur für sich.
Nicht
immer so, wie Sie wohl meinen, dass es andre gerne hätten.
Er
1 Denken
Sie nicht an sich selber?
An
sich selbst zuerst?
Ich
hab' noch so viel vor.
Ich
müsste….
Sie 2 Ja, Sie müssen, müssen, müssen
Immer
müssen Sie und Ihresgleichen
Schnell
noch irgendetwas machen.
Alles
müssen Sie!
Sie
müssen Ihren "Lieben Gott", ich weiß nicht was..
Sie
müssen die Familie, Ihre Frau,
Sie
müssen Ihre Schreiberei ...
Sie
müssen immer schnell noch etwas machen.
Alles
ist nur vorgeschoben!
Gar
nichts müssen Sie!
Das
muss doch 'mal in Ihren Kopf!
Sie machen sich zum Daueropfer
Ihrer selbst!
Sehr
traurig.
Ich sehe das mit
Schmerzen.
Ja, mit Schmerzen,
Und ich finde das
sehr schlimm.
Ich finde es auch
schlimm,
Dass Sie mir immer
Recht zu geben suchen.
Meine Argumente
machen Sie ja fast zu Ihren eignen!
Wo sind Sie, wo ist
Ihr Standpunkt!
Er 1 Aua, jetzt hab' ich mir einen Splitter In
die Hand gejagt.
Sie 2 Ein körperlicher Schmerz tut immer gut.
Ich
glaub' es aber nicht.
Ist
alles einstudierte monotone Litanei.
Er 1 Das geht zu weit. Ich will hier
'raus!
Sie sind genauso angepasst wie ich!
Wir sind doch alle
handgestrickt:
"Ein Schlicht
ein Kraus", mehr nicht.
Kein Muster, keine
Farbe.
Gar nichts ist
erlaubt.
Er1
klopft wieder.
Ich will nun 'raus!
Sie 2 Dann schlagen Sie den Kasten doch kaputt!
Er 1 Ich hab' es doch gesagt, es geht nicht!
Sie 2 Doch, es gäbe eine Möglichkeit.
Die könnte Ihnen eine ungeheure,
Völlig neue Freiheit bringen.
Er 1 Welche?
Sie 2 Freiheit oder Möglichkeit?
Er 1 Ist das ein Unterschied?
Sie 2 Auf beides müssen Sie von selber kommen.
Sagen Sie, wie frei Sie sind.
Er 1 Das seh'n Sie
doch.
Sie 2 Im Kasten sind Sie ganz genauso frei
Wie ohne ihn.
Er 1 Ich komm' nicht 'drauf!
Seit ich Sie kenne,
Denk’ ich dauernd über eine neue
Freiheit nach.
Was kommt heraus?
Nur dies, nur eins:
Von
Ihnen bin ich nicht mehr frei!
Sie 2 Dann geht es Ihnen so wie mir.
So
geht’s mir nämlich seit dem ersten Augenblick.
Er 1 Ich kämpf’ mit einer Unfreiheit,
Die macht mir schwer zu schaffen.
Sie 2 Wissen Sie denn,
Ob Sie
vorher wirklich freier waren?
Wissen
Sie, wie frei Sie vorher waren?
Er 1 Ich geb alles zu.
Sie bringen mich an
einen Punkt,
An dem ich mich
ergeben möchte.
Sie 2 Sagen Sie doch gleich,
Dass Sie erst wissen
wollen,
Ob es sich auch
lohnt!
Wer soll die Antwort
wissen.
Klopfen Sie auf
Holz, das reicht.
Es ist genügend Holz
in Ihrer Nähe.
Sie
öffnet den Kasten und lässt ihn heraus.
Er 1 Das war höchste Zeit.
Sie 2 Sie woll'n „auf
Nummer Sicher" geh'n?
Und
trotzdem reißen Sie nicht eine Ihrer Brücken ab.
Er 1 Zerstör'n geht
schnell.
Sie 2 Ein großer Irrtum.
Es geht sehr, sehr langsam,
Ist die Zeit dafür
vorbei.
Gelegenheit
verpasst!
Er 1 Sie wissen doch, wie schnell die
Sympathie
An ihre Grenze stößt,
Und wo
es nicht mehr weiter geht.
Er 1 Wenn es an mir liegt,
Bitte ich Sie um Entschuldigung.
Er1 lacht plötzlich auf.
Ich hab' in meinem
Horoskop gelesen:
"Hände weg vom
Löwen,
Der ist Gift für
einen Skorpion".
Natürlich!
Und Sie haben recht!
Ganz keck!
Ich bin ein
Sommerkind,
Sie sind im Herbst
geboren.
Dieses Mal werd' ich
nicht rot.
Das weiß ich, weil
ich mich nicht schäme,
Weil ich etwas sagen
will,
Was sie ja doch nicht
sagen.
Hören Sie, ich liebe
Sie, ich liebe Sie.
Ich weiß, das ist
verrückt.
Ich kann und will
mich nicht dagegen wehren.
Nein, von meiner
Liebe lass' ich nicht.
Ganz
schnell.
Ich habe auch ein
Horoskop.
Sie kramt in
ihrer Handtasche
Hier ist der
Ausschnitt.
Lesen Sie. Sie
sollen selber lesen,
Was man für die
Löwin schreibt:
Er
1 liest.
Er 1 "Der
Skorpion ist Ihnen wie ein Dolch
In Ihrer Wunde,
Der sticht fort und
fort."
Die Warnung find'
ich gut.
Ich denke dabei auch
an Ihren Mann.
Sie 2 Den könn'n Sie
ganz und gar vergessen!
Sonst gibt's nichts zu sagen?
Er 1 Meine Frau!
Betrug
kommt nicht in Frage.
Sie 2 Ist doch schon geschehen.
In Gedanken, oder nicht?
Er 1 Mag sein. Trotzdem ist das ein
Unterschied.
Ich denk' an meine Dichtung.
Die darf ich um
keinen Preis der Welt
Von irgendetwas stören oder
unterbrechen lassen.
Sie 2 Ihren Gott nicht zu vergessen!
Denken Sie an Ihren Gott,
An dieses Schwert da oben.
Fürchten Sie nicht,
dass es niederfällt, Sie trifft?
In Wahrheit glauben
Sie doch nichts von all dem.
Von dem verlieren, was Sie jetzt
besitzen.
Er 1 Sind
denn alle nicht in Seiner Hand? Wir alle?
Sie
2 lacht auf.
Sie 2 Einen Dreck sind wir, bist du!
Du hörst, jetzt duz’ ich dich.
Begreifst du denn noch immer
nicht?
Sieh dich doch um.
Muss
man dich erst in einen Eisenkasten setzen?
Du
versuchst, es selbst den Unsichtbaren
Recht
zu machen..
Das
gelingt dir nicht. Niemals.
Denk'
einmal nur an dich, an uns, an mich.
Ich
liebe dich.
Sag'
mir, dass du mich liebst.
Sag'
es zu mir, sag's mir,
Sag'
es doch bitte.
Er 1 Meine Kehle ist wie zugeschnürt.
Mein Herz schlägt... fass' nur an...
Sie 2 legt die Hand auf seine Brust.
Es warnt mich unermüdlich,
Und ich achte nur auf deinen Mund.
Er 1
küsst sie.
Jetzt steigt die Röte wieder auf.
Ja, du bist schön, du...
Sie 2 Rede nicht, es ist genug.
Er 1 Du bist so groß wie ich.
Vielleicht
noch eins, zwei Zentimeter größer.
Sie 2 Stört es dich?
Er 1 Dein Haar riecht gut.
Nein, stört mich nicht.
Sie 2 Sei nicht so grob.
Er 1 Ich lass dich ja schon sein.
Sie 2 So war es nicht gemeint.
Nun sei nicht so verlegen.
Bist du so verwirrt?
Er 1 In
meinem Kopf ist keine Ordnung mehr.
In meinem Kopf ist keine Ordnung
mehr!
Du solltest lieber geh’n.
Das wäre besser.
Sie
2 geht hinaus. Beide sind nun an
getrennten Plätzen, und ein Vorhang wird zwischen ihnen niedergelassen, so dass
sie wie in getrennten Zimmern sind.
Sie
2 ruft ihn sofort an.
Er 1 Kannst du fliegen?
Du
bist außer Atem. Sage nichts. Sag' nichts,
Dein
Atem ist genug.
Er
1 legt auf.
Sie
2 wird ausgeblendet.
Nur
das Geräusch des Atems.
Ja, ich bin
verliebt! Verliebt in sie! Verliebt, verliebt
Wie alt ich bin. Bin
ich zu alt?
Wir richten uns
zugrunde?
Trotzdem wär ich ein
Idiot,
Wenn ich die Liebe
nicht empfinden würde.
Darf ich mich denn
nicht auf mich besinnen?
Habe ich kein Recht
auf Glück,
Ein bisschen neues
Glück?
Nur weil ich mich an
tausend Enden
Eingebunden habe?
Habe ich kein Recht
auf dieses Hochgefühl,
Weil ich nicht
darauf vorbereitet bin?
Darf ich nicht
lieben?
Es ist mir egal, was
daraus wird.
Ich kann dies Glück
noch gar nicht fassen.
Ja, ich liebe sie,
Und sie liebt mich.
Wer kennt den
Maßstab für das Glück?
Er1 drückt das ganze Telefon an seine Brust.
Das
klingelt und klingelt.
Er 1 sitzt im Büro in einer Glasvitrine, die ist wohnlich
eingerichtet. An der Vitrine fehlt aber jede Tür. Kein Zugang zu dem Ding.
Er
1 schreibt.
Sie
2 kommt herein.
Sie 2 Das ist ein Fortschritt.
Gratuliere, welch ein
Fortschritt,
Weil Sie jetzt nach draußen sehen
können.
Er 1 Fortschritt? Ja, in meinem Sinn ist es
ein :Fortschritt.
Seh'n
Sie richtig hin!
Sie 2 Ich seh' Sie
gut.
Er 1 Ich freu' mich, dass Sie mich gut seh'n.
Sie 2 Sie schreiben? Was?
Er 1 Ich mache Schularbeiten.
Sie 2 Schularbeiten?
Er 1 Ich mach' eine Strafarbeit.
Ich schreibe tausendmal:
"Ich will jetzt immer artig
sein".
Sie 2 Wie süß, wie brav.
Ich möchte helfen.
Wie kommt man hinein?
Er 1 Das ist mein Fortschritt.
Türen gibt es nicht.
Die Wände sind aus festem Glas.
Das schlagen Sie nicht ein.
Das kann man nicht zerstören.
Sie 2 Und wie bist du selbst hineingekommen?
Er1
schreckt hoch.
Er 1 Das weiß ich doch nicht.
Ich habe mich hier drinnen
vorgefunden.
Sie 2 Oh!
Sie
2 entdeckt eine kleine Klappe.
Bist du durch dieses kleine
Loch...?
Das kann nicht sein.
Das ist grad' groß genug für
meine Hand.
Sie
2 steckt die Hand hinein.
Er 1 Das sollst du nicht.
Er
1 ergreift ihre Hand, die sie ihm überlässt und küsst ihre Innenfläche.
Ein Trinkgefäß voll Milch und
Honig.
Sie 2 Nichts ist drin, das weißt du ganz genau.
Er 1 Ich weiß es besser und du auch.
Sie 2 Man findet immer, was man sucht.
Komm' 'raus, du Lieber, komm.
Er 1 Ich kann nicht kommen.
Nein, ich kann es nicht.
Er
1 legt seinen Mund an eine Vitrinenwand, und
Sie
2 legt von außen ihren Mund dagegen.
Er 1 Mund aus Fleisch am Rand aus Glas.
Treppauf, treppab,
Treppauf, treppab.
Lehn' deine Stirn an' s Glas.
Ich möcht' sie küssen.
Sie
macht es.
Sie 2 Wir, die Balken,
Die ein Strudel mit sich reißt...
Er 1 Er zieht uns nicht hinab.
Sie 2 Wir dreh'n uns
auf der Stelle,
Auf der Oberfläche.
Er 1 Jeder muss sich von dem anderen befrein.
Sie 2 Das will ich nicht.
Er 1 Dann komm' herein.
Du weißt ja, wie!
Sie 2 Woher soll ich das wissen?
Er 1 Hast es mir doch selbst gesagt!
Zerschlag das Holz, hast du gesagt.
Ich sage jetzt, zerschlag' das Glas.
Du darfst dir sogar Werkzeug, Hilfe
holen.
Hol' dir, was du willst.
Das Glas ist Panzerglas,
Das hält noch lange stand.
Es wird nicht einfach sein.
Er1
lässt sie los.
Sie 2 Lass mich nicht los.
Wir haben nur die kleine Tür für
uns.
Er 1 Die reicht nicht für ein ganzes Leben.
Sie 2 Du bist ungerecht.
Du bist unmenschlich.
Sie
2 zieht ihren Arm heraus.
Warum quälst du mich.
Er 1 Wie soll ich hier heraus!
Warum bin ich so schwach.
Ich wehr'
mich gegen deine Liebe.
Ich versteh' mich nicht.
Ich bin ein Idiot, ein Idiot.
Sieh her!
Er
1 wirft Zettel in die Luft.
Sie 2 Was sind denn das für Zettel?
Er 1 Alles Beileidstelegramme.
Rate 'mal von wem.
Du weißt es nicht.
Die schickt mir die Familie, wenn ich
schreibe!
Er liest daraus vor.
Hier: Vergiss die Schreiberei.
Sie bringt nichts ein.
Sie sind dein Egotrip.
Den können sich die anderen nicht
leisten!
Oder hier:
Gib deine Faulheit auf.
Komm' 'raus. Es gibt genug zu
tun.
Und hier:
Vielleicht in hundert Jahren
Hast du 'was davon.
Wir leben aber jetzt.
Und ich? Wann lebe
ich?
Leb' ich in
Faulheit, Hohn und Drückebergerei?
Die wissen überhaupt
nicht, was ich mache.
Sie 2 Und, was machst du?
Kannst du's nicht erklären?
Er 1 Weißt du das denn nicht?
Ich schaff' Gedanken.
Ja, ich schaff' Gedanken, und die
schreib' ich auf.
Sie 2 Warum, lass doch das Schreiben sein.
Gib's
auf.
Denk' lieber über deine Freiheit
nach.
Er 1 Du meinst, ob ich Zuhause auch zuhause
bin?
Du meinst, ich dächte nur an meinen
Gott?
Ich hätte Angst, dass der sein Schwert
auf mich
Gerichtet hält?
Nein. Solche Schwerter richtet man nur
selbst auf sich.
Ich bin ein eitler Dichter, eitel, ja.
Ich schmiede mir mein Schwert allein.
Das häng' ich über meinem Schreibtisch
auf.
Das richte ich direkt auf mich:
Es sind die eignen Worte,
Die Gedanken, die ich schaffe.
Die
bedrohen mich.
Sie 2 Du drohst dir mit dir selbst.
Das ist ja diabolisch.
Er 1 Ich bedrohe mich mit mir.
So macht es jeder Dichter.
Seine Waffe ist auf seinen Kopf
gerichtet,
Und er rechnet täglich, stündlich
Mit der Tötung.
Sie 2 Durch sich selbst. Wie praktisch.
Er 1 So treibt er sich an, zu schreiben,
Und verletzt sich dabei dauernd
schwer.
Sie 2 Und lässt sich nicht gesunden?
Mach' nur weiter so.
Er 1 Seine
Worte sind nicht Schwerter.
Sie 2 Das wär viel zu harmlos.
Er 1 Nein, sie sind ein Fallbeil,
Das im Gegensatz zu einem echten,
Dauernd niederfällt.
Es steht im Blutbad einer Dauerköpferei
An einer einzigen Person.
Es steht und steht nicht still.
Sie 2 Ja, ich verstehe:
Dieser Käfig, dieser Kasten, diese
Glasvitrine
Soll dich vor Befreiung schützen.
Ist es so?
Er 1 Es ist so eng hier drinnen.
Trotzdem ist dies meine Welt.
Er
hängt ein Schild an die Glaswand:
Sieh her. Dies Schild verbietet jedem
Einzutreten.
Es wird gar nichts nützen.
Ich kann sagen, was ich will:
"Kein Eintritt", "Stört
mich nicht",
"Ich will allein sein".
Kein Mensch kümmert sich darum.
Und andrerseits, verfluchter
Widersinn:
Wenn man mich endlich mal in Ruhe
ließe,
Wär's mir auch nicht recht.
Ich läg' mit meinen Ohren an der Wand
Und würd' nach draußen lauschen,
In die andre Welt.
Ich hätte sofort Angst,
Man würde mich vergessen.
Vor'm Vergessenwerden hab' ich Angst.
Sie 2 Wie kommt man denn zu dir?
Du lässt ja keinen rein.
Du lässt ja keinen an dich 'ran.
Ich würd' dich auch in Ruhe lassen
können.
Manchmal reicht es aus, an dich zu
denken.
Er 1 Jeder Dichter ist ein Tänzer auf dem
Seil,
Den darf man nie im Schaffen stören.
Nicht 'mal in Gedanken,
Weil das als ein Zerren an dem Faden
aufgenommen wird.
Das kann ihn stürzen
lassen.
Schwankend ist sein
Leben ohnehin,
Und pausenlos wird
er zu Fall gebracht.
Er schlägt sich
unsichtbare Wunden,
Die erkennt er
selber kaum,
Die kennt kein
Mensch.
Sie 2 Du zeigst sie mir ja nicht.
Ich glaube auch, du willst nicht,
Dass sie heilen.
Andre Menschen leiden auch.
Zum Beispiel unter dir,
Du lässt sie leiden.
Wünsch dir doch ein Schloss
Mit Personal und Dienerschaft
Und Reichtum.
Wär' das nichts für dich?
Wär' das nicht besser, als die
Glasvitrine?
Er 1 Nein, es gibt nichts als Ersatz,
Weil es ein Zustand ist.
Das ist ja grad' der Widerspruch.
Denn, was mich auf der einen Seite
stört,
Brauch' ich im Rücken,
Dass ich weiß, ich lebe.
Sie 2 Eines Tages hat es dir die Kehle
zugeschnürt.
Aus allem redest du dich gut heraus.
Du findest immer eine andere
Entschuldigung,
Und alles spricht für dich.
Er zieht sich nackend aus.
Seine Haut ist ganz aus Metall.
Sie 2 Was wird denn das?
Er 1 Ich denke manchmal, dass ich fliehen
sollte.
Sie 2 Zieh' dich wieder an.
Du hast ja nichts am Leib.
Er 1 Das wäre alles, was ich mit mir nehmen
könnte.
Das wollt' ich dir zeigen.
Wovon soll ich überleben?
Er
1 zieht sich wieder an. Dann sarkastisch, ironisch.
Nein, da geh ich lieber gleich den Weg
Des ganz Gerechten.
Sie 2 Eine andre Art der Flucht vor dir?
Er 1 Die ganz Gerechten dürfen
Ungerecht und eigennützig sein.
Sie dürfen egoistisch sein.
Der ganz Gerechte darf in allem nur
Und an sich selber denken.
Sie 2 Du bist zu extrem.
Er 1 Du meinst, ich lebe in den eignen
Exkrementen.
Das willst du doch sagen.
Danke, akzeptiert.
Ich hör' die Wahrheit gerne.
Sie 2 Nimmst sie nur nicht an.
Er 1 Du hörst nicht zu.
Ich sagte doch bereits,
Ich brauch' das nicht, weil ich nicht
fliehen werde.
Siehst du, das ist Leben in
Gerechtigkeit.
Sie 2 ...und Frieden. Hört, der Meister aller
Worte
Hat
gesprochen. Amen.
Er 1 Überlass das Spotten mir.
In dieser Sache bin ich viel
bewanderter als du.
Sie 2 Zum Beispiel?
Er 1 Würde jemand jetzt, in diesem Augenblick,
Mich fragen:
"Glauben Sie an Gott?"
Dann würd' ich nicht bekennen,
Sondern mich verschlagen und verlegen
In Verschämtheit sonnen.
Siehst du, so ist die Gerechtigkeit.
Perfekt, ein Netz.
Es kann dir nichts passieren.
Sie 2 Gratuliere! Hast gut aufgepasst.
Du bist schon weit gekommen.
Er 1 Ich nicht, sondern du.
Du bist am Werk, an mir.
Ich kann nicht unterscheiden,
Ob du einreißt oder aufbaust.
Pause.
Manchmal glaube ich sogar,
Dass du aus einem Daueropfer einen
Dauerselbstmord
Machen willst.
Verzeih'. Ich weiß, dass du's nicht
willst.
Es ist mir so herausgerutscht.
Sie 2 Du siehst nur dich.
Für dich bist du der Mittelpunkt.
Ich will es wirklich nicht. Natürlich
nicht.
Er 1 Ich weiß es. Was geschieht, geschieht
durch mich.
Sie 2 Allein durch dich.
Er 1 Vielleicht bist du für mich...
Sie 2 ...die einzige Gelegenheit?
Das wolltest du doch sagen, nicht?
Den Zwang zu schreiben,
Solltest du gleich mit begraben.
Er 1 Das kannst du nicht besser wissen.
Davon weißt du nichts.
Ich habe zwei Jahrzehnte
Nur auf diesen Augenblick gewartet,
Dass sich endlich die Gedanken, die ich habe,
Auch von mir in Worte fassen lassen,
Dass ich sie auf einem Stück Papier
Betrachten kann.
Das ist, als, als wäre etwas auf die
Welt gekommen.
Er 1 Das werd ich mir nicht zerstören lassen.
Dazu hat kein Mensch das Recht.
Das ist ein völlig eignes Leben,
Das erst wächst.
Ich habe es herbeigesehnt, davon
geträumt,
Im Schlaf danach geschrien.
Schrei' immer noch deswegen.
Sie 2 Ich will's dir nicht nehmen.
Mach doch einen Neuanfang mit mir.
Wir lieben uns.
Wir wissen wenig
voneinander,
Das ist gut.
Ich biet' dir viel
Und will und möchte
doch nur wenig.
Sie
2 hat eine Leiter geholt, die sie an den
Rand
der Vitrine stellt, um hinaufzuklettern.
Eines möcht' ich
wissen,
Ob du wirklich
eingeschlossen bist.
Ich kann's nicht
glauben.
Sie
2 klettert hinauf und schlägt mit der flachen
Hand
auf den Deckel. Der ist auch aus Glas.
Total verschlossen!
Richtig eingeweckt.
Wie hast du das
gemacht?
Er 1 Es lohnt sich nicht,
Denn Neuanfang und
Neubeginn
Verlangten viel zu
viel von uns.
Sie 2 Du sollst dich nicht sofort von deiner
Frau,
Familie und Zuhause trennen.
Denkst du, dass ich
das verlange?
Das möchte ich auch
gar nicht.
Nein, das will ich
nicht.
Dazu gibt's auch
keinen Grund.
Warum auch?
Er 1 Wie du dir das vorstellst.
Ich komm' nicht aus
dieser Glasvitrine 'raus,
Und du sprichst
immerzu von Trennung,
Von ich weiß nicht,
was.
Er 1 Soll ich nun hier drinnen bleiben,
Oder nicht.
Sie 2 Kannst du sie denn verlassen?
Könntest du?
Wie würdest du das machen?
Er 1 Ich weiß nichts von dir, das stimmt.
Ich weiß ja nicht 'mal, wie du
lebst,
Woran du glaubst,
Was in dir lebt.
Sie 2 Du denkst, in der Vitrine
Hättest du die größte Freiheit.
Deshalb denkst du eigentlich....
Jetzt komm' ich langsam drauf...
Sie
2 klettert wieder herunter.
Das ist kein
Widerspruch zu dir.
Du denkst, wenn du
da drinnen bleibst,
Wär' das der beste
Weg
Ja, du fühlst dich
in deinem Glassarg wohl!
Das ist Betrug!
Du bist dabei mich
zu betrügen!
Du verrätst mich! Du
verkaufst mich!
Du benutzt mich für
Gedankenspiele,
Und du denkst gar
nicht daran herauszukommen!
Denkst auch noch ,
So überheblich, wie
du bist,
Dass ich es nicht
bemerke,
Möchtest, dass ich
so wie du,
Zum Schlachtvieh
meiner Umwelt werde!
Ja, ich soll mich selber
dazu machen!
Aber das gelingt dir
nicht!
Ich hasse dich! Ich
hasse dich!
Sie 2 läuft auf die
Wandung zu. Ihre Fäuste sind erhoben. Aber sie läuft ohne jeden Widerstand
direkt hinein, als ob es Wände nie gegeben hätte,
Er 1 fängt sie
liebevoll auf.
Er 1 Wie hast du das gemacht?
Wie machst du das.
Er1 küsst sie, geht mit ihr ungehindert aus der Vitrine und küsst sie wieder.
Es ist ein Rätsel.
Wer kennt schon das
Siegel eines Königs?
Wer kann eine
Fälschung
Von dem wahren
Siegel unterscheiden?
Ich hab' ein's gefunden,
Und was mach' ich
nun damit?
Sie 2 Wer kennt es überhaupt?
