Harald Birgfeld
Epos
Copyright 2011
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ISBN 3-937264-68-X
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Jesus könnte meinetwegen Weiblich sein, Ich hätte nichts dagegen, Sein Gequältsein, seine Wunden, Würde ich dann nicht mehr sehen, Sondern den Verlauf der Frauenhaare. |
Hätte man die Frau als Jesus kahl geschoren, Würden meine Augen Über ihre Züge laufen, Über ihren Leib natürlich, Der wär nach wie vor ans Kreuz geschlagen, Wäre voller Sterben, Und für mich voll Leben, Wär für mich alleine Eine ganz besondere Besonderheit, Es wär nicht sie, die litte, Sondern ich; In ihrem Leib könnt ich mich wahrhaft Wiederfinden. |
Sonst, so sehe ich sie vor mir, Wäre sie wohl eine zarte Frau, Sie würde Ausdruck haben, Ähnlich der Pietá Michelangelos, Der Mona Lisa Leonardos. |
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2 Die Gedanken, die ich dazu habe, Sind mit Kitsch beladen, Und man soll nicht denken, Dass ich mir den Jesus weiblich wünsche, Das wär falsch. Ich hätte nur dagegen gar nichts einzuwenden, Und ich denke auch, Der Arzt, der mich behandelt, Wäre besser eine Frau, Und einmal habe ich schon Glück gehabt, Denn jetzt bin ich bei einer Zahnärztin. Ich glaube, sie ist Polin. Und behandelt mich, So wie ich mich behandelt wünsche. Es entsteht in mir Ein königliches Selbstgefühl, Ich könnte mich ihr völlig überlassen, Und ich denke auch, Sie hätte als die Mörderin an mir, Ein leichtes Spiel, Ich ließe mich von ihr, fast wie gelähmt, Zu Tode quälen. |
Der Gedanke kitzelt mich Und schüttet eine Wohligkeit auf mich, Der Schrecken des Erwachens, der dahinter steht, Reicht nicht mehr aus, Mich in die Wirklichkeit zu locken. Frauen haben eine Welt in ihren Händen, Die ich nie begreifen werde, Die ist maßlos fern von meiner, Und je näher sie mir steht, Steht sie mir um so weiter weg. Ich kann zum Beispiel jene Frauen nicht verstehen, Die behaupten, dass das Leben aus dem Weltall kommt. Es gibt in dem Zusammenhang Die Frauengruppe: Frauen, die sich in geschützten Gärten Nackend mit gespreizten Beinen In die Sonne legen, Auf das Weltraumsperma warten, Das in ihre Scheiden dringen soll. |
Mich
stört ja nicht die Dummheit, Die
versteh ich nicht, Auch
nicht das Glauben ans Geschehen Oder
das Vertrauen auf Unmöglichkeit, Mich
stört, so glaube ich, An
diesen Frauen, dass sie sich So
ohne weitres von den Männern wenden. Noch
ein Beispiel Für
mein Unverständnis, Zielt
auf eine andre Frauengruppe, Alles
Künstlerinnen, Die
ich auch nicht sehen, Nichts
von ihnen hören mag. |
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3 Um sich in dieser
ungerechten Welt der Männer, Wie sie
sicherlich zu Recht behaupten, Durchzusetzen, Schufen diese
Frauen einsam und gemeinsam Ein aus Ton
gebranntes Kunstwerk, „Dinner Party“, Das als „Fest der
1000 Frauen“ Namen aller
Frauen trägt, Von denen man
inzwischen weiß, Wie stark sie
waren Und in fremder
und in eigner Sachen dienten, Kämpften und
verloren, siegten Und gewannen. |
Dieses Kunstwerk
haben diese Frauen Rundherum mit
Kacheln schönster Formen Ausgeschmückt und
damit einen Tisch gedeckt, Und was mich
daran stört, Was sie entblößt
und das Intimste zeigt, Das eine Frau
doch niemals ohne ihrer selbst, Wenn überhaupt, Der
Öffentlichkeit überlassen würde, Ist, dass diese
Kacheln Als ein
metergroßes Mosaik Entfremdeter
Vaginen anzuschauen sind, Man isst von
ihnen. |
Dieses Kunstwerk ist mir völlig Unzugänglich, fremd, unnahbar, Und der Zugang sollte doch natürlich sein. Wenn ich nun beim Gestehen bin, Dann gebe ich auch zu, Dass ich ein Bildnis, Das ich nicht zu denken wage, Immer wieder vor mir sehe. |
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4 Ursprung dafür ist, Dass eine ausgestreckte Hand Den abgeschlagnen Frauenkopf Am Nackenhaar hoch in die Lüfte hebt. Es ist ein glatter Schnitt, Und meine Phantasie verbindet diesen Frauenkopf Mit einem Rumpf Und trennt ihn immer wieder Von den mir bekannten Frauenleibern. |
Schmale Schultern, schlanke Körper, Frauen, die sich bücken, Schöne Frauennacken mit ein wenig Flaum Verführen mich zu diesem Bild. Ich bin dabei getrost, Es fließt kein Blut, Und trotzdem suchen meine Augen Ganz genau den Schnitt, Der setzt von hinten an. Das Bild, erinner ich, Stammt aus der letzten Köpfung Einer Bremer Mörderin, Der wurde, sagt man, nicht der Kopf geschoren. |
Ich empfinde keinerlei Triumph Und keinerlei Befriedigung Und kein Bedauern, nichts, In mir ist alles abgestumpft. Es ist ein monotoner Ablauf, Wolken sind es, Die sich hoch am Himmel ineinander schieben Und sich trennen, Sich erneut zusammenfügen Und dann auseinanderlaufen. |
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Ich bin des öfteren in einem Haus
Mit mehreren
Etagen. Darin treffe ich
auf Angestellte, Mitarbeiterinnen
und Kollegen. Vor zwei Jahren oder
länger fing dort eine Neue an, Kurz unter
dreißig Jahren, Und der sträubte
sich, Als ich ihr
erstmals „Guten Morgen" sagte, Gleich das
Silberfell der Arme. Das sieht man bei
blonden Frauen gut, Und ihre Augen,
ihre Haare Und ihr schräg
nach vorn geneigter Nacken, Fielen mir gleich
in die Hände, Ohne dass sie
meine Räuberei bemerkte. |
Später allerdings
entdeckte ich, Das wusste ich
nur jetzt noch nicht, Dass ich der mehr
Beraubte war Sie hatte mir im
ersten Augenblick Die Stimme, meine
Augenfarbe, Was ich sagte, Und viel
schlimmer, Alles, was ich
sagen wollte, sagen würde, Schon im
Vorhinein gestohlen. |
Die Gedanken, die
ich hatte, Hatte sie mit
diesem ersten Angriff, Den ich noch als
Sieg für mich verbuchte, Mir so tief
gestohlen, Dass ich mich
durch sie Zum eigenen
Gefängnis machen ließ Und dachte nur
und nur und nur an sie Und kehrte immer
wieder, immer mehr Von allen, allem
andren fast, wie heim zu ihr. Den Gegenangriff Hatte ich sofort
und instinktiv gespürt Und ihn als
Sympathie gewertet, Und ich wusste
auch, Sie hatte einen
Mann, Und alles würde
im Gerede bleiben Und es würde
nichts in diesem Hause Ins Gerede
kommen, Und für mich war
es genau das gleiche. |
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6 Meine Frau konnt ich ja nicht
betrügen, Und ich schrieb an einer großen Sache, Die stand grade auf Und brauchte mich total, Und außerdem, Das redete ich mir seit Kurzem wieder ein, Geschah im Leben alles unter einer Höhren Ordnung, Die hätt diesen Einbruch Nur als Fügung zugelassen, Nicht als Willen meinerseits. Trotzdem, Ich malte mir in einer Ehrlichkeit, Die ich nicht lassen konnte, Alle Chancen bei ihr aus, Und sie wohl auch. Ich strich die Segel, Wegen dieser Aussichtslosigkeiten, Und behielt den Eindruck ihrer Sympathie. |
Sie hatte in den zwei Sekunden, Die ich „Guten Morgen" sagte, Eine große Schlacht geschlagen, Und ich gab mir keine Mühe Einen Blick in ihren schönen Kopf Zu werfen. Sie hingegen sah schon festes Land, Und über ihren Hals ergoss sich Dunkles Rot, das stieg schnell auf Das steckte ihre Wangen an Und ihren Mund, Der war sonst ungeschminkt, Stieg bis in ihre Augenlider Und darüber in die Stirn.. |
Sie kannte sich genau. Ihr blondes Haar stand auf der Schulter, Stützte sich als Bilderrahmen, Als ein hochgestellter Kragen Darauf ab, Ein Vorhang, der Kulisse hatte, Und sie sagte fest, Mit einem Willen, der erschrecken lassen könnte Und zugleich mit einem Unterton, Der galt nur mir: „Das wünsch ich Ihnen auch“. Die Augen heftete sie an den Boden, Und ich riet, wie weit die Wurzeln dieser Röte In die Tiefe stießen, Und sie ließ mir Zeit Darüber nachzudenken. |
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7 Gegenüber saß die andre Frau, Ein freier Mensch, Den immer frohe Laune stach, Dass ich sie manchmal darum mied, Die kam dazwischen: „Ihr in eurem Alter braucht euch vor Verlegenheit Nicht zu verstecken“, Und wir schreckten beide hoch Und sahen sie mit aufgerissnen
Augen an. |
Ich musste mich erinnern, Wo ich war, und grüßte sie Und sagte zu der Neuen, Dass ich mich das eine und das andre Mal Hier sehen lassen müsste, Um ihr ihre Arbeit zu erklären, Und um sie nach Fragen abzufragen, Falls sie welche hätte, Und die Unterschriften, Die sie von mir brauchen würde, Gäbe ich an meinem Tisch, Der stünde zwei Etagen tiefer; Und für mich war es nicht neu, Die Neuen einzuweisen, Und ich achtete aus vielen Gründen Stets darauf, Dass immer eine weitere Person zugegen war. |
Die Unterschriften gab ich nur An meinem Tisch. Dort gab es immer und für alles Leute, Die die Augen vorn und hinten hatten Und mich sehen konnten, Und ich war zugleich in meiner Ecke So getrennt von denen, Dass ich die Gespräche führen Und auch wählen konnte, wie es nötig war Und wie ich selbst es wollte, Und ich konnte auch Gespräche Ganz dem Partner überlassen, Niemand konnte uns verstehen. |
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8 Von dort oben zog ich mich verwirrt zurück Und schämte mich dafür vor mir: ‚Du bist wohl drauf und dran dich zu verlieben! Bist ein Trottel, hast Familie, Bist schon über fünfundvierzig Jahre, Siehst doch allen Frauen nach, Und meistens wegen einer Kleinigkeit. An die gewöhnst du dich wie an die anderen. |
Denk an die eigne Frau, Und lass das kindische Benehmen sein, Und reiß dich doch zusammen, Denk an ihren Mann, Den kennst du nicht. Lass dich nur nicht so schnell dort oben Wieder blicken Und bedenke Eine Frau aus zweiter Hand Würdst du nie nehmen, so groß Kann die Liebe gar nicht werden, Und ein Abenteuer kommt für dich Am Arbeitsplatz niemals in Frage.‘ |
Also rettete ich mich Und war schon auf der Flucht, Und fühlte mich auch überlegen, Und in mein Gedankengut Sah ich den Keim von ihr gelegt, Der zündete als eine Explosion Nach innen. |
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Es kamen lange Sommerwochen, Wo die Arbeit, wo
uns das Geschäft, In Ruhe ließ. Es tat sich
nichts, Und wir
versuchten alles Ins Gespräch zu
kommen, ohne aufzufallen, Ohne unbesonnen
uns zu offenbaren. Ich erfuhr von
ihr, Dass sie noch
keine Kinder hatte, Und wir sprachen
über viele intressante Dinge, Kunst und Wissenschaft, Sie hatte grad
ihr Studium Erfolglos
abgebrochen und lag so wie ich Stets auf der
Lauer nach dem Denkbaren. Wir trafen uns
bei ihr dort oben, Und bei mir dort
unten, Und wir waren nie
allein Es sei denn, dass
wir in die Pause gingen Und das Haus
verließen, Um in der Kantine
unter anderen Allein zu sein, Das war für mich
als säße ich einem Kino Und versuchte auf
die Leinwandhelden Einzureden. |
Jeder von uns
beiden sprach am anderen vorbei Und meinte ihn
doch pausenlos zu meinen. Damals richtete
ich manchen Weg so ein, Dass ich in ihre
Nähe kam, Der morgendliche
Weg war mir genauso recht Wie unser
Treppenhaus, Und immer
häufiger sprach ich mit ihr. Sie hatte eine
Eigenart, der war ich Auf der Spur. Sie konnte mich
mit Argumenten fangen, Die ich selber
spürte Und oft vor mir
hatte, Aber nie
aussprach, Sie konnte mir
die Sicherheit, Die mich umgab, Die ich für meine
große Sache, Eine dichterische
Arbeit, brauchte, Rauben. Konnte alles
schnell ins Wanken bringen, Und sie führte
mich an Punkte Meiner
Unzufriedenheit. |
Und ihre
Argumente waren, Dass ich durch
und durch verlogen wäre, Und ein typisches
Produkt totaler Hörigkeit. Ich sollte
endlich einmal Irgendetwas nur
für mich entscheiden, Und nicht immer so,
wie ich wohl meinte, Dass es andere
von mir erwarteten. Ja, wenn ich
meinte, dass ich mich In meiner
Schreiberei, die neben dem Beruf geschah, Nicht frei
entfalten könnte, Sollte ich doch
alles ‚an den Nagel hängen‘ Und mich ganz dem
Antrieb überlassen, Und man sähe ja
auf Anhieb, Dass ich zu den
Opfern meiner Umwelt zählte, Und sie sähe es
mit Schmerzen Und Bedauern, Dass ich mich
auch ihren Argumenten näherte, Und keinen festen
Standpunkt Außer monotoner
einstudierter Litanei Mehr von mir
geben könnte. |
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10 Später sagte sie auch so, Es gäbe eine Möglichkeit, Die könnte mir die Freiheit bringen, Und ich dachte lange nach und kam nicht drauf, Und dachte auch, Wie frei ich wirklich wäre, Und von ihr war ich schon lange nicht mehr frei Und fuhr in eine Unfreiheit, die mir gefiel. Bei ihr, so dachte ich, wär alles anders. Eines, fiel mir plötzlich ein, War unbedacht von mir Und nicht bedacht Und nur in meiner Phantasie vorhanden, Denn ich nahm es still und schweigend an, Dass diese Frau mich lieben könnte, Dass es sich um diese, Frau zu werben, Lohnen könnte, Dass es bei uns beiden aber nicht zum Schüren Einer Glut Und nicht zum Zünden eines Feuers Kommen würde. Woher wollte ich nur wissen, Dass sie überhaupt an Liebe dachte? |
In Gesprächen kamen wir uns näher, Eigentlich nur, um uns nah zu kommen, Und sie war doch eine Frau In fester Hand Und sprach sehr gut von ihrem Mann, Und ich sprach gut von meiner Frau, Und über beide sprachen wir sehr wenig. Sicher sprach sie nur mit mir Um der Gespräche willen, Alles intressierte sie, Und die Gedanken an die Liebe Brach ich endlich ab, Und schalt mit mir Und war ein Tor davor Und hatte nur an mich gedacht Und nicht an sie. In Zukunft wollte ich viel sachlicher Und nüchterner mit ihr verkehren, Und das würde sie verstehen, Und ich sprach sie einmal darauf an Und richtete es ein, Dass wir alleine waren, Und ich sagte ihr, Dass ich sie gerne sähe, Und ich hätte mehr als Sympathie Für sie entdeckt. |
Die würde aber schnell an eine Grenze stoßen, Wo auch andere mit einbezogen werden müssten, Ob wir wollten oder nicht, Und bat sie um Entschuldigung, Weil es an mir gelegen hätte, Und ich sagte noch im Spaß, In meinem Horoskop hätt ich gelesen „Hände weg vom Löwen, Der ist Gift für einen Skorpion“, Und sprach natürlich von uns beiden. Sie war Sommerkind Und ich im Herbst geboren, Und sie sagte keck und wurde gar nicht rot, Dass sie mich liebte, Und sie ließe nicht davon Und zeigte mir den Ausschnitt Eines andren Horoskopes, Den sie aus der Tasche holte. Und ich musste lesen, Was für sie geschrieben stand „Der Skorpion ist Ihnen Wie ein Dolch in einer Wunde, Der sticht fort und fort“. |
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11 Ich fand die Warnung gut Und dachte auch an ihren Mann, Das sagte ich Und sie sofort, Der ginge mich nichts an. Ich dachte an Zuhause und an den Betrug, Den ich begann, Betrug auch an dem großen Werk, Das ich zu schreiben hatte, Und an meinem Gott, Den wagte ich ihr erstmals ganz zu zeigen, |
Und sie lachte über mich Und sagte noch „Du wirst es nie begreifen Und versuchst es allen, selbst den Unsichtbaren, Recht zu machen, Das gelingt dir nicht, Denk einmal nur an dich, Und sage mir, dass du mich liebst!" Ich schwieg sofort Und hätte auf mein Herz geachtet, Das schlug Sturm, Und achtete auf ihren Mund Und gab ihr einen Kuss. |
Es fiel mir dabei auf, Dass sie ein wenig größer war als ich Und roch an ihrem Haar Und fasste sie ganz fest Und ließ sie sein Und ging verlegen fort an meinen Arbeitsplatz. An Ordnung war nicht mehr zu denken, Und sie war sogleich am Telefon, Ich hörte sie nur atmen, Und ich legte auf und nahm mir vieles vor Und würde sie in allem meiden müssen, Und zugleich besann ich mich auf mich Und maß mein Glück, Es war noch nicht zu fassen. |
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12 Der Sommer kroch dahin, Wir mieden uns in
diesen Tagen Eigentlich war
ich es, der ihr auswich, Ich war außerdem
in Angst Um meinen
Arbeitsplatz, Und eine
Liebschaft hätte mich den Ganz bestimmt
gekostet, Und ich war sehr
schroff zu ihr Und tat ihr vor
den andren weh Und sagte auch, Dass ich nur noch
alleine Zur Kantine gehen
wollte, Und sie schloss
sich der Kollegin an, Die hatte nichts
bemerkt und rief mich auf, Gerechter zu den
Neuen Und ein wenig rücksichtsvoller
Ihnen gegenüber
aufzutreten. Einmal liefen wir
uns noch im Treppenhaus Ganz unversehens
in die Arme, Und ich war vor
Freude fast besinnungslos, Und unbesonnen
küsste ich sie in die hohle Hand, |
Die hielt ich mir
als Trinkgefäß An meinen Mund, Dann auf die
Stirn, die war ein wenig heiß, Ich dachte, so
stürmt eine Reiterei, Wenn sie auf
Beute ist, Dann wendete sie
sich, so weit es ging zurück, Den Kopf an eine
Wand gelehnt, Und unsre Münder
lagen als zwei warme Rücken Aufeinander, Und es dauerte,
bis sie sich öffneten, Und dabei hielt
ich ihr die Hand, wie Kinder, Die sich
zueinander neigen. Stumm war alles, Kein Geräusch von
uns entstand, Wie lauschten nur
treppauf, treppab, Dann trieben wir
als schnelle Balken, Die ein Strudel
irgendeines Wassers Nicht zu Boden
reißen konnte, An die
Oberfläche, Wurden frei von
seinem Sog Und drehten uns
auf unsren Weg zurück. |
Ich ließ sie
endlich los, Die Arme waren
lang gestreckt, Und jeder musste
ans Geländer greifen, Dass er Halt bekam,
Dann war der
Augenblick vorbei, Wir eilten
weiter, Ohne uns noch
einmal umzudrehn, Das weiß ich
jedenfalls von mir. Zur Mittagszeit
verstieß ich sie, Das konnte sie
nicht ahnen Heute würde ich
nichts essen, Und der Weg in
die Kantine Sei mir viel zu
weit. In ihren Augen
standen Tränen, Und sie ging
alleine aus dem Haus Und rief mich
auch nicht an. |
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In mir begann ein Sandsturm aufzustehen, Der blies trocken
und sehr heiß. Ich dachte
tagelang an meine Freiheit, Ob es wirklich
keine Freiheit sei, Und mein Zuhause Schnitt am
schlechtesten von allem ab, Und dabei hatte
ich es hier am besten, Alles war, so
dachte ich daheim, durch mich, Durch meine
Rücksichtslosigkeit, Auf meine
dichterische Arbeit abgestellt, Die ließ sich nur
in meiner freien Zeit Bewältigen, Und die ließ
keine Freiheit zu. Ich sah das
Häusliche von nun an Mit Befremden an. Es fehlte mir ja
Raum zum Schreiben, Und die Ruhe war
in dieser Enge nicht zu finden, Und dann hatte
ich den Dauerkampf Mit dem Gewissen,
der Familie gegenüber, Zu ertragen. |
Lange Zeit
entsandte die Familie Hohn und
Drückebergerei in meine Arbeit Und in die
Gedanken, die ich schaffen wollte; Sandte mir mit
Worten Beileidstelegramme
in mein Werk, Sie wusste es
nicht besser, Und sie ahnte
nicht, dass ich mein Schaffen Gegen alles, über
alles stellen würde, Und ich dachte
doch, Dass es ein
Auftrag sei von höchster Stelle, Und der sei an
mich ergangen; Und ich wusste
auch, Dass ich mit
meiner Eitelkeit An einer Waffe
schmiedete, die hing nun Über meinem
Schreibtisch, War auf mich
gerichtet, So bedrohte ich mich
selbst. Es war die Waffe,
Die hängt jeder
Dichter über sich Und rechnet
täglich mit der Tötung, Durch sich
selbst, Die treibt ihn an
zu schreiben, Die verletzt ihn
dauernd schwer Und lässt ihn
auch gesunden. |
Diese Waffe ist
ein Fallbeil, Das im Gegensatz
zu andren dauernd niederfährt, Das steht im
Blutbad einer Köpferei An dieser
einzigen Person Und steht nicht
still. Die Häuslichkeit
ist eine rücksichtslose Enge Und ich konnte
keinen Raum für mich alleine Schaffen, Dauernd brachen
Stimmen ein, Und jemand hatte
hier zu tun, Ich hing ein
Schild von außen an die Tür, Das brachte wenig
Schutz, Denn, wenn schon
keiner einbrach, Lagen meine
Ohren, meine Augen Auf dem kleinen
Flur davor Und hielten
Wache. Als den Tänzer
auf dem Seil Muss man den
Dichter sehen. Niemals darf man
ihn im Schaffen stören, Nicht einmal mit
den Gedanken, Weil die als ein
Zerren an dem Faden Aufgenommen
werden Und ihn stürzen
lassen. |