Kein Mensch kennt
mehr das Siegel eines Königs.
Keiner glaubt daran.
Warum auch.
Du bist draußen, das
ist wichtig.
Er 1 Sagt das viel? Das sagt doch gar nichts.
Du bist jetzt mit mir da drinnen
Und ich bin mit dir
hier draußen.
Das ist alles.
Träumen wir?
Vielleicht ist alles
Traum?
Vielleicht träum'
ich?
Sie 2 Du kannst ganz sicher sein.
Dass keiner von uns beiden
träumt.
Er 1 Ich bin im All, weit draußen.
Ja, ich bin ein Instrument, ein
Roboter.
Und jemand schickt Befehle
hinterher,
Die soll'n
mich lenken,
Dabei steh ich
still, steh völlig still.
Ich bin trotzdem auf
Reisen.
Sie 2 Kannst du nicht heut' Abend etwas länger
bleiben?
Er 1 Keine Korrektur der Bahn.
Sie 2 Du könntest, wenn du wolltest.
Sag schon ja.
Am Ausgang? Bitte.
Eine Stunde nur.
Wir gehen in den
Park, zum Wasser,
Oder wo du willst,
es ist mir alles recht.
Er 1 Heut'
Abend?
Sie 2 Ja, dass wir uns unterhalten können.
Ganz
nah an ihn geschmiegt.
Dass wir ganz
ungehört und ungestört
Versprechen geben
können.
Er 1 Was
denn für Versprechen.
Wovon redest du.
Sie 2 Sag ja. Du kommst?
Er 1 Ist gut. Wir treffen uns heut' Abend.
Sie 2 Heut' ist Mittwoch. hörst du?
Er 1 Ja, warum?
Sie
2 ganz fröhlich.
Sie 2 Mein Mann hat Kursus.
Jeden Mittwoch, jeden Mittwoch
hat er Kursus.
Er 1 Du sagst das mit einer Fröhlichkeit,
Als sollte unser Treffen kein
Geheimnis bleiben.
Sie 2 Möchte ich auch nicht.
Am liebsten möcht ich es aus dem
Fenster schrein.
Er 1 Sei still, mein Gott, sei still.
Du kriegst es fertig.
Hoffentlich erfährt es keiner.
Im
Park 1. Akt, 5. Bild "Verlockung Ein
Lied"
Im Park am Wasser.
Sie
2 ist schon dort. Sommerabend, kühl.
Er
1 kommt auf sie zu.
Sie
2 denkt, dass er sie in den Arm nehmen wird, aber er weicht ihr aus.
Aus dem Haus geschlichen.
Sie 2 Du vielleicht, ich nicht.
Ich habe kein Gewissen,
jedenfalls kein schlechtes.
Er 1 Es ist schön hier, eine schöne Stelle.
Hier ist Ruhe.
Selbst die Schiffe scheinen
stillzustehen.
Sie 2 Ich bin hier, falls du mich suchst.
Er 1 Ja, du hast recht.
Ich hab' mir' s aber
vorgenommen',
Dich nicht
anzufassen.
Nein, ich will dich
nicht berühren.
Keinen Kuss mehr,
nichts.
Sie2
singt vor sich hin.
Sie 2 Er sah mir in die Augen
Und verirrte sich
darin,
Drum lieb ich ihn,
drum lieb ich ihn.
Es schwieg sein Mund
Nicht laut genug
Drum hört' ich ihn,
drum hört' ich ihn.
Nun soll er mir noch
sagen,
Nun will ich ihn
fragen,
Liebst du mich,
liebst du mich auch?
Sie2
wartet etwas auf eine Antwort.
Liebst du mich auch?
Sie
2 singt vor sich hin.
Er 1 Mein Innenmund!
Es ist mein Innenmund, der nach
dir ruft.
Sie 2 Es wird schon dunkler. Das ist angenehm.
Komm her zu mir.
Lass deinen Vorsatz sein.
Er 1
nimmt sie in den Arm und küsst sie heftig.
Soll ich ertrinken?
Lass mich atmen,
lass mich leben!
Sie 2 will nun auch
leidenschaftlich
werden, aber er
bremst sie.
Er 1 Das war, dass du siehst,
was ich empfinde.
Sie 2 Unter deiner Haut ist Glut,
Das spür' ich jetzt erst richtig.
Neben ihnen steht
eine Bank.
Sie 2 setzt sich.
Er1 kniet vor ihr und legt seinen Kopf
in ihren Schoß.
Sie krault ihn im
Haar und beugt sich über ihn.
Lieber, magst du das?
Er 1 Ich hoffe, dass uns keiner sieht.
Sie 2 Hier nicht. Hier kennt uns keiner.
Er 1 Du bist liebevoll zu mir.
Das kenn' ich nicht.
Wenn du dich auf
mich beugst,
Möcht ich in dir
verschwinden.
Du hast Glück.
Du hast es immer
gut.
Sie 2 Warum?
Er 1 Weil du dich immer bei dir hast.
Sie 2 Erzähl nicht solche Sachen.
Du doch auch.
Er 1 Es gibt Sekunden der Erinnerung
Die wir nicht
steuern können.
Jetzt zum Beispiel
muss ich mir
Die eigene
Erinnerung gefallen lassen.
Sie 2 Sag' mir, was es ist und wenn du willst.
Er 1 Erinnerung ist Überraschung, ungewollt.
Ich hab' von meiner
Mutter einen Satz im Kopf
Den wollte ich nicht
glauben,
Damals, als sie ihn
erzählte.
Schwer zu glauben.
War zu schwer zu glauben.
als sagte sie:
„Ich hab’ meine
Kinder nie im Arm gehabt,“
Dabei hat sie
gelacht,
"Und nie auf
meinen Schoß gesetzt.
Wir hatten immer
eine Kinderfrau.
Sie 2 Wie furchtbar. Das ist schlimm.
Sie ist dir also fremd geblieben?
Er 1 Eine flüchtige Bekannte,
Könnt ich sagen.
Nein, nicht ganz so.
Andrerseits, wenn
ich jetzt deine Hand
In meinem Nacken
spüre...
Könnte sein, dass
mir doch was verloren ging,
Und ganz genau genommen...
...das wär' ein
Geständnis..
Sie 2 Wär ein Eingeständnis oder ein Geständnis?
Er 1 Nimm es, wie du willst.
Sie 2 Was willst du sagen?
Er 1 ....meine Frau, verstehst du,
Hat in ihrem ganzen Leben nie den
Arm
Um mich gelegt.
Die fasst mich auch nicht an.
Sie 2 Wie bitte?!
Er 1 Weißt du, was sie sagt?
Sie 2 Na?
Endet immer gleich,
sagt sie.
Es endet immer
gleich.
Sie meint, Berührung
kann ich nicht ertragen,
Ohne dass bei mir
"das Eine" daraus wird.
Natürlich hat sie letzten
Endes recht.
Das sag ich auch.
Es endet schließlich
immer so.
Sie 2 Und endet es mit uns auch so?
Er 1 sieht zu ihr
auf. Sie 2 schaut gelangweilt den Weg hinunter.
Er1 kommt hoch und setzt sich neben sie auf die
Bank.
Er 1 Ich suche deine Augen.
Gibt's 'was auf dem Weg?
Langweil ich dich?
Was ist mit dir.
Hast du mich nur wie
deinen Hund
Im Schoß gekrault?
Sie 2 Gib deine Hand,
Nein, komm mit
deinem Kopf!
Hör' auf mein Herz.
Was glaubst du, was
das ist? Ganz fest, ja so.
Er 1 Es ist dein Herz.
Es schlägt, als
schlüge es auf etwas drauf.
Dein Kleid ist dünn,
darunter ist es weich.
Ein königliches
Kissen!
Nein, das hab' ich
nicht vermutet.
Das ist dir nicht
anzusehen.
Hörst du's selber?
Sie 2 Es schlägt mir im Kopf.
Wenn du mich nur ein
wenig liebst,
Dann sag' es mir,
ich möcht' es hören.
Er 1 Deine Stimme streicht in mir
Die Kissen glatt.
Ich liebe deine
Augen, deine Haut,
Den Duft der Haare.
Deine Haut ist
blass.
Er 1 knöpft ihr das Kleid etwas auf und küsst
sie dort hinein.
Sie 2 Noch etwas tiefer.
Er 1 Nein, es ist genug. ich knöpf es wieder
zu.
Wir sollten so zufrieden sein.
Es ist nicht mehr erlaubt.
Sie 2 Bestimmst du das?
Nun fangen meine Schmerzen wieder
an.
Sie
fasst sich ans Herz
Er 1 Was denn für Schmerzen.
Sie 2 Ja, es schmerzt.
Das hört nur auf, wenn du mich
nicht mehr quälst.
Er 1 Was kann das sein?
Sie 2 Ich sag' es doch,
Es kommt durch dich.
Er streichelt ihr das Haar.
Er 1 Mein Gott.
Sie 2 Es kommt, wenn ich nur an dich denk'.
Er 1 Und geht es bald vorbei?
Sie 2 Jetzt ist es besser,
Es lässt nach.
Er 1 Wir müssen uns vergessen. Wollen!
Wenn es so schlimm ist,
Dann um so schneller.
Ist für beide
besser.
Nein, ich wusste
nicht, dass du durch mich
Noch körperliche
Schmerzen kriegst.
Sie 2 Das macht nichts mehr.
Er 1 Wir dürfen uns nicht wieder treffen.
Sie 2 Soll das heißen, dass du gehen willst?
Ich bitte dich, doch jetzt noch
nicht.
Er 1 Es hat doch keinen Sinn.
Du weißt, dass ich
nicht weitergehen kann
Und darf und will.
Ich denk' auch
immerzu an deinen Mann.
Er kann ja nichts
dafür.
Und trotzdem macht
mich der Gedanke krank.
Wie sollte ich dich
jemals lieben
Wenn ich an ihn
denken muss, dass er...
...nach mir, vor
mir..
Nein das ertrag ich
nicht.
Das würde ich nicht
einen Tag ertragen,
Keine Stunde.
Sie 2 Ist doch lächerlich.
Meinst du ich könnte
deinetwegen
Wieder Jungfrau
werden?
Siehst du, so ist
das.
Er 1 Ich würde dich mit keinem teilen wollen,
können.
Nein, ich würd' dich ganz für
mich verlangen.
Es gibt tausend Gründe.
Reg'
dich bitte nicht gleich auf!
Sie 2 Ich bin ganz ruhig.
Nimm dir doch ein
Zimmer.
Zieh doch einfach
von Zuhause aus.
Ich zieh zu dir.
Ich such' mir eine
neue Arbeit.
Irgendwo, woanders.
Das ist einfach.
Ich mein' s ernst.
Das ist kein Spaß.
Nein, wirklich
nicht.
Er 1 Ich glaub' dir ja,
Und trotzdem geht es nicht. Nein,
nie.
Sie 2 Es muss ja nicht sofort sein.
Denk' erst drüber nach.
Sie
2 schmeichelt sich an ihn heran.
Du könntest mit mir
kommen, jetzt mit mir.
Zu mir.
Er 1 Zu
dir?
Sie 2 Mein Mann hat heut' doch Kursus.
Der kommt spät.
Dann bist du einmal
ganz bei mir.
Wie findst du das?
Er 1 Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Es ist das schönste,
was du sagen konntest,
Eine zuckersüße
Schmeichelei.
Ich darf nicht erst
zu Ende denken.
Nein, ich weiß
nicht, was ich sagen soll.
Sie 2 hakt sich bei ihm ein und schiebt ihn in
ihre Richtung.
Sei mir nicht böse,
Aber nimm die
Unentschlossenheit bei mir
Noch nicht als
Zeichen.
Nein, nein.
Du weißt nicht, was
du da verlangst.
Er
gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.
Du bist ein Engel,
Kleine
Pause
Der mit schwarzen
Flügeln fliegt.
Ich soll in euren
Betten mit dir toben,
Und nachher erfährt
dein Mann davon?
Durch irgendeinen
dummen Zufall?
Nein, das mach ich
nicht.
Der schlägt mich
tot, wenn er dahinter kommt.
Ich weiß nicht, was
noch alles.
Sie
2 bleibt ganz ruhig.
Sie 2 Würd' er nicht, verlass dich drauf.
Sei unbesorgt.
Du kannst ganz ruhig bleiben.
Er 1 Was weißt du von deinem Mann.
Woher willst du das wissen.
Ich wär' fürchterlich in meiner
Raserei.
Sie 2 Das ist es, was mir so an dir gefällt.
Nun
komm schon mit.
Er 1 Es
blitzt aus deinen Augen.
Ach, du denkst wohl, weil ich wütend
bin,
Hast du mich besser in der Hand.
Er 1 Ich möchte wissen, woher du den Mut
Und deine Sicherheit bekommst.
Er
1 beruhigt sich wieder.
Ich darf nicht an Zuhause denken.
In der Firma dürfen wir uns
Auch nicht wieder duzen. Das
fällt auf.
Sie 2 Mir ist es gleich, was andre denken.
Und die im Büro erfahren's
sowieso.
Ich glaub', die wissen längst
Bescheid.
Er 1 Bescheid? Du hast doch nichts gesagt?
Wie kommst du denn darauf.
Sie 2 Ich denke, dass man uns das ansieht.
Nein, ich habe nichts erzählt. Zu
wem auch.
Er 1 Das ist gut. Sei mir nicht bös'.
Ich werde gehn. Allein.
Ich kann nicht mit
dir gehn. Das geht nicht.
Nein, ich bring's nicht fertig.
Weißt du, was du
jetzt schon alles in mir
Angerichtet hast?
Sie 2 An mich denkst du natürlich nicht.
Er1 nimmt sie liebevoll in den Arm.
Eine
Kirchturmuhr schlägt langsam sechs Uhr.
Sie
wiegen sich im Takt hin und her.
Was denkst du, wie
es in mir aussieht.
Schlägst du etwas
andres, Bessres vor?
Mein Mann merkt
wirklich nichts.
Und wenn er etwas
merkt, ist es nicht schlimm.
Er
1 stößt sie von sich.
Er 1 Du bist total verrückt.
Warum ist es nicht
schlimm,
Das kannst du doch
nicht wissen.
Ich bin völlig
durcheinander.
Was du sagst, sind
alles Rätsel.
Die kann ich nicht
lösen,
Und ich will sie
auch nicht lösen.
Nein, ich will nicht
mehr,
Dass wir uns
wiedertreffen.
Überhaupt nicht
mehr.
Ich werd' mich zwingen,
nicht an dich zu denken.
Unsretwegen lass ich schon so
vieles liegen,
Was ich gerne tat,
Was mir am Herzen
lag.
Das ist nicht gut.
Ich muss auch
immerzu dran denken,
Dass ich meiner Frau
nicht untreu werden will.
Ich denke pausenlos
an meine Schreiberei...
Sie 2 ...an meinen Mann..
...an deinen Gott..
... an
bla, bla, bla...
Gib's
zu, du willst nicht, das ist alles.
Er 1 Was ist nachher, wenn jetzt etwas mit uns
wäre?
Nein, das geht nicht gut.
Am meisten stört
mich doch dein Mann.
Ich muss jetzt geh'n.
Sie 2 Du findest also, dass du gehen musst.
Sie 2 verändert ihre
Stimme, schlägt
sich an die Schläfen
und schreit ihn an.
Du Schwein! Du
liebst mich nicht:
Du liebst nur diese
Quälerei an mir,
Sonst gar nichts.
Wo ist ein Beweis?!
Sie
stampft mit den Füßen auf den Weg.
Er 1 Ich will das nicht.
Nicht meinetwegen.
Sei doch lieb. Versteh mich doch.
Ich will dich ja. Es geht nur
nicht.
Du musst doch sehen, alles
spricht dagegen.
Sie 2 Nur in deiner Phantasie vielleicht.
Er 1 Nein,
wenn es wirklich einmal etwas mit uns werden soll,
Dann arrangiert es sich von ganz
alleine,
Nicht durch dich
Und nicht durch
mich.
Sie
2 schreit nun wie eine Wahnsinnige auf.
Er
reißt sie an sich.
Er 1 Sei bitte still, ich bitte dich, sei
still!
Verzeih. mir.
Quäl' dich doch
nicht so.
Du musst jetzt leise
sein.
Ich will es wirklich
nicht!
Sie2 beruhigt sich.
Er 1 Entschuldige, ich denke nur an mich.
Vielleicht liebst du mich wirklich.
Das könnt' ich am wenigsten verstehn.
Sie
2 ist jetzt ganz ruhig.
Sie 2 Ich atme einmal durch, das hilft.
Jetzt bin ich wieder
so, wie du mich gerne hast:
Ganz sanft und
ruhig. Gut so?
Er 1 Danke.
Sie 2 Gehn wir noch
ein Stück zusammen?
Er 1 Wenn du willst.
Sie 2 Und merk' dir gut, dass du es weißt
Und nie vergisst:
Ich lass von meiner
Liebe nicht.
Ich werde nicht von
meiner Liebe lassen.
Ja, vergiss es nicht
und nie.
Und ob du sie mir
glaubst, ist mir egal.
Und noch ein's:
Du brauchst nicht,
nicht einen Augenblick
An meinen Mann zu
denken.
Tu, als gäbe es ihn
nicht für dich. Tu so.
Du weißt, dass ich
ihn liebe...
Sie
legt ihm schnell die Hand auf den Mund.
Weißt, dass ich ihn
anders lieb' als dich.
Mit ihm ist es ' was
anderes.
Er 1 Dass er dich liebt, ist auch 'was
anderes!
Natürlich!
Sie 2 Ja, er liebt mich eben auch.
Es ist mit uns nicht so,
Wie zwischen dir und mir.
Es wäre schön, wenn
ihr euch gut verstehen könntet,
Und ihr hättet mich.
Ach, übrigens mag
dich mein Mann gut leiden.
Er 1 Jeder deiner Sätze tötet mich!
Er bleibt
stehen und packt sie am Arm.
Sie 2 Du tust mir weh! Lass los, lass los!
Er 1 Dann sprecht ihr über mich?
Sie 2 Natürlich! Lass doch los!
Er
gibt sie frei.
Sie 2 Warum denn nicht.
Schon seit ich in
der Firma bin,
Bist du das Thema
Nummer eins bei uns.
Das Hauptgespräch...
Früh morgens,
abends..
Er 1 Nein!
Sie 2 Wir haben auch dein Buch gekauft
Und lesen die Gedichte,
die du schreibst.
Wir lesen jede
Zeile.
Die sind schlimmer,
als du denkst.
Für uns!
Wir beide mögen
dich,
Und nicht so, wie du
denkst.
Er 1 Wie!
Wie! Wie!
Ich denk' nicht
irgendwie!
Und deinen Mann
willst du betrügen?!
Eben sagtest du doch
noch, dass du ihn liebst
Und schmilzt dahin,
Und zwei Minuten
vorher wolltest du ihn glatt
Mit mir betrügen.
Ich versteh' das
nicht.
0 Gott, wie bin ich
blöde.
Sie 2 Ich betrüg' ihn nicht.
Auf keinen Fall mit dir.
Er 1 Wo
ist nur mein Verstand.
Plötzlich.
Wieso bist du so freundlich und
versöhnlich.
Ach, ihr seid euch also einig über
mich?
Nein, ich versteh nichts mehr.
Das ist zuviel.
Wenn ich mir
vorstell',
Dass der KEr 1 mich mögen könnte...
Ekelhaft, nein
widerlich ..
Es widert mich in
allem an.
Du bist für mich ein
Engel, der in Flammen steht.
Bleib' hier, komm
nicht mehr mit,
Ich geh' alleine
weiter. Bleib'.
Dass ich dir wehtat,
tut mir leid,
Ich wollt' es nicht
und will es nicht.
Sie 2 hat wieder ihren gelangweilten Blick.
Sie guckt von ihm fort.
So hast du auch
vorhin geschaut.
Du siehst nach
innen?
Schlägt dein Herz
schon wieder bis zum Hals?
Ich kann nicht mehr.
Ich lass dich jetzt
allein.
Zuhause,
im Park 1.
Akt, 6. Bild, "Einsicht, Angst"
Abends.
Er 1 kommt nach Hause, sieht in
alle
Zimmer. Steht dann vor dem
Spiegel
im Flur.
Er 1 Schon so spät. Zum Glück ist keiner hier.
Ein Zettel?
Er
liest.
"Kommen nicht
vor sieben Uhr zurück."
Da brauch' ich nicht
mit Lügen aufzuwarten.
Gott sei Dank.
Zu
sich im Spiegel.
Jetzt schwör' ich's
dir:
Von nun an will ich
mich beherrschen.
Wie ein Mann, von
mir aus.
Nein, das ist ganz
schlecht.
Das geht ja grade
nicht.
Als Mann müsst ich
ganz anders handeln.
Siehst du nicht? Das
ist doch das Problem.
Ich muss den Willen
haben.
Willen ganz alleine
reicht schon aus.
Man muss den festen
Willen haben. Müsste, müsste...
Damit könntest du
sehr viel erreichen.
Merk' dir das.
Natürlich hat sie
recht.
Es ist doch gut und
richtig,
Wenn sie sich dem
eignen Mann, dem sie vertraut,
Auch anvertraut.
Ich brächte das
nicht fertig. Stimmt.
Ich könnte meiner
Frau nicht alles sagen.
Könnt' ich nicht und
wollt' ich nicht.
Aha!
Und tu es nicht,
damit du's weißt.
Und seine Sympathie
für mich
Kann tausend Gründe
haben.
Dann noch meine Vorurteile.
Ich bin eingenommen
gegen ihn.
Natürlich bin ich
das.
Und sie? Ich lass'
mich von ihr selbstzufrieden machen.
Ist mir alles klar.
Es ist doch schön zu
wissen,
Dass sie liebt, mich
liebt, sehr liebt.
Von mir will ich
nicht reden.
Maßlos könnte alles
sein,
Ja, ohne Maßen.
Dass sie mir das
sagt, mir sagen kann,
In einer
Ehrlichkeit,
Die brächte ich
nicht auf.
Sieh dich doch an.
Ein Zimmer nehmen...
Wie sie sich das
denkt...
Verführerisch ist
der Gedanke...
Ein Gedanke, der
verführt?
Und dann? Danach?
Auf vieles müsstest
du verzichten.
Sei 'mal ehrlich.
Ja, sei ehrlich.
Ob dir das bekommt?
Das würdest du doch
gar nicht wollen, oder?
Möchtest alles haben
und behalten.
Ja, du bist so
einer.
Hättest doch am
liebsten beide,
Deine Frau und diese
Frau
Und die
Bequemlichkeiten, wie gewohnt, natürlich.
Nur auf nichts
verzichten.
Nein? nicht ganz?
Die Angst vor einem
Neubeginn?
Vielleicht die
Angst, dass sie dich gar nicht liebt?
Vielleicht sollst du
ihr neues Spielzeug sein.
Das hat sie nicht
sofort bekommen,
Und nun setzt sie
ihren ganzen Ehrgeiz. ein.
Sie hat vielleicht
Probleme, selbst Probleme,
Die du gar nicht
kennst, nicht kennen kannst,
Und niemals lösen
könntest.
Kann doch sein, dass
sie auf Hilfe hofft, von dir,
Und du weißt nichts
davon,
Nicht wie und wo du
helfen solltest.
Nein, das hört sich
nicht mehr so gut an, nicht wahr?
Gib's zu, gib's endlich zu:
Du liebst sie. Das
ist alles.
Bist verrückt vor
Liebe nach der Frau.
Das weiß sie, ja,
natürlich weiß sie es.
Ich geb' dir einen
Rat. Ein guter Rat von mir:
Lass deine Finger
von der Frau.
Das ist ein schlechter Rat?
Kein guter Rat? Ist
gar kein Rat?
Ja, ja, ja, ja ich
weiß, ich weiß!!
Die Wahrheit! Ja,
die Wahrheit!
Sie liebt beide:
Ihren Mann und mich.
Das kann ich nicht
ertragen.
Ich versteh' es
nicht.
Sie liebt uns beide,
ihn und mich!
Ich kann nicht
teilen.
Nein, ich kann nicht
teilen.
Keine Frau aus
zweiter Hand!
Das wär' mein Tod!
Du siehst es: Das
kommt dabei 'raus.
Vielleicht begreifst
du jetzt:
Du wirst sie nie,
nie, nie für dich alleine
Haben können.
Bist doch sonst so
schlau. Denk' nach!
Da fällt dir nichts
mehr ein?
Das Telefon klingelt. Er 1 nimmt den Hörer
ab.
Sie 2
wird eingeblendet. Sie sitzt am Telefon.
Er 1 Ja, bitte?
Sie 2 Du, ich bin allein.
Ich weiß nicht, was
ich machen soll.
Kannst
du mich hören?
Er 1 Ja, natürlich. Bist du schon Zuhause?
Sie 2 Du, ich möcht' dich noch einmal sehen.
Komm' noch 'mal. Du bist so einfach
fort!
Ich muss dir 'was erklären. Bitte,
komm'.
Er 1 Was denn.
Er
1 hört eine Tür schlagen.