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14 Schwankend ist sein Leben ohnehin, Und pausenlos wird er zu Fall gebracht Und schlägt sich Wunden, Die erkennt kein Mensch, Die heilen auch nur schwer. Für diese Dinge gibt es selbstverständlich Keine Lösung, Selbst ein Schloss mit Dienerschaft, Wie ich es manchmal denke, Käme ungelegen, Weil, und das ist ihm ein Widerspruch, Dasselbe Leben, das ihn stört, In seinem Rücken leben muss. Er muss es spüren, Es muss ihm die Kehle drücken, Er darf sich ihm nicht entziehen. So kam meine Häuslichkeit am schlechtesten davon Und war vielleicht das Beet Auf dem allein und einzig Meine dichterische Arbeit wachsen konnte. Der Gedanke an die Trennung drängte sich mir auf, Und ich tat alles, |
Um mich innerlich und äußerlich vom Haus Und der Familie loszusagen, Das kam meiner Arbeit sowieso entgegen, Und ich wusste nicht mehr ein noch aus Und rief nach meinem Gott, Der sollte bei mir stehen, Weil ich alles, was ich dachte Auch zugleich gleich widerrief, Und wenn ich dachte, Dass ich einen Auftrag zu erfüllen hätte, Fühlte ich mich auserwählt Und lachte augenblicklich Über die Naivität von mir. Ich konnte so nicht auf mich zählen, Und ich nahm mich ernst Und spottete auf meinen Weg, Der war der Weg des ganz Gerechten, Und er tummelte sich in der Ungerechtigkeit, Die richtete sich gegen mich Und gegen sie Und gegen ihren Mann Und gegen die Familie, die ich hatte, Und sie kam, als Gipfel meiner Ungerechtigkeit, Von ihm, von meinem Gott; |
Und hätte mich ein Mensch gefragt „Glaubst du an Gott?" Hätt ich mich in Verlegenheit gesonnt Und sicher nicht bekannt. Der Neuen gegenüber, Ja, ich tu mich schwer mit ihrem Namen, Will jetzt noch nicht Auf die Passage meiner Lippen trauen, Vor ihr grub ich alles aus Und ließ es mir von ihr zerstören. Dumm ist jeder Mensch, der seine Hand In kochend Wasser hält. Die Freiheit, die ich hatte und bedachte, Hätte ich von einem weiteren Verschluss Befreien müssen, Das war dieser Zwang zu schreiben. Nichts konnt ich mir denken, Das mich den Entschluss zu schreiben Jemals hätte reuen lassen können. Alles war ich dafür aufzugeben Und zu opfern Und zurückzudrängen fest entschlossen Und bereit. |
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15 Der Zwang zu schreiben, War der Zwang an sich an mir, Es war die Möglichkeit auf die ich Zwei Jahrzehnte hoffnungsvoll gelauert hatte, Und von der ich schwer geträumt, Auf die ich ahnungsvoll gewartet hatte, Und nun stand sie endlich in der Tür, In einer offnen Tür Und ließ mich ihre Schwelle überschreiten Und die neuen Räume mehr und mehr erobern. Nichts hätt mehr vor dieser Möglichkeit Gegolten, Und sie brachte einen schwachen Punkt mit sich: Wer mich in ihr bestärkt Und unterstützt, sogar gefördert hätte, Wäre die Verkörperung der Möglichkeit Für mich geworden. Und ich sehnte mich danach Und spielte unentwegt mit dem Gedanken Es der Frau ganz unbedacht zu unterstellen, Und ihr leichtes Spiel mit mir zu machen. So, auf diesem Weg, |
Wär ich bereit gewesen Alles aufzugeben. Darin sah ich einzig die Gelegenheit In meinem Leben diesem Leben Ohne Reue zu entrinnen. Neuanfang mit ihr stand in der Tür, Und in der Tür stand neben ihr ein Königreich, Das legte sie mir vor die Füße, Sie sich selbst dazu, Ich brauchte nur danach zu greifen Und mit ihr zu gehen. Neuanfang und Neubeginn verlangten keine billige Bezahlung. Vieles würde liegen bleiben Trennung von Familie, Haus und Arbeitsplatz, Ihr Mann und Schwierigkeiten über Schwierigkeiten Sah ich an dem Weg. Ich wusste nichts von ihr, Nicht wie sie lebte Nicht, was in ihr lebte. Letztlich hätte ich, |
Das war am schlimmsten, Meine Treue brechen müssen. Davor hatte ich die Angst, Weil dieser Schritt so gar nicht widerrufbar war, Und sah dabei wie recht sie hatte Und dass ich das Schlachtvieh meiner Umwelt war Und dazu hatte machen lassen, Denn die Treue ist heut nichts mehr wert Und ist kein Gegenstand der Diskussion, Und Eifersucht aus diesem Grund Ist fast schon lächerlich. Ich litt ganz schrecklich unter dem Gedanken, Und noch schrecklicher war auszudenken, Was danach erst käme, Wenn ich nüchtern und besonnener zu denken hätte Was hast du getan an dieser Frau Und an der anderen? Ich schaffte es, ihr aus dem Weg zu gehen, Das ging ein paar Tage gut. |
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16 Man muss das Leben eines Angestellten sehen, Der kann sich die
größte Mühe geben, Das nützt alles nichts. Er hat ein
Allerweltsgesicht zu machen Und kann seinen
Widersachern Nicht entweichen, Seinen Freunden
nicht und, Wenn sie sich
ergibt, Auch einer
Liebschaft nicht, Und nichts von
allem dürfen andre wissen, Und die Arbeit
bindet alle ein Und aneinander, Und nur, wer
neutral und ohne jede Auseinandersetzung Seinen Arbeitstag
verbringt Und
‚funktioniert‘, Hat eine echte
Chance. Launen und auch
Stimmungen sind tödlich, Und die andren
werden dann, |
Weil sie sich
selbst beherrschen müssen, Unbeherrscht und
zu Hyänen, die den, Der sich gehen
lässt, Im Handumdrehen
auseinanderreißen. Alles das, was
außerhalb geschieht, Bleibt unerwähnt,
so soll es sein, Und kann nicht
schaden. Neuen sieht man
vieles nach, Und andre müssen
Vorbild sein. Wer Vorbild ist, Soll alle gleich
behandeln, Dann darf er sich
sogar Strenge leisten. Wenn ich sie vor
allen stehen ließ Und sie mit
Tränen in den Augen Ganz allein
entließ und ihre Forderung, Sie zur Kantine
zu begleiten, abwies, Dann war das ein
Akt der Strenge, Den die andren,
die es hörten, Gelten ließen, |
Und im Grunde
wehrte ich damit nur die Gefahr Entdeckt zu
werden, von mir ab, Denn meine Liebe
zu der Frau wuchs ungeheuerlich, Und eigentlich
war es ja ein Begehren, Und, dass sie als
erste das Begehren formulierte Und es mir ganz
ruhig hatte sagen können, Hatte einen Riss
in mich getragen, Der als
Sprödbruch Durch die dicke
Decke Eis geschossen war, Die hatte unter
einer Nacht gelegen, Und es hatte
einen mörderischen Schrei in mir gegeben, Der verhallte
nicht. |
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17 Die Sommertage waren warm Und viel zu
trocken, Und der Staub
stieg in mir auf. Es war auch so, dass
sich der Sandsturm, Der in meinem
Innern tobte, nicht beruhigte, Und meine Nächte,
meine Träume Wurden zu
dramatischem Entsetzen. Was sie mich
durchleben ließen, Konnte ich am
Morgen nicht mehr wissen, Aber meine Frau
beschwerte sich Und fragte mich, Und schlimm sei
es mit mir, Und meine Rufe,
meine Schreie seien fürchterlich, Und ich war nass
im Schweiß Und suchte mich
am Tage um so mehr zu fassen. |
Meine Frau, so
denke ich, Erkannte die
Veränderung Und konnte sie
nicht orten, Und ich selbst
stritt alles ab Und war in dem
Prozess, Den konnte ich
nicht formulieren, Und ich hatte
eine neue Art Mit der Familie
umzugehen, Die erinnerte
mich an den Satelliten, Dem man lange vor
der Korrektur der Bahn Das
Steuerungskommando geben musste, So ließ ich mich
von ihr dirigieren. Ich war weit,
weit draußen, Und nur selten
traf mich ein Befehl. Ich schwebte fest
im Raum Mit einem Ziel in
Aussicht, Ohne mich nur
einen Zentimeter zu bewegen. |
Eines Nachmittags
rief sie mich an, Wir waren beide im
Büro, Ich möchte diesen
Abend länger bleiben Und mit ihr
spazieren gehen, Dass wir
miteinander reden könnten, Und sie möchte
mich im Park am Wasser treffen Oder wo ich
wollte, Nur damit man
endlich einmal miteinander Ungestört und
ungehört Versprechen sprechen könnte, Und sie sagte
gleich: „Ich liebe dich“,
Und mich
verstünd‘ sie nicht. Ich sagte:
„Ja" und war bereit Und richtete mich
darauf ein Und gab Zuhause
nicht Bescheid, Man musste doch
auch einmal ohne Grund Nicht pünktlich
sein. |
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18 „Mein Mann“, das sagte sie mir noch, „hat montags, mittwochs einen Kursus, Der vermisst mich nicht“. Sie sagte dies am Telefon mit einer Fröhlichkeit, Als wollte sie aus unsrer Liebe Kein Geheimnis machen. Abends gingen wir getrennt aus dem Gebäude, Trafen uns sofort danach auf einem Weg Der sich im Park verlor. Ganz hinten lag der Fluss, Fast unbewegt, Die Schiffe standen still auf ihm. Wir gingen artig, fassten uns nicht an, Und meine Neigung hielt ich felsenfest zurück, Ich durfte ihr nicht in die Augen sehen, Und sie wollte meine Antwort hören, |
Die kam so nicht an, Mein Innenmund schrie noch nicht laut genug. Ich sagte keinen Ton zu ihr, Die Stimme blieb in mir. Ich dachte nur an das, Was ich mir vorgenommen hatte, Meinem Wunsch nicht nachzugeben, Und wir sprachen über eine Stunde lang Und kamen nicht zum Punkt Und standen in der Nähe einer Bank. Dort ließ ich meinen Vorsatz sein, Nahm sie an ihre Hand Und setzte sie zu mir Und gab ihr meine Antwort, Dass sie sich an mir verschlucken sollte. Sie war überrascht und nahm mich an Und hatte den Vulkan in mir entdeckt, Der brach an vielen Stellen auf. |
Ein frischer Wind bewegte sich, Der strich durch eine angenehme Dunkelheit Und unser Haar. Mein Mund war tief in ihr Gesicht getaucht, Und meine Hand lag unter ihrem Kleid, Und eine Wohligkeit ergoss sich über mich Und über sie, Sie ließ es sich gefallen, Und sie fragte nun nicht mehr und nicht mehr nach, Dann drängte ich mit meinem Kopf In ihren Schoß, Und ihre Hände fassten mich im Nacken, Und es war ein liebevolles, angenehmes, Nie gekanntes Beugen ihres Körpers über mich. |
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19 Sie mochte mich, Und es war neu, dass mich ein Mensch So liebevoll berührte. In Sekunden der Erinnerung, Die wir nicht steuern können, Die uns überraschen, Die wir uns gefallen lassen müssen, Schossen stolze Worte meiner Mutter Als Verletzungen durch meinen Kopf: „Ich habe meine Kinder nie im Arm gehabt Und nie auf meinen Schoß gesetzt, Wir hatten dafür immer Personal“. Ich dachte, dass ich niemals einen Kuss von ihr empfangen hatte, Niemals zur Begrüßung, Nie zum Abschied, Keinen Händedruck, Nie irgendeine Zärtlichkeit. In einem zweiten Augenblick Gestand ich mir noch etwas andres ein Selbst meine Frau vermied es, Ihre Hand auf mich zu legen, Ja, mich nur mit einem Streicheln ‚anzuregen‘, |
Denn es endete, so sagte sie, doch immer gleich. Ich hielt dagegen, Dass es sowieso und immer wieder so Beendet würde. Frauen, die bisher in meinem Leben standen, Hatten mich nie angefasst, Und jetzt befiel mich diese Sehnsucht Nach Liebkosung. Ich entdeckte sie durch sie ein zweites Mal, So dass ich innerlich in Tränen stand, Das wollte ich ihr nie vergessen, Und ich bat ihr vieles ab Und sagte nichts zu ihr, Und dachte auch, Ich gäbe mich damit noch mehr in ihre Hand Und schwieg und schwor, Wenn sie ein Gott in meine Augen sehen Und sie darin lesen lassen würde, Sollte sie es wissen und erfahren |
Und sah zu ihr auf Und suchte ihre Augen. Fast gelangweilt blickte sie den Weg hinab. Ein Ausdruck war in ihren Zügen, Der von keiner Regung sprach, Und ihre Hände kraulten mich, Als hätte sie ein Hundetier in ihren Schoß. Ich kam nun hoch Und hörte auf ihr Herz Und drückte ihr mein Ohr fest auf die Brust, Dazwischen lag nur wenig Stoff, Und ihre Brust war mir ein königliches Kissen, Hinter dem vernahm ich einen Sturm, Den hatte ich dort nicht erwartet, Und ich glaubte ihr, Dass sie das lähmte. |
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20 „Wenn du mich nur etwas liebst", so sagte sie, „Dann sag es mir, ich will es hören“. Ihre Stimme war die sanfte Hand, Die strich die Kissen glatt, Und sie betörte mich. Die Augen waren weich im zarten Blau, Die Haut war blass. Ich knöpfte ihre Bluse etwas auf Und küsste ihre Haut, Und schloss das Kleid Und war zufrieden; Mehr, so dachte ich, ist nicht, zu machen; Dann sprach sie noch einmal: „Oft hab ich an meinem Herzen Schmerzen, Die sind fort, wenn du in meiner Nähe bist Und mich nicht quälst“. |
„Du solltest mich vergessen Und ich dich und auch, Dass ich auf deinem Schoß gelegen habe. Lass, es sich dabei bewenden, Lass es wie es ist. Du weißt, Dass ich nicht kann, nicht will, nicht darf Was ich gern möchte, Und auch der Gedanke, Dass du einem andren Mann gehörst, Macht mich ganz krank. Ich kann nicht eine Frau in Liebe lieben, Die noch eben einem anderen gehört hat“. Darauf sie „Das ist ja lächerlich. Für dich kann ich nicht wieder Jungfrau werden“. |
Und dann ich „Ich würde dich für mich auch ganz verlangen Und mit keinem teilen wollen. Das ist mehr als nur ein Grund“. Sie blieb ganz ruhig: „Dann nimm dir ein Zimmer Und ich zieh zu dir. Ich suche mir so schnell es geht Woanders eine Arbeit. Das ist einfach, Und ich mache keinen Spaß“. Ich sagte: „Nein" und „Nie". |
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21 Und sie gab eine andre Schmeichelei, Die war noch süßer und viel schlimmer „Komm mit mir, Mein Mann hat seinen Kursus, der kommt spät, Dann bist du ganz bei mir“, Und sagte dies mit einer Selbstverständlichkeit, Dass ich mich vor sie stellte Und nichts mehr zu sagen wusste. Das nahm sie als Zeichen Und stand auf und sah mich freundlich an, Ein Engel, dachte ich, gesandt, um mich zu quälen, Und ich wurde derb: „In euren Betten soll ich toben, Und dein Mann erfährt davon Durch irgendeinen dummen Zufall, Schlägt mich tot, ich weiß nicht was noch alles“. „Ach das wird er nicht“, sie war ganz ruhig, Sprach auch leise. „Woher kannst du das wohl wissen, Ich wär fürchterlich in meiner Raserei!" |
Das hatte ihr gefallen, Und aus ihren Augen blitzte es, Sie brachte mich voran, das gab ihr Sicherheit Und Mut. Mir fiel auch ein, Dass wir das ‚Sie‘ hier draußen sofort unterließen Und das ‚Du‘ verwendeten. Wir mussten in der Firma darauf achten, Und ich sagte es zu ihr. Sie sagte: „Mir ist es egal, was andre denken, Und die im Büro erfahren es doch sowieso. Ich glaub, die wissen längst Bescheid“. Das konnte ich nicht glauben, Und sie hätte doch mit niemandem geredet. Nein, sie habe nichts erzählt. Ich wurde ruhiger und sah sie wieder an „Ich muss jetzt gehn, Und mit dir geh ich nicht. Du weißt nicht, was du in mir angerichtet hast“. |
„An mich denkst du natürlich nicht. Was soll mit mir geschehen, Und mein Mann merkt wirklich nichts, Und wenn er etwas merkt, ist es nicht schlimm“. „Du bist total verrückt. Warum ist es nicht schlimm, Das kannst du doch nicht wissen“. Alles war für mich ein Durcheinander, Und sie sprach in Rätseln, Die konnt ich nicht lösen, Und ich nahm mir vor, dass dies die einzige Und letzte wirkliche Begegnung Mit ihr bleiben sollte, Dachte an die Schreiberei, An meine Frau, die Treue, die ich wahren wollte, Die Familie, Meinen Gott, Den Arbeitsplatz, An ihren Mann, An das, was nachher wäre, wenn jetzt etwas wäre, Und an sie, die Frau aus zweiter Hand, Und sagte ihr: „Ich gehe jetzt“. |
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22 Sie änderte die Stimme, Wurde rot und rief: „Du Schwein, Du liebst mich nicht, Du liebst nur meine Quälerei !" Und stampfte mit den Füßen auf den Weg Und klopfte sich mit ihren Fäusten an die Schläfen, Und ich kam zurück und sagte noch: „Es geht doch wirklich nicht, Und wenn es mit uns etwas werden soll, Dann arrangiert es sich von ganz alleine, Nicht durch mich und nicht durch dich“. Sie schrie nun auf, Und etwas, das ich nicht verstand, brach aus. Es war ein Schrei, Den hatte ich noch nie von einer Frau gehört. Ich warf mir ihre Quälerei Nun wirklich vor. Dann wurde sie mit einem Atemzug, Der kam von innen, sanft und sagte „Gut, wir gehen jetzt zum Bahnhof, Und ich lasse nicht von meiner Liebe, Dass du es nur weißt. |
Vergiss es nicht und nie, Und meinen Mann brauchst du nicht zu bedenken. Tu als gäbe es ihn nicht für dich. Den lieb ich auch, und er liebt mich. Es wäre schön, wenn ihr euch gut verstehen könntet, Und ihr hättet mich, Und übrigens mag dich mein Mann gut leiden“. Ich blieb auf der Stelle stehen, Und ich musste ihren Arm ergreifen: „Also sprecht ihr über mich". „Natürlich, seit ich in der Firma bin, Bist du das Hauptgespräch Am Morgen und am Abend, Und wir haben auch dein Buch gekauft, Und lesen die Gedichte, deine Zeilen, Die sind schlimmer, als du denkst, für uns. Wir beide mögen dich Und nicht so, wie du denkst". |
Ich dachte nicht, nicht irgendwie. „Und deinen Mann willst du betrügen". „Ich betrüg ihn nicht, auf keinen Fall mit dir". Ihr Ton war freundlich und versöhnlich, Sie war nah an mir. „Ihr seid euch also einig", Sagte ich nun mehr zu mir. Erst an der Tür zum Bahnhof Konnte ich nicht mehr, Und mein Verstand nahm nichts mehr auf. Ich sah auf sie und stellte ihn mir vor, Dass er mich mögen könnte, Und es widerte mich an, Und sie erschien mir als ein Engel Der in Flammen stand. Ich stieg in meinen Zug. Sie blieb zurück Und sah auf ein Plakat und nicht zu mir. Ihr Blick war lang und suchte wie vorhin, Als ich, den Kopf auf ihrem Schoß, Den Blick nach oben hob. |
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23 Mein Gott war voll Erbarmen. Als ich später,
als gewohnt, nach Hause kam, War die Familie
ausgeflogen. Nur ein Zettel
lag im Flur „Wir kommen alle erst
nach sieben Uhr nach Hause“, Und ich brauchte
nicht mit Lügen aufzuwarten, Und ich nahm mir
ganz fest vor, Von nun an wollte
ich mich Wie ein Mann
beherrschen, Und ich dachte
auch, dass ich das alles nicht verstünde, Denn es wäre aus
der Sicht der Frau Nur gut und
richtig, Wenn sie sich dem
eignen Mann, dem sie vertraut, Auch anvertraut, Und seine
Sympathie für mich Konnt tausend Gründe haben, Und bei mir fand
ich nur Vorurteil, Voreingenommenheit. |
Und meine
Selbstzufriedenheit an dieser Frau; Und das Gefühl,
das sie mir gab, Ja, dass sie
sagte, mich zu lieben, War ein hohes Maß
an Ehrlichkeit Und Offenheit, Das brachte ich
ihr nicht entgegen. In mir stritten
der Verlust Um wohlbekannte
Dinge Gegen eine neue
Liebe, Die ich gar nicht
zu erringen brauchte, Und ich hegte den
Verdacht Dass ich für sie
ein Spielzeug sei, Dass sie aus
einem andren Grund, als Liebe, Auf mich kam. Ich dachte auch,
sie hätte ein Problem, Das ich nicht
lösen könnte, Und ich gäbe
besser alles auf. Dann dachte ich,
dass sie mit ihrer Liebe Eine Wahrheit
zeigte. Diese Wahrheit
sei nun ich. |
Doch war sie
nicht allein für mich, Ich nicht allein
für sie, Das schränkte
alles wieder ein, Und irgendwie
hätt ich sie gern und ganz Für mich
gewonnen. Innerlich war ich
zerrissen, Innerlich war ich
zerweint Und wusste keinen
Rat, Da ging das
Telefon, und ich nahm ab, Und sie war dran
und sprach mich an, Und ich sei fort, Und sie sei nun
allein und bäte mich Und bat mich,
noch einmal zurückzukommen, Und wir könnten
uns in einem Park, In einer andren
Park, direkt im Zentrum treffen, Und sie machte
eine Uhrzeit aus, Die war nicht
einzuhalten, Und ich hatte
keinen Wagen, Und in diesem
Augenblick kam meine Frau zurück, Und ich versprach
zu kommen. |
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24 Meine Frau erschrak, dass ich das Haus verließ, Und konnte meine Eile nicht verstehen, Und ich sagte ihr „Ich bin schon auf dem Weg zu einer Vernissage Und nehm den Wagen“. „Nein", rief sie, „den brauche ich noch unbedingt Heut abend", Und ich nahm die Bahn, Und alles ging nicht schnell genug, Und eine Warterei schloss an die andre an. Dann endlich traf ich sie im Park an einem Wasser, Und es war dort kalt. Wir setzten uns auf eine Bank, Und sie beschwerte sich, Dass sie mir nicht einmal das Geld für eine Taxe Wert gewesen sei. |