Du ich kann nicht
mehr.
Wir müssen aufhör'n. Meine Frau kommt heim.
Sie 2 Ich muss dich seh'n.
Ich will dich sehen.
Heute noch!
Wir treffen uns im
Park, im Zentrum,
Gleich am Eingang.
Sagen wir in einer
Stunde.
Er 1 Nein, das schaff' ich nicht.
Ich hab' doch keinen Wagen. Den
hat meine Frau.
Sie 2 Versuch es bitte, unbedingt.
Du,
ich verlass mich drauf.
Er 1 Ich will's versuchen. Also gut, ich
komme.
Sie 2 legt den Hörer auf
und wird ausgeblendet.
Sie 1 kommt auf den Flur.
Sie 1 ist in Eile.
Er 1 Tag, kann ich den Wagen haben?
Sie 1 Hilf
mir bitte, auszuladen.
Ich muss gleich noch
einmal fort.
Kannst du nicht
warten?
Wohin willst du
denn?
Er 1 Ich hab' es eilig. Brauch' ihn gleich,
sofort.
Ich will zu einer Vernissage.
Sie 1 Da
hast du doch noch Zeit.
Er 1 Wenn ich schon 'mal den Wagen haben
will...
Ich bin in Eile,
Will mich noch mit
jemandem dort treffen..
Gut, lass sein...
Ich nehm' die Bahn..
Sie 1 Wann
bist du denn zurück?
Mit
wem willst du dich treffen?
Er 1 Kennst du nicht.
Du brauchst auch nicht auf mich
zu warten.
Die Bühne dreht sich. Das Zuhause wird ausgeblendet.
Sie 2 ist im Park auf einer Bank. Ein Fahrrad steht daneben.
Sie fröstelt.
Er 1 kommt auf sie zu. Sie bleibt lässig sitzen, mit
den Armen auf der Lehne.
Sie 2 Dass du doch noch kommst! Hat lang'
gedauert.
Bist du mit der Bahn gekommen?
Er 1 Ja, den Wagen konnte ich nicht nehmen.
Sie 2 Hast ihn nicht bekommen!
Deine Frau hat Krach gemacht,
nicht wahr?
Bin ich dir nicht
einmal das Geld
Für eine Taxe wert?
Er 1 An eine Taxe hab ich nicht gedacht.
Sie 2 Du hättest sie auch nicht genommen..
Er 1 Nein, wohl nicht.
Sie 2 Bestimmt nicht. Mir ist kalt.
Ich bin sehr bös' zu
dir?
Entschuldige.
Komm, Lieber, dicht
zu mir..
Er 1 setzt sich zu
ihr und nimmt sie in die Arme.
Sie 2 rollt sich aus
seinen Armen, kniet vor ihm und legt ihren Kopf in seinen Schoß.
Er 1 Was machst du denn?
Er
1 streichelt ihr die Haare.
Sie 2 Ich mag es, so vor dir zu hocken,
Wenn du mich so hältst.
Er 1 Wir bringen unsre Hände durcheinander.
Sie 2 Ich weiß über meine gut Bescheid.
Er 1 Und dabei habe ich mir ganz fest
vorgenommen..
Sie 2 Ja, ich weiß.
Am liebsten würdest
du mich nicht mehr sehen wollen.
Aber den Gefallen
tust du dir natürlich nicht.
Und ich denk auch
nicht dran.
Er 1 Dein Kopf in meinem Schoß.
Noch nie hat eine Frau vor mir
gekniet.
Sie 2 Ich baue mir ein Nest mit meinen Haaren.
Er 1 Ich denk' an ein Bild dabei:
Man sieht, wie eine
Frau die langen Haare
In das Wasser eines
Baches taucht.
Dann hebt sie sie
mit beiden Händen an
Und geht mit ihrer
Fracht, den Haaren und dem Wasser,
Auf den Rasen, dort
zu einem Mann.
Dem kühlt sie mit
dem Haar die Stirn.
Sie 2 Ein bisschen zu romantisch, findst du nicht?
Er 1 Das ist ein Bild, das Demut zeigen soll,
Und Liebe kann doch
schnell zu Demut werden,
Oder einer Art von
Demut.
Das kommt, weil du
vor mir kniest.
Sie 2 breitet etwas spöttisch
ihre Arme nach hinten aus.
Sie 2 Ach, Lieber, nimm mich bitte an..
Ich geh' mit dir wohin du willst.
Ich gebe mich dir hin.
Sieh her:
So her geb' ich mich dir.
Er 1 Ich glaub' es dir sogar.
Sie 2 Das sollst du auch.
Er 1 Du…
Er 1 küsst sie, und
sieht dann an ihr vorbei, den Weg hinunter. Dann amüsiert:
Steh' auf, sei brav.
Es kommt ein Mensch.
En Mann.
Vielleicht ist es
sogar dein Mann..
Zum Glück kenn' ich
ihn nicht.
Er
1 lacht etwas. Sie2 ist gelangweilt.
Sie 2 Das kann schon sein.
Der Kursus ist um diese Zeit zu
Ende.
Und er geht dann
immer durch den Park.
Wir wohnen ja gleich
in der Nähe.
Er 1 Das sagst du aus Spaß.
Sie 2 Das könnt' er wirklich sein. Wart' ab. Er
ist gleich hier.
Er
1 springt hoch.
Nun wart' doch ab.
Er 1 Soll ich mich hier von ihm
Mit seiner eignen
Frau erwischen lassen?
Ich versteh' dich
nicht.
Ich müsste mich zu
Tode schämen.
Habt ihr wirklich
kein Geheimnis voreinander?
Er
1 geht schnell weg.
Sie 2 Lässt du mich nun einfach sitzen?
Bleib'
doch, lauf nicht weg!
Er
1 kommt kurz zurück.
Er 1 Ich bin voll Wut auf dich, verdammt noch
'mal.
Ich Idiot.
Ich sollte auf mich
selber wütend sein.
Ich könnte heulen,
dass ich auf dich reingefallen bin.
Ich könnte heulen,
wenn es nicht die Wahrheit wäre.
Du und ich.., was
machst du nur mit mir.
Er
1 läuft nun fort.
Sie
2 wird ausgeblendet.
Er
1 irrt im Park herum.
Ist alles
Selbstmitleid. Hast selber Schuld.
Er
schaut nach hinten.
Sie kommt nicht
nach.
Ich will auch gar
nicht wissen,
Ob er es nun war.
Der Weg ist sicher
falsch.
Ich kenn' mich
überhaupt nicht aus.
Das kann noch lange
dauern,
Bis ich an die
Straße komm'.
Wenn ich am Ausgang
bin,
Wird keine Bahn mehr
fahren.
Höchstens noch ein
Bus. Vielleicht.
Er
zeigt nach oben.
Du könntest dafür
sorgen, dass sie alle schlafen,
Wenn ich Heim komm',
Dass sie morgen
nicht mehr fragen,
Und mir die
Geschichte mit der Vernissage abnehmen.
Ach mein Kopf, mein
Kopf.
Wie werd ich wieder
schlafen.
Mach doch bitte,
dass ein anderer heut Nacht
Der Träumer meiner
Träume wird,
Und mach', dass ich
nicht wieder lügen muss.
Ich hab' das Lügen
satt!
Ich hab' es satt!
Ich lüge, lüge ohne
meine Schuld.
Kantine 2. Akt, 1. Bild "Liebesgeständnis"
Sie 2 und Er 1 in der Kantine.
Einige Gäste.
Er 1 Du rufst mich nicht mehr an,
Du sprichst nicht mehr mit mir.
Sie 2 Aha, und du?
Er 1 Du bist so blass.
Sie 2 Und wenn ich mit dir reden will,
Lässt du mich einfach stehn.
Er 1 Das war nicht nett von mir. Entschuldige.
Ich hab' mich dann ja auch
besonnen.
Sie 2 Nur, weil meine Freundin Krach geschlagen
hat.
Er 1 Sonst wärst du jetzt mit ihr
An diesem Tisch.
Sie 2 's ist mir lieber so.
Er 1 Mir auch.
Geht's dir nicht gut? Was hast
du.
Soll ich uns 'was holen?
Sie 2 Nein, ich ess'
nichts mehr, seit gestern schon.
Er 1 Warum?
Sie 2 Weil du nicht angerufen hast,
Nicht mit mir sprichst.
Weil du nichts von mir wissen
willst.
Ich hab' dir nichts getan.
Ich
lieb' dich nur, und du...
Er 1 Du musst doch etwas essen!
Meinetwegen isst du nichts:
Was mach' ich wieder falsch?
Ich will doch nur, dass wir Distanz
gewinnen,
Und
statt dessen zwing ich dich, mich zu erpressen.
Jede andre Frau,
hätt' zehnmal nachgefragt,
Was los ist, warum
spricht er nicht mit mir.
Du ziehst statt
dessen gleich die Konsequenz daraus
Und isst nichts
mehr.
Wenn ich dich bitte?
Sie 2 Nein, ich möchte nichts.
Sie
legt ihren Kopf ganz flach auf den
Tisch
und schaut ihn von unten an.
Ich
esse wieder, esse dann erst wieder,
Wenn ich
etwas ganz Bestimmtes von dir höre.
Wenn
du sagst, dass du mich liebst.
Sag'
es mir bitte, bitte endlich.
Sag'
es mir.
Ich
möchte es ganz langsam von dir hören,
Weil
ich schon nicht mehr dran glaub'.
Ich
kann es nicht mehr glauben.
Ich
denk' immerzu, ich rede mir das alles ein.
Ich
will es endlich von dir hören.
Ja,
ich will es wissen.
Er 1 Lieber Gott.
Er
nimmt ihre Hand und küsst die von außen und von innen.
So küss' ich dich
von außen und von innen.
Hör' mir zu.
Ich stell jetzt meinen
Willen in die Ecke,
Und ich sag' dir,
Was ich dir nicht
sagen sollte.
Ich will unser
Leben, deines und das meine,
Nicht erschweren.
Und du weißt, das
hab' ich tausendmal gesagt,
Ich will, ich kann,
ich darf dich niemals lieben,
Niemals richtig. Doch,
das weißt du!
Wenn es jemals
anders kommen soll,
Dann sicher nicht
durch unser Zutun.
Hör' mir bitte
weiter zu.
Mit deiner Frage
zwingst du mich.
Anscheinend willst
meine Antwort,
Die ich dir mit
jeder Geste gebe, auch noch hören:
Ja, ich liebe dich.
Ich sag' es dir,
weil es so ist.
Ich schwöre dir, in
meinem Leben hab' ich keine Frau
So sehr verlangt,
wie dich.
Das ist die reine
Wahrheit.
Er
küsst ihr die Stirn.
Meine Liebe frisst
mich auf,
Weil ich mir
vorgenommen habe,
Sie in mir zu
lassen.
Nie im Leben werde
ich so wieder lieben können.
Aber, ich sag' dir
alles nur dies eine Mal.
Danach nie wieder.
Und vor allen die es
hören wollen,
Werd' ich leugnen.
Vor mir selber werd'
ich es bestreiten
Und es nicht noch
einmal eingestehen.
Er
küsst ihr noch einmal die Hand.
Also, es ist wahr,
Dass ich dich liebe,
liebe, liebe,
Mehr als alles in
der Welt.
Er legt seiner
Finger auf ihren Mund.
Ich möchte bei dir
sein.
Ganz nah,
Wie du es willst.
Ich möchte alles von
dir haben, glaubst du mir?
Es fällt mir schwer,
unsagbar schwer,
Von dir zu lassen.
Unsre Liebe lässt
sich aber nicht erfüllen.
Ja, ich geb' es zu,
Ich bin dabei, sie
zu begraben.
Das betrifft nur
mich. So bin ich eben.
Darum, hörst du,
darum bitt' ich dich,
Erschwer' uns nicht
die Tage.
Lass uns wenigstens
so nahe beieinander sein
Wie möglich,
Dass wir uns so oft
wie möglich sehen können.
Ich bin zu sehr
eingebunden,
Und ich kann nicht
über meinen Schatten springen.
Denk doch nur an
meine Frau, Familie und die Schreiberei.
Ich kann mir nicht
die kleinste Unterbrechung leisten.
Nein, Erfüllung gibt
es nicht.
Nicht für uns beide
und schon gar nicht jetzt.
Sie
2 zögert mit der Antwort.
Sie 2 Ich glaub' dir. Ja, ich glaube dir.
Du zwingst mich auch.
Er 1 Zu was?
Sie 2 Du zwingst mich, dass ich mich entscheide.
Er 1 Bitte, und wofür, wogegen?
Sie 2 Wenn du glaubst, was du gesagt hast nehme
ich so hin,
Dann hast du dich geirrt.
Ich lass doch nicht
mit mir durch dich geschehn,
Was andere sich
wünschen!
Er 1 Andere?
Sie 2 Natürlich andere!
Die irren sich
gewaltig.
Du, das weiß ich
langsam, hilfst dir nicht,
Und mir, das sagst
du selber,
Willst du auch nicht
helfen.
Also nehm' ich
selbst die ganze Sache in die Hand.
Er 1
ist erleichtert.
Er 1 Das
find' ich gut.!
Ich weiß zwar nicht,
was du nun machen willst,
wünsch dir aber für
uns beide Glück,
Denn ich hab'
wirklich keine Ahnung.
Du machst das, was
du für richtig hältst.
Nach
einer kleinen Pause.
Sei lieb und iss nun wieder, bitte.
Eine Kleinigkeit,
dann kommt der Appetit.
Es liegt mir viel
daran.
Sie
sieht ihn lange an.
Was gibt's. Du
glaubst mir doch?
Sie 2 Wenn du nur wüsstest, was ich alles machen
würde,
Um dich zu bekommen.
Alles, alles gäb'
ich her.
Du könntest alles,
alles von mir haben,
Alles, was du
wolltest.
Er
nimmt ihr Gesicht in beide Hände.
Zwischen
ihnen steht ein Kantinentisch.
Er 1 Du,
mit deinem überirdischen Gesicht.
Gerahmt mit blonden Haaren.
Deine Einsicht macht
mich froh.
Ich danke dir dafür.
Ich sage, Gott sei
Dank, weil es mich so erleichtert.
Sie
stehen auf, um sich Essen zu holen.
Sie
flüstert in sein Ohr
Sie 2 Sagst du's noch einmal?
Zuhause 2. Akt, 2.
Bild, „Kampf um Wahrheiten"
Zuhause bei Er 1 und Sie1.
Abends.
Er 1 Ich hasse jeden Wochenanfang.
Irgendetwas läuft doch immer
schief.
Sie 1 Da
ist ein Brief gekommen.
Ganz privat an dich.
Persönlich!
Eine Frau.
Den Namen kenn' ich
doch.
Die sitzt doch im
Büro bei dir.
Was will die denn.
Die kann doch mit
dir reden, wenn sie etwas will.
Er 1 Sie schreibt an mich?
Sie 1 Dann
weißt du, wen ich meine?
Habt ihr's miteinander?
Er
1 ist verdächtig verlegen.
Treibt ihr's miteinander im Büro?
Nach Feierabend
etwa? Auf den Tischen?
Auf dem Teppich,
oder wo?
Er 1 Du bist gemein.
Sie 1 Ich
schufte hier für dich und spiel' die Blöde
Er 1 Sei doch still.
Was bildest du dir ein.
Da ist doch nichts.
Wir unterhalten uns
und weiter nichts.
Ich schwör' es dir.
Was du gleich denkst.
Sie 1 Was
schreibt sie denn.
Er 1 Wie soll ich wissen, was sie schreibt.
Du hast doch ihren Brief. Gib
her.
Sie 1 Dann
lies ihn vor.
Sie
1 gibt ihm den Brief, den er öffnet.
Er 1 Wir werden sehn.
Sie1 Das möchtest du natürlich nicht.
Ich möchte auch so
manches manchmal nicht,
Und du fragst nicht
danach.
Er 1 Herr Gott, noch 'mal.
Sie 1 Das
hörst du nicht so gern'!
Was ist mit euch.
Du liebst sie, ist es so?
Er 1 Es ist ein bisschen so, und überhaupt
nicht so.
Ich kann dich ja verstehn.
Ich würd' auch kochen.
Sie 1 Würdest
du, aha, wie nett,
Das freut mich aber,
Und beruhigt so.
Er 1 Aha, aha!
Was ist dabei. Sie
drängt sich etwas auf,
Und ich, ich mag sie
auch ein wenig.
Das ist doch
erlaubt!
Sie 1 Du
liebst sie! Gib's doch endlich zu!
Er 1 Mein Gott. Ich bin ja nicht aus Holz.
Ich bin oft
stundenlang am Tag mit ihr zusammen,
Aber zwischen uns ist
nichts gewesen, gar nichts.
Sie 1 So,
das soll ich glauben.
Was war neulich
Abend mit dem Wagen los?
Mit deiner
Vernissage?
Meinst du, die hab'
ich dir geglaubt?
Jetzt weiß ich wo du
warst.
Hast sie besucht!
Natürlich.
Bist bei ihr
gewesen.
Er 1 Stimmt, ich hab' sie noch getroffen.
Das war wichtig,
weil wir uns noch niemals
Richtig
ausgesprochen hatten.
In der Firma ging
das nicht.
Es musste einfach
sein.
Das hättest du doch
nie verstanden.
Sie 1 Und
was gab es auszusprechen?
Will ich gar nicht
wissen!
Wo und wann... Ich
weiß Bescheid!
Er 1 Das ist nicht wahr!
Um Himmelswillen,
nein, das ist nicht wahr!
Es stimmt, ich liebe
sie.
Ich kann es mir ja
selber nicht erklären.
Sie 1 Hast
es ihr natürlich gleich gesagt!
Er 1 Sie denkt es sich. Sie weiß es nicht
genau.
Es geht ja sowieso nicht.
Will sie nur als Freundin nicht
verlieren,
Das hab' ich versucht ihr zu
erklären.
Sie1 Du brauchst eine Freundin?
Soll die Händchen halten, oder
was.
Er
1 Ich kann ihr wunderbar erklären
Was und wie, warum ich schreibe,
Und sie hört mir zu,
Und sie versteht
mich auch,
Ich hoff' es
jedenfalls.
Sie 1 Mit
mir kannst du natürlich nicht darüber reden.
Da muss so ein Küken kommen!
So ein Miststück.
Hat von nichts 'ne
Ahnung.
Und verdreht dir
gleich den Kopf.
Was steht nun in dem
Brief. Lies vor.
Er1 überfliegt der Brief.
Er 1 Moment.
Ich muss ihn selber
erst verstehn.
Nein, den lese ich
nicht vor.
Ich sag' dir, was
sie schreibt.
Und eines sag ich
dir schon jetzt:
Probleme, nur
Probleme.
Sie 1 Was
sie sagt!
Er 1 Es ist ein Angebot an mich.
Sie
will mir meine Sachen schreiben helfen.
Sie 1 Und,
was noch?
Er 1 Und, dass sie etwas für mich tun will.
Sie 1 Was denn.
Er 1 Wie ich sagte:
Sie will für mich sorgen, dass
ich schreiben kann.
Sie 1 Die
spinnt. Sie will dich an sich binden,
Dass du blind nach
ihrer Pfeife tanzt.
Die
hält dich aus, und lässt dich fallen,
Wenn
du ihr nicht mehr gefällst.
Und was verdient sie
schon.
Das ist doch viel zu
wenig, für euch beide.
Alles Schwachsinn!
Er 1 Geht
doch alles nicht.
Sie
ist doch auch verheiratet. Genau wie wir.
Sie 1 Du
glaubst doch nicht, dass die das stört!
Im Gegenteil!
Die Gegenleistung.
Was will sie als
Gegenleistung haben?
Die ist doch
verrückt!
Er 1 Sie will von mir nur,
Dass ich irgendwie mit ihr
zusammenziehe,
Will mit mir zusammenleben, aber,
Glaub' mir, das ist
ihre Phantasie.
Kommt nie für mich
in Frage,
Weißt du doch, wie
käme ich dazu.
Ich habe wirklich
keinen Grund.
Sie 1 Die nimmt auf gar nichts Rücksicht!
Das machst du ihr aber klar.
Sonst ruf' ich selber bei ihr an.
Er 1 Das lässt du sein!
Du kannst mir
glauben,
Zwischen uns ist
nichts und wird nichts sein.
Ich schick den Brief
an sie zurück.
Ich schreib' ihr ein
paar Zeilen,
Dass sie nicht
beleidigt ist.
Sie 1 Es
wird ja immer schöner!
Sie soll nicht
beleidigt sein?
Und ich, was ist mit
mir?
Hat sie mich nicht
beleidigt?
Er 1 Also gut.
Ich
will mir ihre Freundschaft aber nicht verderben.
Sie 1 Was
du davon hast!
Er 1 Versprochen ist versprochen:
Ich nehm' keinen
Brief mehr von ihr an.
Du kannst dich drauf
verlassen.
Dir erzähl ich
lieber gar nichts mehr von ihr.
Du bist ja außer
dir.
Das muss nicht sein.
1m Grunde gibt es
keine Gründe.
Sie 1 Trotzdem
will ich alles wissen,
Und ich möchte sicher sein,
Dass es nicht schlimmer wird, als
es schon ist.
Wer weiß, was ich dir glauben
kann.
Er 1 Ich hab' dir doch gesagt:
Ich schreib' ihr einen Brief und
sag' ihr ab.
Sie
1 möchte ihm den Brief aus der Hand nehmen, aber er steckt ihn weg.
Sie 1 Die
schmeißen dich noch aus der Firma 'raus,
Nur wegen dieser Frau.
Wenn die 'was
merken, ist es aus mit dir.
Dann kannst du gehn,
Und ich kann sehn, wie ich zurechtkomm'.
Daran denk' falls du
mal denkst!
Er 1 Ich kann doch mein Gefühl nicht ausziehn
Oder wechseln wie mein Hemd.
Was willst du noch. Von mir aus tret'
ich kurz,
Sie wird sich das nicht bieten lassen.
Ich
muss es erklären, dass sie es versteht.
Sie 1 Schick ihr den Brief zurück
Und mach's ihr klar!
Es
klingelt an der Tür. Das sind vielleicht die Kinder, ich mach' auf.
Sie
1 geht hinaus.
Er 1 0 Gott, mein Herr.
Ich bringe alles
durcheinander.
Hätt' ich lieber
nichts gesagt. Ich weiß nicht,
Alles ist so schnell
gekommen.
Natürlich hat sie
recht.
Ich müsste wissen,
wo ich hingehöre.
Er
1 holt den Brief aus der Tasche.
Andrerseits gefällt
mir, was sie schreibt.
Nicht schlecht. Das
meint sie aber nicht im Ernst.
Nein, ganz bestimmt
nicht.
Ich werd' schreiben,
dass ich ihr nicht besser
Meine Liebe hätte
eingestehen können
Als sie es mit
diesem Brief an mich getan hat.
Ja, der hat mich
überzeugt.
Die liebt mich
wirklich.
Vorher war ich
voller Zweifel, aber jetzt..
Vielleicht ist sie
die einzige Gelegenheit
Aus meinem Leben was
zu machen, da herauszukommen.
Nein, das schreib'
ich nicht.
Sie ist ja selbst
nicht frei.
Das übersieht sie
einfach.
Ich? Du meine Güte!
Vierfach unfrei!
Ja, dass müsste ich
ihr schreiben.
Dass sie sieht: ein
hoffnungsloser Fall.
Das schreibst du ihr natürlich
nicht.
Du wärest ja verrückt.
Er
1 zeigt mit dem Finger nach oben.
Ja, du da oben
stehst im Wege,
Weil ich Treue
halten soll.
Die hab' ich ihr
geschworen, damals bei der Hochzeit.
Ist verjährt? Das
zählt heut' nicht?
Oh doch, mein Herr.
Das wär' zu einfach.
Das hab' ich
geschworen. War mein Schwur.
Geschworen ist
geschworen.
Pause.
An die Schreiberei
darf ich nicht denken.
Wie soll ich mich
konzentrieren können,
Wenn ich liebe.
Nichts darf mir dazwischen kommen.
Das wär' tödlich.
Nein, gib's zu, das Schlimmste ist ihr Mann.
Du würdest doch mit
einer Frau aus zweiter Hand
Nicht glücklich
werden, oder?
Also siehst du, so
ist das.
Ich werd' sie
bitten, mich aus ihrem schönen Kopf
Zu streichen.
Und wer streicht sie
dir aus deinem?
Das ist das Problem.
Da kriegst du sie
nicht 'raus.
Und über dich lacht
sie sich aus. Mit Recht.
Wenn dies Gefühl
nicht wäre:
Dies Gefühl Sichgehenlassenmöchten.
Gibt's das
überhaupt?
Bei dir? Gewiss.
Du darfst es ihr
nicht zeigen.
Ihr nicht und nicht
deiner Frau.
Nein, beiden nicht.
Das nutzen beide
schamlos aus.
Ich werde keinen
Brief mehr öffnen.
Werd' sie einfach
ungeöffnet lassen.
Soll'n sie denken, was sie
wolln.
Was hab' ich denn
davon. Nur Ärger hinterher.
Es ist ganz
eigenartig.
Einen Brief nicht
aufzumachen ist brutal.
Erzwinge ich damit
nicht eine Wahrheit,
Die nicht existieren
soll? Kann sein.
Ich bringe das
Geschehen durcheinander,
Weil bei mir nicht
das geschieht,
Was sich der
Briefeschreiber denkt.
Es wird von mir
nichts nachvollzogen.
Gut, ich werd' es
ihnen sagen,
Aber sie versteh'n es nicht.
Ein eigenartiges
Gefühl.
Es stellt den
Briefeschreiber in ein ungewohntes Licht.
Er wird an seine
Absicht denken:
Wie mach' ich dem
anderen das klar!
Sie kann ja mit mir
reden, wenn sie will.
Und wenn sie's nicht
tut, werde ich mir
Eine Wirklichkeit
ertasten..
Kann mir denken, was
ich will,
Vermuten, was der
Briefeschreiber will.
Ich könnte auf
Gedanken kommen,
Die viel schlimmer
wären,
Als es auf dem Blatt
Papier zu lesen wäre.
Könnte, könnte.
Aber meine Wahrheit
wird nicht schlimmer sein
Als jede andere.
Nur, mir bedeutet
sie sehr viel.
Ich möchte meinen
eignen Irrweg ganz zu Ende geh'n.
Ich weiß, das soll
ja grad' vermieden werden.
Aber ich stoß so auf
neue Möglichkeiten.
Treff' vielleicht
auf neue Grenzen,
Finde, wo das
Undenkbare anfängt.
Sie
1 kommt zurück mit zwei Briefen in der Hand.
Sie 1 Das
errätst du nicht.
Es ist doch nicht zu
fassen.
Eben kam ein Taxi
vorgefahren.
Man setzt fort!
Gemeinsam!
Beide sind für dich.
Der eine ist von
ihr, der andere von ihm.
Von ihrem Mann!
Er 1 Gib her.
Die schick' ich so
zurück.
Ich werde keinen
öffnen.
Sie 1 Das versteh' ich nicht.
Du weißt doch gar nicht, was die
schreiben!
Er 1 Eben drum!
Büro 2. Akt,
3. Bild "Versteinerung"
Er 1 im Büro.
Sie 2 kommt herein. Sie hat zwei Briefe in der Hand.
Im Büro liegt, wie zur Zierde, ein großer weißer
Felsen.
Sie 2 Guten Morgen, oder besser: Guten Tag.
Ich habe Post für dich.
Er 1 Die will ich nicht,
Und die
Geschäftspost ist schon durch.
Ja, Guten Tag.
Sie 2 Ist rein geschäftlich.
Sie
lacht.
Er 1 Weiß ich besser.
Sie 2 Feigling. Warum schickst du uns die Post
zurück?
So ungeöffnet? Ist doch kindisch.
Er 1 Find' ich nicht.
Ich weiß nicht, was
die Briefe sollen.
Sag mir, was du
willst.
Sie 2 Mein Brief ist wichtig.
Ohne ihn verstehst du meinen
ersten nicht...
Er 1 Dann sag' es.
Sie 2 …und mein Mann ist richtig traurig über
dich.
Er 1 Mag sein. Ich will die Briefe nicht.
Kannst du dir denken, was der erste
bei mir angerichtet hat?
Bei mir Zuhause? Nein, natürlich
nicht.
Sie 2 Du darfst mir aber schreiben, oder?
Er 1 Es war auch nicht richtig.
Ich
hätt' gar nichts machen sollen.
Sie 2 Find' ich nicht.
Mein zweiter Brief
gehört zum ersten, klärt ihn auf.
Den kann man so
nicht stehen lassen.
Pause.
Was mein Mann schreibt, weiß ich
nicht.
Er 1 Ich denk' ihr sagt euch alles.
Diesmal nicht?
Ich will's auch gar
nicht wissen.
Beide Schreiben intressier'n mich nicht.
Sie
wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
Ich weiß nicht,
warum ich so bin zu dir.
Ich find' mich
selber ekelhaft. Entschuldige.
Sie 2 Es gibt nichts zu entschuldigen.
Du bist so. Einfach, fertig, aus.
Du denkst, wenn man beharrlich
schweigt,
Kann man mit Schweigen alles
überdecken.
Sie
nimmt eine Gießkanne und beginnt den
Felsen
zu begießen.
Siehst du das?
Er 1 Warum. Was soll denn das nun wieder.
Sie 2 Dieser Stein bist du.
Ich habe Hoffnung.
Irgendwann, wirst du
erweichen.
Vielleicht treibst
du eines Tages Blüten?
Werden Steine älter
oder jünger?
Er 1 Warum fragst du das.
Sie 2 Ich frage mich, wie so ein Stein entsteht.
Der ist doch nicht so plötzlich
da.
Er 1 Er bricht aus einem größeren.
Sie 2 ...und dann zerbricht er noch einmal?
...und noch einmal?
...und aus den
kleinen Steinen wachsen wieder große?
...werden Felsen und
Gebirge?
...die zerbrechen
wieder, und so weiter, ist es so?
Er 1 Kann sein, vielleicht. Ich weiß es nicht.
Sie 2 Es ist so.
Deshalb sage ich,
die Steine werden immer jünger,
Weil sie kleiner
werden, und nie älter.
Siehst du nun, warum
ich Hoffnung habe?
Sie
stellt die Kanne wieder fort.
Er 1 Wenn wir noch Schüler wären,
Brächte man uns
anders zur Vernunft:
Man würde uns ins
Ausland schicken,
Auseinander bringen,
voneinander trennen.
Dich nach England,
mich nach Frankreich oder so.
Wir würden uns
vergessen müssen.
Sie 2 Aber, wir sind keine Schüler.
Ich auf keinen Fall!
Und wer entscheidet,
was vernünftig ist.
Für dich, für mich.
Du bist doch sowieso
aus Blech.
Und ich, ich hab'
mir vorgenommen,
Dich daraus zu
lösen. Aber,
Sie
2 zögert.
Ohne deine Hilfe
schaff’ ich's nicht.
Du musst es wollen..
Und ich glaube
einfach, dass du's willst.
Du kannst nicht
einmal lieben!
Nein, du sagst es
zwar,
Und trotzdem liebst
du nichts.
Nicht deine Frau,
nicht mich,
Nicht deinen Gott, nicht
dein Zuhause,
Selbst die Dichtung,
deine eigne Dichtung nicht.
Ich lieb' dich aber.
Ja, ich liebe dich.
Ich weiß es,
Und ich weiß, dass
du zur Liebe fähig bist.
Sie
begießt wieder den Felsen.
Die will ich in dir wecken.
Sie
lächelt ihn über die Schulter an.
Er 1 Jedes deiner Lächeln ist so
unterschiedlich.
Dies zum Beispiel...
Sie 2 Dies zum Beispiel...?
Er 1 ...mütterlich und trotzdem so
zerstörerisch
Und auch, als gäbe es noch etwas,
Dass du für dich
retten willst.
Ich weiß nicht was
es ist.
Behalt's für dich. Nein,
bitte nicht.
Sie 2 Nimmst du die Briefe?
Er 1 Steht's darin? Ich will's nicht wissen.
Nein, behalt sie, Heb' sie auf.
Sie 2 Ich habe Hoffnung und Geduld. Ich warte.
Weißt du, dass ich glaube,
Dass du wirklich nicht aus deiner
Haut kannst.
Schlimm ist das. Im
Grunde ist das
Schlimm für mich,
für dich,
Für meinen Mann,
weil er mich liebt.
Er mag dich auch.
Er
1 schweigt dazu.
Wir könnten alle
drei...
Er 1 Mein. Gott, hör' auf!
Das könnten wir ganz
sicher nicht!
Er
1 im Scherz.
Er 1 Ganz anders säh' es mit zwei Frauen aus.
Das könnte mir gefallen.
Sie 2 fast
das nicht als Scherz auf. Sie zögert mit der Antwort.
Sie 2 Gut, dann rede ich mit deiner Frau.
Er 1 Du bist verrückt.
Das war doch nur im Scherz.
Sie 2 Ich habe mich entschlossen.
Wenn ich dich nicht ganz bekomm',
Will ich dich halb.
Ich werd' dich mit
ihr teilen.
Du wirst kaum mit
ihr darüber reden wollen, oder?
Weiß sie überhaupt
schon von uns beiden?
Er 1 Ja, durch deinen Brief.
Sie weiß inzwischen,
dass es etwas gibt.
Dass es dich gibt.
Sie möchte, dass ich
mich entscheide.
Nein! Das hat sie
nicht gesagt!
Das ist mir so
herausgerutscht'.
Sie 2 Ich kenn' dich viel zu gut,
Und deine Frau ist
klug.
Das hätte sie in
ihrem ganzen Leben nicht gesagt!
Du hast es dir
gewünscht.
Das spricht doch
sehr für dich, für uns;
Ist frisches Wasser
auf die Mühle.
Sie
2 schmiegt sich an ihn.
Lieber, was du da
gesagt hast,
Ist viel mehr wert,
als...
Sie
2 küsst ihn.
...ist mir Beweis.
Er 1 Wenn du dich an mich schmiegst,
Kann ich nicht denken.
Mich stört nur dein
Mann,
Und dass du heute
Abend wieder alles
Mit ihm
durchsprichst.
Ich werd' krank von
dem Gedanken.
Sie 2 Sprich doch nicht von ihm
Und nicht von deiner
Frau.
Sprich nur von
mir und dir.
Ist nicht möglich.
Sie 2 Ist auch gar nicht nötig,
Wenn wir gleich zusammenziehen.
Er 1 Kann ich nicht. Das geht doch nicht.
Begreif' doch endlich.
Sie 2 In zehn Jahren lachen wir uns über das
Gespräch
Von heute tot.
Wir werden nämlich
dann schon jahrelang
Zusammenleben.
Er 1 Bist du sicher? Du mit mir ?
Sie 2 Du wirst noch deine Meinung ändern.
Brauchst noch Zeit. Ich hab' Geduld.
Was denkst du jetzt?
Er 1 Ich sag' nicht immer alles, was ich
denk'.
Sie 2 Und sagst statt dessen manches,
Was du gar nicht denkst.
Er 1 Das wäre?
Sie 2 Kannst dir sicher sehr gut vorstell'n,
Wie es mit uns wäre.
Abends. Er 1 , Sie 1 Zuhause. Das Telefon
klingelt.
Sie 2 wird eingeblendet.
Sie 2 ruft von sich Zuhause an.
Sie 1 nimmt ab.
Sie 1 Ja,
bitte?
Sie 2 Hier bin ich. Sie wissen, wer ich bin?
Sie 1 Ich denke, ja. Sie sind es? Nein.
Sie
1 sieht zu ihm. Er1 steht erschrocken
auf
und stellt sich in die Tür,
als
wollte er gehen. Aber er hört zu.
Sie 2 Es wird
nicht lange dauern.
Sie 1 So
.
Sie 2 Ihr Mann und ich sind übereingekommen,
Sie 1 ...ach,
mein Mann und Sie.
Sie 2 Wir finden's
besser,
Wenn wir für gewisse Zeit
zusammen zieh'n.
Sie1 Wie bitte? Sie und er? Sie machen Witze
Sie 2 Nein, bestimmt nicht.
Er hat nicht den Mut und…
Sie1 ... es mir selbst zu sagen.
Sie 2 Nein, das nicht. Nein, es sich selber zu gestehn.
Er traut sich nicht,
den Schritt allein zu machen.
Dabei braucht er
Hilfe. Da will ich ihm helfen.
Sie 1 Wollen
Sie. Wie schön. Das kann ich gut verstehn.
Natürlich nur für eine ganz
bestimmte Zeit, nicht?
Sie 2 Für wie lange wissen wir noch nicht.
Wir wissen's
beide nicht.
Sie 1 Für
ein paar Tage, Wochen, oder wie?
Sie 2 Nein, nein. Ich denke so zehn Jahre.
Sie 1 Nicht
bis an Ihr Lebensende?
Na, wer weiß.
Sie 2 Wir woll'n zusammenziehn.
Sie 1 Das
sagten Sie.
Sie 2 Ihr Mann ist einverstanden.
Nicht, dass wir nun
ständig aufeinander hocken wollen,
Sondern, dass wir
uns ganz frei,
So oft wir wollen,
treffen können.
Sie 1 Und
Sie wissen auch, wovon Sie leben wollen?
Sie 2 Ja, natürlich. Aber das ist unsre Sache.
Sie 1 Ach,
natürlich, das ist Ihre Sache.
Sie 2 Ja, ich denke, dass wir's schaffen werden.
Anfangs wird es sicher etwas
schwer.
Sie 1 Das
macht doch nichts, nicht wahr?
Sie 2 Sie sollten davon wissen,
Weil ich denke, dass es Sie doch
überrascht.
Sie1 Nein, überhaupt nicht. Kommt mir wie
gerufen.
Wär ja nicht das erste Mal.
Sie 2 Das ist ein andres Thema.
Jedenfalls, Sie wissen nun Bescheid.
Und über Einzelheiten kann man immer
reden,
Wenn es soweit ist.
Sie1 Aha. Ich weiß Bescheid.
Ich soll mich sicher noch
bedanken, oder?
Sie
1 schmeißt den Hörer in die Gabel,
schaut sich wie irre um und geht dann ganz besonnen auf einen Stuhl zu.
Sie
2 wird ausgeblendet.
Mein Lieblingsstuhl.
Der ist mir grade
recht.
Dazu hast du
wohl keinen Mut gehabt.
Mir das zu sagen,
schickst du dieses Miststück; vor!
Und die ist frech
genug! Die wagt es auch!
Mich anzurufen!
Eine Frechheit, eine
Frechheit, die sie sich erlaubt!
Sie
1 wirft ihm den Stuhl hinterher. Der fällt auf den Boden.
Die Beine brechen ab. Sie 1 schreit- auf und schluchzt.
Mein Stuhl, mein
Stuhl. Mein Lieblingsstuhl.
Den hab' ich selbst
bezogen.
Oh, mein schöner
Stuhl!
Das alles
ihretwegen. Ach, mein schöner Stuhl.
Sie
1 kniet sich vor den zerbrochenen Stuhl.
Er 1 Es ist doch alles anders.
Sie 1 Wag
dich nicht in meine Nähe!
Mach den Mund nicht
auf! Sei still!
Du Lügner, Lügner!
Hast mich angelogen!
Aber jetzt weiß ich
Bescheid!
Zieh doch zu ihr.
Zieh aus! Geh doch.
Lass dir von ihr die
Hemden bügeln
Und das Essen
machen!
Die wird sich noch
wundern!
Deine Launen kann
sie auch ertragen.
Die kennt dich bis
jetzt doch nur
Von deiner
Schokoladenseite.
Ja, bei der
versprühst du deinen ganzen Charme.
Kein Wunder, dass
die auf dich fliegt.
Mein schöner Stuhl,
mein schöner Stuhl.
Er 1 Lass doch den Stuhl.
Ich mach ihn wieder heil. Das
krieg' ich hin.
Lass dir 'was sagen.
Sie 1 Bleib
mir bloß vom Leib!
Du kannst
verschwinden. Zieh Zu diesem Miststück!
Mach doch, was du
willst.
Ich bin nicht auf
dich angewiesen. Geh doch, geh'.
Mein Stuhl, mein
schöner Stuhl!
Mein Lieblingsstuhl.
Er 1 Den krieg' ich wieder hin. Hör zu.
Sie 1 Ich
hab' die Lügen satt.
Und wenn du mich
berührst,
Schrei ich das ganze
Haus zusammen.
Er 1 Von euch Weibern hab ich,
Jetzt die Schnauze voll.
Ich hab es satt! Hör auf mit dem
Geplärr!
Ich habe nichts als
Ärger, Streit im Haus!
Steck dir den
Miststuhl an den Kopf,
Verflucht noch 'mal!
Ihr beide denkt doch
nur an euch!
Ihr seid die größten
Egoisten.
Keine von euch
beiden denkt an mich!
Ich hab' ein Herz!
Und was wollt ihr?
Die eine will den
Kopf, mit allem was darin steckt,
Die andre will die
Därme!
Soll ich mich
zerreißen: Auseinanderreißen?
Du kreischst herum!
Sie kriegt kein Kind
von mir.
Ich war nicht 'mal
mit ihr im Bett.
Ich hab' ihr nichts
versprochen!
Er
1 steht wieder auf. Jetzt kniet er sich
vor den Stuhl
und
versucht, die zerbrochenen Beine zusammenzustecken.
Es
gelingt ihm nicht.
Sie1 Du meinst, du kriegst das wieder hin?
Er 1 Ich
kann doch nichts dafür,
Wenn sie hier anruft.
Kann ich dafür, wenn
wir uns lieben,
A b e r es nicht tun.
Ich frag' dich, ja,
ich frage dich!
Kannst du mir sagen,
was du möchtest:
Soll ich gehen, oder
bleiben.
Soll ich dich
verlassen.
Ich mach', was du
willst.
Sie
1 sieht, dass er die Frage ernst meint, bleibt aber auf Distanz.
Sie 1 Was wird aus meinem Stuhl? Der ist antik.
Ist überhaupt nicht
zu bezahlen,
Weißt
du ganz genau.
Den Stoff hab' ich
bestickt.
Ich hab' ihn selbst
bezogen.
Wie
bekomm' ich den nur wieder heil.
Er
1 steht auf. Nun kniet sie sich wieder vor den Stuhl.
Sie
1, eiskalt und bestimmt.
Du bleibst! Ich möchte, dass du
bleibst.
Da weiß ich wenigstens noch was
ich habe.
Er
weicht erschrocken über ihre unerwartete Antwort zurück.
Sie
1 steht auf.
Ich
geh’ ins Bett. Allein!
Ich
brauch den Schlaf.
Sie
1 geht.
Er
1 wartet. Dann liest er etwas in einem
Buch.
Geht
dann zum Telefon und ruft Sie 2 an.
Sie
2 wird eingeblendet.
Sie 2 Hallo?
Er 1 Du bist verrückt. Du weißt nicht,
Was du angerichtet hast.
Sie 2 Ein Blutbad?
Er 1 Fast. Ich hab' ihr grad' gesagt,
Dass ich euch Weiber satt hab'.
Hab' ihr vorgeworfen,
Dass ihr zwei die
größten Egoisten seid,
Nur an euch selber
denkt.
Sie 2 Das klärt die Fronten. So und so. Das
macht nichts.
Er 1 Du willst meinen Kopf,
Mit allem was drin
steckt,
Und sie will meine
Därme.
Beutetiere seid ihr
beide.
Sie 2 Kann sie haben.
Er 1 Hättest du ihr lieber nichts gesagt.
Ich weiß nicht, was ich machen
soll.
Sie 2 Ich hab' es dir gesagt.
Er 1 Bist du alleine?
Sie 2 Ja, und du? Was machst du nun?
Er 1 In diesem Augenblick?
Ich blättre in dem „Buch der
Bücher".
Sie 2 In der Bibel etwa?
Das ist doch kein Buch für dich.
Er 1 Ich hab' da 'was gefunden.
Sie 2 Suchst du Rat?
Er 1 Vielleicht. Ich glaube, ja. Hör zu. Ich
hab's.
Ein Rätsel, das den Schlüssel in
sich trägt.
Ich glaube, das ist gut.
Sie 2 Dann lies.
Er 1 Es heißt: "Ich habe dir geboten,
Sei getrost und
unverzagt,
Lass dir nicht
grauen,
- jetzt hör' zu -
Und lass dich nicht
entsetzen,
Denn der Herr, dein
Gott,
Ist hier mit dir in
allem,
Was du tun
wirst."
Sie 2 Und das heißt?
Er 1 Verstehst du nicht? Es ist das Wort
„Entsetzen".
Wenn man's anders liest: "Ent - Setzen".
Durch die Trennung
kriegt es seinen Sinn!
Ich soll mich nicht
von meinem Platz
Ent- setzen, nicht davon
entfernen,
Soll ihn nicht
verlassen,
Gleich, was kommt.
Ich soll mich nicht
vor dir verstecken...
Sie 2 Und. vor unsrer Liebe. Du...
Er 1 Jetzt hab' ich mich entschlossen.
Ich soll keine Angst mehr haben.
Es ist alles gut. Es soll so sein.
Sie 2 Ist das dein Ernst?
Ich werd' verrückt
vor Glück.
Ich kann es gar
nicht sagen.
Er 1 Wenn du's überhaupt noch willst.
Ist
das Musik in deinen Ohren?
Sie 2 Treffen wir uns noch?
Er 1 Heut' doch nicht mehr. Nein, morgen.
Sie 2 Morgen fällst du wieder um.
Er 1 Ich schwör' es dir:
Ich fall nicht um.
Ich akzeptiere unsre Liebe jetzt.
Sie 2 Und all die andren Hürden,
Die du immer wieder aufbaust?
Er 1 Deinen Mann..
Sie 2 Denk nicht an ihn. Vergiss ihn endlich.
Er 1 Ich zieh aber nicht gleich aus.
Ich mache erst 'mal Überstunden.
Sie 2 Für den Anfang gut.
Er 1 Ich hätte nie geglaubt,
Dass du den Mut, sie
anzurufen, finden würdest.
Sie hat einen
Lieblingsstuhl,
Den liebt sie mehr
als mich.
Den hat sie mir noch
nachgeworfen,
Brach entzwei,
natürlich.
Sie ist ganz
verzweifelt.
Sie 2 Siehst du.
Sie zeigt dir auf
ihre Weise ihre Liebe:
Beißt der
Lieblingspuppe gleich den Kopf ab.
Oder denkst du, dass
sie deinetwegen heult!
Er 1 Sie hat ihn selbst zerschlagen.
Ach,
vielleicht verreis' ich 'mal für eins, zwei Tage.
Sie 2 Bringst du das? Mit mir?
Er 1 Ich glaube, ja, ich pfeif auf Treue.
Sie 2 Sie ist sicher treu.
Ich. liebe dich.
Er 1 Wart'
ab und quäl' mich nicht.
Sag nichts von euren
Briefen.
Ich bin .froh, dass
ich jetzt glücklich bin.
Ich hab' gezögert,
das ist nun vorbei.
Sie 2 Wir seh'n uns
morgen?
Er 1 Ich kann jetzt viel freier
Über alles denken.
Denk auch plötzlich
anders über die,
Die freier denken.
Nicht so eng, wie sonst.
Ich glaube die sind
auch nicht schlechter
Oder besser, als die
anderen.
Sie haben’s
vielleicht besser, oder?
Sie 2 Zwischen uns darf..
Er 1 Selbst der kleine König David
Hat die Frau des Knechts
verführt.
Sie 2 Du, zwischen uns darf kein Geheimnis bleiben.
Er 1 Bleibt es nicht. Ich hasse Lügen.
Weißt du, dass der David seinen
Knecht...
Sie 2 Das war gemein von ihm.
Er 1 Es muss nicht so weit kommen.
Ach, ich fühle mich so frei.
Wir werden schlau sein.
Nicht zu viel auf
einmal.
Alles mit Bedacht.
Sie 2 Mit uns ist es doch anders,
Denn die Frau des
Knechts von David wurde nicht gefragt.
Ob die ihn wollte?
Er 1 Stimmt, war anders. David hatte gleich
nach ihr verlangt.
Ich dachte, dass
mich meine Frau
Zum Teufel jagen
würde.
Sie 2 Hat sie nicht. Die Quälerei war ganz
umsonst.
Sie
legen die Hörer auf. Sie 2 wird ausgeblendet.
Er
1 den zerbrochenen Stuhl und aus einer
"Apotheke"
eine
übergroße Nadel und einen übergroßen Faden und versucht damit die Stuhlbeine
zusammenzunähen.
Das
gelingt natürlich nicht. Es ist hoffnungslos.
2.
Akt, 5. Bild, Er 1 und Sie 2 in der Kantine.
Sie 2 Du siehst mich an,
Als wolltest du mir etwas sagen.
Er 1 "Etwas" reicht nicht aus.
Sie 2 Du kannst es ruhig sagen: Du willst mich.
Du kannst mich haben.
In
sein Ohr.
Heut' ist Mittwoch.
Er 1 Ich bin froh, dass du nun wieder isst.
Du bist für mich ein Augennest,
nein, tausend Augennester.
Weißt du, was ich mein'?
Sie 2 Ich seh's dir
an.
Du ziehst mich mit
den Augen aus.
Das hätt'st du früher nicht gewagt.
Es macht mir nichts.
Ich weiß, dass es so ist.
Wenn wir uns länger
kennen, gibt es sich.
Ich mag es, wenn du
mich so anschaust,
Wegen deiner Augen.
Er 1 Schamlos, nicht? Beim Essen kommt der
Appetit.
Ich stell mir deinen Körper vor.
Ich bin jetzt völlig frei.
Sie 2 Und dein Gewissen?
Er 1 Nicht vorhanden.
Sie 2 Welch ein Wandel. Irgendwie brutal.
Er 1 Das stimmt. Ich kann ganz schön brutal
sein.