Sie war mit ihrem Rad gekommen Und seit über einen halben Stunde An der Stelle. Jeder Vorsatz war dahin. Wir lagen uns im Arm, Und ihre Hände übergriffen mich, Wir wurden uns einander leiblich Und vermieden unsre Leiblichkeit. Sie rollte über meine Schenkel, Kniete sich von mich Und legte ihren Kopf in meinen Schoß Und baute sich mit ihrem Haar ein Nest. Ein Bild in mir stand auf Es lässt die Frau die langen Haare In das Wasser eines Baches gleiten, Hebt sie seitlich an, und geht mit ihnen Und dem Wasser, das sich darin hält, Zu ihm, der liegt im Rasen, Um ihm seine Stirn zu kühlen. |
Keine Frau hat je vor mir gekniet, Kein Mensch hat je mit mir gemacht, Was sie ganz einfach tat, Und diese Demut, diese Liebe, Dieses Sich- Hingeben nahm ich an Und schwor ihr innerlich den Vorsatz, Den ich hatte, ab. Wir sprachen wenig, kaum in ganzen Sätzen. Es war kalt, Und weit entfernt im Park Sah ich sich jemand nähern, Und ich sagte leise, froh gestimmt, im Spaß: „Da kommt dein Mann". Ich kannte ihn doch nicht, Und sie sah auf Und sagte ganz gelangweilt: „Kann schon sein. Sein Kursus ist um diese Zeit beendet, Und er geht dann immer durch den Park, Wir wohnen hier ja in der Nähe". |
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25 Ich versank vor Scham und Angst, Und ich verstand sie wieder nicht, Und sah, dass sie vor ihm wohl wirklich Kein Geheimnis hatte Und stand auf Und ließ sie einfach sitzen Und ging auf den Weg zurück. Ich kämpfte gegen meine Tränen an. Darin verbargen sich die Wut auf mich, Das Selbstmitleid, Die Ohnmacht meines Unverstandes, Und ich irrte mich im Weg. " |
Sie kam nicht nachgefahren, Und ich kam an einem falschen Ausgang Auf die Straße, Und die Busse, die ich nehmen musste, Fuhren nur noch selten, Und ich fror von innen und von außen Und stand unterwegs Und musste wieder warten, Und es war nach Mitternacht, Als ich nach Hause kam. Es schliefen alle, niemand sprach mich an. Ich ging ins Bett und wünschte mir, In dieser Nacht möcht doch ein anderer Der Träumer meiner Träume sein. |
Ich weiß nicht, Oh und wann ich endlich schlief. Am Morgen ließ man mich in Ruhe, Und die Augen der Familie Folgten mir mit großer Neugier, Und ich dachte dann, du musst doch etwas sagen, Und, die glauben dir die Vernissage, Und das ist gut Und rettet dich vor neuen Lügen. Und ich sagte: „Gestern ist es spät geworden, Und der
Kunstmarkt bringt nichts Neues.“ |
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26 Tagelang stand nun die Uhrzeit Zwischen uns ganz
still, Und keiner zog
das Uhrwerk auf. Ich ging nicht zu
ihr rauf. Dann stand sie
eines Mittags Vor dem
Schreibtisch, Um mich für die
Mittagspause abzuholen, Und ich sagte: „Nein, heut gehe
ich allein“, und dankte artig, Weil die anderen
uns hörten, Und das machte
ihr nichts aus. Sie ging mit
ihrer Freundin, Und ich war mir
sicher, dass sie auch mit der Die Angelegenheit
bis ins Detail besprach. |
Das war mir recht Und war mir auch
ganz gleich, Denn meine
Schwäche, meine Liebe, Meine, ach, ich
weiß nicht was es war zu ihr, Bestand ja nur
vor mir und ihr Und nicht vor
anderen. In Wahrheit, das
erfuhr ich später, Schwieg sie wie
ein Grab auf ihrem Arbeitsplatz Und redete mit
keinem über das, Was sie für mich
und ich für sie empfand. An einem dieser
Tage rief sie mich von oben an, Das kam nun
häufig vor, Das ließ sich
nicht vermeiden, Und wir hatten
dann Geschäftlichkeiten zu bereden. Diesmal aber
sagte sie „Ich werde nichts
mehr essen, Bis du wieder mit
mir redest“. |
Andre Frauen
hätten, Auch, wenn sie es
zehnmal besser wüssten, Nachgefragt,
warum ich nicht mit ihnen Hätte sprechen
wollen. Sie zog eine
Konsequenz und blieb dabei Und war schon
nach zwei Tagen blass, Und tiefe Ringe
hingen unter ihren Augen, Dass ich mich vor
mir beschuldigte Und wieder mit
ihr essen ging Und bat sie,
meinetwegen, mir zu Liebe, Ihre Folter
aufzugeben, ihre Fasterei zu enden, Und sie fragte
mich Und wollte
endlich wissen, Ob ich sie nun
liebe, Und sie glaube
schon nicht mehr daran. |
|
27 Ich stellte meinen Willen in die Ecke, Nahm mir ihre Hand Und küsste die am Mittagstisch Von außen und von innen und sprach so zu ihr: „Ich will dein Leben Und mein Leben nicht erschweren, Und du weißt, Ich will, ich kann, ich darf dich niemals lieben, Und du weißt auch, Wenn es anders kommen soll, Dann nicht durch meine Hand; Und weil du mich nun fragst Und es anscheinend noch nicht weißt, So sage ich es dir Und sage es dir
nur dies eine Mal Und nie in meinem
Leben wieder, Und ich werde es vor allen, die es hören wollen, Leugnen, |
Und vor mir werd ich es nicht in zweites Mal gestehen. Also, es ist wahr, Dass ich dich liebe, liebe, liebe, Mehr als alles in der Welt. Ich liebe dich und möchte dich, Ja, alles möchte ich von dir, Und, glaube mir, Es fällt mir so unsagbar schwer, Davon zu lassen, Und die Liebe, die sich nicht erfüllen lässt, Gräbt tief in mir ein Grab. Ich bitte dich darum, Erschwer uns nicht die Tage, Die wir wenigstens so nahe beieinander sind, Und sage diesmal nichts dazu |
Und glaube mir, Auch wenn ich es vor dir und anderen Nicht zeige. Und die Gründe will ich dir nicht wieder nennen, Eines aber ist gewisser als gewiss, Bevor ich meine große Arbeit nicht beendet habe, Meine Dichtung abgeschlossen habe, Das wird nicht vor Mitte nächsten Jahres sein, Kann sich hier nichts erfüllen, Weil es sich verbietet, Nein, weil ich es mir verbiete, Nein, weil ich es mir verboten habe, Nein, weil ich es nicht erlauben werde“. |
|
28 Und sie holte Luft Und hielt den Atem an Und glaubte mir Und hatte sich, Ich wusste nicht wogegen, nicht wofür, entschieden. Und sie sagte: „Wenn du glaubst, das nehme ich so hin Und lass durch dich mit mir geschehen, Was die anderen sich wünschen, Irrst du dich. Du hilfst dir nicht, Du willst mir auch nicht helfen, Und so nehme ich die ganze Sache in die Hand“. |
Ich sagte: „Das ist gut, Du machst, was du für richtig hältst“, Und ahnte nichts und sagte noch: „Ich bitte dich, dass du nun wieder isst“. Es lag mir wirklich viel daran, Und sie aß eine kleine Speise, Sah mich dabei lange an Und sagte: „Wenn du wüsstest, was ich alles machen möchte, Um dich zu bekommen, Und du könntest alles, alles von mir haben“. |
Ich sah in ein überirdisches Gesicht, Das wurde eingerahmt von blonden Haaren, Und ich dankte meinem Gott Für ihre Einsicht, Sagte davon aber nichts zu ihr Und hoffte nur, Dass niemand, der uns kannte, Meine Zuneigung zu dieser Frau Bemerkt und wirklich wahrgenommen hatte. |
|
Dann kam dieser Wochenanfang, Und sie schrieb
mir einen Brief nach Hause, Der zwang mich, Obwohl er noch
verschlossen war, Zur Offenbarung
gegenüber meiner Frau. Ich mag es nicht
im Einzelnen erzählen, Und ich mag es
nicht beschreiben, Und ich leugnete
und log Und schwächte
alles ab Und sagte ihr und
mir zum Schluss, Dass wirklich
nichts gewesen wäre zwischen uns, Und meine Absicht
wollte sie nicht hören, Und sie war sehr ungefasst, Dann wieder sehr
gefasst, Und ich verwünschte
mich und alle Frauen, Und ich sah, dass
sie statt Freude Nur Probleme
brachten. |
Und ich dachte
auch an meinen Gott dabei, Das gab mir etwas
Ruhe, Denn ich hätte
gern gewusst, Warum das alles
war und sei, Und schließlich
waren wir in seiner Hand, Und, das ist
wahr, Der Brief, den
ich bekommen hatte, War von mir noch
nicht einmal gelesen worden. Und ich nahm ihn
mit mir mit und las ihn dann Und fand ein
Angebot von ihr darin, Das konnte ich im
Anfang nicht verstehen, Dann besann ich
mich. |
Sie bot mir an,
mit ihr von ihrem Geld zu leben, Und ich brauchte
nichts dafür zu tun Und könnte ganz
für meine Dichtung leben. Sie verlangte
nichts dafür von mir, Als das
Zusammensein. Sie bot mir auch
noch an, Das Sekretariat
für mich zu führen Und die ganze
Schreiberei auf sich zu nehmen, Mir dies
Hauptproblem, Weil sie es so
gut konnte, abzunehmen, Und ich war von
diesem Brief gerührt Und glaubte ihr
nun diese Liebe wirklich, Aber nicht an
das, was sie mir schrieb, Und machte ihr
ein Antwortschreiben Und sah auch, Wie schnell ich
immer tiefer In die Strudel,
diesen Sog, geriet Und fühlte mich
sehr wohl dabei. |
|
30 Ich schrieb ihr, und das meinte ich, Dass ich ihr meine Liebe niemals hätte Besser eingestehen können, Als sie es mit ihren Zeilen machte, Und die hätten mich nun wirklich überzeugt, Und vorher, gab ich zu, Wär ich an ihr noch fast verzweifelt, Und ich sähe nun, sie wäre sicher meine Chance, |
Die einzige Gelegenheit mich zu befrein, Doch wär sie selbst nicht frei, Und ich wär vierfach unfrei, Weil ich doch letztendlich treu zu bleiben hätte, Meinem Gott gehorchen wollte, Meine große Arbeit zu beenden hätte Und mir niemals eine Frau Mit einem andren würde teilen wollen. Und ich bat sie, mich zu lassen, Und es könnte, dürfte, sollte doch nicht sein. |
Den Brief und ihren eignen Sandte ich an sie zurück, Und meiner Frau gestand ich, Dieser Frau nun abzusagen, Und ich nahm mir vor, Vor ihr von ihr nichts weiter zu erzählen, Dass sich langsam Ruhe über alles legen konnte. Außerdem, nahm ich mir vor, Würd ich, falls Briefe kämen, Die in einer Art von Selbstbestrafung Und um mich zu schonen, Nicht mehr öffnen, Um sie nicht zu lesen. Meine Arbeit konnte ich nicht wechseln, Und der Arbeitsplatz War ja noch nicht direkt gefährdet Und stand doch sehr in Gefahr. |
|
31 Ich weiß nun nicht mehr, Wann sich was
ereignete, Und wie es in der
Folge weiterging. Mag sein, dass
ich das eine und das andre In der
Reihenfolge unabsichtlich fälsche Oder schon bis
hierher nicht ganz richtig wiedergab, Das eine überging
Und etwas vor der
Zeit erzählte. Sei es wie es
sei, Es ist die Schuld
des Kopfes, den ich habe, Der erinnert sich
nicht immer richtig, Und er sieht die
Dinge, die geschehen Oft in einem
ungewohnten Licht, Ich lasse mich
dann blenden Und muss eine
Wirklichkeit ertasten, Stoße dann auf
Wahrheiten, die möcht ich lieber missen Und auf andere,
die bringen mir ein neues Glück, Das hätte ich mit
meinen Augen nie gesehen. Eines Abends
brachte uns ein Taxi Einen Brief, der
war von ihr, Den ließ ich
ungeöffnet. Ich werde dich
mir mit ihr teilen. Du wirst sicher
nicht mit ihr darüber Reden wollen. Weiß sie
überhaupt schon etwas von uns beiden?" |
Meine Frau
verstand mich nicht. Ich sagte nur zu
ihr: „Den möchte ich
nicht öffnen“, Und ich sandte
ihn am andren Tag Zurück in einem
neuen Umschlag, Und ich schrieb
kein Wort dazu. Es kam nun mit
der Post ein neuer Brief, Der war von ihrem
Mann, Den machte ich
nicht auf, Den ließ ich für
zwei Tage liegen, Dachte über
seinen Inhalt nach Und kam nicht
drauf Und sandte ihn an
ihn zurück Und schrieb kein
Wort dazu. Sie richtete es
auf der Arbeit ein Und sprach mich
auf die Briefe an, Die könnte ich
doch lesen, Und ich spräche
nicht mit ihr Und riefe sie
nicht an, Und ihre Sätze
waren kurz, Weil man uns
nicht entdecken sollte, Und ich dachte,
ihre Freundin Sei mit ihr im
Bund, und innerlich Schlug ich mir
eine Wunde, Weil ich so
beharrlich schwieg und dachte, Alles könnte man
mit Schweigen überschweigen. |
Und ich sagte
einmal, nur zu ihr, Als wir in der
Kantine saßen: „Wenn wir jetzt
noch Schüler wären, Brächte man uns
anders zur Vernunft. Man würde dich
nach England, Mich nach
Frankreich senden, Wo wir uns
vergessen müssten“. Sie sofort: „Wir
sind nicht Schüler, Ich auf keinen
Fall! Und wer
entscheidet über die Vernunft in mir, in dir? Du bist
versteinert, Und ich habe es
mir vorgenommen, Dich daraus zu
lösen, Aber ohne deine
Hilfe werd ich es, nicht schaffen. Du kannst nicht
einmal mehr lieben! Du liebst nichts,
nicht deine Frau, Die Dichtung
nicht, nicht die Familie, Nicht dein Haus Und dass du mich
liebst, glaub ich nicht. Es ist mir auch
egal. Ich weiß, dass
ich dich liebe, Und ich weiß,
dass du zur Liebe fähig bist, Die will ich in
dir wecken“. |
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32 Jedes ihrer Lächeln, dachte ich, Sieht unterschiedlich aus, Und dieses nun ist mütterlich. Ich dachte auch, So mütterlich sieht die Zerstörung aus, Die sie an mir vollzieht, Und gab ihr recht. Es machte auch nichts aus, Ob sie im Recht war oder nicht. Sie hielt mir beide Briefe hin, Die nahm ich nicht mehr an. Sie stand in ihrer Spur und sagte: „Es macht mir nichts aus, Obwohl es schlimm für mich ist Und für meinen Mann. Mein Mann liebt mich, Dich liebt er auch, Wir könnten alle drei..“. „Das könnten wir ganz sicher nicht“, Fiel ich ins Wort Und dann im Scherz: „Ganz anders säh es mit zwei Frauen aus Und einem Mann, Das könnte mir gefallen“. |
Und sie sagte: „Gut, dann rede ich mit deiner Frau“. „Du bist verrückt!" „Ich habe mich entschlossen, Wenn ich dich nicht ganz bekomme, Dann will ich dich halb. Das Gespräch blieb ungestört, Weil keiner kam, Und niemand nahm Notiz von uns. Ich dachte über eine Antwort nach Und sagte: „Ja, sie weiß inzwischen, dass es etwas gibt, Dass es dich gibt Und weiß auch von der Briefeschreiberei, Und sie will letzten Endes, Dass ich mich entscheide“. Das war unwahr, und es war mir so herausgefahren, Weil ich es vielleicht so wünschte, Und ich hatte meine Frau Noch nicht an diesen Punkt gebracht, Und was ich eben sagte, Brächte sicher neues Wasser auf die Mühle; Aber sie, am Tisch, wurd wieder
milde, Und wir sprachen liebe Worte zueinander. |
Und ich fragte sie nach ihrem Mann. Sie sagte gleich: „Sprich nicht von ihm Und nicht von deiner Frau. Sprich nur von mir und dir“. Ich sagte: „Selbst das einfachste Zusammenkommen Ist nicht möglich, Weil ich keinen Abend dafür nehmen könnte. Lügen müsste ich, das will ich nicht. Man darf doch eine Liebe nicht Auf einen Haufen Lügen setzen, Wie soll die am Leben bleiben können“. „Das ist auch nicht nötig, Wenn wir gleich zusammenziehen“. Die Gespräche drehten sich erneut im Kreis. Sie hörte nun von mir zum ungezählten Mal, Dass ich als Ehemann Niemals mit einer fremden Ehefrau Die Betten teilen würde Und so weiter und und und... |
|
33 Am Abend klingelte bei uns das Telefon Und meine Frau
ging an den Apparat. Ich sah sofort,
wer in der Leitung war, Und meine Frau
und ich erschraken über sie. Ich hatte ihr den
Mut, hier anzurufen, Niemals zugetraut Und ging hinaus. Die Tür stand
offen, Und ich hörte
meine Frau nur wenig sagen „So“, „Aha“, „Das
denken Sie", „Wie lange soll
das halten?" „Bis ans
Lebensende, oder nur zehn Jahre", Hörte ich sie
wiederholen, „So, das sagt
mein Mann dazu", „Sie wissen auch,
wovon Sie leben wollen?" „Ja", dann
wieder Schweigen, Dann wurd aufgelegt. |
Ich weiß noch
alles, was dann kommen musste Und was kam. Das
Telefongespräch war gegen sechs gewesen, Und erst gegen
elf Uhr Hatte sie sich
soweit ausgetobt, Dass sie nur noch
in Tränen stand. Ich durfte nicht
in ihre Nähe kommen Und sie nicht
berühren, Und ich hatte
wenig Trost für sie, Nicht, weil ich
sie nicht hätte trösten mögen, Sondern weil ich
sah, Wie fern und
fremd mir beide Frauen waren. |
Nirgends fand ich
mehr ein Liebesnest an ihnen, Sah, dass sie
sich um sich selbst bekümmerten, Und war das
falsche Rad am Wagen, Jede von den beiden dachte nur an. Ich zwang mich der, die näher stand Ein Wort zu
sagen: „Lass dich doch
ein wenig trösten. Sag mir selber,
was du möchtest, Soll ich dich
verlassen, oder bleiben“. Zwischen
Schluchzen, Naseputzen Und dem Schimpfen
auf die Frau und mich, Kam es besonnen,
dass ich sehr erschrak: „Ich möchte, das
du bleibst, Da weiß ich
wenigstens noch was ich habe“. |
|
Götter schweigen, wenn sie reden sollen, Und ich rief nach
meinem Gott umsonst Und las seit
vielen Wochen einmal wieder In dem Buch der
Bücher. Diesmal schlug
ich eine Seite auf, Befahl mir wahllos,
die zu lesen, Und mir sprang
ein Satz, Der keine Lösung
brachte, in die Augen. Dieser Satz, so
schien es mir, War nur für mich
geschrieben worden, Und ich las ihn
immer wieder durch, Verstand ihn
irgendwo Und konnte ihn
doch nicht verstehen. Ich las ihn für
mich Und horchte weit
nach innen: „Sieh, ich habe
dir geboten, Sei getrost und
unverzagt, lass dir nicht grauen, Lass dich nicht
entsetzen, Denn der Herr,
dein Gott, ist hier mit dir In allem, was du
tust“. |
Ich ging die
Worte durch Und suchte
einzeln in den Wörtern, Bis ich auf den
Schlüssel stieß, Den nahm ich an, Er steckte in dem
Wort ‚entsetzen‘, ‚Lass dich nicht
entsetzen‘, hieß es, Und ich las es
wieder, Diesmal aber
etwas anders ‚Lass dich nicht ent – setzen‘ und verstand sofort. Mein Platz war
hier, Und was mir
widerfuhr und widerfahren sollte, Durfte mich nicht
grauen, Und ich war in
diesem Augenblick, Wie es
geschrieben stand, getrost und unverzagt Und dachte auch
zugleich: ‚Ein andrer Mann hätt
nicht so lang gefackelt Und sich zu der
Frau gelegt, Und ich bin dumm
und ein Idiot, Und nun ist
Schluss und es ist aus, Und wenn sie mich
noch will, Nehm ich mir die
Gelegenheit Und geh zu ihr
und mache , was sie will, Das will ich
schließlich auch‘. |
Ich dachte, was
kann diese Frau dafür, Dass sie mich
liebt, dass ich sie liebe. Ihren Mann hat
sie vor mir gefunden, Und man sollte
eine Frau, die einen andren liebt, Nur als Station
betrachten, Und danach soll
er sie wiederhaben. Ja, es ist viel
besser so, Denn mit dem
Ehemann an ihrem Hals, Werd
ich sie schneller wieder los. So wollte ich die
Sache nun beenden, Und die Frau in
meinem Hause mochte kreischen, Mochte schrein, wenn sie etwas erführe, Und sie würde
sich beruhigen. Was ging mich an,
was nachher wär. Wer weiß wie oft
mir meine Frau Vielleicht die
Treue brach. Gerade die von
denen man es überhaupt nicht denkt, Sind oft die
schlimmsten. Nein, so dachte
ich sofort, Das traue ich ihr
wirklich doch nicht zu, An ihrer Treue
hab ich wirklich nie gezweifelt, Auch, wenn ich‘s
nicht wissen konnte. |
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35 Liebe ist das eine Und Begierde ist das andere, Und was ist, wenn nun beides aufeinander fällt, Und wenn man gar nicht eines von dem andren Trennen will, ja, trennen kann? Warum die ganze Quälerei. Ich hätt die Frau schon lange haben können, Und kein andrer hätt so lang. gezaudert. Außerdem ist es ganz gegen die Natur. Die will ihr Recht, Und die, die heute freier denken, Handeln richtig Und sind auch nicht schlechter oder besser, Und ich dachte, alle denken so, Und selbst der kleine König David, Hat die Frau von seinem Knecht verführt Und ihn auch noch getötet oder töten lassen. Soweit wird es hier nicht kommen können, Und ich war nun frei und hatte mich befreit, Und auf der Arbeit würden wir mit Umsicht Und mit Schläue unsre Liebe pflegen. Schließlich musste man nicht alles haben, Und Zuhause sollte auch Zuhause
bleiben. |
So besann ich mich und wurde froh Und wurde König, Und ich würde mich ihr schneller Als ein Vogel fliegen kann, In allem offenbaren. Anderntags Rief ich sie in der Frühe an. Sie merkte meine gute Laune Und war selbst ein froher Mensch. Ich hatte festgestellt, dass wir den Mittwoch hatten, Und zur Mittagspause und gemeinsam gingen wir in die
Kantine, Und sie aß nun wieder, Und ich aß mit ihr, Und unser Tisch war gar nicht abgesondert, Und wir sprachen noch nicht über uns, Und meine Augen glitten über sie Und nahmen ihren ganzen Körper wahr, Dem hatte ich zuvor nur Mit versteckten Blicken nachgejagt. Ich sah sie jetzt, so schien es mir, Mit offenem Begehren an Und freiem Willen, Und ich dachte nicht an ihren Mann Und nicht an meine Frau, Und sie war mir ein Blütenbaum, Der steckte voller ‚Augennester‘, Wie ich zu mir sagte. |