Mein Verhältnis zu Metall zum
Beispiel.
Wenn ich Eisen sehe,
möcht' ich es verbiegen.
Ist wie eine Lust.
Es zieht mich magisch an.
Ich glaub' es zeigt
mir meine Stärke,
Einen Widerstand,
wie ich ihn in mir selber spüre.
Sie 2 Eine Art der Selbstzerstörung?
Ganz normal. Bei dir
bestimmt.
Du kannst bestimmt
auch grob sein.
Seh ich dir auf hundert
Meter an.
Nur keine Angst. Ich
mag es grob und sanft.
Er 1 Es war verkehrt von mir,
Dich so zu ignorieren.
Sie 2 Du, ich möchte mit dir reden.
Sieh mich bitte an.
Er 1 Ein Rückzug? Kannst es ruhig sagen.
Ich hätt' schneller schalten
sollen.
Sie 2 Nein, das nicht. Wie kommst du drauf?
Ich will nur, dass du mir
vertraust.
Er 1 Man soll nicht alles komplizierter
machen,
Als es ist.
Ich bin so froh,
dass ich mich doch entschlossen habe.
Sag' mir etwas
Liebes.
Deinen Augen seh ich's an.
Du hast die
Silberglöckchen schlagen hören.
Nein, sag' lieber
nichts.
Lass mich nur deinen
Mund betrachten.
Er
fährt mit den Fingern ihre Lippenränder nach.
Lippenwanderer.
Sie 2 Ich muss dir noch 'was sagen.
Sonst denkst du nachher, dass ich
nicht ehrlich war.
Er 1 Wieso, ich möchte dich nur lieben.
Ist das nicht das wichtigste in
diesem Augenblick?
Sie 2 Trotzdem.
Wenn du mich lieben willst,
Muss ich dir eine
Wahrheit sagen,
Und noch eine andere
Und eine, die du
nicht verstehst,
Und eine, die ich
selber nicht verstand.
Er 1 Das will ich nicht. Ich mag nichts hören.
Ich hab' gar nicht
aufgepasst.
Ich bin auf nichts
gefasst.
Gesteh' mir doch ein
andres Mal.
Sie 2 Ich hab' nichts zu gestehen,
Aber vor zwei Jahren
hatt' ich eine Fehlgeburt,
Und einmal hab' ich
abgetrieben.
Er 1 Dein Besteck!
Sie 2 Was ist damit?
Er 1 Es sind zwei Ruderblätter,
Die nicht mehr ins
Wasser finden.
Unbeweglich.
Stehen einfach
still.
Das ist die Strafe.
Sie 2 Hör' mir erst 'mal zu.
Er 1 Was noch, noch mehr?
Sie 2 Das Kind kam, glaube ich, von meinem Mann,
Das, was ich abgetrieben habe,
Kam, von einem Arzt.
Er 1 Wie praktisch. Sehr bequem.
Sie 2 Das ist noch gar nicht lange her.
War kurz bevor ich zu euch kam.
Er 1 Oh, Gott.
Ich dachte immer,
Kartenhäuser
Stürzen schnell
zusammen.
Meine aber fall'n in einer Langsamkeit,
Die ist fast
unerträglich.
Sie 2 Weißt du, dass ich keine Pille nehme?
Sie
lacht hell auf.
Er 1 Wegen diese Lachens lieb' ich dich.
Sie 2 Ich nehm' die Pille nicht.
Was würdst
du tun,
Wenn ich von dir ein Kind bekäme?
Er 1 Was? Wie willst du das denn machen?
Noch sind wir doch nicht...
Sie 2 Nun sei nicht so entrüstet.
Irgendwie versteh' ich dich ja
gut.
Du hältst mich jetzt für ein
Nutte, stimmt's?
Trotzdem, das musst du glauben,
Ich erzähl' dir
alles nur,
Weil ich dich ganz
für mich alleine haben will.
Das ist der Grund,
warum ich "beichte".
Lieben will ich
dich.
Ich will dich
lieben. Ich und niemand sonst.
Ich liebe dich, wie
nie zuvor in meinem Leben
Einen Menschen.
Das sag' ich dir
nur,
Damit du mir
vertraust.
Vertraust du mir?
Er 1 Wer kommt nach mir?
Kennst du den schon?
Was ist mit mir, wenn ich nicht
mehr der Letzte bin?
Sie 2 Du willst mir weh tun.
Darauf sag' ich nichts.
Sie
hebt energisch ihren Kopf:
Er 1 Es gibt noch mehr, als nur dein Lachen.
Deinen ganzen Kopf...
Er ist zu schön.
Die Haare rahmen
alles ein.
Verirrte Ranken, die
um ein Geländer wachsen.
Bitte halte still.
Ich steh' auf einer
Treppe.
Es ist eigenartig.
Was du sagst
Ist schlimm für
mich, ist maßlos schlimm.
Und trotzdem ist es
so,
Als ob mich alles,
was du sagst,
Zu dir hinüberzieht.
Wie ich dich liebe,
Liebt dich keine
zweite Frau.
Das ist nicht
möglich.
Nein, das gibt es
nicht.
Du glaubst, wenn man
sich treu ist, liebt man sich.
Bestimmt ist sie dir
treu. Wenn ich mir vorstell':
Deine Frau und du!
Von Liebe habt ihr
beide keine Ahnung.
Nichts wisst ihr
davon.
Ihr seht sie euch
durch Fensterscheiben an
Und steht selbst
draußen.
Aber dich hol' ich
herein.
Dich will ich Liebe
lehren.
Die ist
unermesslich.
Er 1 Hat
für viele Platz. Verzeih', das war nicht so gemeint.
Du reißt in mir die Wände ein.
Das schmerzt.
Ich grabe jetzt in kalter Asche.
Sie 2 Wände deines Kartenhauses.
Nach
einer Pause.
Für ein Jahr war ich
mit einer Frau zusammen.
Sehr intim.
Ich hab' mit ihr
gelebt, als Frau mit einer Frau,
Verstehst du?
Er
ist geschockt.
Frauen lieben
intensiver und intimer.
Allerdings sind sie
viel eifersüchtiger.
Das mochte ich zum
Schluss nicht mehr.
Er 1 Und deinen Mann hast du danach gefunden,
Nach der Frau?
Sie 2 Den kannte ich schon lange vorher.
Aus der Jugend, aus der
Schulzeit.
Eine Zeitlang waren wir fast wie
Geschwister.
Dann kam etwas anderes dazu.
Wir kennen uns schon
lange.
Weißt du meinen Mann
lieb' ich ganz anders,
Als nun dich.
Pause.
Es wäre schön, wenn ihr euch gut
vertragen würdet.
Er 1 Das wäre gar nicht auszudenken.
Wenn ich mir das
vorstell'.
Das wär eine
Wanderung durch Schotter, durch Geröll.
Ein falscher
Schritt,
Und man stürzt ab.
Ich habe gar nichts
gegen ihn.
Er brauchte aber
meinetwegen nicht zu sein.
Ich mein', an deiner
Seite.
Sie 2 Und der Mensch an deiner Seite?
Er 1 Du hast recht. Wir sind an unsren Platz
gestellt.
Und keiner hat im Grunde etwas
ausgesucht.
Und dass wir uns
begegnet sind
Und uns nicht finden
können,
Ist doch auch
verflucht.
Sie 2 Das find' ich nicht.
Du sollst nur
wissen, wen du vor dir hast.
Ich möchte, dass du
mir vertraust.
Ich möchte ehrlich
sein.
Ich bin jetzt sehr erleichtert,
Weil ich dir das
alles schon seit langem
Hatte sagen woll'n.
Er 1 Geschieht mir recht.
Sie 2 Sei froh! Es ist das erste Mal,
Dass du von deinen
Vorurteilen abgekommen bist.
Ich seh' dich nun viel deutlicher.
Ich seh', wie schwer es für dich ist,
Da 'rauszukommen,
alles aufzugeben,
Was man dir in
viereinhalb Jahrzehnten
Eingetrichtert hat.
Sie
holt die zwei Briefe aus der Tasche.
Er 1 Ich kann mich nicht mehr konzentrieren.
Du hast immer noch
die Briefe?
Warum machst du dich
zum Boten deines Mannes?
Das versteh' ich
nicht, versteh' ich nicht,
Das kann ich nicht versteh'n!
Sie 2 Ich weiß nicht, was er schreibt.
Er hat es nicht gesagt.
Nimm sie doch an und
öffne sie.
Lies sie. Hab' keine
Angst. Ich les sie vor?
Er 1 Auf keinen Fall.
Ich kann nicht
wissen, was dein Mann mir schreibt.
Ich kann's mir aber
denken,
Und was du mir sagen
willst,
Brauchst du nicht
aufzuschreiben.
Briefe deines Mannes
mag ich nicht.
Ich weiß nicht, was
das soll.
Ihr treibt mich in
die Enge.
Sie 2 Er ist dir nicht böse.
Glaub' mir, wirklich nicht.
Er 1 Ich glaube, dass er mich nicht mag.
Er will mich warnen, ist doch
klar.
Das weiß ich ohne seinen Brief,
Und heute Abend
wirst du alles wieder brav erzählen.
Gott, in was bin ich
geraten.
Ich versteh' nichts
mehr,
Ich muss jetzt geh’n.
Sie 2 Und meinen willst du auch nicht?
Sie
steckt die Briefe wieder ein.
Er 1 Nein. Vergiss mich. Lass die Briefe sein
Und lass das Schreiben.
Schreibt mir keine Briefe mehr
nach Haus'.
Zuhause 2.Akt,
6.Bild, "Erfolgloser Bote"
Abends bei Er 1 und Sie 1 Zuhause.
Er 1 kommt von der Arbeit heim.
Sie 1 Na,
was gibt' s.
Hat sie sich noch gemeldet?
Er 1 Nein. Wir seh'n
uns im Büro.
Mehr nicht.
Sie 1 Das
müsst ihr ja.
Hat sie nichts mehr
gesagt? Kein Wort?
Und nichts von ihrem
Mann?
Er 1 Kein Wort von ihrem Mann, und sie
schweigt auch.
Seit Tagen nichts. Jetzt ist wohl
Ruhe.
Sie 1 Das
hast du schon oft gesagt.
Die lässt nicht nach, die nicht.
Wenn ich dran denk',
Was die am Telefon
von sich gegeben hat.
Die gibt nie auf.
Was du denkst, will
ich gar nicht wissen:
"Was der Mensch
nicht weiß,
Macht ihn nicht
heiß!"
Er 1 Ich hoffe, dass sie mich vergisst.
Sie 1
geht hinaus.
Ich hoffe, dass es nicht so ist.
Kein Sterbenswort. Seit Tagen
schon.
Sie schweigt, sie ruft nicht an.
Ich wag' es nicht.
Das weiß sie doch,
Dass müsste sie doch
wissen.
Ich kämpf nur noch
gegen meine Liebe an.
Und dabei müsste ich
sie hassen.
Alles macht sie mir
kaputt.
Gott weiß aus
welchem Grund.
Und ich zerstöre
ihre Liebe. Alles falsch.
Wenn ich sie sehe,
kann ich nur noch an sie denken.
Ich vergesse dann
sofort, was sie mir alles
Eingestanden hat.
Nicht eingestanden,
Aber was sie mich
hat wissen lassen.
War nicht nötig.
Hätt' sie auch für sich behalten können.
Häng' ihr richtig
nach, und seh ihr nach,
Das ist schon
unverschämt.
Das spürt sie
sicher.
Wenn sie dann geschäftlich zu mir
kommt,
Werd' ich zu Eis.
Und dabei möchte ich die Arme um sie
legen.
Sie hat eine sehnsuchtsvolle Art der
Liebe
In mir aufgeweckt. Ich kann es nicht
erklären.
Möchte angenommen werden, möchte
geben,
Möchte aber auch dabei zugrunde gehen.
Habe keinen Widerstand.
Ich suche ihre Nähe. Pausenlos.
Ich denke manchmal,
Dass sie mir mit ihren Augen etwas
sagen will.
Ich müsste mit ihr reden.
Wenn ich sie nicht sehe, ist es
anders.
So wie jetzt.
Dann hab' ich meinen Vorsatz, gegen
jede Besserwisserei:
Lass sie in Ruhe. Denke nicht an sie.
Sie hat dich längst vergessen.
Das geht eins, zwei Tage gut.
Nein, alles Lüge.
Nein in Wirklichkeit wird es bei mir
Mit jedem Tag nur schlimmer.
Ihr geht's sicher ganz genau so.
Es klingelt an der Tür
Er 1 Öffnet. Er 2 steht in der Tür.
Er 1 Bitte? Guten Abend. Kommen Sie..
Pause.
Er
2 bleibt in der Tür stehen.
Er 2 Ich
bin ihr Mann. Sie kennen mich.
Sie 1 kommt hinzu.
Er 2 spricht mit völlig verträumter
Stimme
Sie kennen mich, von Ihrer letzten
Dichterlesung.
Er 1 Ja, mein Gott. Sie haben recht.
Das wusste ich nicht mehr. Es
stimmt.
Sie 1 Was gibt es denn? Wer ist der Herr:
Bitt' ihn herein.. Ach so, sind
Sie ihr Mann?
Natürlich. Wurd'
auch Zeit, wie gut.
Er 2 Ich
bin in Eile. Draußen steht mein Taxi.
Ja, mein Taxi wartet.
Möchte weiter nichts, als diesen
Brief abgeben.
Ist der Brief von meiner Frau.
Er
hat einen Brief in der Hand.
Er 2 Ich
bringe Ihnen ihren Brief.
Ich möchte, dass Sie diesen Brief
annehmen.
Meinen eignen halte ich zurück.
Sie sagt, ihr Brief sei wichtig.
Ich weiß nicht, was sie da schreibt.
Sie sagt nur, dass er wichtig ist,
Und dass Sie ihn bis jetzt nicht
nehmen wollten.
Er 1 Das ist richtig, und das wird so bleiben.
Er 2 Woll'n Sie mir nicht den Gefallen tun?
Ich bitte Sie. Ich tu es nicht für
mich.
Ich tu's für sie.
Er 1 Sie bringen ihren Brief? Warum.
Ich will ihn nicht. Das weiß sie doch.
Und deshalb fahren Sie mit einem Taxi?
Nein, auf keinen Fall.
Er 2 Ich
bitte Sie. So nehmen Sie ihn doch.
Er 1 Ich denke nicht daran.
Weiß sie davon, dass Sie mit
ihrem Brief bei uns sind?
Er
2 wendet sein Gesicht nach draußen, bleibt aber in der Tür stehen.
Er
1 und Sie 1 sehen sich ratlos an.
Komm'n Sie
doch herein.
So zwischen Tür und Angel. Kommen Sie.
Er 2 wendet sich ihnen wieder zu,
bleibt aber in der Tür.
Er 2 Sie
weiß es nicht. Sie tut mir leid.
Ich möchte sehr, dass Sie den
Brief erhalten.
Er 1 Nein, ich nehm' ihn nicht.
Ich seh'
es auch nicht ein.
Sie kann ja mit mir reden.
Braucht mir nicht zu schreiben.
Er 2 Sie
würd' gerne selber kommen...
Sie 1 Nie! Das soll sie ja nicht wagen!
Er 1 Sei doch bitte still.
Sie 1 Ich weiß, du fändst
das auch noch toll!
Die kommt mir nicht in's Haus.
Verzeihen Sie. Sie ist ja Ihre
Frau.
Er 2 Ich
öffne ihn und les' ihn vor. Ist das in Ordnung?
Er 1 Auch umsonst. Dann geh' ich 'raus.
Ich will das nicht.
Sie
1 geht beiseite und will das Zimmer
verlassen.
Er
1 geht hinterher, hält sie am Arm fest und spricht ihr ins Ohr.
Der ist arm dran.
Das siehst du doch.
Du siehst doch, der
ist wie aus Watte.
Steht herum und
kommt nicht 'rein
Und geht nicht
'raus. Mir tut er leid.
Er ist ja wie
betäubt.
Und die Mission
bringt der so nicht zu Ende.
Weil ich es nicht
will. Bleib' hier.
Er wird es schon verstehn.
Zu
Er 2 gewandt.
Verstehen Sie uns bitte, oder
mich.
Er 2 Ich
leg' den Brief hier hin.
Vielleicht besinnen Sie sich
doch.
Er 1 Es gibt nichts zu besinnen.
Dieser Brief bleibt nicht im
Haus'.
Betretenes
Schweigen.
Er 2 dreht sich langsam um und geht mit dem Brief
wieder fort. Beide sehen ihm nach.
Sie 1 Du hätt’st den Brief doch nehmen können oder sollen.
Er 1 Ich versteh' dich nicht.
Ich hab' geschworen,
keine Post von ihr
Und keinen Brief von
ihm mehr anzunehmen.
Sie 2 Ach, geschworen. Das ist leicht gesagt.
Er 1 Ich bleib' dabei.
Sie 2 Fängt nun das ganze wieder an?
Noch ' mal von vorne?
Er 1 Nein. Das ganze
ist doch längst vergessen.
Der wollt' testen, ob noch irgendetwas
läuft.
Ob ich 'was mit ihr habe. Das war
alles.
Sie 1 So
sah der nicht aus.
Die Sache ist
bestimmt noch nicht zu Ende,
Die fängt jetzt erst
an.
Ich möchte auch
nicht wissen, was du wirklich denkst.
Vielleicht ist dir das ganze
Auch egal.
Willst dich mit nichts belasten.
Das wär' typisch.
Trau' ich dir am meisten zu.
Im
Park. 3.
Akt, 1. Bild, Auf der Suche, ein Lied.
Ein
schöner Tag.
Sie
2 und Er 1 treten auf und setzen sich
auf den Rasen.
Er 1 Ein Lied von Freiheit
Und von Gummibärchen,
Sie 2 Und von Zwischenwegen in den Gärten,
Er 1 Die einst waren,
Sie 2 Und von einem neuen Ursprung.
Sie singen beide ein
Lied.
Die Zeit der
Gummibärchen ist vorbei,
Sie schrien umsonst
Nach einer dummen
Freiheit.
Kinder haben die
Bonbons gegessen;
Von den aufgeblasnen Tüten
Blieb ein Knall.
Man lässt das
Unkraut
Wieder in den Gärten
wachsen.
Zwischenwege, die
einst waren,
Sind vergessen.
Irgendwo entsteht
ein neuer Ursprung,
Den erkennt man
An der
ausgestreckten Hand.
Die schneidet
einfach Fenster
In die Landschaft.
Das bringt Raum
Und großen Abstand.

Straße 3. Akt, 2. Bild,
"Ein Kind? Trennung? Freundschaft?
Männerliebe? Männerhass? Oder Suche nach der
Freiheit?"
Vor dem Ausgang der Firma. Feierabend. Gegenüber ein
Straßencafe.
Er 1 kommt aus dem Haus. Ihm folgt Sie 2 .
Ein Telefonhäuschen.
Sie 2 Warte bitte, warte doch.
Ich muss dich sprechen, wart' auf
mich.
Er 1 Ich hab' dich nicht gesehn.
Wie schön. Was gibt es?
Sie
gibt ihm die Hand, die er sich schnell an den Mund führt.
Danke,
dass du mit mir sprichst.
Sie 2 Es geht zu Ende, weißt du's schon?
Er 1 Was geht zu Ende, ich versteh' dich
nicht,
Was meinst du.
Sie 2 Na, mit uns, mit meinem Job.
Ich hab' gekündigt.
Schmeißt man dich 'raus?
Sie 2 So ähnlich.
Wir bekommen neue
Chefs, die bringen ihre Damen mit.
So hat man' s uns
gesagt.
Wir soll'n uns darauf vorbereiten.
Heißt im Klartext:
War sehr nett mit Ihnen,
Gute Reise:
Er 1 Wer hat das gesagt.
Sie 2 Die Personalabteilung.
Sagen zwar, das
ganze hätt' noch Zeit,
Und dass man uns nur
darauf vorbereiten wollte,
Aber trotzdem...
Er 1 Du hast Ernst gemacht und gleich gekündigt.
War doch ganz bestimmt nicht
nötig.
Das ist schlimm. Ich
kann es gar nicht fassen.
Und zu wann? Was
wird aus uns?
Sie 2 Ich weiß nicht. Kommt dir doch entgegen,
oder?
Nein, verzeih, das war nicht so
gemeint.
Er 1 Es reicht. Ich find' wir haben uns genug
gequält.
Den ganzen Tag denk' ich nur noch
an dich.
Ich kann an
überhaupt nichts anderes mehr denken.
Tag für Tag. Das
weißt du doch.
Ich hab' dich
immerzu vor Augen.
Sie 2 Siehst mich aber trotzdem nicht.
Siehst mich nicht einmal an.
Du könntest dich
doch wenigstens 'mal melden.
Aber nichts!
Er 1 Ich weiß. Versteh mich selber nicht.
Mach' alles falsch.
Aus dir werd' ich
genauso wenig schlau.
Was soll nur aus uns
werden.
Und Zuhause bin ich
auch nicht mehr wie früher.
Die Familie leidet
unter mir.
Benehme mich, als
ginge sie mich nichts mehr an.
Ich hab' mich ganz
zurückgezogen.
Gebe vor zu
schreiben. Stimmt sogar.
Ist trotzdem nur ein
Vorwand.
Alles, was mir
früher wichtig war,
Hab' ich ganz hinten
an gestellt.
Mein Glauben macht
mir Sorgen.
Sie 2 So, dein Glauben macht dir Sorgen. Intressant!
Sonst nichts.
Er 1 Doch andres auch.
Mein Gott, du wirst
doch nicht so einfach gehen wollen,
Nicht so schnell.
Vielleicht kannst du
die Sache stoppen.
Sag', es wäre
übereilt gewesen,
Dass du bleiben
möchtest, wenn es geht.
Du wärest überrascht
gewesen.
Sag, du würdest auch
in eine andere Abteilung geh'n.
Versuch es bitte.
Sie 2 Gut, ich kann's versuchen. Alles hat noch
Zeit.
Soll erst im Herbst passieren.
Wirklich
nicht sofort.
Er 1 Die haben dich beleidigt?
Sie 2 Ja, natürlich. Ist doch unverschämt.
Was die sich leisten, wie die mit mir umgehn!
Er 1 Hast j a recht.
Dein Übereifer war trotzdem nicht
nötig.
Er 1 Zieh die Kündigung zurück.
Ich werde sagen, dass wir dich
In unserer Abteilung brauchen.
Ja, das geht vielleicht.
Sie 2 Vielleicht.
Er 1 Hast du nicht einen Augenblick dabei
An mich gedacht?
An Trennung hätte
ich von mir aus nie gedacht.
Vielleicht auch
besser so.
Sie 2 Dein Kartenhaus?
Er 1 Ein Vorhang wird zerrissen. Mittendurch.
Sie 2 Das heißt?
Er 1 Ich seh' jetzt
deutlich,
Was ich zu verlieren
habe.
Wolltest du das
wissen?
Ich darf nicht zu
Ende denken.
Echter Wahnsinn
könnte so beginnen.
Sie 2 Wir sind doch nicht aus der Welt.
Ich war in Wut und hab' nicht
lange nachgedacht.
Er 1 Wahrscheinlich hast du recht.
Viel mehr als
Freundschaft würde sowieso
Nicht übrig bleiben.
Sie 2 Meinst du? Sag' mal, willst du nicht verstehn?
Du tust, als wäre meine Kündigung
Für uns von
Nachteil.
Ist doch ganz genau
das Gegenteil.
Wir können uns viel
unbeschwerter treffen.
Wann und wo wir
wollen.
Alles wird bequemer,
viel bequemer.
Siehst du das nicht
ein?
Er 1 Ich sehe, dass du mir verloren gehst.
Es ist schon
schlimm, dass unsre Liebe keine Liebe war,
Aus unsrer Liebe
keine Liebe werden wird.
Dass ich dich aber
nicht mehr sehen soll und darf,
Ist viel, viel
schlimmer.
Sie2 lacht auf.
Sie 2 Wenn ich in diesem Haus nichts werden kann
Und dich nicht lieben darf,
Werd' ich Gewalt anwenden.
Er 1 Du, Gewalt? Und gegen wen?
Spöttisch.
Und ohne Waffe wirst du gar
nichts werden können.
Sie 2 Das ist kein Problem.
Ich hab, schon lange
eine Waffe.
Wenn nicht gegen
dich, dann gegen einen andren.
Eine Waffe
jedenfalls ist kein Problem.
Genau genommen, weiß
ich, wo mein Vater eine hat.
Ich kann auch damit umgehn.
Hat er mir gezeigt.
Hab selbst damit
geschossen.
Ich weiß ganz genau
damit Bescheid.
Sie liegt versteckt.
Na ja, das ist nicht schwer.
Die Wohnung ist sehr
klein.
Du brauchst nicht
blass zu werden.
Er 1 In Gedanken hast du mich schon paar Mal
umgebracht,
Nicht wahr?
Sie 2 Vielleicht, vielleicht auch einen anderen.
Dich will ich erst noch lieben.
Sie
2 kommt ganz nahe an sein Gesicht.