Überall blieb ich an ihnen hängen, Und vor mir gestand ich, Dass ich sie in meiner Phantasie Ganz schrecklich schamlos über jede Einzelheit Befragte, Ja, ich spürte körperlich, Wie ich mich um sie legte, Ganz war ich um ihren Körper, Der rang nicht mit mir, Und in Gedanken fasste ich sie kräftig an. Ich konnte, ohne es zu wollen, Manchmal sehr brutal mit meinen Kräften sein, Das hätte man mir niemals angesehen, Und ich dachte auch: ‚Du liebst die Frauen und das Eisen‘. Eisen hat mich immer magisch angezogen, Immer fasziniert, Und lockte mich, es umzubiegen, Oder mit Gewalt zu formen, Und im Eisen sah ich eine Stärke, Wie ich sie in meinem Körper Manchmal spürte. |
|
36 Langsam wollte ich mich ihr nun offenbaren, Und ich musste wissen., Ob sie noch Intresse an mir
hatte, Ob sie überhaupt noch so weit gehen wollte, Wie zuvor. Ich wollte nichts riskieren Und sie nicht ‚verbiegen‘. Meinen Umschwung deutete ich ihr nun an Und sagte, dass ich über eine andre Freiheit Und die Freiheit der Beziehung Zwischen Mann und Frau gegrübelt hätte, Und es wäre wohl nicht recht von mir, Von ihr Unmöglichkeiten zu verlangen, Und ich selbst sei ja als Ehemann ‚gebraucht‘, Und lockerte mit meinem Reden Unsre Reden auf. Sie hatte helle Ohren Und sie hörte Silberglöckchen läuten,
|
Deren Echo fing sich gleich in ihrem Mund, Ich achtete auf alles, was sie sagte: „Wenn du mich nun glaubst zu lieben Und mich lieben willst, Muss ich dir eine Wahrheit sagen Und noch eine andere Und eine, die du nicht verstehst, Und eine die ich selber nicht verstand“. Sie sah mich fragend an, Ich schwieg betreten, Ich war nicht gefasst auf das was kam. Sie fuhr dann fort: „Ich hatte vor zwei Jahren eine Fehlgeburt, Und einmal hab ich abgetrieben“. So sprach sie beim Essen. Das Besteck hielt sie ganz still in ihren Händen, Ruderblätter waren es, Die unbeweglich über stillem Wasser schwebten, Die nichts vorwärtstreiben wollten. |
Das, so dachte ich, ist meine Strafe. Herr, mein Gott, rief ich nach innen. Herr, verzeih mir meinen Übermut Und dass ich mich von meinem Platz ‚ent-setzen‘
wollte. Sie erzählte weiter „Ja, das Kind kam, glaube ich, Von meinem Mann, Das, was ich abtrieb, kam von einem Arzt. Das ist noch gar nicht lange her. Es war in diesem Frühjahr erst“. Vor meinen Augen tanzte ihr Gesicht, Ich hatte Angst, besinnungslos zu werden, Und ein Kartenhaus begann In einer Langsamkeit, Die niemand nachempfinden konnte, Einzustürzen. |
|
37 „Weißt du“, sagte sie, „Ich nehm die Pille nicht“, Und lachte plötzlich auf Und strahlte mich mit blanken Augen an „Was würdst du tun, Wenn ich von dir ein Kind bekäm?“ „Wie willst du das denn machen, Noch sind wir noch nicht einmal...“. Ich war entrüstet, Und sie hatte mich nur halb gehört. „Du hältst mich jetzt für eine Nutte. Das versteh ich gut, |
Und trotzdem sag ich dir, Dass ich es dir nur darum beichte, Weil ich dich für mich alleine haben möchte, Lieben will ich dich, Und liebe dich bereits Wie nie zuvor nur irgendjemanden. Ich sag es auch, Damit du mir vertraust. Vertraust du mir?" Ich sagte nur: „Wer kommt nach mir, Kennst du den schon? |
Was ist mit mir, wenn ich nicht mehr der letzte bin?" Das war gemein, Und sie erwiderte mir darauf nichts. Dann hob sie ihren Kopf. Das ist, so dachte ich, ein schöner Kopf, Und durch die Haare fiel ein Rückenlicht,
Das rahmte alles ein, Das ließ die Haare als verirrte Ranken Ums Geländer wachsen, Sie begrenzten eine Treppe, Die nur meine Augen sahen, Und ich stürmte sie hinauf. |
|
38 Sie fing noch einmal an Und legte ihre Hand auf meine, Und ihr Blick war unter mir Und stieg nach oben: „So wie ich dich liebe, Liebt dich keine zweite Frau, Das ist nicht möglich. Deine Frau, Ich glaube dir, dass sie dir treu ist, Deine Frau und du, Ihr beide habt von Liebe keine Ahnung, Aber dich will ich die Liebe lehren, Die ist unermesslich“. Und ich sagte: „...hat für viele Platz“. Mein Kartenhaus war eingestürzt, Der Sandsturm schwieg in mir, Und wenig Asche war geblieben. „Für ein Jahr“, so sagte sie, „War ich mit einer Frau zusammen, Hab mit ihr gelebt, Und Frauen lieben intensiver und intimer. Allerdings sind sie viel eifersüchtiger. Das mochte ich zum Schluss nicht mehr“. Ich wurde intressiert „Und deinen Mann hast du danach gefunden?“ |
„Nein, wir kennen uns schon aus der Jugend, Lange kennen wir uns schon. Ich lieb ihn anders, als nun dich. Es wäre schön, Wenn ihr euch gut vertragen würdet“. Einen Augenblick versuchte ich mir auszudenken, Wie das wäre, Dann stieß ich mit einem falschen Schritt In das Geröll und stürzte ab. Ich konnte ohnehin nichts mehr begreifen, Und, dass ich nun einer Frau wie ihr begegnet, Aufgesessen war, fast aufgesessen war, Geschah mir recht. Sie wertete dann dies Gespräch Und war erleichtert, Sei es doch das erste Mal, Dass ich von meinen Vorurteilen abgekommen wäre. |
Und sie sähe mich nun deutlicher Und auch, wie schwer es für mich sei, Das aufzugeben, Was man mir in viereinhalb Jahrzehnten, Als das einzig richtige und seligmachende, Als Speise eingetrichtert hätte, Und sie habe noch die Briefe, Ihren und auch den von ihrem Mann, Ob ich die nehmen und nun lesen wollte. Was ihr Mann mir schrieb, das könnte sie nicht wissen, Und was sie mir sagen wollte, Hätte sie mir aufgeschrieben, Und ich sagte „Briefe deines Mannes mag ich nicht. Ich weiß nicht, was das soll und was der will, Und dass er mich nicht mag, Mich warnen will, versteh ich auch Und du kannst mir doch sagen was du willst. Und außerdem hab ich genug, ich möchte gehen“. Und wir gingen, und sie schwieg Und hatte ihre Briefe wieder eingesteckt. Die mochte ich nicht nehmen. |
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39 Ich kämpfte wieder tagelang mit mir Und gegen meine
Liebe, gegen ihre Liebe, Und es war nun
so, Wenn ich sie sah, Vergaß ich alles,
was ich von ihr wusste, Und ich stahl ihr
mit den Augen, Was ein
Männerauge einer Frau nur stehlen konnte, Sprach sie dann
mit mir, Stand ich im
Schrecken, der wich erst, Wenn sie sich
liebevoll, Wie wirklich
keine andre Frau jemals zuvor, Mir in die Hände
gab, Es brach dann
eine sehnsuchtsvolle Liebe andrer Art Aus mir, Die wollte geben,
wollte angenommen werden, Und ich brauchte
keine Überwindung. War sie aber aus
den Augen, Sprach ich nicht
am Telefon mit ihr, Dann schwor ich
tausend Schwüre, sie zu lassen. Drei, vier Tage
ging nun alles gut, Und langsam
schlich sich der Verdacht auf mich, Sie habe
aufgegeben, |
Und von mir aus
würde nichts erfolgen können, Selbst bei
größtem Willen War ich wie
gelähmt. Sie würde mich
vergessen wollen. Eines Abends
klingelte es an der Tür: „Ich bin ihr
Mann, Wir kennen uns
doch von der letzten Dichterlesung“, Und er hatte
recht. Er war an meinen
Texten intressiert gewesen, Und jetzt wusste
ich erst, wer er war. Es kam auch meine
Frau hinzu, Die guckte uns
verlegen an Und fragte ihn, Ob wir mit
irgendetwas dienen könnten. „Nein, ich bin in
Eile Und mein Taxi
wartet. Alles, was ich
möchte, ist, Dass sie den
Brief von ihr annehmen. |
Den von mir
behalte ich zurück, Doch der von ihr
ist wichtig, Und ich bitte nicht
für mich um den Gefallen“. Ich verstand ihn
nicht, Und meine Frau
nahm ihm den Brief aus seiner Hand Und gab ihn mir. Ich steckte ihn
sofort, als wär er glühend, In die Botenhand
zurück. Er drängte mich: „Ich bitte Sie,
so nehmen sie ihn doch“. „Weiß sie davon, Dass sie mit
ihrem Brief hier bei uns sind?“ Er sah nun fort, Und sein Gesicht
war abgewandt Und ging nicht
aus der Tür. Ich bat ihn
einzutreten, Und er lächelte
ein wenig überlegen, Lehnte ab und
dann zu mir: „Sie weiß es nicht.
Sie tut mir leid. Ich möchte sehr,
dass Sie den Brief erhalten“. |
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40 Und ich sagte: „Nein, ich nehm ihn nicht, Und sehe auch nicht ein, dass sie mir schreibt, Wenn sie doch mit mir reden kann“. Hier brach ich ab und hätte gern gesagt: „Sie kann ja selber kommen", Doch ich dachte schnell an meine Frau, Das hätte sie mir nie verziehn. Nun stand er da, Und konnte die Mission so nicht zu Ende bringen, Und er trat nicht ein Und ging nicht fort, Und sonst fiel ihm nichts ein. Er sagte noch „Ich leg den Brief auf diesen Sockel, Falls sie es sich anders überlegen“, Und ich sagte schnell und schroff: „Das ist umsonst, Es gibt nichts mehr zu überlegen. Diesen Brief nehm ich nicht an“. Nun hatte er doch die Idee: „Ich lese Ihnen vor, was sie hier schreibt“. |
Das hörte meine Frau und ging beiseite, Und ich lehnte ab und ging ihr nach Und bat sie doch zu bleiben. Er stand in der Tür und harrte aus Und war in allem, wenn ich so bedenke, Wie betäubt, als wäre er aus Watte, Gar nicht in der Wirklichkeit. Er stand noch mehrere Minuten Mit dem Schreiben in der Hand Und sah an uns vorbei und keiner sprach. Dann drehte er sich langsam um Und ging den Weg zurück, den er gekommen war, Und stieg in seine Taxe, die noch wartete. Wir schauten hinterher Und wussten dazu nichts zu sagen. Meine Frau: „Du hättest doch das Schreiben an dich nehmen sollen“. |
Ich verstand die Frau nicht mehr Und sagte nur noch: „Nein, Weil ich es mir geschworen habe. Briefe nehme ich nicht an“. Das reichte ihr, sie sagte auch: „Fängt nun das ganze noch einmal
von vorne an?" Ich sagte: „Nein, Die Sache ist doch längst vergessen, Und vielleicht wollt er nur testen, 0b ich irgendetwas mit ihr habe“. „So sah der nicht aus“. Sie sprach sehr wahr, Und sicher war die Sache nicht zu Ende, Und ich nährte heimlich doch noch eine Hoffnung, Weil ich sie nun lieben wollte, Und es war mir alles, alles irgendwo Total egal. |
|
Die Arbeitstage waren schon seit langem Eine Quälerei für
mich geworden, Und ich sah sie Und ich durfte
sie nicht sehen Und verstand sie Und verstand doch
nichts von ihr, Und zog mich
abends auch Von der Familie
ganz zurück In meine
Schreiberei, Und meine Frau Und meinen Gott Und alles, was
ich früher liebte, Stellte ich nun
hinten an. In unsrer Firma Zeichneten sich
neuerdings Veränderungen ab, Die mich am Rande
mit berührten. Irgendwie erfuhr
ich Von dem Wechsel
in der Chefetage, Wo sie Sekretärin
war. Die neuen Herren würden
ihre eignen Damen wünschen. |
Und es kam nun
so, dass man ihr riet, Die Firma zu
verlassen, Auf der andren
Seite wäre noch viel Zeit, Denn die
Entscheidung stünd noch aus, Und alles sollte
sich erst spät im Herbst vollziehen, Oder nächstes
Frühjahr. Immerhin bewirkte
es, Dass sie,
beleidigt wegen dieser Sache, Schon von sich
aus kündigte. Das ging so
schnell und ganz an mir vorbei, Ich hätte vieles
ändern können, Und ich sprach
mit ihr Und mit der
Personalabteilung, Und sie sah nun ihren
Übereifer ein Und zog die
Kündigung, zurück. Die ließ man aber
schweben, Und sie hörte,
dass man ihr den Arbeitsplatz Auf unsrem
Stockwerk, wegen ihrer Qualität, Nicht
vorenthalten wollte. |
Die Entscheidung,
wollte man ihr später Schriftlich geben. Diese Sache hätte
alles enden lassen können, Dachte ich, Und war
erschrocken, Dass sie ihren
Arbeitsplatz und meine Nähe In Sekunden
opfern konnte, Und ich dachte
auch, dann hat sie sich Nun damit
abgefunden. In mir riss ein
Vorhang ein, Und zeigte mir
ganz deutlich, Was ich zu
verlieren hatte, Und es war nicht
auszudenken. So beginnt ein
Irrsinn, Der zielt auf die
Selbstzerstörung. Dann besann ich
mich und wollte, Wenn es enden
sollte, dass es Uns in
Freundschaft auseinander brächte, Und ich sprach
mit ihr Und sagte es zu
ihr. |
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42 Sie war in dem Gespräch ganz ruhig, Und sie hatte sich daran gewöhnt, Dass sie von mir nichts zu erwarten hätte, Und sie sagte so und lachte: „Wenn ich hier nichts werden kann Und dich nicht lieben darf, Dann werd ich eben Terroristin“, Lachte herzlich über sich, dass ich erschrak, Und dachte, gut, dass sie es leicht nimmt: „Bei den Terroristen kannst du ohne Waffe Gar nichts werden“. „Das ist kein Problem, Die habe ich schon lange. Ganz genau genommen, weiß ich, Wo mein Vater eine hat, Und kann sie auch bedienen, richtig damit schießen. Einmal durfte ich es ausprobieren. Alles hat er mir gezeigt“. Ich wurde blass, das spürte ich, Und sagte: „Den Gedanken, mich zu töten, Hast du lange schon, nicht wahr?" |
Sie sagte: „Wenn nicht dich, Dann einen anderen. Dich möchte ich noch lieben“, Und sie kam ganz nah an mein Gesicht: „Das weißt du doch“. Dass sie an eine Waffe kam, Ließ mich nicht los, Und ein Gedanke, den sie ausgesprochen hatte, Blieb doch noch nicht ausgesprochen, Und die Sache könnte enden, Und ich fürchtete mich nicht, Wenn ich ihr unterliegen müsste. Einen Tod durch sie erhalten, dachte ich, Wär eine Krönung, alles, Glück, Befriedigung, Befreiung, Leiden und Verschmelzung mit ich weiß nicht was. Es goss sich über mich ein warmes Singen Es entstand ein Hochgefühl, Das machte sie mir wertvoll Und mich frei. |
Ich musste sie mir unbedingt erhalten, Und ich sagte von dem ganzen nichts zu ihr. Die Tür, so sagte ich zu mir, Drück ich, so leis es geht, Ins Schloss zurück. Ich tat, als würde ich die Sache nicht verfolgen, Und zu ihr gewandt; rief ich: „Viel Glück, Madame, Ich biete mich als Opfer an“. Und sie: „Vielleicht komm ich darauf zurück“. Sie wurde plötzlich ernst und bat mich einfach: „Schlaf mit mir, weil ich es will. Ich will ein Kind von dir, um Himmelswillen“. Dann ganz langsam „Mach mir doch ein Kind. Ich will ein Kind von dir. Du sollst dann deine Ruhe haben, Kannst uns jederzeit besuchen kommen, Wann du willst“. „Wer ist das, uns, dein Mann und du vielleicht?“ Ich stand in heller Wut. |
|
43 Sie strich mir übers Fell: „Du bist ja dumm. Du kommst zu mir Und deinem Kind, so oft du willst. Ich gebe alles auf, Und wir sind nur noch für dich da“. „Und wovon wollt ihr leben?" „Ach, das weiß ich nicht, Vielleicht hast du Erfolg mit deinen Büchern“. Das war meine schwächste Stelle, Weil es meinen Ehrgeiz traf Und meine Hoffnung, die mir alles retten sollte. Nur allein, dass sie mich darauf ansprach, Machte sie mir wieder lieb und wert. Ich sagte so: |
„Vor Mitte nächsten Jahres tut sich nichts, Das hab ich dir erklärt, Das hab ich dir gesagt“. Sie sagte, und ich wagte meinen Ohren nicht zu trauen „Gut, ich habe Zeit, ich werde warten, Und ich komme ganz bestimmt darauf zurück“. Ich machte den Versuch: „Du hast doch deinen Mann; Knöpf deine Bluse auf Und zeige ihm die Frau darunter. Blind und steinern müsst er sein, Wenn er dich übersehen würde. Den mach dir zum Vater deines Kindes, Geh zu ihm, sei brav und ‚untertan‘, Du wirst schon alles richtig machen“. |
Von der Seite sah sie mich nun an, Mit einem Blick, den werd ich nie vergessen können. So sieht eine Frau in ihren Morgenspiegel, Wenn er sie belügt, Wenn sie sich ausgekämmt, frisiert, Mit bloßem Oberleib noch einmal überprüft Und die Ästhetik ihrer Formen, ihrer Haut genießt Und doch bedauert, Dass sie dieses Glücksgefühl für sich behalten muss, Dass es so wertlos wird, Wenn sie es keinem zeigen kann und darf, Und keiner so nach ihr verlangt. |
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44 Es kam nun so,
Dass ich aus
einer Neugier Und, weil ich
wohl danach suchte, Mich an ihre
Freundin wandte, mich der anvertraute. Das, so geb ich
zu, Tat ich auch
wegen dieser Waffe, Und es hätte mir
nicht gut gefallen, Wenn kein Mensch
darüber etwas wüsste. Meiner Frau konnt ich das Ganze nicht erzählen, Und ich hatte
keinen Freund. Nein, fiel mir
dabei ein, An Freunde hatte
ich mich nie gewandt, Ich hatte keine
Freunde. Sie sprang dafür
ein. Ich fand in ihr
unendlich viel Verständnis. |
Sie war sehr
gerecht, weil sie sie mochte, Und sie hörte
mich mit großem Staunen an Und hatte bisher
nichts geahnt Und nichts bemerkt
und nichts gewusst, Und wir
beschlossen, Uns ihr jetzt
noch nicht zu offenbaren, Und ich dankte
ihr Und war
erleichtert. Und das ganze
stand nicht schlecht um mich Und nicht um sie, Und was mir
fehlte, sah ich nun mit einem Schlag, War Abstand von
den Dingen, von der Sache, Abstand von der
Not, Die die Gefühle
ganz und gar beherrschte. |
Und sie riet mir
gut Und riet mir
abzuwarten, nichts zu übereilen, Und sie fragte
noch: „Sie haben mich
ganz sicherlich In einem Punkt nicht
richtig eingeweiht, Und wenn ich
Ihnen glauben soll, Ist der doch
sehr, sehr wichtig, Nämlich, haben
Sie nun. mit der Frau geschlafen Oder nicht. Ich frage ganz
direkt, Damit ich es
erfahre, Und sie sagten
doch, es wäre nichts passiert, Das aber kann ich
gar nicht glauben“. |
|
45 „So gesehen, weil es selbstverständlich scheint, Hab ich Sie nicht belogen, Auch wenn ich nun als der Trottel und Idiot Vor Ihnen steh. Ich habe sie geküsst Und liebe sie Und hab sie doch nicht angerührt, Das ist ja das Dilemma“, Und sie glaubte mir nicht recht. |
Es war dann Feierabend und ich ließ das Haus Und wollte, weil es später war als sonst, Nach Hause eilen. Das Bürogebäude lag kaum hinter mir, Als ich aus einem Eingang jemanden, Den ich doch kannte, kommen sah. Er kam direkt zu mir, Und ich erkannte ihren Mann. Der musste dort gewartet haben. |
Zwischen mir und ihr, so dachte ich, Ist nichts gewesen, Und, dass ich zu weit gegangen bin, ist schlimm; Ich werde mich entschuldigen, Ihn einfach um Verzeihung bitten, Und ein Schläger scheint er nicht zu sein. So kam er auf mich zu. Er überragte mich, trug einen Hut Und hatte eine Tasche in der Hand. |
|
46 Er grüßte nicht, Obwohl ich „Guten Abend" sagte, Und nahm seinen Hut nicht ab. Er sah auf mich Und brauchte lange, bis er mir, So knapp es irgend ging, entgegenwarf: „Ich möcht Sie sprechen, Wenn es geht, im Bahnhofsrestaurant. Mehr sag ich nicht“, und dann noch: „Gehen wir“. Ich fand ihn albern und auch flegelhaft Und musste etwas lachen. Meine Angst vor ihm war dumm gewesen, Und ich dachte doch, Wer weiß was so ein Kopf ausbrütet, Und ich sagte: „Wenn es sein muss, meinetwegen. Worum geht es denn, Wir können ja mit dem Gespräch beginnen. Bis wir da sind, ist noch lange Zeit“. |
Er schwieg und sah mich auch nicht an. Ich wurde ärgerlich: „Mein Gott, es geht um Ihre Frau. Nun hören Sie mal zu, Ich bin auch nur ein Mann, Und ihre Frau ist schön, ich finde sie sehr schön, Und Sie doch sicher auch, Sie sind sogar ihr Mann“. Er schwieg und machte seinen Mund nicht auf. "Sie wollen wissen, was gewesen ist. Ich sag es Ihnen. Zwischen ihr und mir war nichts, Und ich verspreche Ihnen: Zwischen ihr und mir wird niemals etwas sein“. |
Ich sprach dabei zu mir: ‚In diesem Fall darf ich ein wenig lügen, Das wird ihn beruhigen, Denn für die Zukunft möchte ich die Hände Nicht für mich ins Feuer legen‘, Und ich sah ihn an, Ob er‘s bemerken würde, Doch er schwieg und sah auf seinen Weg. Ich sagte nun: "Ich finde Ihr Benehmen kindisch. Um sich auszuschweigen, Lädt man niemanden zum Reden ein. Nun sagen Sie schon, was Sie wollen, Denn ich habe nicht viel Zeit“. Es war, als spräche ich mit Blättern Oder einer Tür, die in den Angeln pendelt. |
|
47 Er ging stur zum Bahnhof, Immer dicht an meiner Seite. "Gut, wenn Sie nicht reden wollen, Komme ich nicht weiter mit, Dann fahre ich nach Haus. Viel Spaß, Auf Wiedersehen!" Drehte mich Und bog in meine Richtung ab. Nun sagte er sehr scharf: „Ich werde Ihnen ja nichts tun. Da oben ist die Gastwirtschaft“. Ich wollte wissen, wie das enden würde Und gab nach: „Von mir aus“. |