Weißt du doch.
Er 1 Dass du an eine Waffe kommst,
Allein schon, dass
du daran denkst...
Und was du in
Gedanken damit machst, ich sage in Gedanken..
Sie 2 Du hast Angst vor mir?
Er 1 Ich
weiß nicht. Nein, ich glaube, nein.
Ich würde mich nicht fürchten,
Dir zu unterliegen.
Andrerseits, die Sache könnte
wirklich unsanft enden.
Sie 2 Wird sie nicht. Du bist das Pfand dafür.
Er 1 Du weißt nicht, dass ich irgendwie ganz
gerne
Durch dich sterben würde.
Nein, du weißt
nicht, was mir das bedeuten würde.
Kannst es ja nicht
wissen.
Ist ein Abgrund,
fast pervers,
Empfinden, weißt du,
wider die Natur.
Sie 2 Beschreib' es mir. Ich denke auch viel
Schlimmes.
Denkt doch jeder.
Er 1 Es wär eine Krönung, Glück, Befriedigung,
Befreiung, alles, wenn mein Tod
Durch dich, durch
meine Liebe zu mir kommen würde.
Wenn ich ihn durch
dich erhalten würde.
Eine Art
Verschmelzung wäre es.
Ja, eine Art Verschmelzung,
aber nicht mit dir,
Nein, nur mit mir.
Es wäre
unvorstellbar.
Sie 2 Tritt nicht ein.
Gewalt wend' ich nicht an.
Er 1 Es wär' ein Hochgefühl.
Mit einem Schlag
wär' ich aus allem 'raus
Und endlich frei.
Sie 2 Das ist die Lust an Selbstzerstörung.
Ganz normal. Nicht weiter schlimm.
Die Tür verschließ dir wieder.
Er 1 Bis auf einen kleinen Spalt.
Ironisch.
Viel Glück, Madame.
Ich biete mich als Opfer an.
Sie 2 Du sollst kein Opfer sein.
Sie2 ist nun sehr ernst und sehr einschmeichelnd.
Nah an ihm.
Ich möchte dich um
etwas bitten.
Ja, ich glaube es
ist Zeit,
Dass ich's dir sage.
Er 1 Wenn ich deinen Wunsch erfüllen kann.
Sie 2 Es ist sehr ernst. Ich habe lange
überlegt,
Wie ich's dir sagen soll und
wann.
Er 1 Dann sag' es schnell.
Sie 2 Ich will dich bitten, einfach bitten,
Weil ich denke, dass du's nun
auch selber möchtest.
Sie 2
legt ihm den Finger auf den Mund.
Schlaf mit mir, weil
ich es will.
Und nicht nur so,
nein richtig, ganz.
Versteh mich gut:
Ich will ein Kind
von dir. Ich bitte dich.
Ich möcht' ein Kind
von dir.
Mach mir ein Kind.
Ich will's von dir
Und von sonst
keinem. Nur von dir.
Du sollst dann deine
Ruhe haben.
Sie 2
lacht wieder etwas.
Kannst uns jederzeit besuchen.
Wann du willst.
Er 1 ist
entrüstet.
Er 1 Wer ist das: "uns". Dein Mann
und du vielleicht?
Du bringst mich doch noch um.
Sie 2
streichelt ihm übers Haar.
Sie 2 Dein blankes Fell soll sich nicht
sträuben,
Lieber. Hör doch zu:
Dein Kind und mich.
Uns zwei, sonst keinen.
Kannst zu mir und
deinem Kind, so oft du willst.
Am Tag und Nachts.
Kannst kommen, wann
du willst.
Ich gebe alles auf,
das schwör' ich dir.
Das Kind und ich
sind nur noch für dich da.
Er 1 Das glaub' ich dir auch ohne Schwur.
Er 1
küsst ihr die Stirn.
Und wovon wollt ihr leben?
Sie 2 Weiß ich nicht. Das findet sich. Von
irgendetwas.
Kann doch sein, dass du mit
deinen Büchern
Über Nacht
erfolgreich bist.
Das wär' doch
möglich.
Er 1 Triffst natürlich gleich auf meine
schwächste Stelle.
Sie 2 Tut mir leid.
Das ist dein
Ehrgeiz, weil er unbefriedigt ist.
Man muss dran
glauben.
Ich glaub'
felsenfest daran.
Er 1 Das macht dich lieb und wert.
Doch sonst wirfst
du mich wieder völlig aus der Bahn.
Ein Kind von mir. Ich hätte längst
drauf kommen sollen.
Wie stellst du dir das nur vor?
Sie 2 Ich denke nicht, ich liebe Dich!
Er 1 Ich hab' mir soviel
andres vorgenommen.
Einen Berg zu schreiben, das ist eins
davon.
Du müsstest ewig warten.
Nein, ein Kind, das kann nicht
sein.
Sie 2
lacht.
Sie 2 Ich sag' ja nicht sofort. Nicht hier.
Ich habe Zeit. Ich warte.
Du wirst von alleine
kommen, glaube mir.
Du wirst von ganz
alleine kommen.
Er 1 Immer wieder liegt's an mir.
Von mir hängt wieder alles ab.
Ich darf es aber nicht.
Du hast doch deinen
Mann. Sei nicht so dumm.
Knöpf' deine Bluse
auf, zeig' ihm
Die Frau darunter.
Blind und steinern
müsst er sein,
Wenn er dich
übersehen würde.
Den mach dir zum
Vater deines Kindes.
Nebenbei hat er auch
noch ein Recht darauf.
Geh zu ihm hin.
Sehr
ironisch.
Sei brav und sei ihm
"untertan".
Du wirst schon alles
richtig machen.
Sie 2 Du verstehst mich nicht, um Himmels
Willen.
Du verstehst mich falsch.
Das ist doch etwas völlig
anderes.
Sie 2
sieht ihn von der Seite an.
Du kannst dich nicht
in das Gefühl versetzen,
Das ich hab', das
eine Frau hat.
Muss ich mich von
einem Stückchen Glas,
Das Spiegel heißt,
belügen lassen?
Muss ich mich bei meiner
Morgentoilette
Ganz allein
genießen, meinen Körper,
Die Ästhetik eines
schönen Leibes?
Ja, ich liebe meinen
Körper,
Und dies
Glücksgefühl, wenn ich mit beiden Händen
Meine Haut abtaste.
Dieses Prickeln will
ich nicht für mich behalten.
Jemand soll es mit
mir teilen.
Nein, ich will mich
nicht alleine haben.
Jemand soll mir
alles abverlangen,
Auch das
Glücksgefühl. Ich geb' es gerne
Und mit Widerstand.
Ich will nicht tot
im Spiegel stehn,
Vor meiner Angst
allein zu sein.
Ich brauche dich.
Pause.
Auch wenn du nichts
davon verstehst,
Versteh mich
trotzdem gut:
Ich will ein Kind von dir
Und nicht von meinem Mann
Und nicht von irgendeinem Mann
Ich will es nur von dir.
Von dir will ich ein
Kind, von dir, von dir,
Von dir, und davon
lass' ich nicht.
Ich wollte es vom
ersten Augenblick,
Als ich dich sah.
Von Anfang an warst
du der Mann,
Der hinter meinem
Spiegel stand.
Dich hab' ich
dauernd angesehen,
Und du sagst es
selbst:
Du siehst mich
dauernd an.
Hinter
ihnen geht die Tür auf.
Sie
werden durch die Freundin gestört.
Ich hab' euch schon vom Fenster
aus gesehn.
Sie 2 Ich muss jetzt los.
Ist viel zu spät inzwischen, hab'
noch einzukaufen.
Sie 2
geht.
Dann bis morgen.
Er 1 Ja, bis morgen.
Fr Hat sie'was?
Ich wollt' nicht stören. War so kurz.
Er 1 Nein, dass Sie kamen, war ganz gut.
Sie hat mir etwas anvertraut.
Fr Die Sache mit der Kündigung, nicht
wahr?
Betrifft mich auch.
Wir sind verärgert.
Er 1 Sie hat daraus gleich die Konsequenz
gezogen.
Fr Ja, mein Herr, so ist das.
Er 1 Nein, sie hat mir etwas andres
anvertraut.
Ich würde gern' darüber sprechen,
Sie 'was fragen.
Fr Was denn, bitte. Wenn ich helfen
kann.
Er 1 Als ihre Freundin wissen Sie ja sowieso
Bescheid.
Fr Ich weiß nicht alles.
Man kann aber über alles mit mir
reden.
Er 1 Wissen eigentlich die Leute im Büro
Bescheid?
Ich meine hier im Hause? Über
uns?
Fr Die Leute? Über wen.
Er 1 Na, über mich und Ihre Freundin, Dass wir
uns sehr mögen.
Fr Was, Sie zwei?!
Sie lacht
und ist total überrascht.
Das hör' ich selbst
zum ersten Mal.
Das kann nicht sein.
Das weiß kein Mensch.
Um Gottes Willen:
Die ist doch
verheiratet.
Sie haben Kinder.
Er 1 Wissen Sie, ich habe keinen Freund.
Ich habe niemanden,
mit dem ich einmal d'rüber
Sprechen kann. Ich
dachte mir,
Sie wüssten alles.
Fr Nein, ich hatte keine Ahnung.
Er 1 Wissen Sie, wir lieben uns.
Das ist die eine Seite.
Andrerseits ist nichts geschehen
zwischen uns.
Nichts, überhaupt nichts.
Nur, dass wir uns
sehr, sehr quälen.
Weiter nichts.
Es ist ein Wahnsinn,
so sehr lieb' ich diese Frau.
Es wäre alles glatt
und gut,
Er
zögert,
Wenn ich mich nicht
so sperren würde,
Kann mich nicht entschließen,
nachzugeben.
Immer wieder halte
ich mir tausend Sachen vor:
Es darf nicht sein,
es ist verboten und so weiter.
Antiquiert, nicht
wahr? Ich bin nun so.
Sie sagt ich bin aus
Blech.
Das ist nicht wahr.
Ich zwing' mich nur,
nichts zu verraten.
Das in einer Zeit,
wo Treue gar nichts gilt.
Man macht sich
lächerlich,
Wenn man es nur
erwähnt. Ich find' da nicht heraus.
Fr War wirklich weiter nichts?
Zu mir hat sie kein Wort gesagt.
Geschwiegen hat sie wie ein Grab.
Sie können letzten Endes froh sein,
Wenn nichts weiter war.
Sonst wär' doch
alles viel, viel komplizierter.
Wenn Sie nun ein
wenig Abstand hielten?
Er 1 Hab' ich ja versucht.
Ich halt's
nicht durch.
Es macht mich
innerlich kaputt.
Ich nehm's mir immer wieder vor.
Und wenn sie vor mir
steht,
Ist jeder Vorsatz
hin. Und ich bin froh darüber.
Fr Manchmal regeln sich die Dinge von
allein.
Man soll nichts übereilen.
Er 1 Tag und Nacht denk' ich an diese Frau.
Sie herrscht total in meinem
Kopf.
Fr Ein bisschen Liebe kann doch auch
nichts schaden, oder?
Er 1 Ja, ich weiß.
Ich seh' mich selbst als Trottel,
Weil ich die
Gelegenheit verstreichen lass',
Die kommt so bald
nicht wieder.
Fr Sie sind viel zu selbstbeherrscht.
Wie ist es denn bei ihr?
Ich glaub', sie hätte lieber eine
ganze Sache.
Es
zieht eine Gruppe Jugendlicher die Straße herauf. Sie setzt sich an den
Straßenrand und spielt mit einer dressierten Ratte. Die Jugendlichen, Jungen und Mädchen, machen einen sehr
aggressiven Eindruck.
Er 1 Es ist meine Schuld, weil ich mich immer
wieder sperre.
Ihretwegen hätt' es kein Problem
gegeben.
So ist alles Krampf.
Sie weiß, dass ich
sie liebe.
Fr Die spiel'n mit 'ner
Ratte.
Er 1 Ekelhaft.
Fr Und sonst war wirklich nichts?
Das kann ich gar nicht glauben,
aber das soll's geben.
Er 1 Meinen Sie die Ratte, oder mich?
Nein, außer Küsschen
schenken, lieben Worten,
War da nichts.
Sie sieht kein
einziges Problem für sich.
Die Pille nimmt sie
auch nicht.
Sie hat mir aus Spaß
gesagt,
Dass sie an eine
Waffe kommt.
Fr An eine Waffe? Was soll das denn
heißen?
Er 1
leicht spöttisch.
Er 1 Daran sehen Sie, wie ernst es ist.
Mir ist es jedenfalls ganz lieb,
Wenn jemand davon weiß.
Es macht mir aber
keine Sorgen.
Die Geschichte
nicht.
Fr Was denn? Gibt's noch was anderes?
Er 1 Sie sind doch eine Frau. Vielleicht verstehn Sie es.
Mich hat sie völlig überrascht:
Sie will ein Kind
von mir.
Sie will es nicht
von ihrem Mann,
Sie will es nur von
mir.
Nun weiß ich nicht mehr,
was ich machen soll.
Fr Na, die ist gut.
Das sagt sie so?
Er 1 Ganz offen auf der Straße, eben grad'.
Über
die Straße kommt ein Schwuler,
der
sich aufdringlich als Postbotin verkleidet hat,
auf
Er 1 zu, bleibt vor ihm stehen und winkt dann ab.
Er 1 Das weiß ich nicht, der war doch schwul.
Fr Den mein' ich nicht.
Ich meine den
da!
Man
sieht jetzt, wie Er 2 die Straße heraufkommt.
Warten Sie noch auf Besuch?
Er 1 Wieso?
Fr Dann drehn
Sie sich' mal um: ihr Mann!
Der will bestimmt zu Ihnen.
Er 1 Seine Frau ist doch schon weg.
Fr Sie sollten ruhig bleiben.
Er 1 Zwischen ihr und mir ist nichts gewesen.
Bin vielleicht ein bisschen weit
gegangen.
Ist natürlich schlimm für ihn.
Wenn er mich
sprechen will, werd' ich mich wohl
Entschuldigen.
Fr Das find' ich gut. Behalten Sie die
Ruhe.
Wie ein Schläger sieht er auch
nicht aus.
Die
Freundin geht fort.
Die
Jugendlichen machen den Postboten an.
Ju He, hast du keine Post für uns?
Vielleicht 'ne warme Karte?
Einer hebt die Ratte hoch.
Ju Unsre Susi mag dich.
Darfst mal 'ran,
wenn du sie streichelst.
Musst nur lieb sein.
Susi steht auf
Männer.
Ju Der kommt erst zu mir. Ich mag das
auch.
Der
Schwule geht beiseite, aber nicht fort
Er
2 kommt auf Er 1 zu.
Er
2 trägt einen Hut, den er aber nicht
abnimmt. Unter dem Arm trägt er eine kleine Tasche
Er 1 Zu mir? Aha. Und nicht zu Ihrer Frau?
Die ist ja auch
grad' weggegangen.
Guten Abend erst
'mal.
Pause.
Keine Antwort? Auch gut.
Er 2 Möcht'
Sie sprechen.
Er 1 So?
Er 2 Nicht
hier und nicht da drüben.
Wenn es geht im Bahnhofsrestaurant.
Mehr werde ich nicht sagen, bis wir da
sind.
Gehen wir!
Er 1 Moment. Nicht ganz so schnell.
Ein bisschen
flegelhaft, nicht wahr?
Den Hut nimmt man
natürlich auch nicht ab.
Von mir aus. Aber
bis da hinten geh ich nicht.
Vielleicht erklär'n Sie 'mal worum es geht.
Es spricht doch
nichts dagegen, oder?
Pause.
Wenn wir uns schon
jetzt mal unterhalten.
Bis zum Bahnhof geh
ich nicht!
Sie woll'n doch mit mir reden, ja?
Von mir aus. Gehn wir ins Café.
Pause.
Ach ja, Sie sagen
nichts. Ärgerlich.
Mein Gott, es geht
um Ihre Frau.
Hör' n Sie 'mal zu:
Wir sind doch beide
nur aus Fleisch und Blut.
Sie haben eine
schöne Frau.
Ich find' sie schön.
Geb' ich ja zu.
Und Sie doch sicher
auch.
Ich mag sie gern',
sehr gerne, zugegeben.
Aber, wenn Sie
wissen wollen, ob es da was gibt,
Dann sag' ich:
Fehlanzeige.
Ist nichts zwischen
ihr und mir.
Das ist die
Wahrheit.
Zwischen ihrer Frau
und mir war nichts, gar nichts.
Und ich verspreche
Ihnen,
Zwischen ihr und mir
wird niemals etwas sein.
Ich hoffe, dass Sie
das beruhigt.
Was ist, immer noch
kein Wort?
Sie denken an die
Zukunft?
Muss ich passen.
Ich weiß nicht, was
Ihre Frau sich vorgenommen hat.
Das müssten Sie sie
selber fragen.
Na, noch immer
stumm?
Wenn Sie nicht reden
wollen,
Komm' ich nicht mehr
mit.
Ach, blöde Kinderei!
Ich geh' nach Haus.
Auf Wiedersehn !
Er
1 will gehen. Er 2 sehr scharf.
Er 2 Ich
werde Ihnen ja nichts tun.
Dann gehn
wir eben ins Cafe.
Er 1 Wie soll das enden? Aber meinetwegen.
Ich ruf' schnell
Zuhause an und sag' Bescheid.
Es wird doch später.
Er
1 geht an den Münzfernsprecher,
bekommt
aber keinen Anschluss.
Immerzu besetzt.
Vielleicht auch besser so.
Wer weiß. Jetzt ins
Cafe?
Ich möchte draußen
sitzen.
Er
2 hängt seinen Mantel an den Haken, den
Hut daneben.
Er
1 legt seinen Mantel neben sich über einen andren Stuhl.
Ein
Ober kommt.
Er 2 Whisky bitte, ohne Eis.
Er 1 Die Sprache ist zurückgekehrt, wie schön.
Für mich nur Kaffee, bitte. Hab' dann
wenig Zeit.
Ich zahle gleich.
Der Ober geht, kommt mit der
Bestellung.
Er 1 zahlt.
Die Schweigerei ist mir zu dumm.
Sie stehl'n
uns doch die Zeit. Mir jedenfalls.
So eine Kinderei!
Er
2 ist erfreut.
Er 2 Sie
ärgern sich? Das ist sehr gut.
Dann hab' ich Sie so weit.
In meiner Tasche ist ein Brief.
Er 1 Nein, nicht schon wieder!
Gott, ich werd' verrückt.
Er 2 Sie
bleiben. Ah, da ist er.
Kennen Sie die Schrift?
Er
2 legt Er 1 den Brief auf den Tisch.
Er 1 Sie sind ja krank.
Ich will den Brief nicht haben.
Er
1 sieht auf den Umschlag.
Ist von Ihrer Frau. Soll das die
Überraschung sein?
Mein Gott, wie ist das schlimm.
Er 2 Das
erste, was Sie heute lernen sollten,
Haben Sie gelernt.
So ist es, wenn man nicht mehr
angenommen wird.
Ich hab' geschwiegen, nur damit Sie
das begreifen.
Ist geglückt.
So ist es, wenn man ohne Antwort
spricht
Und Briefe ungeöffnet lässt.
So fühlt man sich,
Wenn man sich zum Empfänger seiner
eignen Schreiben
Macht.
Beinahe jedenfalls.
Er 1 Sie hätten Lehrer werden sollen.
Sind Sie fertig, kann ich geh'n?
Er 2 Sie
sind ein rücksichtsloser Mensch.
Hier ist der Brief von meiner
Frau.
Sie könn'n
jetzt lesen.
Er 1 Danke, keine Lust und kein Intresse.
Er 2 Gut,
dann les' ich vor.
Sie können noch mehr lernen.
Er 1 Schön! Von wem, von Ihnen etwa?
Er 2 Nein.
Ich denke über sich.
Er 1 Ich
geb' es auf. Sie hab'n gewonnen.
Ich geb' nach, damit Sie endlich Ruhe
geben.
Lesen Sie. Ich hör's
mir an.
Sie wissen sicher, was sie schreibt,
Sonst wär'n
Sie doch nicht so erpicht darauf.
Dann ist es sowieso egal.
Und nicht so laut. Die brauchen nichts
zu hören.
Er
1 zeigt auf die Jugendlichen.
Kennen Sie den Inhalt oder nicht.
Er
2 ist erleichtert.
Er 2 Nur
oberflächlich.
Meine Frau hat angedeutet, was
sie schreiben wollte.
Er
2 sieht Er1 mit langem Blick an.
Er 1 Und? Was gibt's. Was seh'
n Sie mich so an?
Ich denk', Sie wollen lesen, ja?
Er
2 liest.
Er 2 Du
bist ein Schwein! Sadistensau!
Dir geht's nur gut, wenn du mich
leiden siehst.
Du kümmerst dich 'nen Dreck um mich.
Wie kannst du das ertragen.
Lies, dass ich mich dafür rächen kann.
Ja, ich will Rache.
Du behauptest mich zu lieben? Du
liebst nichts.
Du liebst nur meine Quälerei.
Ja, darin bist du Meister.
Meine Quälerei wird dir zur Lust.
Damit befriedigst du dich selber.
Und du weißt es auch: Du bist der
Stärkere.
Du kannst mich leiden lassen,
Weißt, dass ich dir...
Er 1 Nein, um Gottes Willen: Hör'n Sie auf!
Der ist doch nie von ihr. Den hat sie
nie geschrieben.
Und Sie sollten leise lesen.
Damit meint sie mich doch nicht.
Ich schäme mich in Grund und Boden.
Nein, ich glaub' es nicht.
Er 2 lächelt überlegen und liest weiter.
Er 2 Du
kannst mich leiden lassen,
Weißt, dass ich dir unterlegen bin,
Weil ich zu meiner Liebe steh'.
Er 1 Ich schäme mich.
Er 2 Ja,
schrei nur auf. Das tu ich auch.
Ich will dich einmal peinigen,
Wie du es täglich mit mir machst.
Von Anfang an hast du mich so
gepeinigt.
Jetzt zahl' ich mit gleicher Münze
heim.
Hör' zu, lies weiter.
Ich hab' nachgedacht, wie ich dich
treffen kann.
Ich will dich schwer verletzen.
Stell dir vor, ich wär' bei einer
andren Frau,
Und du wärst auch dabei.
Ich habe aber vorgesorgt:
Entlaufen kannst du nicht, und deine
Neugier
Zwingt dich unentwegt uns zuzuschaun und zuzuhör'n.
Du kannst es noch nicht fassen,
Aber, was du siehst, ist Wirklichkeit,
Das weißt du auch.
Ich bin mit ihr intim. Wir lieben uns
Nach Strich und Faden. Das verstehst
du nicht,
Das kannst du nicht begreifen, nicht?
Ich lieg...
Er 1 Ich mag das nicht mehr hören.
Schämen Sie sich selber nicht, das
vorzulesen?
Sie, ihr Mann?
Das hat sie niemals selbst
geschrieben.
So ein Unsinn. Welch ein Abgrund.
Er 2 ..,
lieg' bei dieser andren Frau, und du siehst zu.
Das schmerzt, nicht wahr? So ist es
recht.
Dann knie ich mich vor sie und rufe,
rufe, rufe,
Dass du es in deinem Leben nicht und
nie vergessen wirst,
Ich rufe deinen Namen.
Immer wieder deinen Namen, deinen
Namen.
Er
2 faltet den Brief zusammen.
Er 1 So 'was würd' sie niemals schreiben.
Nein, das hab' ich nicht
verdient.
Er 2 Und
nicht erwartet.
Er
2 ist um Er 1 besorgt.
Er 1 Dass Sie das noch lesen mögen.
Ihre Frau mit einer andren Frau...
Das könnt ich nicht ertragen.
Darin hat sie recht: sie trifft mich
schwer damit,
Obwohl es alles kümmerlich und niedrig
ist.
Er 2 Es
ist nicht alles Phantasie bei ihr.
Er1 Ich weiß.
Anscheinend freut Sie das auch
noch.
Er
2 streckt langsam den Arm aus und legt
ganz liebevoll seine Hand auf den Arm von Er 1 . Der gerät fast in Panik.
Er 2 Sie
brauchen keine Angst zu haben.
Ich versteh Sie gut. Ich weiß
genau,
Was jetzt in Ihnen vorgeht.
Er 1 Gar nichts wissen Sie.
Das mag ich überhaupt nicht.
So 'was Ähnliches hab' ich mir
immer schon gedacht.
Er
1 nimmt seinen Mantel und will gehen.
Wahrscheinlich hab'n
Sie selbst den Mist geschrieben,
Einfach ausgedacht,
Und ich Idiot fall' darauf 'rein.
Er 2 Hier
ist der Umschlag. Ist an Sie.
Ist alles ihre Schrift und ihre
Unterschrift.
Er 1 Und wenn schon, das soll sie mir selbst
bestätigen.
So glaub ich gar nichts.
Er 1 geht und bleibt nach ein paar
Schritten stehen. Kommt dann wieder zurück.
Wissen Sie, was mich an Ihnen stutzig
macht?
Nicht eine Vorhaltung von Ihnen, und
Sie werfen
Mir nichts vor.
Sie woll'n
nicht wissen, ob's was gibt und ob's was gab.
Sie schrei'n
mich nicht 'mal an.
Kein Vorwurf, nichts.
Sie hätten doch bestimmt...
Ich meine Grund genug sich über mich
zu ärgern.
Ach, ich vergaß, dass sie ja alles
gleich erzählt.
Dann wissen Sie natürlich, dass nichts
war.
Ich möchte trotzdem wissen, was
dahinter steckt.
Er 2 Von
meiner Frau hab' ich gehört,
Dass Sie sehr langsam sind.
Er 1 Wie nett, wie kommt sie darauf.
Ach, natürlich. Sie hat recht.
Es stimmt, ich schalte viel zu
langsam.
Sehr
scharf.
Sie und Ihre Frau, Sie wollten sich
mich teilen,
Stimmt's. Ich frage, ob es stimmt!
Ihr seid ein Teufelspaar!
Und fassen Sie mich nicht noch einmal
an,
Als wär' ich eine Frau. Wie widerlich.
Erst dieser Mensch in Frauenkleidern,
und dann Sie.
Er
1 jetzt ganz ruhig.
Ich habe selber schuld, ich weiß.
Das darf ich nicht vergessen. Ich
vergess' es leicht.
Ja, alles meine Schuld.
Damit es nun zu Ende geht, bitt' ich
Sie um Entschuldigung.
Von Mann zu Mann.
Er 1
streckt Er 2 die Hand hin.
Der schlägt aber nicht ein.
Ich mein' es ehrlich. Nein? Sie
wollen nicht?
Er 2 Es
geht doch nicht darum.
Er 1 Wie bitte? Worum denn.
Es geht um Ihre Frau.
Das schwöre ich:
Sie bleibt für mich der Engel, der im
Feuer steht.
Versteh'n
Sie? Unerreichbar!
Kann und will sie nicht erreichen.
Alles, was ich je für sie empfand
begrabe ich in mir.
Es wäre schön, wenn Sie das als
Beruhigung
Mit sich nach Hause nehmen würden.
Er 2 Ja,
ich weiß. Sie machen meiner Frau
Das Leben schwer. Sie ist ein lieber
Mensch.
Wir beide streiten Ihretwegen oft
Und nicht um Sie, wie Sie nun wieder
denken.
Aber das ist auch egal.
Sie hat sehr viel für mich getan.
Wir mögen uns sehr gerne.
Ja, auf meine Weise lieb ich sie.
Gewiss ganz anders als Sie es sich
denken.
Er 1 Hör'n Sie zu,
das war kein Spaß.
Ich wiederhole es, und ich versprech’
es Ihnen.
Ja, ich werd' mich danach richten:
Ihre Frau fass' ich nie wieder
an.
Was heißt nie wieder. Angefasst hab'
ich sie nie.
Sie wissen aber, was ich meine.
Er 2 Ja,
das ist es eben. Das versteht sie nicht.
Er 1 Versteht sie nicht. Aha.
Verstehen Sie es denn?
Versteh'n
Sie beide nicht?
Bin ich der einzige, der nichts
versteht?!
Er 2 Sie
sollten wissen, dass wir uns in großer Freiheit lassen,
Meine Frau und ich.
Ich lasse sie, und sie lässt mich.
Wir mögen uns trotzdem sehr gerne.
Meine Frau hat mir auch ihr Problem
erzählt.
Er 1 Sie meinen mich?
Sie meinen ich hab' ein Problem?
Er 2 Sie
tun mir leid, und meine Frau bedauer' ich,
Weil sie bei Ihnen nichts
erreicht.
Er 1 Sie hätten also nichts dagegen,
Wenn sich Ihre Frau und ich...
Ein wenig näher kämen,
irgendwie...
Er 2 Bestimmt
nicht. Nein, warum auch.
Jetzt ist sie in einem Zustand,
Der ist unbeschreiblich.
Ich versteh' es so:
Sie schreit und ruft so laut es geht
nach Ihnen.
Wissen Sie, es ist ein innerlicher
Schrei,
Der hört in ihr nicht auf.
Sie ist verzweifelt, sie ist innerlich
zerweint,
So sagt sie.
Sie hat keine Tränen mehr.
Pause.
Wenn sie sich diese Liebe wünscht,
Kann man sie ihr doch geben. Ja, das
denke ich.
Sie möchte Sie.
Er 1 Es ist ganz einfach. Ja, Sie haben recht.
Man gibt ein bisschen Liebe. Was ist
schon dabei.
Es wär' nicht schlecht und wäre nicht
verwerflich,
Wenn man sich...
Wenn ich mir nicht dabei im Wege
stünde.
Er 2 Sehen
Sie. Da hab'n Sie ihr Problem.
Er 1 Sie haben wirklich recht. Es ist ganz
einfach.
Und das will sie?
Und das woll'n
Sie auch? Sie haben nichts dagegen?
Warum find' ich nicht wie Sie die
Leichtigkeit
Mit Liebe, Treue umzugeh'n.
Ich seh' es
langsam ein:
Ich bin es, der sich dauernd hindert.
Nein, ich kann euch beiden wirklich
nicht mehr böse sein.
Er
1 schlägt die Hände vor' s Gesicht.
Der Dümmste von uns drein bin ich.
Vielleicht sind Sie ein wenig
schlechter dran,
Vielleicht auch Ihre Frau.
Doch was die Dummheit anbetrifft,
Da bin ich Ihnen beiden haushoch
überlegen.
Nein, wie sollte ich ihr weiter
Einen Vorwurf machen können.
Ihren Brief kann man verstehen, ich
versteh ihn fast.
Es ist ein Schrei, ist ihre Art nach
mir zu schrein.
Und wenn sie leugnen würde, ihn
verfasst zu haben,
Wär' es fast noch schlimmer.
Das kann keine Hoffnung sein.
Ganz sicher hat sie
ihn geschrieben.
Nein, es brächte
überhaupt nichts ein.
Und Sie...
Sie sind ein netter
Kerl,
Soweit ich Sie
verstehen kann...
Nein, heißt nicht
mehr...
Ich sag' es ehrlich,
dass es gut ist,
Dass wir einzig über
ihre Frau Berührungspunkte haben
Und sonst nicht.
Er 2 Sie
machen sich ein völlig falsches Bild von mir.
Er
1 steht auf, um endgültig zu gehen.
Er 1 So kann es jedenfalls nicht weitergehen.
So nicht und nicht
so.
Ich glaube, dass es
zwischen ihr und mir
Zu gar nichts kommen
wird.
Ich habe Ihnen auch
mein Wort gegeben.
Er 2 Das
geb' ich zurück. Es ist nicht meine Sache.
Und, was Sie sich
selbst und anderen versprechen,
Geht mich gar nichts
an.
Ist auch nicht meine
Sache.
Er
1 fragt nun ganz beiläufig.
Er 1 Übrigens, zum Schluss,
Weiß Ihre Frau von diesem Treffen
eigentlich?
Er
2 ist zutiefst erschrocken,
fast
verzweifelt, und ergreift Er 1 am Arm.
Er 2 Ich
bitte, ich beschwöre Sie.
Nur das nicht.
Sie darf nie ein
Sterbenswort erfahren.
Das versprechen Sie
mir doch.
Sie müssen es
versprechen. Das Gespräch
Behalten Sie für
sich. Ich bitte Sie darum,
Ich fleh' Sie an.
Sie wissen nicht,
was das bedeutet.
Nein, sie weiß es
nicht. Das würde sie mir nie verzeihn.
Er
2 sinkt in sich zusammen.
Sie hat es mir
verboten. Ausdrücklich verboten:
"Das geht dich
nichts an," hat sie gesagt,
"Du darfst dich
nicht in meine Angelegenheiten mischen."
Sie weiß ganz genau,
Wie sehr ich an ihr
hänge.
Alles weiß sie über
mich.
Es wäre furchtbar,
gar nicht auszudenken.
Alles habe ich aus
mir heraus getan.
Das könn'n Sie doch versteh'n. Versteh'n Sie doch.
Nun sagen Sie doch bitte etwas.
Die
Jugendlichen sind auf sie aufmerksam geworden.
Ju Die sind doch ein Liebespaar.
Und den Verrückten von der
Post...
Ju ...den hab'n
sie abgetan, als wär' er Dreck.
Passt auf die Susi
auf.
Das wär' ein
schlechter Umgang.
Susi soll durch
"solche" nicht verdorben werden.
Ju Susi ist noch Jungfrau.
Er
1 ist verärgert. Er 1 zu Er 2
.
Er 1 Sie sind ärmer dran, als Ihre Frau,
Und noch viel ärmer
dran, als ich.
In Ihrer Haut möcht'
ich nicht stecken,
Haben selbst
Probleme,
Und 'ne Lösung hab'n Sie nicht in Sicht.
Das hätte ich vorhin noch nicht
gedacht.
Vor Ihnen möchte ich
gern' teuflisch sein.
Ich hätte richtig
Lust dazu.
Ja, die bekommt man
hier.
Sie beide sind ein
schwaches Paar,
Und über eure
Teufelei kann ich nur lachen.
Jetzt kann ich
darüber nur noch lachen.
Ich, der wirklich
gar nichts dazu beigetragen hat,
Ich wollte keine
Teufelei aushecken,
Ich bin nun der
Teuflischste von allen drein.
Ganz gegen meinen
Willen.
Alles, was ich tat,
nicht so zu sein,
Hat mich dazu
gebracht, dazu gemacht.
Ich lache über Sie,
ich lach' Sie aus.
Gefahr, wie ich sie
kenne,
Droht von Ihnen
wirklich nicht.
Was mich bedroht,
sitzt ganz woanders.
Er
1 schlägt sich auf die Brust.
Hier
Er
1 schlägt sich an die Stirn.
Und hier.
Gefahr, die mich
bedroht, mein Gott,
Das ist die
Wahrheit, droht mir nur vor mir.
Vor mir muss ich
mich hüten.
Hier schließt sich
der Teufelskreis.
Arm dran bin ich.
Wenn ich nach Hause
komm,
Bleibt mir zum
Weinen nur die Toilette.
Welch ein
Scherbenhaufen, welch ein Scherbenhaufen.
Warum muss ich
andere so quälen, warum quäl' ich mich.
Und keine Antwort,
keine Antwort.
Die
Jugendlichen kommen jetzt auf Er 1 zu. Der will gehen. Ein Jugendlicher setzt
ihm die Ratte auf den Rücken.
Er
1 windet sich und ekelt sich.
Ju Nicht so zimperlich. Die mag Sie.
Das ist Susi. Susi ist noch
unerfahren,
Ist noch Jungfrau.
Er 1 Nehmt das Vieh da 'runter.
Ju Sein Sie doch ein bisschen nett zu
ihr.
Sie will doch nur gestreichelt
werden.
Die
Jugendlichen machen es ihm vor.
So. Sie seh'n
doch, so.
Ganz leicht.
Die schnüffelt immer.
Susi, der hat Angst vor dir.
Er 1 Ihr sollt die Ratte 'runternehmen.
Die kommt immer höher. So ein
widerliches Vieh.
Ju Der Kerl beschimpft die Susi. Hört
ihr das?
Hört euch das an.
Ju Der kriegt 'was in die Wäsche.
Mag die Susi nicht.
Ju Die ist doch lieb.
Ju Der hat doch keine Ahnung. Nehmt sie
runter.
Wenn er nicht begreift, was er
für sie bedeutet.
Ju Idiot.
Die Susi läuft ihm ja fast nach.
Ju Sie klettert unter seine Jacke. Hol
sie 'raus.
Ju Von mir aus. Susi, liebe Susi komm.
Er
1 steht ganz still und wartet ab.
Ju Aha, er hat begriffen.
So ist's gut. Das mag sie gern'.
Ju Jetzt macht sie ihm auf's Hemd.
Ju Er weiß nicht, dass das Glück
bedeutet.
Bloß nicht wackeln. So, nun komm,
du süßes Tier.
Ju Die Ratten fühl'n
sich wohl,
Wenn Teufel in der Nähe sind.
Die
Jugendlichen lachen.
Ju Sie will nicht von ihm lassen.
Er
1 versucht zu helfen.
Ju Und er nicht von ihr.
Jetzt plötzlich liebt er sie. Die
arme Susi.
Ju Erst beschimpft und dann verführt.
Die Jugendlichen zieh’n wieder ab.
Er 1 Mein Gott, wie ekelhaft.
Er 2 Die
Jugendlichen lieben sie anscheinend.
Er 1 Das mir das passieren musste.
Ich hab' keine Zeit mehr.
Er 2 Wiedersehen.
Er
1 geht.
Drei
Träume 3.
Akt, 3. Bild; "Befreiung durch Zerstörung"
Abends.
Er 1 und Sie 1 sind schon im Bett.
Man
sieht sie nur schwach.
Im Schlaf gesprochen.
Er 1 Kann man das versteh'n?
Fragst du mich aus?
Sie 1 Das kann man nicht, ich will's auch nicht.
Du rufst und rufst.
Er 1 Wenn ich um Hilfe ruf' musst du mich
wecken.
Sie 1 Weißt du wenigstens, wovon du träumst, und
was?
Er 1 Nein, es ist alles weg.
Du kannst von mir aus gerne
Träumerin in meinen Träumen sein.
Sie 1 Ich glaube nicht, dass sich das lohnt.
Es sind nur Brocken, die du
sprichst.
Er 1 Und du wachst davon auf?
Sie 1 Ja, meistens.
Es
wird dunkel. Das Bett von Er 1 bleibt als helle Silhouette im Raum.
Jetzt
kommt Er 1 zur Tür herein. Er 1 ist angezogen, aber man merkt, dass es ein
Traum ist.
Er
1 kommt in ein Museum.
An der Wand hängt
ein übergroßes Bild von Artemisia Gentileschi: Judith enthauptet Holofernes.
Davor steht ein
Sofa, wie auf dem Bild.
Er 1 Gut , dann muss ich eben wieder selber
Träumer
Meiner Träume sein. Geschenkt. Wenn
sie nicht will.
Ich hab's ihr angeboten. Wollte nicht.
Zu dumm.
Was weiß sie schon von mir.
Sie
2 tritt ein. Hinter ihr die Freundin. Man erkennt Sie 2 wieder, aber sie und
ihre Freundin haben sich wie auf dem Bild gekleidet.
Sie 2 Ich bin für deine Frau gekommen.
Hast die Falsche
eingeladen.
Ich komm' gern' als
Träumerin in deinen Traum.
Ich bin ganz scharf
auf deine Träume.
Die soll'n meine Wahrheit werden.
Fr. Ja, mein Herr, so ist das.
Sie 2 Die steht ganz auf mein er Seite.
Fr. Ja, mein Herr, so ist das.
Er
1 zeigt auf das Bild.
Er 1 So ein Schinken.
Jeder sieht sofort,
dass die noch nie
Gemordet hat. Hat
keine Übung.
Und die Malerin...
Die säbelt ihm am
Hals herum.
Sie 2 Sie schafft es aber.
Er 1 Wie soll der denn dabei sterben.
So wird' s lange dauern.
Sie 2 Judith tötet ihn aus Liebe. Tod aus Liebe
dauert lange.
Fr Ja, mein Herr, so ist das.
Er 1 Nein, sie tötet nicht aus Liebe. Oder
doch?
Sie 2 Wir werden seh'n.
Leg dich hier her
und halte still
Und lass es dir
gefallen.
Er
1 klettert brav aufs Sofa.
Sie
2 holt einen viel zu großen Säbel aus dem Kleid.
Er 1 Vorher hat sie ihn geliebt. Jetzt weiß
ich's.
Ja, so war es.
Also hat sie ihn geliebt.
Sie 2 Du wolltest keine Liebe. Nun sei ruhig.
Fr Sehen Sie, mein Herr, so ist das.
Er
1 zur Freundin.
Er 1 Und Sie helfen ihr dabei?
Das hab' ich mir doch gleich
gedacht.
Er 1
legt sich hin. Alle drei nehmen nun ohne jeden Kampf die Posen ein, wie
auf dem Bild. Dann stimmt die Stellung.
Sie 2 Du denkst, du träumst, du Schwein!
Sadistensau!
Der Säbel ist von meinem Vater!
Halt' ihn fester!
Fr Ja, mein Herr, so ist das.
Er 1 Noch doch nicht. Ich hab' noch so viel
vor.
Wir woll'n
uns doch noch lieben!
Sie 2 Das ist jetzt vorbei. Zu spät!
Ich will jetzt meine Rache.
Sie
2 schneidet ihm den Kopf ab. Es fließt viel Blut.
Es wird
ausgeblendet. Man sieht wieder nur das Bett von Er 1 .
Er wälzt sich hin
und her.
Er 1 ist wieder im Museum.
An der Wand hängt
ein übergroßes Bild von Tamara de Lempicka:
Junges Mädchen in
Grün .
Auf der Bühne ein
Frisiertisch mit Spiegel. Dahinter lehnt Er 1
.
Sofort kommt Sie 2
in Unterkleidern herein. Sie hat ein grünes Kleid über dem Arm. Man erkennt Sie
2 gut wieder.
Er 1 Du bist hier?
Sie 2 Du weißt nicht, wo wir sind?
Er 1 Natürlich, im Museum.
Sie
2 kreischt auf mit einem irren Lachen.
Sie 2 Nein! Nein! Nein!
Wir sind in einem deiner Träume,
Träume, Träume.
Er 1 Ach, das stimmt. Ich hatte es vergessen.
Sie 2 Du vergisst zu viel zu viel, zu viel.
Das mag ich nicht.
Wenn du mich willst,
Wenn du mich willst,
Wenn du mich willst,
darfst du mich nicht
Vergessen,
vergessen, vergessen.
Er 1 Ich hab' dich nicht vergessen.
Sie 2 "Mann aus Blech, "
"Mann aus
Blech, "
"Mann aus
Blech," sei still, ich muss mich schmücken,
Muss mich schmücken,
muss mich schmücken.
Er 1 Du verwechselst mich doch nicht?
Sie 2 setzt sich vor den Spiegel und kleidet sich genau,
wie das Mädchen aus dem Bild. Auch die Perücke hat
die holzspäneartigen Haare.
Sie versucht zwischendurch die Endstellung anzunehmen.
Kennst du mich denn schon lange?
Sie 2 Fragst, als wüsstest du nicht,
Wüsstest du nicht, wüsstest du
nicht, wer ich bin.
Er 1 Doch,
doch, entschuldige.
Du bist es, die ich liebe, nein,
die ich nicht lieben darf.
Sie 2 ...und kann. So ist es recht.
Sie
2 ist mit der Garderobe fertig und sitzt genau wie auf dem Bild.
Sie 2 Du bist der "Mann aus Blech",
der "Mann aus Blech",
Der "Mann aus Blech" .
Vom ersten Tag an, Tag an, Tag
an,
Stehst du hinter meinem Spiegel,
meinem Spiegel, meinem Spiegel.
Ich bin deine,
deine, deine
"Plastikfrau",
"Plastikfrau", "Plastikfrau".
Sie
2 ganz streng.
Jetzt wiederhole: Mann aus Blech
und Plastikfrau.
Er
1 ganz leise
Er 1 Mann aus Blech und Plastikfrau.
Sie 2 Lauter, lauter, lauter!
Sie
2 und Er 1 zusammen
Mann aus Blech und
Plastikfrau,
Mann aus Blech und
Plastikfrau,
Mann aus Blech und
Plastikfrau,
Sie 2 Die können sich nicht lieben,
Können sich nicht lieben,
Können sich nicht lieben!
Sie
2 kreischt wieder vor Lachen auf und fällt mit dem Stuhl um.
Sie
2 singt dann weiter.
Mann aus Blech,
Mann aus Blech,
Mann aus Blech,
Lässt sich nicht
verbiegen, verbiegen, verbiegen.
Es wird ausgeblendet.
Er 1
wälzt sich wieder im Bett hin und her.
Er 1 ist wieder im
Museum. An der Wand hängt ein übergroßes Bild der Nana von Manet.
Er 1 läuft erfreut
darauf zu.
Er 1 Nana,
Nana.
Stimme
von Sie 2 Brauchst du wieder Trost, ein Pflaster?
Sie 2 kommt hinter
dem Bild hervor. Sie ist in allem wie die Nana gekleidet.
In
der Hand hält sie ein übergroßes Heftpflaster. Man erkennt Sie 2 wieder.
Soll ich deine Wunden lecken?
Er 1 Sieh mich an, ich bin am Ende.
Alle Ärzte haben heut' geschlossen.
Ich war überall. Die machen mir nicht
auf.
Die andren lassen sie hinein; mich
nicht.
Ich weiß nicht mehr wohin.
Sie
2 legt das Pflaster auf den Boden und stellt sich wie in dem Bild vor den
Spiegel.
Sie 2 Ich habe wenig Zeit. Beeil' dich bitte.
Er 1 Womit soll ich mich beeilen?
Sie 2 Stell dich nicht so an!
Mein
Mann kommt jeden Augenblick.
Er 1 Dann hat es keinen Sinn.
Sie 2 Erst recht. Ich hab es ihm versprochen.
Er soll auch ' was davon haben .
Er 1 Wovon, was denn. Nein , niemals.
Sie 2 Er will uns überraschen,
Und ich hab' es ihm erlaubt.
Er 1 Das will ich nicht.
Bevor ich das erlaube, bringe ich
mich lieber um.
Sie 2 Er ist doch Arzt. Er kann dich heilen.
Er 1 Er ist Arzt? Das wusste ich ja nicht.
Sie 2 Doch, Er ist Arzt. Das wusstest du
natürlich nicht.
Vertraust du mir? Du, Lieber, leg
dich hin. Leg' dich hier hin.
Er
1 legt sich auf den Fußboden.
Sie
2 klebt ihm das Pflaster quer über die Brust und über die Arme, dass er
gefesselt am Boden angeklebt ist.
Er 1 Was willst du mit mir machen?
Ist dein Mann kein Arzt? So hilf mir
doch.
Ich kann mich nicht befrein.
Bist du nicht Nana?
Sie 2 Du bringst alle Leute durcheinander.
Wie soll man dir helfen.
Kennst mich nicht 'mal mehr.
Ich wollte dir doch meine Liebe
schenken.
Schenken, hörst du?
Sie wär' ein Geschenk gewesen. Was
machst du statt dessen?
Na, du lehnst sie
ab.
Da soll ich nicht
beleidigt sein?
Kommst her und
willst ein Pflaster haben. So ein Unsinn.
Aber bitteschön, du
hast dein Pflaster.
Das wird ewig halten.
Er 1 Komm ich nicht mehr los?
Sie 2 Erst wenn du meinen Wunsch erfüllst.
Er 1 Das tu ich nicht.
Ich will nicht, dass dein Mann
uns zusieht.
Sie 2 Der ist blind. Das hatte ich dir nicht
gesagt?
Sie
2 lacht.
Der
ist ganz blind. Den muss ich führen. Also machst du's nun?
Sonst hol' ich deine Frau.
Du weißt, ich mache Ernst.
Er 1 Ich weiß, ich weiß, ich weiß!
Ich darf euch jederzeit besuchen?
Sie 2 Ja, das Kind und mich.
Er 1 Es wird aus Fleisch und Blut sein,
Hast du das bedacht?
Ich müsste euch auch lieben, und ich
weiß nicht wann.
Ich seh'
euch kaum.
Wie soll ich euch denn lieben ,
Wenn ich euch nicht seh'.
Sie 2 Mein Mann ist blind! Du kannst doch sehen.
Siehst du das nicht ein?
Er
1 lacht irre.
Er 1 Ich weiß es jetzt.
Dich gibt es gar nicht. Du bist
Phantasie.
Du lügst mich an. Du willst kein Kind
von mir.
Das mit dem Kind von mir, hast du dir
ausgedacht.
Du hast mich einfach festgeklebt,
damit ich nicht
Entkommen kann.
Und ich Idiot fall
darauf 'rein.
Ich Idiot, ich
Idiot.
Es
wird ausgeblendet.
Sie1
weckt Er 1 .
Sie1
steht auf.
Sie1 Du träumst schon wieder. wach doch auf.
Er 1 Hab' ich gesprochen:
Sie 1 Nein, du hast mich aufgeweckt.
Ich hab' kein Wort verstanden.
Beide
werden ganz ausgeblendet.
Bahnhofshotel 3. Akt, 4. Bild,
"Es soll nicht sein"
Im Foyer eines Bahnhofshotels.
Sie 2 und Er 1
kommen herein.
Sie 2 Als du mich heute Abend anriefst,
Wusste ich, dass du nicht fliehen
würdest.
Er 1 Meinst du es war Flucht?
Ich war verreist. In einer andren
Stadt.
Da gab es was zu sehen. Weiter
nichts.
Sie 2 Gib's zu, du
warst verärgert.
Aber jetzt ist alles gut.
Sie
gibt ihm einen Kuss.
Er 1 Es stimmt. Wir haben uns noch nicht
einmal begrüßt.