Mir fiel ein, dass er auch lügen könnte, Und ich wollte eine Nachricht hinterlassen, Sagte ihm: „Ich ruf noch schnell Zuhause an, Das wird doch alles länger dauern“. Und ich ging zum Telefon. Er stand davor und sah nicht hin Und hätte auch nichts hören können. Ich bekam den Anschluss nicht, Das, dachte ich, ist gut vielleicht, Und hing den Hörer wieder ein. Das Geld fiel aus dem Automaten, Und ich dachte, das hat er gehört Und weiß, dass niemand etwas weiß. Ich glaubte ihm noch immer nicht. |
Wir gingen ins Café. Er hing den Mantel auf, Ich legte meinen neben mich, Und er bestellte nur für sich Ein alkoholisches Getränk, Und ich verlangte nur Kaffee. Der Ober möchte sich beeilen, sagte ich, Und zahlte gleich Und war voll Unmut, weil mein Gegenüber Sich so rüpelhaft benahm. ‚Er ist ein Kindskopf‘, dachte ich. ‚Er lädt mich ein Und will noch nicht einmal bezahlen, Und die Schweigerei ist mir zu dumm, Er kommt so nicht zur Sache‘. Und ich sagte nun: „Beeilen Sie sich bitte, Weil ich mir für diese Kinderei Nur wenig Zeit von Ihnen stehlen lasse“. |
|
48 Das erfreute ihn, als hätte er mich nun so weit Und griff in eine Seitentasche Und zog einen Brief heraus, Der war in keinem Umschlag, Legte ihn vor mir auf unsren Tisch Und sagte: „Kennen Sie den Brief?“ Ich sah darauf. Die Schrift war ähnlich der von seiner Frau. Ich konnte mich auch täuschen, und ich sagte: „Eine Frauenhandschrift ist das wohl. Soll das die Überraschung sein?" „Das erste, was Sie heute lernen sollen, Ist zu wissen, wie es ist, Wenn man nicht angenommen wird, Und darum habe ich geschwiegen. Ich hab lange nachgedacht, Ich wollte Ihnen die Lektion erteilen. Das ist mir geglückt. |
So ist es, wenn man ohne Antwort spricht, So ist es, wenn man Briefe Ungeöffnet, ungelesen übergeht Und sie zurückgibt, Dass der Sender dieser Schreiben Sich zum eigenen Empfänger wird. Das ist gemein und rücksichtslos, Das mussten Sie am eignen Leibe kennen lernen, Spüren sollten Sie‘s“. „Sie hätten Lehrer werden sollen. Sind Sie fertig, kann ich gehn,
Herr Lehrer?" „Dieses ist der Brief, Der Brief von meiner Frau, Den können Sie jetzt lesen“. „Danke, keine Lust und gar kein Interesse“. „Dann les ich ihn vor, Sie können heut noch etwas lernen“. „Über wen und was?" |
„Ich denke über sich!" Ich dachte, eigentlich hab ich den frechen Mund, Sei froh, wenn er sich so beherrscht, Und schließlich ist er schlechter dran Mit einer Frau, die sich Nach einem andren Mann umwendet, Und ich dachte: ‚Sei nun friedlich, hör ihm zu Und stimm ihm zu, Dass er vor sich ein König wird, Das ist viel klüger Und kann meiner Sache doch nur nützlich sein‘. Ich dachte auch an mein Gesicht, Das zog ich glatt und sagte freundlich: „Kennen Sie den Inhalt?" Er erleichtert: „Nein, nur oberflächlich, Weil mir meine Frau davon erzählte“. |
|
49 „Gut, dann möchte ich ihn hören“. Er nahm sich den Brief, sah noch einmal zu mir Und las dann vor. Der Brief begann mit wüster Schimpferei auf mich, Man schalt mich den Sadisten, Der in einer wilden Lust an Quälerei der anderen Sich selbst befriedigte. In Einzelheiten wurde dies nun ausgemalt. Ich rief dazwischen: „Lesen Sie doch leise, guter Mann, Das schrieb doch niemals ihre Frau, Das kann doch gar nicht sein!" Er lächelte mich überlegen an Und fuhr nun fort: Ich würde sicher nichts von alledem zugeben wollen, Und es wäre ihr auch nichts daran gelegen, Aber einmal wollte sie mich, So wie ich sie dauernd peinigte, Mit gleicher Münze quälen. |
Und er las: „Ich zwinge dich, uns zuzuhören Und uns zuzuschauen, Und ich liege nackt vor dir Mit einer andren Frau in Bett, Und wir verwöhnen uns Und freuen uns an dir, Denn ich hab vorgesorgt, Du kannst uns nicht verlassen Und musst immerzu zu uns herüber schaun. Ich knie vor dieser andren Frau und rufe, Dass du’s hörst, den einen Namen immer wieder, Rufe deinen Namen immer wieder“. Er sah auf und sah auf mich. Ich hatte einen Schock. Das Blut, so spürte ich, Lief mir im Leib zusammen, Und ich hatte dieses Bild, So kümmerlich, wie es beschrieben war, Vor Augen. |
Diese Frau mit einer andren Frau im Arm zu sehen, War ein schrecklicher Gedanke, Und ich sagte einfach, mehr zu mir, Als wäre ich dabei gewesen: „Damals kannte sie mich doch noch nicht“. Dann sah ich hoch Und merkte, wie er mich mit langen Augen Unter schweren Wimpern musterte, Als täte ich ihm leid, Als hätt er Sympathie für mich, Ja, schlimmer noch, Als wär ich eine Frau, Der er die Liebe eingestehen wollte, Und er streckte seine Hand ganz langsam nach mir aus. |
|
50 Ich riss den Mantel hoch, stand auf Und sah auf ihn herab: „Wahrscheinlich haben Sie den Mist Allein geschrieben“. Und er reichte mir den Brief Und zeigte auf die Anschrift und die Unterschrift. Ich sagte: „Wenn schon, Das soll sie mir selbst bestätigen“, Und ging und grüßte nicht. Ich kam zur Treppe, und ich dachte, Dass er sich ja nicht bei mir beklagte, Sich nicht über mich beschwerte, Mir nicht einmal einen Vorwurf daraus machte, Dass es zwischen seiner Frau und mir So weit gekommen war, Das konnte doch nicht alles sein. In mir stand eine Neugier auf, Die klang sehr gläsern, Und ich ging zurück Und setzte mich noch einmal an den Tisch. |
Er trank aus seinem Glas, Und meine Rückkehr wunderte ihn nicht: „Von meiner Frau hab ich gehört, Dass Sie sehr langsam sind“. Ich dachte, das ist doch ein Teufelspaar. Die beiden sind mir sehr gefährlich, Und sie wollen sich mich etwa teilen, Das wär wissenswert gewesen, Und ich sprach ihn ruhig an: „Die Schuld, das wollte ich noch sagen, Liegt auf meiner Seite, Und ich hätte fast vergessen, Sie von Mann zu Mann, wenn Sie erlauben, Um Entschuldigung zu bitten. Ihre Frau ist selten schön Und ist für mich trotzdem Ein Engel der im Feuer steht. Den kann ich, werde ich Und will ich nicht erreichen, Und ich fänd es gut Wenn Sie das als Beruhigung mit sich Nach Hause nehmen könnten“. |
„Ja, ich weiß. Sie machen meiner Frau Das Leben schwer. Sie ist ein lieber Mensch Und hat für mich sehr viel getan. Wir mögen uns sehr gerne. Ja, ich liebe sie“. Ich dachte mir, Nun bin ich auf der Spur und sagte ihm: „Ich will es jetzt versprechen, Und ich richte mich danach: Ich fasse Ihre Frau nie wieder an. Was heißt nie wieder. Angefasst hab ich sie nie. Sie wissen aber, was ich meine“. Und er sagte: „Ja, das ist es eben“. |
|
51 Ich verstand ihn nicht Und sah ihn fragend an. „Sie sollten wissen“, sagte er, "Sie müssen wissen, dass wir uns die Freiheit lassen. Meine Frau lässt mich und ich lass sie. Wir mögen uns trotzdem sehr gerne. Meine Frau hat mir auch Ihr Problem erzählt. Sie tun mir leid, Und meine Frau bedauer ich, Weil sie bei
Ihnen nichts erreicht“. „Sie hätten also nichts dagegen, Wenn sich Ihre Frau und ich zusammenfänden?“ „Nein, nein gar nicht, Und ihr Zustand, jetzt, ist so, Dass sie nach Ihnen schreit, Verstehen Sie, es ist ein innerlicher Schrei, Der hört in ihr nicht auf. Wenn sie sich diese Liebe wünscht, Kann man sie ihr doch einfach geben, denke ich“. |
Ich sagte: „Ja, Sie haben recht. Es ist ganz einfach, und man gibt die Liebe“. Und ich dachte, was ist daran schlecht, Und warum finde ich nicht diese Leichtigkeit, Mit Liebe, Treue, Glauben. umzugehen. Eigentlich bin ich es, Der sich selbst im Wege steht, Und der sich dauernd hindert. Nein, ich konnte diesen beiden Nicht mehr länger böse sein. Der Dümmste von uns drein war ich. Vielleicht war sie ein wenig schlechter dran Vielleicht auch er, Doch in der Dummheit war ich beiden Haushoch überlegen. Und ich wollte ihnen keinen Vorwurf machen. |
Jetzt, so dachte ich, Erlaube ich es mir, sie freizusprechen, Und zuvor, als ich hierher kam, Bangte ich um mich Und kämpfte gegen schlechtestes Gewissen, Das man haben konnte. Ihre Schreiberei und ihre Schimpferei Verstand ich nun ein wenig, Und der Brief war doch von ihr geschrieben worden, Und die Hoffnung, dass sie leugnen würde, Brächte gar nichts ein. „Er ist ein netter Kerl“, So dachte ich, und dachte auch, „Es ist ein Glück, dass er und ich Nur über diese Frau Berührungspunkte haben Und sonst nicht“. Ich stand noch einmal auf und sagte: „Trotzdem glaube ich, Dass es mit Ihrer Frau und mir Nicht klappen wird. Ich habe es ja auch versprochen“. |
|
52 „Wenn Sie wollen, gebe ich das Wort zurück. Es ist nicht meine Sache, Und was Sie den anderen versprechen oder sich, Ist auch nicht meine Sache“. Und ich sagte noch: „Weiß Ihre Frau von diesem Treffen eigentlich?" Ich sah, wie er erschrak, Obwohl ich harmlos fragte Und mir gar nichts dabei dachte, Und er sagte und ergriff mich fest am Arm: |
„Ich bitte und beschwöre Sie, Sie darf davon kein Sterbenswort erfahren. Sie behalten es für sich. Versprechen Sie es mir. Sie weiß es nicht und wird mir diesen Schritt Im Leben nicht verzeihn. Sie hat es ausdrücklich verboten. ‚Das geht dich nichts an‘, hat sie gesagt, Und alles habe ich aus mir heraus getan“. |
Ich dachte dieser Mann ist ärmer dran Als seine Frau und ich Und dachte auch, dass ich der Teuflischste Von allen dreien war, Denn diese Schwäche; die er zeigte, Gab mir Stärke, Und ich rechnete mit ihm nicht mehr. |
|
53 Von ihm war mir Gefahr, wie ich sie kannte, Nicht mehr zu erwarten. Ohne Abschied, ohne Antwort Ging ich nun zu meinem Zug Und fuhr nach Hause. Unterwegs bedachte ich den Scherbenhaufen, Der vor meinen Füßen lag, Der wurde immer größer. Mein Zuhause war dabei und die Familie, Und ich dachte, Ärmer ist der Mensch als alle andren dran, Der nicht in Ruhe Und in einer eignen Kammer weinen kann. Die Tränen hielten auf den Wimpern Wache. Wenn ich nun nach Hause käme, Bliebe mir zum Weinen nur die Toilette. |
Meinen Gott verstand ich immer wieder falsch, Und aussichtslos war das Bemühen, Etwas zu erkennen. Schwach war ich im Glauben. Meine große Arbeit, meine Dichtung, Hatte ihren Sinn verloren Und war eine Fleißarbeit geworden, Die mocht ich nicht mehr
betreiben, Und sie stockte mehr und mehr. An ihrem Mann, der auch in diesem Scherbenhaufen lag, Hatt ich den Wert von Treue, Liebe und Abhängigkeit, genau wie ich sie kannte, Nur mit umgekehrtem Zeichen vorgefunden, Und ich sah nun ein, Wie tönern das Gebäude war, In dem ich wohnte. |
Doch das schlimmste war von allem, Dass ich trotz der Einsicht, Trotz der Besserwisserei Von dieser Frau nicht lassen konnte Und nicht lassen wollte Und mich unablässig nach ihr sehnte. So steckt man auf Neuland, Das man nie bewohnen wird, sein Fähnchen, Dachte ich. Betrübt war ich Und lag in großen Schmerzen. Mich erkannte ich in meinem Teufelskreis nicht wieder. |
|
Anderntags nahm ich mir frei Und. suchte einen
Arzt für meine Wunden, Der war nicht zu
finden. Ich ging zur
„Museumsinsel“, Dorthin floh ich
oft Und schaute auf
ein Bild, Das kannte mich,
das gab mir Trost. Es ist die Nana Und zeigt die
Kokotte vor dem Spiegel, Vor verloschnen Kerzen, vor sich selbst Und vor dem Einen
auf dem Bild Und vor den
anderen wie ich. Sie ist für mich
das „Selbstportrait" Der Frau an sich. So denke ich,
kann nur ein Maler malen, Wenn er das
Objekt durchdringen will Und stellt doch
alles, Was zu suchen und
zu finden ist, in Frage. Sie ist mir
Gespräch, wenn ich sie sehe, Und sie spricht
mit mir. Ihr Bildnis regt
mich maßlos auf. Ich gebe dabei
eine Ähnlichkeit mit ihr Und ihr in ihrer
Haltung zu, Vielleicht in
ihrem Blick, in ihren Augen. |
Die Frisur ist
völlig anders, Und dann ist sie
plötzlich sie, Und sie ist doch
nicht sie, Sie ist die, die
ich suche und nicht finde. Die Museumsinsel
ist sehr trist Und ungepflegt.
Man legt nicht großen Wert Auf sie. Ich dachte auch,
was gehen mich die Menschen an, Vielleicht bin
ich im Traum Und träume nur. Ich wünsche immer
wieder, Fremd in einer
fremden Welt zu leben. Das hat seinen
Grund Könnt ich die
Welt als Fremder sehen, So, als käme ich
aus einer andren Welt, Würd mir die Welt
doch völlig fremd Und neu
erscheinen müssen. Alles hab` ich
deshalb aufgeboten, Mich ihr zu
entfremden, Und ich sagte
mir, dass ich ihr dadurch eines Tages Als ein Fremder
gegenüber stehen müsste, Und das wollte
ich erleben. |
Also konnte es
schon sein, Dass diese
Augenblicke, die mir traumhaft schienen, Augenblicke der
Entdeckung der Entfremdung waren. So verging ein
langer Tag. Am nächsten
Morgen fand ich mit der Hauspost, Die man in der
Firma austrug, Einen offnen Brief an mich gerichtet Auf dem
Schreibtisch liegen. Aus ihm zog ich
Noten eines stillen, Sanften, beinah
frommen Liebesliedes. Die Akkorde waren
die Begleitung Für ein
Saiteninstrument. Sie wusste, dass
ich darauf spielte, Und sie selbst
spielt die Konzertgitarre. Die Akkorde
wechselten in schöner Folge Zwischen Dur und
Moll. |
|
55 Es war das erste Pflaster, Das mir jemand reichte, War ein Kuss auf meine heiße Stirn. Ich hätte sie dafür umarmen können. Nur den Text des Liedes, Weil er wieder eine Wurzel in mir fressen sollte, Fand ich nicht so gut. Doch, dass sie an mich dachte Und so liebevoll, Stieß mich in einen Blumenteppich, Und ich schwor ihr süßen Frieden Und rief bei ihr an und dankte, Und sie wusste gleich, Dass sich für sie das Glücksrad wieder drehte. Ihre Stimme hatte leichte, leise Schwankungen, Die unterdrückten nur das Lachen Über eine große Freude. |
„Glücklich machst du mich“, so sagte ich, Dass sie verlegen schwieg. Sie rief mich später wieder an; Die Sache mit dem Arbeitsplatz Wär bis auf weiteres gelöst, Sie käme nun in absehbarer Zeit zu
uns, In meine Nähe, und sie freute sich darauf. Wie lange das so bleiben konnte, Müsste man dann sehen. Darauf sagte ich: „Wie soll das werden, wenn wir uns so nahe sind?" Und ihre Antwort wartete ich gar nicht ab Und sagte noch: „Ich hab mit deinem Mann gesprochen, Eigentlich sprach er mit mir“. |
„Ich weiß, Und das hat dich gleich krank gemacht, Dass du am nächsten Tag nicht kommen konntest“, Lachte sie. Dann sagte ich: „Dein Liebeslied soll mir ein Pflaster sein. Ich werd es heute Abend singen“. Und sie sagte: „Denk an mich dabei“. Das war ganz überflüssig, Und ich würde es nur singen, um an sie zu denken, Das fiel mir jedoch erst ein, Als sie es sagte. „Hast du wirklich diesen Brief geschrieben?" „Hat mein Mann ihn dir gezeigt?“ Sie wusste also doch nicht alles, Und ich sagte: „Ja, so ähnlich, ja“. „Wenn er den richtigen genommen hat, Dann ist er wohl von mir“. |
|
56 „Naja, dazu möcht ich nichts weiter sagen“. „Brauchst du nicht. Du“, sagte sie Mit weicher Stimme und auch mit Genüsslichkeit, Als reckte sie sich über ihren Rücken, "Lass uns heut zusammen sein. Ich möchte mit dir schlafen, Möchte bei dir sein“. Das letzte hatte sie geflüstert, Und ich war nun wieder wach: „Ich komm darauf zurück. Soviel ich weiß, liebt dich dein Mann“. „Ich weiß, er hängt an mir, Und ich an dir“. |
Dann wieder leise, kaum zu hören: „Nur von dir will ich ein Kind. Mein Mann sagt auch zu mir: Wenn ihr zusammenkämet, Würdest du von ihm sofort ein Kind bekommen, Der sieht mir ganz danach aus“. Dann lachte sie ganz unverschämt. „Aha, und woran sieht er das, Und warum sagt er das zu dir?" „Er kennt doch meinen Wunsch, Und du als Skorpion bist voller Leidenschaft, Bist voll Begehren, bist voll Eifersucht, Und was du anfängst, machst du ganz. Wer sich auf dich verlässt Ist nicht verlassen“. |
„Nur der Anfang fällt mir also schwer?" „Das ist es, ganz genau“. „Und von der Löwin hat er nichts gesagt?“ „Nein, das hab ich zu ihm gesagt. Ich hab gesagt, die Löwin Lässt von ihrer Beute nicht“, sie lachte, „Die bist du“. |
|
Die nächsten Tage kamen wir Nur in der
Mittagspause nahe aneinander, Und es war die
Freundin stets dabei, Das war mir sehr,
sehr recht. Ich hielt mir die
Gedanken nicht mehr frei Für anderes und
dachte nur an sie, Und auf den
Straßen sah ich sie, Wenn eine Frau
nur ihre Haare trug wie sie, Sah ihre Hände in
den Händen andrer Frauen, Hörte sie im
Lachen andrer lachen Und verwünschte
mich, Weil ich sogar
Begegnungen in unsrem Treppenhaus Zu meiden suchte, Dabei sehnte ich
mich doch am meisten Nach der
Streichelei, Nach ihren
Händen, Denen ich mich
unterwerfen wollte. |
Ihrer Freundin
hatte ich nun alles Ausführlich
soweit erzählt Und wusste nicht
genau, Warum ich mich
ihr anvertraute, Aber es tat gut,
ein wenig abzuladen. Die sah weiter,
und sie riet mir, Ganz alleine
einen Urlaubstag, Vielleicht auch
zwei zu nehmen, Und ich sollte
doch verreisen, Eine Galerie besuchen,
mich mit Bildern, Die ich doch so
liebte, zu befassen. Darin läge auch
die Chance Von allem wieder
etwas Abstand zu gewinnen, Und sonst müsste
man dann sehen, Wie es
weitergeht. Ich sollte auch
das Schreiben nicht vergessen, Das sei mir doch
wichtig, Und sie hatte
recht. |
Sie war ein guter
Mensch Und litt auch
etwas unter einer Neugier, Wie die Sache
zwischen ihr und mir Nun schließlich
enden würde, Und ich sagte
ihr, dass ich von dem Vertrauen Zwischen ihr und
mir Der andren gern
erzählen würde, Und ob sie
dagegen etwas einzuwenden hätte. „Schließlich“,
sagte ich, „Spricht sie ja
auch mit ihrem Mann darüber“. „Der ist ja ihr
Mann, Und das ist etwas
anderes, Und ob sie sich
daran gewöhnen kann, Dass ich auch
alles weiß, Kann ich nicht
wissen“. |
|
58 Eigentlich hatt ich erwartet, Dass sie meinen Vorschlag ganz und gar Verwerfen würde, und ich dachte, Dass sie ihn jetzt nur in Frage stellt, Hat diesen Grund: Wenn sie sich mit der Freundin über mich Wird unterhalten können, Wird sie endlich wissen, 0b nun etwas zwischen uns passiert ist Oder nicht. Sie glaubt mir doch noch nicht so recht. Ich sagte ihr: „Sie können sie dann nach der Wahrheit fragen, Denn Sie denken doch noch, Dass da etwas war. " „Ich kann nicht glauben, Dass es zwischen Ihnen beiden Nichts gegeben hat, als Quälerei Und das, was Sie mir sagten. |
Jeder Mann packt die Gelegenheit Beim Schopf, wenn sie sich bietet, Und dies ist ein schöner Schopf, Und sie ist eine kluge Frau. Es ist für mich, wenn ich ganz ehrlich bin, Nicht zu verstehen, Dass Sie so etwas verstreichen lassen Und an ihr vorübergehen, Und sie bietet sich noch an. Im Grunde sind Sie ganz schön dumm Und später wird es Ihnen sicher einmal leidtun“. Dass sie mir nicht glaubte, Hatte ich ja angenommen, aber nicht, Dass sie mich nicht verstand, Und nicht, dass sie nicht sah, Wie schwer ich mir erkaufen musste, Was ich mir bewahren wollte. |
Und ich dachte, Ja, du willst dir eine Wahrheit retten, Die ist längst schon überholt, Und selbst die braven Leute lachen Über einen Ritter so wie mich. Ich sagte: „Gut, wir werden sehen, Und ich muss mich sehr beherrschen. Denn die Frau ist mir durchaus nicht gleich, Und mein Gefühl darf ich hierbei nicht fragen. Ihren Vorschlag finde ich sehr gut. Ich werde für zwei Tage Urlaub nehmen, Ihr nichts sagen Und mich andren auch sehr schönen Dingen widmen“. |
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59 Und die Freundin scherzte „Auf der Reise lernen Sie vielleicht Noch schöne Frauen kennen“. Ich neige oft dazu Mich einer Eingebung zu beugen, Kommt die noch dazu von einer Frau, Der ich vertraue, um so besser. So beschloss ich eine Reise in die andre Stadt Und nahm dafür zwei Tage frei Und reiste auch alleine, Und Zuhause gab es keinerlei Probleme, Ganz im Gegenteil bestärkte mich noch meine Frau. Das Ziel der Reise sollte eine Kunstausstellung sein, Die wäre nie in unsre Stadt gekommen. Fast sechs Stunden dauerte die Fahrt dorthin. Ich nahm den Zug Und war schon in der Morgenfrühe Auf dem Bahnhof. |