Er
umarmt und küsst sie.
Ich war verärgert.
Weißt es sicher längst:
Ich hab' mit deinem
Mann gesprochen.
Sie 2 Weiß ich.
Er 1 Eigentlich hat er mit mir gesprochen.
Sie
2 lacht. Beide setzen sich.
Sie
bestellt etwas zu trinken.
Sie 2 Bitte zweimal etwas ohne Alkohol.
Pause.
Das hat dich gleich
so krank gemacht,
Dass du heut' fehlen
musstest?
Er 1 Hast du wirklich diesen Brief
geschrieben?
Sie 2 Hat mein Mann ihn dir gezeigt?
Er 1 Dann weißt du also doch nicht alles?
Ja, er hat ihn mir gezeigt.
So ähnlich war es jedenfalls.
Sie 2 Wenn er den richtigen genommen hat,
Dann ist er wohl von mir.
Du brauchst ja nichts dazu zu sagen.
Diese Nacht gehört uns beiden.
Er 1 Als ich anrief, hat dein Mann da
zugehört?
Sie 2 Du hast doch selber erst mit ihm
gesprochen.
Nein, er hat nicht zugehört.
Er ist dann 'rausgegangen.
Sie
lacht wieder.
Weißt
du, was er neulich zu mir sagte, So aus Spaß?
Er 1 Woher wohl, nein.
Sie 2 Er hat gesagt,
Wenn ich mit dir zusammenkäme,
Würde ich sofort von dir ein Kind
bekommen.
Ja, er sagt, das sieht man dir schon
an.
Er sagt, du siehst schon danach aus.
Er 1 Ich sehe danach aus?
Sie
2 lacht ganz unverschämt.
Und woran sieht man
das?
Und warum hat er das
zu dir gesagt?
Sie
2 legt sich selber den Finger auf den Mund.
Sie 2 Er kennt doch meinen Wunsch!
Und du, als Skorpion, bist voller
Leidenschaft,
Sie
kommt nah an ihn heran.
Bist voll Begehren,
bist voll Eifersucht.
Und was du anfängst,
machst du ganz.
Wer sich auf dich verlässt, ist
nicht verlassen.
Er 1 Nur am Anfang hapert's also.
Sie 2 Ganz genau so ist es.
Er 1 Von der Löwin hat er nichts gesagt?
Sie 2 Nein, das hab' ich zu ihm gesagt.
Er 1 Und was?
Sie 2 Die Löwin lässt von ihrer Beute nicht.
Sie
lacht.
Und die bist du,
mein Lieber, Lieber, Lieber.
Ach, ich freu' mich
so.
Mein Glücksrad dreht
sich wieder.
Er 1 Und was sagt dein Mann dazu?
Ich mein', dass wir uns treffen?
Sie
ist verärgert.
Sie 2 Was sagt dein Mann, dein Mann, dein Mann!
Was sagt denn deine Frau dazu?
Er 1 Du weißt, dass sie nichts weiß.
Ich will auch nicht, dass sie davon
erfährt.
Bei euch ist das doch anders.
Sie
2 ist wieder freundlich.
Sie 2 Er hat doch mit zugehört.
Ich glaub', ich hab' ihn sehr
verletzt.
Pause.
Sie 2 Sag' nicht, dass er dir leid tut!
Er 1 Eben, auf der Rückfahrt,...
Sie 2 Nein, erzähl nicht weiter.
Irgendetwas ist
schon wieder zwischen uns.
Das spür' ich ganz
genau.
Er 1 Es bleibt dabei: wir nehmen uns ein
Zimmer.
Aber eine Frau, ich kenn' sie gar
nicht,
Hat mich angequatscht:
"Sie sind wohl in Geschäften unterwegs.
Sie kenn' mich gar nicht?
Ich bin ihre Nachbarin. Drei Häuser
weiter.
Ist nicht schlimm. Wir haben's gleich
geschafft."
Sie 2 Na und?
Sei stolz auf dich.
Das erste Mal in
deinem Leben bist du drauf und dran
Von ganz alleine
einen Schritt zu machen.
Von alleine!
Lass die Nachbarin doch reden.
Er 1 Kurz bevor wir hielten, kam ein Mann
dazu.
Den hab' ich nie gesehen.
Sie 2 Und?
Er 1 Der hat mich angestarrt, als käme ich vom
Mond.
Der wollte, dass ich grüße.
Sie 2 Und?
Er 1 Ich hab' gegrüßt. Da war der ganz
erleichtert,
Hat mir gleich die Hand geschüttelt:
"Gute Weiterfahrt" und all
so' n Zeug's
"Und schöne Grüße..."
Weißt du, langsam geb ich' s auf.
Ich mag jetzt bald nicht mehr.
Sie 2 Du machst dir noch Gedanken über diese
Witzfiguren.
Denkst du einmal nur an mich?
Pause.
Ich habe meinen Mann verlassen.
Pause
.
Er 1 Das versteh' ich nicht, Was soll das
heißen:
"...habe meinen Mann
verlassen."
Sie 2 Habe ihn verlassen. Weiter nichts.
Hab' ihm gesagt, dass ich ihn jetzt
verlassen werde.
Habe auch gesagt, warum.
Dass ich mit dir zusammenziehen werde.
Er 1 Heute Nacht und morgen.
Sie
gibt ihm einen Kuss.
Sie 2 Es ist gut, du Lieber, Lieber.
Er 1 Das sind alles Zeichen gegen mich,
Es soll und soll nicht sein.
Sie
2 schreit plötzlich auf, dass das
ganze
Foyer sekundenlang erstirbt.
Sie
2 jetzt ganz gefasst und messerscharf zu ihm.
Sie 2 Es soll, es soll, es soll.
Jetzt machst du, was ich sage!
Er 1 Gut wir nehmen uns ein Zimmer.
Sie 2 Nein, wir bleiben hier.
Wir bleiben hier in dem Hotel.
Er 1 Das wird doch viel zu teuer.
So viel Geld hab' ich nicht mit.
Sie 2 Du kannst dir jeden weiteren Gedanken
sparen.
Meld'
uns an.
Ich will es jetzt zu Ende
bringen.
Meine Energie reicht für uns
beide.
Er 1 Gut, in Gottes Namen, meinetwegen.
Sie 2 Der wird es nicht ändern.
Er 1 Frag' , ob die noch frei sind.
Schreib' den Meldeschein.
Sie
gehen zur Rezeption,
Sie
2 ist eng an seiner Seite.
Rez Wir haben Doppelzimmer frei.
Es ist schon spät. Hier ist der
Meldeschein.
Er
1 füllt ihn aus und gibt ihn zurück.
Die
Rezeption reißt ihn gelangweilt durch.
Rez Sie sind aus dieser Stadt?
Er 1 Ja,
beide.
Rez Tut uns leid.
Dann dürfen wir Sie hier nicht
übernachten lassen.
Er 1 Das versteh' ich nicht, warum denn nicht?
Rez Man hat uns leider dazu angewiesen.
Von der Direktion, verstehen Sie?
Den anderen Hotels in dieser Gegend
Ist es ganz genau wie uns verboten.
Beide
verlassen das Hotel. Die Bühne dreht sich. beide sind auf der Straße.
Es
ist eisig kalt.
Sie 2 Die sind total verrückt.
Nur wegen dieser Gegend.
Was ist los mit dieser Gegend?
Er 1 Kannst es dir doch denken.
Woll'n
nicht, :
Dass man bloß 'mal absteigt.
Sind ' was Besseres.
Sie 2 Wir suchen uns ein andres Zimmer.
Weiter außerhalb.
Er 1 Für mich ist Schluss. Das war die dritte
Warnung.
Nichts wird mich mehr dazu
bringen.
Sie
2 fängt an zu weinen.
Sie 2 Siehst du nicht, wie ich nun dasteh'?
Wohin soll ich jetzt.
Ich hab' doch meinen Mann verlassen.
Wie soll ich ihm das erklären.
Lass uns doch woanders hin, ich bitte
dich.
Er 1 Ich hab' es so gemacht, wie du es
wolltest.
Nein, ich kann nicht mehr und
will nicht mehr.
Sie
2 wird erschreckend wütend.
Sie 2 Du hast das alles wieder eingefädelt!
Er
1 weicht zurück.
Quälen willst du mich! Schon wieder!
Und ich dumme Kuh, so dumm, so saudumm
wie ich bin,
Fall darauf 'rein!
Er 1 Das kenn' ich schon von dir.
Ich kann nicht mehr.
Vergiss mich bitte, bitte...
Er
1 geht. Sie ruft hinterher.
Sie 2 Lauf mir nie wieder über'n
Weg!
Du Schwein, du Schwein, du
Schwein!!
Sie
bleibt vor einer großen Fensterscheibe
stehen, in der er sich spiegelt.
Er
1 steht unentschlossen in der
Bahnhofstür und sieht zu ihr zurück. Er sieht nur ihren Rücken.
Büro im Spinnennetz 3. Akt, 5. Bild,
"Freiheit, oder Mord auf Raten"
Im Büro. Von der Decke hängen grellbunt ausgestrahlte Spinnweben. Es ist
ein Wald voller Spinnweben.
Er 1 ist im Büro.
Sie 2 kommt grade herein. Sie können sich nicht sehen.
Er 1 Was
ich ihr empfahl, empfehl' ich mir nun selber.
Sie 2 Was denn?
Er 1 Bist du hier? Was machst du. Siehst du
mich?
Du kannst mich hören?
Sie 2 Ja, ich hör' dich, aber seh'n kann ich dich nicht.
Wo steckst du denn.
Er 1 Hier drüben.
Sie
irren herum, ohne sich zu finden.
Habe mir empfohlen dich nun endlich
zu vergessen,
Und ich schaff' es nicht.
Sie 2 Hast du das denn erwartet?
Er 1 Nein, genau genommen nicht. Natürlich
nicht.
Sie 2 So ist das. Siehst du, so ist das, mein
Lieber.
Pause.
Etwas ironisch.
Das ist Schicksal. Wir sind
Schicksal füreinander.
Er 1 Schicksal? Meinst du das?
Das hab' ich nie bedacht.
Pause.
Dann erfreut.
Ich freu' mich, dass du mit mir
sprichst.
Sie 2 Warum denn nicht?
Er 1 Nach dem, was gestern war?
Sie 2 Es war doch nichts Besonderes.
Er 1 Dann bist du mir nicht böse? Du verzeihst
mir?
Sie
2 hat einen frohen Ton in der Stimme.
Sie 2 Wo's doch gar nichts zu verzeihen gibt?
Er 1 Ich hab' dir gestern lange nachgeseh'n.
Sie 2 Ich weiß. Ich hab' dich auch geseh'n.
Ich dachte auch, du würdest dich
besinnen.
Er 1 Dachtest du, ich käm' zurück?
Sie 2 Ich hab's gehofft.
Er 1 Wie konntest du mich sehen?
Sie 2 War doch leicht.
Ich stand vor einer großen
Fensterscheibe.
Die gab alles wieder.
Sie 2 Du hast mindestens noch eine halbe Stunde
Drüben in der Bahnhofstür
gestanden, stimmt's?
Ich hab' dich ganz genau geseh'n.
Sie
lacht. Er 1 sucht sie weiter.
Er 1 Ich find' dich nicht.
Er
1 lässt sich nieder und gibt das Suchen auf. Er wischt sich die Spinnweben vom
Gesicht.
Er 1 Wie
schön dein Lachen klingt. Ich lieb' es so.
Du weißt nicht, wie mich das
erleichtert,
Was du sagst.
Sie 2 Da drüben hattest du doch nur den
Rückenakt der Dame.
Er 1 In der Bahnhofstür?
Ja, mehr war nicht von dir zu
sehen.
Sie 2 In der Fensterscheibe...
Er 1 Bist du wirklich nicht mehr böse?
Sie 2 War ich nicht und bin es nicht.
Er 1 Was war mit deinem Mann?
Sie 2 Der fand es gut,
Pause
Dass ich so schnell nach Hause
kam.
Sie
lacht wieder.
Das stimmt ja gar nicht.
Nein, er war nicht da.
Er 1 Nicht da?
Sie 2 War ausgegangen. Was weiß ich wohin.
Er 1 Kein Kommentar von ihm? Heut' morgen?
Sie 2 Nein. Er hat gesehen, dass ich wieder
In den eigenen vier Wänden war.
Er 1 Dann kennt er das von dir?
Sie 2 Vielleicht. Na gut, ich hab's schon 'mal
gemacht.
Sie
findet ihn jetzt und umfasst ihn von hinten.
Du Lieber, Lieber, Lieber.
Alle Liebe, die ich für dich habe,
Meine ganze Liebe, ist das Gegenteil
von Tod.
Sie ist lebendig, springlebendig.
Sie2 küsst ihn in den Nacken. Er legt seine Arme
nach hinten um sie.
Sie 2 Ich verlang' nicht viel von dir.
Du bist kein Seelenarzt.
Er 1 Warum?
Sie 2 Du darfst mir nicht verschreiben, ja
verschreiben
Was ich mit Gedanken und Gefühlen,
Ob für dich, für mich zu machen habe.
Das ist meine Sache.
Er 1 Tu ich das? Irrst du dich nicht?
Ich finde unsre Liebe ist ein
ungeheurer Widerspruch:
Ich, der ich alles tu, dich zu
vergessen,
Werde dich in meinem Leben nie
vergessen können.
Und grad' ich hab' dir gesagt: Vergiss
mich, bitte.
Alles nur aus Liebe, alles nur aus
Liebe.
Sie 2 Ich mit meiner Liebe...
Er 1 Und mit deiner Freiheit.
Sie 2 Ich mit meiner Liebe und mit meiner
Freiheit,
Fordere von dir dieselbe Liebe, die
ich geben will,
Aus Liebe, alles nur aus Liebe.
Denkst du, wenn du ganz verzichtest,
Wirst du auch vergessen können?
Welch ein dummer Irrtum.
Welch ein hochpolierter Unsinn.
Er 1 Und du denkst, man muss nur alles
fordern.
Sie 2 Wenn man liebt, dann ist es das.
Ein Kind von dir zum Beispiel.
Sie
2 küsst ihn wieder.
Ja, ein Kind zum
Beispiel.
Er 1 Wenn man liebt, bekommt man alles?
Sie 2 Ja, glaubst du noch immer nicht daran?
Er 1 Ich habe einen Glauben.
Sie 2 Hab' ich auch, wir beide: Du hast deinen,
ich hab' meinen Glauben.
Über Glauben muss man reden
können.
Sie
lacht.
Und mein Glaube, glaub' ich, ist für beide
gut.
Hab' ich dich überzeugt?
Sie
wird wieder ernst.
Wir wären ja verurteilt stillzustehen,
Wenn wir über unsren Glauben
Nicht mehr sprechen könnten.
Alle Kriege sind aus diesem Grund am
Leben.
Sie 2 Alle Menschen müssen sehen und erkennen
lernen,
Dass sie aufeinander angewiesen
sind,
Zum Beispiel.
Er 1 Weißt du, das klingt gut, passt immer,
Und für beide Seiten.
Man hat immer recht damit.
Kein Mensch wird das bestreiten.
Ich am wenigsten.
Sie
2 springt auf.
Sie 2 Du machst mich rasend!
Merkst du nicht, dass alles, was du
redest, redest, redest
Eine Zucht aus irgendeinem
Schrebergarten ist?
Der Glaube, unsre Liebe, Hoffnung
Wachsen doch in Wahrheit wild!
Die kann man nicht begießen
Und an Stöckchen
binden und beschneiden,
Dass sie grade
wachsen.
Schön, und brav und
ordentlich.
Die wachsen auf in
Freiheit! Freiheit!
Weißt du, was das
ist?!
F! R! E! I! H! E! I!
T!
So buchstabiert man
das!
In Freiheit!
Glaube, Liebe,
Hoffnung
Haben doch denselben
Boden, alle drei!
Die Wurzeln ähneln
sich
Und wachsen
ineinander!
Das ist doch kein
Zufall!
Sie bedingen sich
einander,
Und ich kann sie
nicht in meiner Seele
Voneinander trennen.
Er
1 schweigt betreten.
Ich bin voller Trauer, denn ich seh',
Dein Glaube schließt die Liebe aus.
Du. lebst zwar auch in einer Wildnis,
Aber die ist karg und unfruchtbar.
Dein Weg ist völlig fremd für mich.
Du bist voll Widerspruch.
So vieles machst du nur,
Um
ausgetret'ne Pfade zu vermeiden,
Und in Wahrheit trittst du sie
wie all die andren aus.
Du siehst nicht
links nicht rechts davon.
Und was noch viel,
viel schlimmer ist,
Er 1 Noch schlimmer? Was ist das?
Sie 2 Dein drittes Auge, das nach innen schaut,
Nach innen schauen soll,
Hast du dir scheint es,
ausgestochen.
Er 1 Neulich hat dein Mann zu mir
Von deinem Innenmund gesprochen,
Dass der nach mir ruft.
Du kämpfst um etwas, ist es so?
Sie 2 Du siehst ja nicht, wohin du gehst,
Wohin du dich bewegst,
Ich meine innerlich.
Du bist ein blindes
"Ich".
Sie
lacht.
Soll ich vielleicht
auf dich verzichten?
Woll'n wir eine ideale
Liebe machen?
Liebe ohne Sex: Nur
mit dem Kopf?
Von Herz zu Herz?
Kein bisschen tiefer?
Sie
schreit ihn an.
Ich will keine
Selbstverstümmelung.
Sag' mir, sag' mir,
Was muss ich noch
machen,
Dass du meiner Liebe
endlich glaubst.
Er 1 Du. zwingst mich, etwas anzustreben,
Was ich gar nicht
will.
Ich wusste nicht,
dass eine Frau, dass du
Noch mehr als Liebe
fordern kannst.
Ich dachte, dass du
meine Liebe wolltest.
Die hab' ich dir
eingestanden,
Tausendfach, mit
jeder Handbewegung, jeder Geste.
Sie 2 ...und in dir begraben.
Dass wir ja nichts davon haben.
Er 1 Dann hast du ein Kind von mir gewollt,
Sie 2 Du Lieber, siehst du nicht,
Dass ich es mir noch immer
wünsche,
Mehr als ,je zuvor?
Er 1 Nein, nein. Ich glaube, du hast jetzt
Ganz andres vor.
Das Kind willst du noch immer.
Ja, da bin ich sicher,
Doch, das glaub' ich dir.
Nein, du willst mehr. Du willst noch
mehr.
Du willst noch viel, viel mehr.
Was du betreibst, in mir betreibst,
Ist eine ganz bestimmte Art von Mord!
Ja, Mord willst du.
Das Schlimme daran ist,
Dass du es selber gar nicht weißt.
Du ahnst es nicht einmal.
Sie 2 Das ist doch Wahnsinn!
Das kann ich nicht wollen.
Sollt ich wollen, dass du dich
Vor meinen Augen umbringst? Glaubst du
das?
Kannst du das glauben?
Nein, das will ich nicht, niemals
werd' ich das wollen!
Er 1 Du weißt ganz genau, dass ich das
deinetwegen
Schon alleine niemals machen
würde.
Sie 2 Und aus keinem andren Grund?
Er 1 Es wächst trotzdem der Wunsch dazu in
mir.
Der Grund liegt auf der Hand.
Sie 2 Du siehst es falsch, ganz falsch.
Vertrau' mir doch, vertrau' mir doch.
Es ist nur deine Ohnmacht, weil du
nichts
Dagegen unternimmst.
Tu doch etwas dafür, dagegen, wie du
willst,
Tu etwas, tu doch irgendetwas.
Er
schreit sie an.
Er 1 Ich kann doch nicht, ich darf doch nicht!
Ich kann doch nicht, ich darf
doch nicht!
Er
springt auf und läuft davon.
Straße 3. Akt, 6. Bild, "Mord oder Hilfe zum
Selbstmord"
Nachts, auf der hell erleuchteten Straße, gegenüber
dem Cafe.
Die Jugendlichen randalieren um
einen Sarg herum. Auf dem steht in großen Buchstaben: S U S I . Sonst ist es
menschenleer.
Die Jugendlichen haben den schwulen Postboten in
ihrer Mitte.
Er 1 kommt
auf sie zu.
Jugendlicher zum Postboten.
Ju Gib's
endlich zu! Du hast sie umgebracht.
Post Ich war es nicht, nein, glaubt mir doch!
Ich war es wirklich nicht.
Ich hätte keinen Grund gehabt!
Die
Jugendlichen schlagen ihn.
Ju Du warst es doch, du schwule Sau.
Post Ich bin es nicht gewesen. Hilfe, Hilfe!
Schlagt mich nicht! Ich war es
nicht.
Ich sag' die Wahrheit! Der da
drüben...
Der da drüben war's!
Ju Und woher weißt du das? Du lügst uns
an.
Post Ich lüge nicht. Ich hab's gesehn.
Er hat's gemacht, weil ihr ihn so
geärgert habt.
Ihr wisst doch, neulich Abend.
Habt die Susi auf ihm krabbeln lassen.
Habt ihr das vergessen? Ihr seid doch
nicht dumm!
Er war's! Er hat sie umgebracht.
Ju Wenn du das warst, dann "Gute
Nacht"!
Ju Dann bist du dran!
Ju Der oder der, das ist uns gleich!
Alle Ju Wir wollen
Rache, Rache, Rache!
Wer hat unsre Susi umgebracht!
Sie tanzen um den Sarg herum.
Der
Postbote und Er 1 sind für sich.
Wir wollen Rache,
Rache, Rache!
Wer hat unsre Susi
umgebracht.
Postbote
zu Er 1 .
Post Hau ab, hau ab! Verschwinde!
Schnell! Ich komm' mit denen klar.
Die denken jetzt, dass du das warst!
Die sind in Rage.
Schnell, hau ab!
Nun, hau doch ab, um
Gottes Willen.
Der
Postbote will fliehen, kommt aber zu Er 1
zurück .
Mein Gott, bist du
verrückt!
Die bring'n dich um! Dich oder mich.
Die komm'n doch gleich zurück.
Er 1 Die sind verrückt mit ihrer Rattenplage.
Was
ist schon passiert.
Post Das Vieh ist tot. Die trauern.
Ja, die trauern wirklich! Um die
Susi.
Das sind die von neulich, weißt
du das, nicht mehr?
Er 1 Doch, doch. Das sind die Vollidioten.
Trauern die um diese kleine
Ratte?
Postbote
ist verzweifelt.
Post Mensch, du schaffst es gleich nicht mehr.
Du musst jetzt laufen, schnell,
sie kommen!
Er 1 Hau doch ab! Ich werd' mit denen fertig!
Post Wahnsinn, Wahnsinn! Die sind außer sich!
Die wollen Blut, verstehst du
nicht?
Die wollen Blut!
Er 1 Halt's Maul nun
endlich!
Kümmer dich um deine Sachen!
Postbote
läuft davon.
Ju Die Sau ist weg! Verdammt!
Ju Er hat gesagt, dass der das war.
Ju Das könnte stimmen.
Zu Er 1 gewandt.
Hast du sie umgebracht? Die Susi?
Hast du sie gekillt?
Ju Was sagt er, war er's, oder war's der
schwule Hund!
Ju Der ist jetzt weg.
Er 1 Ich hab' mit eurer Ratte nichts zu tun
gehabt.
Ihr könnt mir glauben.
Aber hier, ich geb' euch Geld.
Kauft euch 'ne neue.
Ju Habt ihr das gehört?
Kauft euch 'ne neue sagt der
Kerl.
Mann, das war Susi! War die Susi!
Ju Sie gibt's doch nicht neu!
Ein
Jugendlicher hält ihm ein Messer an die Kehle.
Ju Du bist verrückt!
Du weißt nicht, was du sagst!
Die Susi war uns mehr wert, als
der beste Freund!
Kapiert?
Alle Ju Das stimmt. Das
stimmt. Das stimmt.
Er 1 Und wenn schon.
Ju Warst du's, oder warst du's nicht!
Ju Mach' auf die Dose! Mach' die Dose
auf!
Frag' nicht so lange. Setz doch an!
Stoß zu!
Soll'n uns
'ne neue kaufen, hat der KEr 1 gesagt!
Alle Ju Er hat die Susi
umgebracht!
Er hat die Susi umgebracht!
Wir wollen Rache, Rache, Rache!
Wollen Rache, Rache, Rache!
Ju Hat die Susi umgebracht,
Weil wir sie auf ihn losgelassen
haben.
Stimmt's? Gib's
zu!
Ju Wie der schon aussieht.
Wie der rumläuft! Ganz aus Blech,
der Kerl!
Den mach' ich auf !
Er 1 Ich gebe gar nichts zu! Ihr seid
verrückt!
Ju Dann war er's also doch!
Alle Ju Mach' die Dose
auf! Mach' die Dose auf!
Der
Jugendliche sticht zu.
Er
1 bricht zusammen und bleibt neben dem
Sarg liegen.
Er 1 ist tot.
Ju War sowieso aus Blech.
Na, stirbst'e,
Blechmann?
Die
Jugendlichen laufen fort.
ISBN 978-3-937264-44-8