Nur ein Zeitungsstand, der neben den Journalen Auch ein wenig Literarisches vertrieb, War offen. In dem Fenster sah ich unverhofft Ein Kunstbuch liegen. „Künstlerinnen", hieß es nur, Das kaufte ich mir für die Fahrt. Der Umschlag dieses Buches Sprach mich ungewöhnlich an. Ich wusste nicht warum und hatte jetzt Auch keine Zeit, um es herauszufinden. In dem Wagen war es sehr bequem. Ich schlief die erste Stunde, Dann schrieb ich an meinen Texten, Und damit ich irgendwie zur Ruhe kam, Nahm ich die ‚Künstlerinnen‘ Und sah mir das Titelbild genauer an. Ich sah das Bildnis einer jungen Frau, Und nun las ich es nach, Es hing im ‚Centre Pompidou‘, Dort hatte ich es auch schon mal gesehen. |
Eine freudige Erinnerung vermischte sich Mit eigenartigem Erkennen, Denn die dargestellte Frau Mit blonden Kunststoffhaaren, Mit dem grünen Kunststoffkleid, Dem Kunststoffleib, Dem eingelegten lebenslosen Leben, Das zugleich mit der Lebendigkeit, Als hätte man es eben zur Verbreitung unsres Lebens In die Welt gesandt, dem Kunstfreund In die Augen sprang, War das Phantombild jener Frau, Nach der ich dauernd auf der Suche war, Es war die Frau, die in mir lebte, Die ich überall entdeckte und nicht
sehen konnte, Sie war Mensch und Plastikfrau in einem. Dieses Bild von ‚de Lempicka‘ Wollte ich mir endlich einmal merken. |
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60 Lange dachte ich darüber nach Und hatte aus dem Buch nur dieses eine Bild Betrachtet. Gegen Mittag kam ich in die Stadt Und ging gleich ins Museum, in die Galerie. Ich gab mir alle Mühe, doch Ich konnte die Gedanken nicht auf diese Werke lenken. Immer wieder dachte ich an sie Und setzte mich gequält auf einen Stuhl. Der Nachmittag verging, Ich hätte mir ein Zimmer suchen sollen, Und ich floh aus dem Gebäude. Als ich draußen war, War ich sofort entschlossen und ging auf die Post, Und rief, als wäre es das Selbstverständlichste, In ihrer Wohnung an. |
Sie konnte grad von ihrer Arbeit Heimgekommen sein. Ich ließ es einmal klingeln Und ihr Mann ging an den Apparat Ich nannte meinen Namen Und verlangte seine Frau, falls sie Zuhause sei. Sie kam und wusste gleich Bescheid. Ich sagte ihr: „Ich halt es nicht mehr aus“. Sie: „Ja, ich weiß. Wo bist du denn.?" Ich sagte: „In sechs, sieben Stunden Könnt ich bei dir sein. Wir hätten dann den Rest der Nacht Und einen ganzen Tag für uns; Das würde keiner merken. Könntest du ein Zimmer finden, Könntest du von deinem Mann..“. |
Ich schwieg, und sagte dann sofort: „Hört er dir zu, ist er mit in der Leitung?“ „Nein, er ist im
andren Zimmer. Aber er wird hören, was ich sage“. „Könntest du denn kommen? " „Sag nichts mehr, ruf mich In zehn Minuten wieder an, Dann weiß ich alles, dann ist das geklärt“, Und unterbrach die Leitung. Ich war stolz auf mich Und hatte endlich einen eignen Schritt getan, Und suchte mir die Ankunftszeiten aus dem Plan, Dass sie mich treffen könnte, Und ich dachte auch: ‚Verflucht, wenn sie nun ihre Tage hat, Dann kann sie auch nicht kommen, Und wir müssen die Gelegenheit verstreichen lassen‘. |
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61 Dann rief ich zurück. Sie war am Telefon und sagte: „Ja, ich komme“. „Was sagt denn dein Mann dazu?" „..erfährst du später. Sag mir, wann du kommst“. Ich gab ihr eine Uhrzeit an, Die war genau um Mitternacht. Wir sagten uns auch zwei, drei liebe Worte, Und ich fragte nach: „Was sagt dein Mann dazu, hört er jetzt mit?“ Sie sagte: „Nein, Ich glaub, ich hab ihn sehr verletzt“. Dann sagte ich: „Kannst du denn überhaupt?" Sie darauf: „Ja, es geht“. Ich wunderte mich insgeheim, Dass sie verstanden haben musste, was ich meinte, Grüßte sie und hängte meinen Hörer ein. |
Die Zeit verging nicht schnell
genug, Ich dachte nicht an meine Frau, Und meinen Gott hielt ich in meinem Rücken, Mochte er mir, wenn er wollte, Über meine Schulter blicken, Heute wollte ich nur sie Vor meinen Augen haben. Dann fuhr ich zurück. Es war zu dumm: Die Ausstellung war mir zu viel gewesen, Und in dieses Buch der Künstlerinnen Konnte ich mich ganz vertiefen. Nie im Leben, dachte ich, Werd ich die ‚Plastikfrau‘ vergessen, Und ich übertrug das Bild auf sie. Es passte ihr wie angegossen. Sie, so dachte ich, ist die
Verkörperung Des Bildes, das ich sah. Ich dachte intensiv an sie, Und ihre Stimme war in mir, Die sprach mich an und rief aus mir, Ja, ihre Stimme sprach in mir aus mir: |
‚Du bist der Mann aus Blech dazu‘, Und lachte laut zu mir und lachte wieder: ‚Mann aus Blech, ein Mann aus Blech, Der ist nicht zu verbiegen!‘ Alles war so wahr, Dass ich mich heimlich umsah, Aber niemand sah zu mir, Der Wagen war fast leer. Ich hatte mich vor mir erschrocken. Langsam blätterte ich weiter in dem Buch Und dachte: ‚Mann aus Blech und Plastikfrau, Wie sollen die sich jemals lieben können?‘ So entstand in meinem Kopf ein Stillstand, Der war fürchterlich, Es war ein Teer, der in der Sonnenwärme Aus dem umgeworfnen Eimer kroch. |
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62 Dann sah ich auf ein andres Schreckensbild, Das sprach noch deutlicher mit mir. Ich sah das Bild der ‚Gentileschi‘: ‚Judith köpft den Holofernes‘. Dabei dachte ich zuerst, Die Mörderin hat keine Übung, Und es ist für sie gewiss das erste Mal. Ich lehnte mich zurück Und kurze Träume tauchten auf, Die pendelten sich zwischen Wachheit Und erschöpftem Schlafen ein, Und Wachheit wurde dabei Schlaf Und Schläfrigkeit war voller Wachsamkeit. Die Träume trieben mich auf dünnes Eis, Und ich brach ein Und konnte doch vor jedem Einbruch fliehen. Alles brachten sie mir durcheinander: Frauen, die mich köpften; Eine Frau, die freundlich zu mir war, Mich dann verlachte; Einer Frau lag ich im Schoß, Die hatte dort und statt der Brüste Schubladen, |
Die ich ihr öffnen musste, Und die gähnten mich in ihrer Leere an; Und Frauen waren in den Träumen, Die ich nie zuvor gesehen hatte Und nicht kannte. Dann erwachte ich Und war schon fast Zuhause. Meine Stirn war etwas feucht vom Schweiß. Ich saß in einem Wagen, der war ohne jede Unterteilung, In der Mitte war ein langer Zwischenraum, ein Flur, Den gingen dauernd Leute auf und ab. Ich blickte hoch und plötzlich wurde ich gegrüßt Und wusste nicht, von wem. Man sprach mich an, Sie sei die Dame aus der Nachbarschaft, Drei Häuser weiter, Und ich sei wohl in Geschäften unterwegs. Sie sagte noch: „Wir haben‘s gleich geschafft“. |
Ich wagte nicht mehr nachzudenken, Und sie war schon fort. Im zweiten Augenblick erkannte mich ein Herr, Den hatte ich zu grüßen, Und er war erleichtert, dass ich es auch tat, Und kannte mich mit Namen. Aus dem höchsten Turm fiel eine Glocke Und zerschmetterte mich unter sich. Ich stieg als Letzter aus dem Zug. Der fuhr nicht weiter, Stand und stand und stand. Dann kam sie mir entgegen, Und sie fand sofort heraus, Dass wieder etwas gegen uns gehandelt hatte, Und ich sagte ihr „Nun geb ich‘s auf Und will nicht mehr Und mag und kann nicht mehr“, Und gab ihr auch die Leute an. Sie glaubte mir aufs Wort. |
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63 „Du machst dir noch Gedanken Über diese Witzfiguren“, sagte sie, „Vielleicht denkst du einmal an mich Ich habe meinen Mann verlassen“. „Das versteh ich nicht. Was soll das heißen: Habe meinen Mann verlassen“. Und sie wiederholte: „Habe ihn verlassen. Habe ihm gesagt, Dass ich ihn nun verlasse Und hab auch gesagt, warum, Und dass wir nun zusammenziehen werden“. „Heute Nacht und morgen“. Gut, sie gab mir einen Kuss, Das hatte ich versäumt und holte es nun nach. Wir hielten uns Und brauchten beide diese Stütze. Dann fing ich noch einmal an: „Ich glaube, das sind alles Zeichen gegen mich“. |
Sie schrie, Dass es im ganzen Bahnhof widerhallte: „Nein!" Und dann zu mir: „Jetzt machst du, was ich sage!" „Gut, hast du ein Zimmer?" „Nein, wir gehen ins Hotel. " Ich sagte: „Das wird viel zu teuer, Soviel Geld hab ich nicht mit. Bei uns ist alles eingeteilt, Ich weiß nicht einmal, wie viel ich verdiene“. „Spar dir die Gedanken. Geld hab ich genug dabei“. Sie war nun voller Energie Und wollte es zu Ende bringen, Und ich sagte schnell: „In Gottes Namen“. |
Darauf Sie: „Der wird nichts ändern“. Drüben in der Seitenstraße sagte sie: „Geh du voran und schreib den Meldeschein“. Wir gingen ins Hotel, Und sie war eng an meiner Seite. Ja, ein Doppelzimmer war noch frei. Dann trug ich meinen Namen und den ‚Namen meiner Frau‘ auf diesen Schein. „Sie sind aus dieser Stadt?" Ich sagte "Ja, wir beide“. „Tut uns leid, Dann dürfen wir Sie hier nicht übernachten lassen“. Ich verstand die Dame nicht: „Was ist denn das?“ „Ja, wir sind leider dazu angewiesen. Von der Direktion, verstehen Sie. Den anderen Hotels ist es genau wie uns Verboten“. |
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64 Draußen auf der Straße war es eisig kalt. Sie sagte schnell: „Die sind total verrückt, Wir suchen uns ein andres Zimmer“. Und ich sagte: „Nein, Das ist für mich die dritte Warnung. Nichts wird mich mehr dazu bringen!" Plötzlich fing sie an zu weinen, Und sie könnte nicht nach Haus zurück. Dann schimpfte sie auf mich, Ich hätte alles nur so eingefädelt, Um sie neu zu quälen, |
Und sie sei so ‚saudumm‘, Dass sie noch einmal darauf reingefallen wäre: "Ja, du bist ein Schwein!" Das kannte ich Und fühlte mich nicht schuldig Und war frei und nicht durch mich. Es sollte, dachte ich nicht sein, Und ließ sie endlich einfach stehen. In der Bahnhofstür hielt ich mich noch Fast eine Stunde auf, sah unentwegt zu ihr. |
Sie blieb, wo ich sie hatte stehen lassen. Sie fuhr ab und zu Mit einem Taschentuch in ihr Gesicht. Dann ließ ich alles sein Und fuhr nach Hause. Morgen würde ich, als wäre nichts geschehen, Wieder arbeiten Und meinen Urlaub streichen lassen. |
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So begann ein neuer Tag in Demut. Meinen ganzen Mut
nahm ich zusammen Und rief bei ihr
an und fragte: „Lebst du noch“,
und: „Kannst du mir verzeihn?" Sie hatte einen
frohen Ton in ihrer Stimme, Sagte gleich: „Wir haben Pech
gehabt, Und das ist
alles“. Darauf sagte ich: „Ich hab dir
lange nachgesehen“. "Ja, ich
weiß. Ich dachte auch,
du würdest dich besinnen Und noch einmal
kommen“. |
„Konntest du mich
sehen? Woher weißt du
das“. „Ich stand vor
einer großen Fensterscheibe, Und du hast dich
drüben in die Tür gestellt. Ich hab dich
immerzu beobachtet“. Jetzt konnte sie
darüber lachen, Und ich war
erleichtert. „Du da drüben
hattest nur den Rückenakt der Dame, Und ich hatte
dich frontal in meinem Spiegel“, Sagte sie. |
„Dann bist du
wirklich nicht mehr böse?" „Nein, bestimmt
nicht“. "Und dein
Mann?" „Der fand es gut, Dass ich so
schnell nach Hause kam. Genau gesagt, War er nicht da, Als ich Zuhause
war“. „Es ist doch spät
geworden.. Also gut“. Wir legten auf, Es kam ein
anderes Gespräch dazwischen. Alles schien mir
unwahr, Und auf meinen
Augen klebte noch der Rest Von einem
Spinnweb, Das ich mit den
Fingerspitzen Fortzuziehen
suchte. |
|
Im Sommer nahm sie plötzlich Ihren Urlaub. Davon zeigte sie der
Freundin Und den andren
Bilder, Mir, und nicht
den anderen, jedoch ein Bild, Auf dem sah man
die Doppelbetten stehen. Sie lag ganz
allein und brav darin. „Da hat dein Mann
dich aufgenommen?" Fragte ich. Sie wusste, dass
ich sie verstanden hatte. Dazu nickte sie. Es war das Picken
eines Vogels Aus der Tränke. |
Mir schien sie
sich gut erholt zu haben, Hatte eine schöne
Farbe im Gesicht, Und mit der
Stimme, Deren Lachen ich
so liebte, Stieß sie bis in
meinen Himmel, Und ich dankte
meinem Gott, Dass ich sie
wieder sehen durfte. Ja, ich hatte sie
vermisst, Bis zur
Verzweiflung nach ihr ausgeschaut Und hatte mich
zugleich beruhigt: Das ist eine
Medizin, Die wird dir gut
bekommen. |
Unser Umgang
miteinander war nun wieder etwas Distanziert, und
sie sprach nicht ein Wort Von der Beziehung
zwischen uns. Wir sagten im
Büro auch zueinander „Sie". Dann feierten wir
den Geburtstag, Den sie hatte,
und ich schrieb ihr ein Gedicht, Das spielte nicht
auf unsre Liebe an. Ich schrieb vom Freiheitskampf Der Gummibärchen,
die in Tüten leben, Und dann, wegen
ihrer Süße Als Bonbons
gegessen werden. Das Gedicht ging
so: |
|
67 Die Zeit der
Gummibärchen ist vorbei, Sie schrien umsonst Nach einer dummen Freiheit. Kinder haben die Bonbons
gegessen; Von den aufgeblasnen
Tüten Blieb ein Knall. |
Man lässt das Unkraut Wieder in den Gärten wachsen. Zwischenwege, die einst waren, Sind vergessen. . |
Irgendwo entsteht ein neuer
Ursprung, Den erkennt man An der ausgestreckten Hand. Die schneidet einfach Fenster In die Landschaft. Das bringt Raum Und großen Abstand. Natürlich hatte
ich auf vieles angespielt |
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Im Oktober sandte sie mir einen Brief. Ich hatte meine Liebe
nicht verhindern können Und nicht kühlen
können, Und ich dachte so
zu mir: Wenn sie nun
nichts mehr sagt, Dann wird sie es
vergessen haben, Und es kann auch
sein, Dass sie ein Kind
erwartet Und es mir nicht
sagen mag. Es kann auch
tausend andre Gründe haben, Und ich redete
mir eine Ruhe ein, Die konnte keine
Ruhe werden, Aber ich hielt
still Und bastelte an
meinem Scherbenhaufen. Was benutzbar
war, wollt ich für mich Verwenden und
gebrauchen. Die Lektion, so
dachte ich, Ist letzten Endes
gut. Soweit war ich,
als ich den Brief bekam. Der Vorsatz, ihn
nicht mehr zu öffnen, War dahin. |
Ich musste, um
vor mir ein wahrer Mensch zu bleiben, Alles wissen, was
sie schrieb. Nach diesem Brief
erhielt ich einen zweiten Und danach den
dritten und.... Ich. dachte, dass
ich sie Und damit mich
verstehen lernen würde, Lernen könnte mit
uns beiden besser umzugehen, Und ich gebe ihre
Briefe nun, Im Nachhinein, so
wie sie kamen wieder. Wochen liegen
zwischen ihnen. Mögen sie aus ihrer
Sicht ein Bildnis sein. Dazu gehört
jedoch, dass ich den allerersten Brief, In welchem sie
das Angebot, Für mich zu
arbeiten, verfasste, Auch vorlese, Weil man sehen
wird, Dass sie mit
ihrem neuen Schreiben darauf fußt. Den Brief
schreibt sie nach Mitternacht Und redet mich
darin nicht an. |
Der erste Brief: „Ich liebe dich
und mache dir ein Angebot. Zum Ersten liebe
ich nur dich, Und mich und alle
anderen verrate ich damit. Zum Zweiten biete
ich dir an, Für dich nach
Feierabend Und an Wochenenden
deine Texte abzuschreiben. Drittens bleibe
ich noch zwei, drei Jahre In der Firma, Dann versuche ich
zu wechseln, Um mehr zu
verdienen, Und du brauchst
nicht mehr zu arbeiten. Wenn du“, fährt
sie nun fort, „An meiner Absicht,
ihrer Echtheit, zweifelst, Dann leg deine
Hand Auf meine linke
Brust. Mein Herz ist
zwar gebrochen, Aber deine Liebe
wird es dann lebendig machen. Unterschrift“. Sie hatte aufs
Papier des eigenen Vertrags geschrieben, Den sie mit der
Firma abgeschlossen hatte, Dass ich sah, was
sie verdiente. |
|
69 Nun kam jener zweite
Brief, Der sich darauf bezog- (Am Anfang schreibt sie meinen Namen, Nur den Namen und daneben stehen Datum und die Uhrzeit. Es ist mittags.): Ich bezieh mich auf mein ‚Angebot‘, Das kann in dieser Form nicht gültig bleiben. Zu Punkt eins: Ich glaube zwar, Die Fähigkeit des Menschen zur Veränderung, Sich zu verändern, Ist nicht ohne Grenzen möglich, Ich jedoch, will mich nicht künstlich so beschränken. Eine Freiheit, mit dir in Verbindung, ja, Das heißt, wenn sie mir alle Möglichkeiten offen lässt. Ich akzeptiere die Zerstörtheit in uns beiden, Aber es verbietet mir ein Trieb, Aus dem heraus ich dich so sehr, sehr liebe, Mich auf der Zerstörtheit auszuruhn. |
Die Liebe, die ich für dich habe, Ist das Gegenteil von Tod Und springlebendig, Ja, mein. Lebenswille Bricht durch alle destruktiven Komponenten Unserer Beziehung; Deshalb diese Korrektur zu meinem ‚Angebot‘: Zu eins: Ich liebe dich. Zu zwei: Ich möchte viel mehr über dich erfahren. Lies mir vor von dem, was du geschrieben hast Und lass mich fragen, Lass dich auch auf meine Fragen ein. Zu drei: Ich lehne es ganz einfach ab, Dir weiterhin noch mehr die Illusion zu geben, Dass du dich von den Bedingungen, Die realistisch um dich sind, Entfernen kannst. |
Das heißt, du kannst dich nur verändern, Wenn du dich auf alle die Erscheinungen, Die dich umgeben, Mit dem ganzen Wesen einlässt. Außerdem, wie soll ich mich entwickeln, Wenn ich alle meine Zeit Für fremde Zwecke opfere. Ich will nicht opfern sondern helfen. Helfen will ich gerne. Solche Unterstützung kann dir helfen. Sag mir, was du denkst. Ich mag dich“. (Unterschrift) Wohlgemerkt, Ich ließ die Schreiben unbeantwortet. Vielleicht auch, weil ich sie nie ganz verstand. Sie standen mir im Gegensatz zu einer Und zu meiner Liebesabsicht, Und die sollten sie, so dachte ich, doch grad begründen. |
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70 Dritter Brief (Mein Name, Datum): „Wollen wir das Werk derjenigen, die uns zerstör(t)en, Selbst auf diesem Weg vollenden?" Damals wusste sie nicht, dass ich ihre Briefe wieder las, Daher der nächste Satz: „Solange diese beiden Briefe ungeöffnet bleiben, Gibt es für uns keine Lösung. Einen Waffenstillstand kann es nur dort geben, Wo der Krieg herrscht. Das heißt nur, man schreitet mit Gewalt in den Konflikt, Und Krieg und Waffenstillstand Können niemals Mittel sein, Um das Problem zu lösen. Jedes zwanghafte Vergessen Ist Heraufbeschwören Einer Fehleinschätzung der Realität, Heraufbeschwören unberechenbarer Ängste Und der Kriege“. |
Vierter Brief (Nur Datum, Uhrzeit: nachmittags halb sechs): Verständigung Ist eine utopische Dimension von Sprache. Einen einmal angefangenen Prozess In der Verständigung zu unterbrechen, Heißt auf den Verständigung Versuchenden Und den Verständigung noch Suchenden. Gewalt in stärkstem Maße auszuüben, Und sich der Gewalt nicht zu entziehen, Nicht mit anderer Gewalt dagegen anzukämpfen, Heißt sich der Verletzung auszusetzen. |
Ich bemerke, wie an mir die Risse Und die Wunden immer größer, Immer tiefer werden, Und ich sage dir, Solange ich das Brennen Meines rohen Fleisches spüre, Brauche ich die Hoffnung noch nicht Aufzugeben. Weg von dem Sadismus, Masochismus, Der sich weidet an der Quälerei. Lass Wunden zu, Um ihre Konsequenzen, ihre Wurzeln Zu erforschen, um zukünftig Leiden Von derselben Art ganz zu vermeiden. Daraus wächst die neue, ungeheure Kraftentfaltung; Eine Energie wird freigesetzt, Sie lebt von völlig neuen Konstruktionen“. |
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71 Fünfter Brief (Ganz ohne Namen, nur mit Datum Und gehetzt geschrieben): „Du kannst sagen, Was hab ich mit dir zu schaffen, Du kannst sagen, Dass du nichts mit mir zu schaffen haben willst. Mir darfst du aber eines nicht, ‚Vergiss mich!‘ sagen. Damit zwingst du mir mit allen Konsequenzen auf, Was du von der ‚Beziehung‘ zu mir hältst, Du willst damit auf meinen Willen Einfluss nehmen. Sicher könntest du von mir verlangen, Dass auch ich mit deinen Augen sehen lernte, Die Realität, in der du lebst, Verstehen lernte. Eines aber darfst du nicht, Du darfst mir nicht verschreiben, ja, verschreiben, Was ich mit Gedanken und Gefühlen, Ob für dich, für mich zu machen habe. Das ist meine Sache. |
Mit mir kannst du machen, was du willst, Und hoffentlich erwartest du nicht, Dass ich dir zum Wohlgefallen alles mache Und nur deiner Fährte folge, Dass ich etwa sagen müsste: Du hast Schuld an mir, dass ich so bin. Doch was ist Schuld, Was ist das, eine Schuld? Ich habe nichts mit ihr zu tun. Sie macht mich höchstens traurig, Und sie ist nicht mein Gefühl, Sie hat mit dir zu tun.. Ja, das Empfinden einer Schuld Ist Seelenwäsche jedes einzelnen. Versuche etwas: Werd lebendig! Mehr wirst du dagegen kaum noch machen können! Frag dich: Warum ist sie traurig, Hab ich daran eine Schuld? Kann ich es ändern, und: Warum, ruf ich in ihr Die Traurigkeit hervor? |
Die Schuld hat zwei gewollte Konsequenzen: Sie macht klein und unterdrückt, Und kleinlaut werden die Gedanken, Die man wegen einer Ungerechtigkeit Zum Himmel schreien müsste. Das gilt auch für die Verhältnisse, Die überhaupt bestehen. Ja, die Schuld an einem selbst Verhindert es, die andren Missetäter auszurufen. Zweitens brauchen sich die Menschen selbst Nicht zu verändern. Das ist doch bequem, Ein Ruhekissen für Empfindungen, Es ist ein Garten mit beschilderten Gefühlen, Anzufassen, zum Berühren. |
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72 Eine Züchtung reiht sich an die andere. Sie sind zum Kennenlernen, Und man lernt sie so nicht kennen. Schließlich lebt man ja nicht In der Wildnis, Und es kostet viel mehr Energie Lebendige Personen wahrzunehmen, Ihnen mit den Mitteln eines „Menschen" zu begegnen, Als sie in ein ‚Fach‘, das grade passt, zu legen Und sie abzustempeln: Ist moralisch zu vertreten oder nicht. Es ist ein Stempel, den die ‚andren‘ Wohl genauso geben würden. Schließlich wird man selbst zum Opfer, Selbst zum Stempel, Den benutzen dann die ‚andren‘. „Ich hab Schuld daran.“. ist leicht zu sagen, Das ist weiter nichts als Schubfach drei von oben mit dem Schild: |
‚Für Unwohlsein, für Selbstvorwürfe Und für Eigenzweifel‘. Schuld ist weiter nichts, Als Vorprogramm für seelisch-geistige Verarbeitung Und eigentlich die geniale Falle Unseres Zusammenlebens: Hast du Schuld, bist du in sie geraten. Schuld engt ein, hemmt deine Neugier Andre Leben zu probieren: So macht sie dich dumm. Du kannst nichts mehr in Frage stellen. Wenn du Schuld empfindest, Bist du in der Wiederholung, eines Machtverhältnisses, Dem kannst du nicht Aus eigner Kraft entkommen. |
Die ‚Verwertung‘ schreitet fort. Ich komme nun zu dir. Du hast von mir verlangt, Dass ich, wie du, das Spiel mitspiele Und dich so entschuldige, Das zieht dich weiter ins ‚Verderben‘, Und ich sehe mir das nicht mit an! Hier ist die Punkt, hier ist die Stelle, Wo sich unsre Welten trennen Oder richtiger, Wo unsre ‚Welten‘ aufeinander stoßen, Wo zwei ‚Welten‘ sich begegnen. Hier verlöre ich, was ich den ‚Glauben‘ nenne, Den an dich Und alle lebenden Geschöpfe. Deine Antwort höre ich: „Auch ich hab einen, meinen Glauben, Den geb ich nicht auf“. |
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73 Wir müssen über unsren Glauben Miteinander reden können Und Bereitschaft zeigen. Allerdings bin ich der Meinung, Dass ich dich von meinem Glauben überzeugen kann, Und dass er für uns beide gut ist. Du hast diese Hoffnung nicht. Dein Glaube lässt nicht mit sich reden. Alle wären wir verurteilt still zu stehen, Lebten einer neben jedem anderen Und kämen nicht voran und nicht zurück. Die Kriege, alle Kriege, sind aus diesem Grund Am Leben. Wenn wir etwas retten wollen, Dann doch uns zu allererst! Wir müssen sehen und erkennen Wie wir aufeinander angewiesen sind. Das will ich nicht im negativen Sinn Für mich begrenzen, Weil ich weiß, wohin das führt, Mein Selbstbewusstsein braucht das nicht, Ich kenne diesen Trick. |
Ich will sehr viel Vertrauen, Dialoge. Jede Rangelei um ‚Güter unsres Glücks‘ Verdrießen mich, Ich mag sie nicht, Ich mag sie weniger als möglich. Daran wächst ein schlimmer Dorn: Man denkt sehr leicht, das wäre Überheblichkeit. Dem setze ich mich aus. Wenn der mich sticht, Brech ich in mir zusammen Und bin hilflos. Dir macht das nichts aus. Es stört dich scheinbar nicht, Dass ich den Abstand halte. Deshalb dachte ich, du wärest so wie ich, Du wärest wirklich ‚Ich-bezogen‘. Doch dein ‚Ich‘ ist weiter nichts Als eine Zucht, Die kommt aus einem Schrebergarten! |
Glaube, Liebe, Hoffnung, wachsen wild! Die kann man nicht begießen Und beschneiden, Denen kann man nicht zu gradem Wuchs verhelfen. Ja, die wachsen in der Freiheit auf, Die haben alle drei denselben Boden; Ihre Wurzeln ähneln sich, Das ist kein Zufall. Sie bedingen sich einander, Und ich kann sie nicht in meiner Seele Voneinander trennen. Doch dein Glaube schließt die Liebe aus, Und du lebst auch in einer Wildnis, Aber die ist karg und unfruchtbar, Dein Weg ist falsch. Du bist so voller Widerspruch, Denn alles machst du nur, Um ausgetretne Pfade zu
vermeiden, Und in Wahrheit gehst du immerfort auf ihnen, Siehst nicht links nicht rechts davon Und, was noch schlimmer ist, Siehst nicht in dich dabei. |
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74 Dein drittes Auge, das nach innen sieht, Hast du dir, scheint es, Ausgestochen, Und man denkt, Wenn man dich sieht: ‚Der hat ein großes Ziel vor Augen, Und gewaltig ist sein Marsch‘. Das müsste dir zu denken geben, Denn du siehst nicht, Dass du dich von etwas fortbewegst. Du stehst dir selbst im Rücken und im Wege, Und du fliehst vor dir, vor deinem ‚Ich‘. Dem ‚Ich‘ in dir lässt du in deiner Existenz Ein kümmerliches Dasein, Das hält sich nur auf Papier, In den Gedichten, die du schreibst, In den verschlüsselten Geschichten. Deinem ‚Ich‘ gestattest du es nicht, Sich auszuruhn. |
Es wird von dir gequält, Weil andere dich quälten. So gesehen, sehe ich, Dass du dir mit dem Schreiben Eine Freiheit baust, Die könnte eine Freiheit werden. Aber gibt es nicht umfassendere Arten, Ohne auf das Dichten zu verzichten? Mögen meine Bleistiftmine, das Papier Für diesen Brief, für diese Zeilen Auch vergeudet sein, Und meine Zeit hätt ich vielleicht Für Häuslichkeiten besser nutzen können, Hab sie so mit Denkbarem vertan, Doch dies ist eigentlich, Was ich dir sagen wollte: Nichts kann meine Liebe zu dir löschen, Auch du selber nicht (Und Lieben schließt die Wut nicht aus, Die geht vorüber). |
Trennung, räumlich uns zu trennen, Ist nur die Verschiebung des Problems. Und ein Beiseiteschieben Ist von neuem Flucht, Und wenn du mich aus deinem Denken ausschließt, Mich in dir nicht wohnen lässt, Lieb ich dich deshalb doch nicht weniger. Ist das nicht eine ‚ideale‘ Liebe? Liebe unter jedem Umstand und bedingungslos? Kann ich nicht anders, weil ich machtlos bin, So machtlos wie ein Kind? Ich bin doch gar nicht machtlos, Könnte mich ja gegen meine Selbstverstümmelungen Wehren. |
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75 Wie du siehst, such ich mir meine Wand, Und renne gegen sie, so oft ich will. Und diese Wand wird stehen bleiben. Ist es das, in was ich mich verliebte?! Dieses ist in unserer Beziehung Das, was mich zerstört. Du bist die Macht darin. Kannst du dich wiederfinden? Also zwing ich mich, Die Augen aufzuhalten. Nichts davon soll sich an mir, der Blinden, Wiederholen, Und ich will erkennen, |
Wann ich mich dagegen wehren muss: Denn trennen will sich die zerstörerische Liebe Von der Liebe, die im Wachsen ist. Zerstörerische Liebe ist ein Schein, Die sonnt sich in der Tradition. Die andere wird Blüten tragen wollen. Hör nun zu, was ich dich frage: Kann ich diese Trennung finden, Kann sie mir gelingen? |
Hätte sich die Wiederholung gleich verhindert Und vermieden mit dem ‚Nein‘, Dem ‚Nein‘, das ich als erstes hätte sagen müssen? Ist die Chance (schon) verpasst? Wenn das so ist, Dann wiederhole, inszeniere ich mit dir, Mit jedem neuen Tag, Das Leben einer ungeliebten Tochter. |
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76 Dann erfahre ich an dir mit jedem Tag Den Vater, der die Liebe seiner Tochter Nicht erwiderte. Das wär ein Spiel, Zu grausam inszeniert, Um länger zu bestehen, Und ich will, ich will, ich will es enden. Ist es mir noch immer nicht gelungen? Manchmal denke ich auch völlig anders, Denke, dass mir eine Anstalt helfen könnte. Doch dann sehe ich vor mir die Seelenärzte, Die mich wieder ‚funktionieren‘ lassen möchten, Und nach ei n paar Wochen wird es heißen: Ab in die Verwertung. |
Der Prozess beginnt von neuem Weil die Prozedur nicht endete. Den Ärzten gegenüber bin ich voller Misstraun,
Und ich sagte dir
ja damals, Dass ich mit dem Arzt… War das der Reiz, Warum ich ihn an meinen und in meinen Körper Und in meine Seele ließ? Nun hab ich etwas Angst, Dass du dich bei dem Lesen langweilst, Auch, dass ich dich so vielleicht Von deinem Werk entfernt und abgehalten habe. Ist es so, dann finde ich es trotzdem Sehr, sehr traurig. |
Übrigens bedeutet Anstalt Freiraum. Frei im Raum von jeder Pflicht. Allein dies Wort ist Schutz, Jedoch ein Schutz, den es nicht gibt. Ich bin die Feindin des Systems, Und das System ist überall. Die Folgen des Systems sind tief in mir Verwurzelt. Darum wünsche ich mir auch Oasen Und ich halte danach Ausschau, Ausschau halte ich
nach etwas, Das es gar nicht geben kann. Ich blicke trotzdem hoffnungsvoll umher. Ich träume heute Nacht bestimmt von dir. (die Unterschrift) |
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77 Ich wurde ziemlich krank, Ein Fiber saß in meinem Körper Und stand in der Tür, Zum Sprung bereit auf meine Seele. Da schrieb sie mir mit der Freundin einen Brief, Der gab mir, wieder Freude. Und sie schrieb zum Schluss: „…Nachdem wir hier den höchsten geistigen Und den moralischen Bedürfnissen Die Stirn geboten haben, Treten wir ermattet aber selbstzufrieden, Unsren Heimweg an. |
Wir wünschen gute Besserung. Jedoch bedauern wir zutiefst, Dass wir Sie im Moment so wenig ärgern können. Es entgeht uns dadurch doch ein gut Teil Wahrer Lebensfreude?“ Diese Späße mochte ich. Die grüßten mich und trugen so Zu der Gesundung bei. |
Der fünfte oder sechste Brief War die Kopie von aufgeschriebnen
Oder abgeschriebnen Folgerungen, Die mich sehr verwirrten. Er enthielt nicht einen Namen, Nur ein Datum, und es schossen Pfeile Zwischen den Begriffen, die dort standen, Hin und her. Sie sprach von Zwang und Pflicht, Von Lust, Struktur, Verarbeitung, Funktion und Abwehr, vom Vergessen Und vom Sich- Erinnern. Alles schien mir wirr, und war vielleicht Ein Abriss aus der Studienzeit. Ich habe nie danach gefragt. |
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Das Jahr ging ruhelos zu Ende, Und wir mieden
uns Und. sahen uns
nicht in die Augen. Und begegneten
uns kaum, Doch stand von
Kopf zu Kopf auf uns Ein weißer Bogen
hellen Lichtes, Der saß fest Und sprang nicht
ab Und ließ uns zu
den Säulen eines Eingangs werden. Ohne, dass wir
miteinander sprachen Trug der uns
einander die Gedanken zu Das endete den
ganzen Tag nicht Und nicht in der
Nacht. Der Bogen wurde
immer greller, Und je näher wir
uns kamen, Desto deutlicher
stand er auf uns, Und bündelte sich
um so stärker. Einmal liefen wir
uns unverhofft Im Treppenhaus vor
die Gesichter, Und ich küsste
einfach ihr die Stirn. Sie suchte
flüchtig meinen Mund Und flüsterte:
„Ich liebe dich, ich liebe dich“. Ich küsste sie
zurück. Den Bogen hellen
Lichtes Zogen unsre Köpfe
wieder auseinander. |
Spät im Januar
kam sie zu. uns Und hatte ihren
neuen Arbeitsplatz auf meinem Stockwerk, Gleich nach
Ostern Würde sie die
Firma ganz verlassen. Wenig, sprachen
wir darüber, Nur das Nötigste Und nichts, was
die Bedrängnis in uns Hätte zeigen
können. In den Ostertagen
Trudelte bei mir
Zuhause Eine offne Karte ein. Es war ein
Ostergruß ganz eingner Art. Die eine
Kartenseite war beklebt Mit schmachtenden
Verliebten und dem Text „Lass schwören
wieder mich aufs Neu Dir meiner Liebe ewge Treu“. So stellte sie
mich bloß, Denn meine Frau
las diese Worte doch vor mir Und fragte, ob
denn noch nicht Ruhe sei, Und jetzt sei sie
so weit Und wollte sie
zur Rede stellen Und sie nach der
Absicht fragen, Und das ginge
doch zu weit. |
Ich sagte, Es sei alles
lange aus, Und bat sie zu
vergessen, Und sie tat sich
schwer damit, Ich dachte auch,
man tut ihr Schlimmes an, Und mir war es
nicht leicht, Dass ich mit
Lügen leben musste. Dann sah ich den
Text der Karte Auf der andren
Seite, Den sie wohl
geschrieben oder abgeschrieben hatte, Um mich so zu
treffen, Oder die
Banalität an mir zu zeigen: „Wenn die
Osterglöckchen läuten, Welch ein
Freudenzauber nimmt mich an die Hand Und lässt mich
dieser Tage Blicken ins
Erwachen der Natur. Ja, offenbart
sich nicht in ihr und allem, Was sich tief in
unsrem Busen regt, Von Seiner großen
Güte etwas, Seiner Macht? Wir wollen uns zu
unsrem Besten Fügen in den
großen Plan, Hernach aus
seiner Hand An Liebe zu
empfangen, Die ist mit des Anstands Schöner Zier gekrönt Und wird zuteil
dem Haupt, Das sich in
frommer Demut beugt, Felice, deine
Glückliche“. |
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79 Nach Ostern nahm sie ihren letzten Urlaub, Und es lag ein Tag dazwischen. Diesen Tag, so war es üblich, Wollte sie von den Kollegen Und im Kreise der Kollegen Abschied nehmen. Meine Angst davor war groß, Und machtlos hatte ich mit angesehen, Was geschehen war. Der Lauf der Dinge fragte nicht, Und alles war normal, wenn man nicht fragte Und nichts wissen wollte, Und ich sagte mir: Du kannst daran nichts machen, Und vielleicht wird sie Vielleicht wirst du nun wieder froh. Ich schwieg mich aus Und schimpfte dann mit mir, Weil ich in einer Feigheit, Die ich nicht mehr überwinden konnte, Diesen Tag nicht im Büro erschien. Ich nahm mir frei Und hatte einen Grund. Ich hörte später, wie man sagte: „Sie hat diesen ganzen Tag geweint Und traurig dagesessen, Und der Tränenflor ist nicht gewichen“. |
Ich verbrachte diesen Tag Mit einer Hausarbeit, mich abzulenken. Ein paar Tage später sandte sie mir noch Ein Buch zurück, Das hatte ich ihr ausgeliehen, Und sie selbst vermachte mir ein Werk, Von einer Frau geschrieben, Das erklärte, wie die Kindheit Und die Jugend den Erwachsenen in allem Was er denkt und tut, bestimmt. Die erste Seite, unbedruckt,
benutzte sie, Um mir noch etwas mitzuteilen, Redete mich mit dem Namen an und schrieb: „Wir haben uns missachtet, Gegenseitig nicht geachtet. Wir missachten uns noch immer selbst Und haben es nur so gelernt. |
Man hat vor uns Die Ängste vor Verlust, Bestrafung, Tod gestellt, Sie sind der Grund, Dass wir in starren negrophilen Schritten, Die aus dem Theater stammen, Aufeinander zugehn Oder uns entfernen. Wir sind so nicht in der Lage Einen Unterschied zu finden Zwischen Kräften der Bejahung und Verneinung, Das ist unsre Lebenspraxis. Darum konnte es uns nicht gelingen, Dieses masochistische und auch sadistische Verhalten Zu durchbrechen und herauszubrechen. Dass wir unsre Rollen tauschten, Brachte gar nichts. Das, so denke ich, ist das Dilemma. Dir und mir wünsch ich, Dass endlich unser Tagestod beendet wird, Wir dürfen unsre Tode nicht mehr Langsam täglich weitersterben“. (Unterschrift) |
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Die Zeit, so dachte ich, Heilt alle
Wunden. Zweimal kam sie
noch an ihren alten Arbeitsplatz zurück, Nur zu Besuch, Und saß an meinem
Tisch Und ließ sich
dort ganz fröhlich über alles aus, Und unsere
Gedanken, Die wir uns in
neuen, frischen Kleidern zeigten, Kamen, gingen
eigentlich Mit völlig andren
Worten , als wir sprachen, Über unsren Bogen
hellen Lichtes. Der stand wieder
knisternd über uns Und ließ sich
nicht betrügen, Und er stand auf
unsren Köpfen kopf. |
So sprachen wir
von uns Und stellten
damit nach dem andren Fragen, Sprachen über
liebe Dinge, Die wir so dem
andren sagten, Stritten wieder
um das Denkbare Und dass es nun
kein Ende nehmen würde, Und wir würden
jeder, was es auszutauschen gäbe, Schon sehr bald
für sich behalten müssen, Und ich hoffte
auch für mich: „Vielleicht wird
sie von ihrem Manne schwanger, Das würd mich
ernüchtern Und sie ihrem
Wunsch ein wenig näher bringen“. |
Sicher war es so,
dass sie mir die Gedanken Raten konnte, Denn ich spürte,
was sie dazu dachte: „Nein, ich will
das Kind von dir, Und frag mich
nicht, warum, Ich weiß es
selber nicht“. In Wahrheit aber
sprachen sie und ich Die Tagesdinge
an, Die wollte keiner
von uns beiden wissen. Irgendwann begann
sie eine neue Arbeit, Und ich hatte Tag
für Tag an sie gedacht, Und hatte Tag für
Tag darauf gewartet, Dass ich sie
vergessen würde, Dass ich in
Gedanken nicht mit ihr Gesprochen hätte, Und dem Kopf kann
man doch die Gedanken nicht verbieten. |
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81 Ihre Freundin blieb eng in Kontakt mit ihr Und wurde schnell zur Brücke für uns beide. Wir vermieden es, dass sie für uns zur Botin wurde Und wir ließen uns durch sie Nicht eine Nachricht überbringen, Und wir fragten nie durch sie direkt Und ließen uns durch sie doch jeden Satz des anderen Fast wörtlich übermitteln, Schürften darin nach dem Gold, Das war so nicht zu finden. Und ich fragte auch für Wochen nicht nach dem, Was sie der Freundin sagte. Damit staute sich in mir Die Neugier bis zur Unerträglichkeit, Dass ich mich selbst nur noch zwei Dinge Wählen lassen wollte: |
Ruf sie an, frag
sie direkt, Ob sie noch an
dich denkt, Weil du sie nicht
vergessen kannst, Und alles fängt
von vorne an, Und andrerseits bleib an der Freundin hängen, Forsch sie weiter aus Und warte auf den Tag. An dem du sie vergessen hast. Mir hätte man von solchen Dingen Nichts erzählen dürfen. Jedem hätte ich ein Schnellrezept entworfen Und die Weichlichkeit,
in der ich selber stand, Verdammt. Dann fing ich an Mich damit abzufinden, Dass ich täglich an sie dachte, Und ich sah es ein. Es war ja töricht, anzunehmen, Dass sich etwas Unerfülltes Durch Vergessen auch vergessen ließe. |
So vergingen eineinviertel Jahre.
Dreimal rief sie an, Und einmal hatte ich nach ihr am Telefon verlangt. Ich gab ihr zu, Dass mir das Herz bis in die Schläfen schlage, Und ich brauchte danach mehr als eine Woche, Um mich zu beruhigen. Einmal schrieb sie mir noch einen Brief, Der hatte mich in seiner Sprache so verletzt, So tief verletzt, Weil sie den Wunsch, den ich und sie Gemeinsam hatten, drastisch formulierte, Und sie schrieb auf einer ganzen Seite immer wieder: „Fick mich, fick mich…" usw. Zwischen diese kurzen Sätze Schrieb sie eine Uhrzeit Und bemerkte auch, Wie lange es in ihrer Phantasie gedauert hatte. |
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82 Diesen Brief tat ich in einen Umschlag, Sandte ihn zurück Und schrieb kein Wort dazu. Schon nach zwei Tagen sandte sie mir Meinen leeren Umschlag wieder, Ohne jeden Kommentar. Das habe ich nicht mehr verstanden. Sonst verstrich die Zeit Und brachte keine Heilung, Und ich wartete umsonst. Bei ihr, Das hörte ich aus Kleinigkeiten, Die die Freundin wusste, Und aus einem Satz, den sie der Freundin gab, Weil sie zu ihr vertraulich wurde, Schien sich langsam eine Wandlung zu vollziehen. Irgendwann erzählte sie der Freundin, Dass sie ihre ‚Weinerei nach innen‘ Hatte enden können, Und sie wäre nun so weit, Dass sie sich endlich Mit viel Kraft und viel Verschleiß Von mir befreien konnte, Und sie sei nun etwas fester in der Spur. |
Die Freundin hatte ich dazu bewegt, Ihr einzureden, dass sie nicht mehr schreiben Und sich nicht mehr telefonisch melden sollte. Das versprach sie ihr Und hielt sich auch daran Und sagte gleich, dass sie das machte, Um mir Zeit zu geben., Denn sie sähe manches ein, Und ihre Drängelei sei sicher falsch gewesen, Und ich stünde nun Mit meinem, Rücken an der Wand, Dazu in einer Ecke Und ich müsste mich von dort mit eigner Kraft, Mit eigner Hilfe retten und befrein.
So endeten doch die Gedanken an uns nicht, Und alles, was wir dachten, Überbrachte dieser Bogen hellen Lichtes, Der riss nicht für einen Augenblick. |
Ich hatte auch Gedanken, Die ich vor mir selbst kaum eingestand: Ich dachte oft an ihre Waffe, Und ich hatte keinen Mut Und hätte sie darauf nie angesprochen, Und ich hatte doch, Seit sie es mir erzählte, Dauernd den Gedanken an den Tod, Den wollte ich durch sie. Dann dachte ich sofort, Ich darf sie nicht in Schuld verstricken, Und bei dem Gedanken hielt ich ein, Und ich ertappte meinen Gott, Wie er mir wieder über meine Schulter blickte, Und ich nahm ihn grollend wahr Und war dann froh, Dass er sich zeigte. |
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83 Meine Dichtungen begannen langsam In ein andres Wasser zu gelangen, Und ich schrieb mit großer Freude. Auch in der Familie sorgte ich Für größere Gerechtigkeit, Die hatte ich um meinetwillen Meinen Launen ausgesetzt, Das sollte besser werden, Und ich wurde so zum Richter über mich. Der fand, weil es in eigner Sache war Kein Recht Und übte sich in Milde, Nachsicht, Einsicht Und verzichtete zum Schluss Auf die Bestrafung ganz. |
Ich kam nicht ohne Hinterhalt auf diesen Spruch, Denn schlimmer als die Nichtbestrafung War in mir die Stimme, Die rief höhnisch Und verlachte die Bestechlichkeit, Und vor gerechten Richtern Hätte ich nicht überdauern können. Und ich dachte, Winn ich andere belüge, Warum dann nicht mich Und redete mir ein, Dass es nun langsam alles besser würde, Und ich dachte jeden Tag an sie. |
Ich dachte auch, weil es mich quälte, Dir wächst dieser Buckel, Leb mit ihm, Du wirst ihn dir an keiner Wand Vom Rücken scheuern können. Und. es war nicht so, Dass die Gedanken an die Frau In mir Zufriedenheit, ein Glücksgefühl, Bestätigung und warme Liebe übermittelt hätten, Sondern, ausgewachsen, wie sie sich nun auf mir Ausgebreitet hatten, Brachten sie mir Dauerquälerei, Die war nicht fort zu denken. |
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Über ihre Freundin lebte ich nun In Gedanken mir
ihr weiter. Ihre Freundin
blieb uns, Ohne einen
Botendienst zu machen, Botin. Manchmal war ich
in Versuchung, Sie zu bitten,
uns ein Wiedersehen einzurichten, Doch ich wagte
nicht den kleinsten Schritt. Der Bogen hellen
Lichtes Stand auf meinem
Kopf, Und alles, was
ich wissen wollte, War, ob er bei
ihr erloschen war, Ob ich mich
täuschte, Oder ob es dieses
Wissen um den anderen, Von dem man
nichts mehr wusste, Wirklich geben
konnte und auch gab. Vielleicht, dass
sie nun doch ein Kind bekäme, Oder neue Freunde
hätte, Dass sie mich
jetzt- wissen lassen wollte, Dass wir uns bescheiden
müssten, Dass uns alles
zwänge, aufzugeben, Dass wir letzten Endes aufgegeben hätten Und nur noch der Funken einer Einsicht Dazu nötig wäre. |
Vor drei Monaten
entschied sie sich, Die Botin nicht
mehr zu verwenden, Und erkundigte sich
auch nicht mehr nach mir Und gab von sich
nichts preis Und war ein
fremder Mensch. Von einem Tag zum
anderen, Sprach nichts
mehr aus, Was auszusprechen
wert gewesen wäre, Und ließ mich von
sich Kein Sterbenswort
mehr wissen. So schien ich für
sie Nicht mehr zu
existieren. Diese Stille war
bedrohlich Und beruhigend
zugleich. Mit größter
Vorsicht Ging ich über
ihre Freundin, Um
herauszufinden, Was den Bruch
entschieden hatte. Die kam auch
nicht weiter, Und sie sagte
mir, Ich sollte doch nun
froh sein, |
Wenn sich
wirklich alles so Zu einem Ende
neigen würde, Und ich fragte
sie, fast unter Tränen, Ob sie es
vergessen hätte, Dass ich diese
Frau doch liebte, Und ich wüsste
nicht warum, Und wüsste
selbst, dass es am besten wäre, Stillzuhalten,
doch ich müsste unbedingt Ein Lebenszeichen
von ihr haben. Ihre Freundin sah
in meine Not Und mühte sich
auf unsichtbaren Wegen, Und es schien, Dass sie mich
wirklich missen wollte, Missen konnte, Und es kam kein
Wort von ihr Das nur an mich erinnert
hätte. Ich verstand
nicht, Dass sich dieser
dünne Faden über unsre Botin Hatte trennen
lassen, Hatte nicht
gesehen, wie gefährdet er Die Wochen,
Monate gewesen war. Ich war
verzweifelt. Trotzdem glaubte
ich zu spüren, Dass sie stärker
noch als sonst, Mit den Gedanken
bei mir war. |
|
85 Sie war erneut in meinen Kopf gebrochen, Hielt die Plätze, die sie immer hatte, Unbeirrt besetzt, Und wollte sie nicht mehr verlassen. Tag für Tag, zwölf Wochen, Hatte ich in Ungeduld gewartet. Auch, wenn ich die Freundin bat, Nach ihr zu fragen, Traf die auf den Schild, Der wehrte alles ab. Ich fragte nun die Freundin, Ob ich einfach ein Gespräch mit ihr am Telefon Versuchen, oder ob ich lieber Ein für allemal vergessen sollte, Und sie sagte: „Rufen Sie sie an. Wenn es so ist, wie es mir scheint, Wird sie es sagen, Und sie kriegen eine ‚kalte Dusche‘, Die kann gar nicht schaden; Wenn es nicht so ist, Dann hat sie einen Grund, Den wird sie sicher sagen. Darum sollten Sie es, wenn sie meinen, Ganz getrost versuchen, Denn sie selber machen sich doch Mit den dauernden Gedanken an die Frau kaputt“. |
So war ich froh für diesen Rat und rief sie an. Sie war in einer andren Firma Und in guter Position. Ich dachte, dass sie mit dem Anruf Gar nicht rechnen konnte, Und er würde sie aus heitrem
Himmel treffen, Und sie würde sicher nicht allein In einen Zimmer sein. Als sie mich in der Leitung hörte Und ich ihre Stimme wieder wahrnahm, Waren es die Zauberworte unserer Erlösung. Sicher würde sie,
das dachte ich, Mit einer Röte,
die ich kannte, überzogen. Ihre Stimme änderte sich augenblicklich, Und sie schien es nicht zu glauben, Dass sie meinen Namen hörte. Ich war vorsichtig genug und sagte: „Darf ich mit dir sprechen, Hast du etwas Zeit?" Sie sagte: „Ja, sag, was du willst, Ich höre zu“. |
Und ich begann, so schnell es ging; Und auch so ordentlich ich konnte: „Weißt du, seit drei Monaten Hör ich kein Sterbenswort von dir. Das halte ich nicht aus. Ich will nur wissen, wie‘s dir geht, Und dir zwei Sachen sagen, wenn ich darf“. „Ich hör ja zu“. Sie war ganz lieb Und doch auch fest in ihrem Willen. „Erstens ist es so, dass ich noch immer An dich denk, Das geht so Tag für Tag und hört nicht auf“. „Du bist ein Dummer“, sagte sie, „Es geht dir so wie mir, Das wird sich auch nicht ändern“. „Woher weißt du das. Wir sind doch so weit auseinander, Und wir sehen uns nicht mehr Und hören nichts mehr voneinander“. Sie war im Gespräch für Augenblicke unterbrochen Und erledigte dort irgendetwas. Dann kam sie zurück. |
|
86 Ich sagte noch einmal: „Ich kann das nicht verstehen“. Darauf sie: „Das ist so, das ist unser Schicksal“. Daran hatte ich noch nicht gedacht, Dass es ein Zustand hatte werden sollen, Der so bleibt und ist und der besteht Und eine Sonne wird, Ein Stern am Himmel, Etwas, das selbst einen Tagesablauf haben würde, Ein Bedürfnis, ein Verlangen, Eine Sache, die so ist, weil sie so ist, Ein Schicksal einfach. Nein, das hatte ich noch nicht bedacht. Ich sagte: „Zweitens wollte ich Nur deine Stimme hören. Wollte wissen, ob es dich noch gibt. |
Ich hab auch deine Freundin angesprochen“, Und erzählte, dass die mir die ‚kalte Dusche‘ Angedeutet hätte. Darauf sagte sie: „Du brauchst für alles sehr viel Zeit, Das hab ich eingesehen, Und ich warte“. Sie war ruhig, und es war, Als wäre alles in der besten Ordnung. „Also“, sagte sie, „wann werden wir uns sehen?“ Damit hatte ich nun nicht gerechnet Und versuchte abzulenken: „Von der Freundin habe ich gehört, Dass du die Haare anders trägst, viel kürzer, |
Dass ich dich vielleicht nicht mehr erkenne, Und noch eines sag mir, Die Geschichte mit dem Kind von mir Ist doch aus deinem Kopf?“ „Du kannst ganz ohne Sorgen sein“. Ich fragte sofort nach: „Du kriegst ein Kind? Ich gratuliere, Das hab ich mir fast gedacht“. Ich war erleichtert, wenn ich gleich auch einen Stich
verspürte, Und ich dachte: „Meine Liebe, meine Liebe habe ich
verloren“. |
|
87 Es wär aber eine Lösung, wenn sie schwanger wäre, Ich gewönne Abstand und Vernunft, Und sicher war das auch der Grund, Warum sie sich in Schweigen hüllte. „Merke dir“, sie sprach ganz leise, „Das, wovon wir sprechen, Wünsche ich mir nach wie vor von dir Und nur von dir und keinem anderen, Und darum nehme ich jetzt auch die Pille. Du kannst ohne Sorgen bei mir sein“. Und dann: „Wann können wir uns treffen?“ |
Gott, so dachte ich, Auf was lass ich mich wieder ein. Wir würden uns nun übermorgen Abend Um halb fünf vor dem Gebäude treffen, Wo sie tätig war, Und hätten Zeit bis gegen sieben, Danach müsste ich zu einer Feier, Die war unumgänglich. Und sie war zufrieden, Und sie sagte noch: „Ist dir jetzt wieder wohler, Geht’s dir besser?“ |
Und ich sagte: „Wie soll ich es dir beschreiben. Ja, ich bin erleichtert, ich bin froh, bin sehr, sehr
froh“. Ich dachte, nun hab ich In meiner Felswand Wieder eine Tür gefunden. Und dies war das erste Mal, Dass ich mich nicht um mein Gewissen kümmerte, Zu groß war die Erleichterung, Es regte sich auch nicht, Und alles hatte seine Richtigkeit. |
|
Zwei Stunden vor der Zeit War ich am Platz. Ich dachte, dass ich
Blumen hätte kaufen müssen Oder ein
Geschenk, Vielleicht ein
Schmuckstück. Doch die Blumen
hätte sie nicht angenommen, Und ein
Schmuckstück, dachte ich, Hätt sie in
Schwierigkeiten bringen können. Außerdem, war mir
der Schmuck Der ihr gefallen
könnte, Nicht so, wie ich
ihn an Frauen Schön gefunden
hätte. Schmuck ist auch
ein Teil der Künstlichkeit An einem
Menschen, Und die lehnte
sie fast gänzlich ab. Ich konnte mich
zum Beispiel Nicht daran
erinnern, Dass sie jemals
einen Lippenstift benutzte Oder ihre
Augenlider nachgezogen hätte. Es lag daher
nahe, ihr von meinen Texten Einige als
Vorabzüge mit zu bringen. |
Als ich vor dem
Haus ein wenig abseits stand, Schlug mir das
Herz bis in den Hals. Das Warten wurde
lang, Dann kam sie
plötzlich aus der Tür Und auf mich zu. Sie hatte sich,
bis auf die Haare, Nicht verändert. Schmal war sie
und etwas blass. Ich sagte gleich: „Da bist du ja“,
und küsste ihre Stirn. Sie ging in
Hosen, Das mag ich bei
Frauen nicht so gerne, Und trug eine
kurze Jacke Und darunter
einen einfachen Pullover. So war sie nicht
übermäßig weiblich angezogen, Und die neuen
Haare machten sie mir fremd. „Ich hab den
Wagen“, sagte ich, „Wir können aber
auch spazieren gehen“. „Ja, dann lass
uns doch ans Wasser fahren, Dass wir etwas laufen
können“. |
Sie erinnerte
sich an das Treffen, Das ich noch am
Abend haben würde, Und sie sagte: „Dann sind wir
auch in der Nähe Deiner
Festlichkeit“. Mir war es recht. Bis wir am Wagen
waren, Sprach sie über
ihre neue Arbeit Und von
Einzelheiten und benutzte Namen, Die mir gar
nichts sagen konnten. Und ich fragte: „Hast du einen
guten Posten?“ Dass sie mir ihn
ganz genau erklären konnte. Dann von mir: „Freust du dich
nicht, Dass wir uns
sehen?“ Sie blieb stehen,
sah mir ins Gesicht Und sagte: „Sag mal, merkst
du das denn nicht?“ Ich sagte: „Doch,
natürlich. Wenn ich dich
hier auf der Straße küssen würde, Wär das schlimm
für dich? Ich meine, kennen
dich hier irgendwelche Leute Aus der Firma?“ |
|
89 „Das ist mir egal“. Ich küsste sie, doch das blieb flüchtig, War nur, dass ich eine Oberfläche streifen konnte. Davon blieb nichts hängen, Nichts blieb haften, Und ich fragte sie, ob ich ihr, Statt der Blumen, die sie doch nicht nehmen würde, Manuskripte schenken dürfte „Die sind nur ein Vorabzug. Wenn sie dich intressieren, Möchte ich sie dir gern schenken“. Und sie sagte einfach: „Ja“. Als wir im Auto saßen, küsste ich sie noch einmal. Sie schloss die Augen nicht Und schickte ihren Blick, Wie ich ihn kannte, wieder in die Ferne, Dass sie mir gelangweilt schien. Wir kommen, dachte ich, so nicht zusammen Und fuhr los. |
Sie kannte sich gut aus Und lotste uns in eine Seitenstraße, Dicht ans Wasser. In dem Auto küsste ich sie nun nicht mehr. Sie lehnte sich an mich Und schloss die Augen. Ruhe kehrte ein Und Frieden schwebte über uns. Wir sprachen nicht. Dann kam sie wieder hoch, so dass ich dachte, Dass sie meinetwegen still gehalten hätte, Und ich hatte es nicht ausgenutzt. Sie sagte: „Lass uns gehen“. An dem Wasser war es frisch, Obwohl die Sonne schien. Sie sprach noch einmal von der Arbeit, Und sie hatte dort wohl viel zu tun. |
In dummer Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit Sprach in von meiner Schreiberei Und mir Und meiner Häuslichkeit Und meiner Frau, Und dass ich mich von ihr in meiner Dichtung Nicht verstanden fühlte. Darauf sagte sie: „Es hat doch keinen Sinn, Sich bei mir auszujammern“. Das war hart; Sie hatte auch noch recht dazu, Und diese Zeit, die blieb, War unsre Zeit, Die mussten wir uns umeinander kümmern. Und sie sagte noch, Als könnte sie Gedanken lesen: „In zwei Stunden Kann man nicht ein Jahr nachholen, Und auch nicht die Zeit davor. |
|
90 Bis jetzt hast du dich stur und konsequent geweigert, Dich mit mir nur einmal auszusprechen. Immer waren wir vor fremden Ohren, Nie mit uns allein. In zwei, drei Stunden Ist doch das nicht aufzuholen. Außerdem sollst du mich nicht Und will ich dich nicht mit Gedanken überrollen, Die in dieser Zeit gewachsen sind. Man wird dann nichts verstehen. Jede einzelne der Überlegungen dahin Ist wichtig. Wenn man jetzt nur das Ergebnis sagt, Fehlt doch der Sinn“. Das, was sie sagte, Traf mich schlimmer als die erste Fremdheit Von vorhin. Dies war der Spalt, Der zwischen uns gewachsen war, |
Und alles, was wir taten, dachte ich, Ist Schein und Scheinbarkeit, Und sie ist wiederum am Ziel, Wenn ich den Weg noch suche. Darum schwieg ich nun. Ich war zutiefst betroffen. Mein Geschick, so dachte ich, Ist doch von Anfang an verflucht. Dann machte ich mich etwas grade, Und ich wollte sie Nicht mehr mit meiner Traurigkeit belasten Und bat sie Noch mehr von sich zu sprechen. Dabei dachte ich: „Ist sie die Frau, Nach der ich suche oder ist sie‘s nicht“. Ich sah zwei Frauen vor mir, Eine die ich kannte, Und dieselbe, die ich kennen lernte. Dann bat ich sie wieder in das Auto, Und dort überlagerten sich erst die Bilder. |
Um mit ihr zu reden, sagte ich, Dass sie sich ihre Haare wieder länger Wachsen lassen möchte. Und sie sagte: „Die Frisöse ist auf Reisen. Wenn sie wiederkommt, lass ich sie wieder schneiden“. Und sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Manchmal konnte sie mit ihrem Widerspruch Die Liebe zeigen. Schließlich konnte sie mit ihren Haaren Machen, was sie wollte, Und ich sah ihr ins Gesicht Und strich mit meinem Finger Über ihre Haut und über ihren Mund Und sagte: „Lippenwanderer. Wie soll ich nur beschreiben, was ich sehe“. |
|
91 Sie hielt still und hielt mich aus, Und vor mir öffnetet sich eine Landschaft, Die war herb und melancholisch, Weit und nah. Es war ein Küstenstreifen. Harte Wellen tobten über schroffe Steine, Wasser spritzte hoch, Die Sonne lag in einer Blauluft, Buchten lauen Wassers gleich daneben, Grüne Weideplätze, Flächen, die sich boten, Alles zu vergessen, Und dazwischen lagerten die Dünen, Gelber Sand verrieselte, Die Gräser neigten sich fast gläsern über ihn. Ihr Mund war eine winzig kleine Brandung, Die ich hätte beißen mögen. Meine Augen taten es für mich. Ich sagte: „Du hast recht, Wenn du behauptest, dass ich keine Liebe habe“. „Deine Liebe ist ein Beutezug. Du raubst und liebst in Einem“. „Meine Liebe wäre dir zu häufig“, sagte ich, Und sie gestand, Dass sie sich gerne häufig lieben lassen würde. |
Und ich dachte so: „Wenn ich sie nur betrachte, Und nur ihr Gesicht berühre, Ist sie schnell als Frau beleidigt, Fasse ich sie aber an, So wie ich möchte, Werde ich mich nicht beherrschen können“, Und ich legte meine Hand auf ihre Brust, In ihren Schoß, Und küsste sie nur so, Dass ich noch wusste, was ich tat. Sie bäumte sich trotzdem ein wenig, Und ich glaubte ihr die Lust auf Liebe. „Soll ich mir ein Zimmer nehmen?“ Fragte sie. „Dort kannst du mich besuchen, Wann du willst“. „Du denkst nur an ein Kind von mir. Hör bitte zu: Wenn ich den Wunsch verstehen könnte, Würde ich ihn dir erfüllen, Aber ich versteh ihn nicht. |
Wir nehmen einmal an, Du kriegst ein Kind von mir, und dann? Dann darf ich dich besuchen, Und das Kind wird mir doch nicht vertraut. Wie soll ich es denn lieben? Das ist doch ein Mensch, Der wird aus Fleisch und Blut. Und, wenn ich dieses Kind nicht liebe, Kann ich auch die Frau nicht lieben. Also, sag mir bitte, was ich machen soll, Ich weiß es nicht“. „Vergiss es“, sagte sie, „Das hat ja sowieso noch Zeit. Vielleicht will ich es auch noch gar nicht“. „Warum muss es denn von mir sein. Du sagst selbst, dass du von deinem Mann geliebt wirst, Und dass du ihn liebst“. Sie wurde laut: „Ich weiß es selber nicht Und kann es nicht erklären, Und ich will das Kind von dir. Es muss ja noch nicht jetzt sein“. „Außerdem“, so sagte ich, „Ist jeder Mann normalerweise tief erschreckt, Wenn er nur dafür vorgesehen ist“. |
|
92 Sie sagte noch einmal: „Vergiss es ganz“. Ich sagte: „Du hast recht, Und ich war viel zu dumm. Man kann nicht in so kurzer Zeit Versuchen aufzuholen, Was ganz langsam wächst. Ich hatte vor, dir vieles zu erzählen“. „Es ist schlecht, Den anderen mit den Ergebnissen zu überfahren, Ohne zu erklären, wie man dazu kommt. Das dürfen wir nicht erst versuchen“. Sie nach langer Pause: „Wenn wir uns
nicht lieben können, Dann gelingt es mir mit keinem anderen“. Die Zeit war fast vorbei, Ich musste zu dem Treffen. Sie kam mit und sagte unterwegs: „Lass doch die Feier sein Und komm mit mir. Ich bin allein“. |
„Du weißt doch, dass ich das nicht tu‘, Du hast doch einen den Mann, und ich hab eine Frau“. „Dann lassen wir uns scheiden, Willst du das?“ Ich sagte: „Niemals würd ich das von dir verlangen, Und ich kann und will mich auch nicht scheiden lassen“. Dann war kaum noch Zeit. Ich musste drängen. Sie verbarg nun eine kleine Wut Und sagte: „Du hast Zeit genug. Sag mir ganz ehrlich, Bist du du, bist du du selbst, Wenn du zu dieser Feier gehst?“ |
Ich lachte: „Du bist gut. Natürlich bin ich nicht ich selbst, Sonst ginge ich nicht hin, Das weißt du doch“. Und dann verzweifelt: „Was soll ich denn machen?“ Sie zog ihre Jacke an, nahm ihre Sachen Und das Manuskript und sagte: „Wenn du wiederkommst, wart ich auf dich“, Und drehte sich auf ihren Hacken um Und ging. Ich rief ihr nach, Sie hätte ja kein Abschiedswort gegeben Und rief ihren Namen hinterher. Sie ging und blieb nicht stehen. |
|
Spät nach Mitternacht, Kam ich zurück zu
meinem Wagen, Und sie war nicht
dort. Ich atmete ganz
tief und war erleichtert. An der
Windschutzscheibe, Unter einem
Scheibenwischer, Steckten ein paar
Zeilen, ein Gedicht von ihr, Das mir gefiel,
ich fand es gut Und sah, Sie sprach nun
endlich meine Sprache: |
Rückzug Deine
Wirklichkeit Lässt du zum
Schein verkommen Du bist verkommen Zu dem, der du
meinst zu sein. Eine kleine Insel Auf die du dich In Panikfällen
flüchten kannst Ist dein
Verhängnis Immer stehst du
zwischen dir Und deiner
Wirklichkeit Warum lässt du
dich nicht sein. |
Sie hatte recht,
ich hatte recht. Sie war an mir
die mörderische Ärztin, Die ich suchte,
der ich meinen Tod empfahl. Sie hatte das
Skalpell in ihrer Hand. Mein Herz schlug
schnell und hart. Ich fuhr mit meinem
Auto überschnell nach Hause, Zog mich dort
gleich völlig aus Und trat vor
einen großen Spiegel, Und es schien,
weil ich es wollte, Dass mir heute
Nacht Der Buckel
ausgewachsen war, Ein Monstrum, Den würd ich in
meinem Leben Nicht mehr
leugnen können. |
ISBN 3-937264-68-X