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Namenlos von meiner Insel (Briefe)

 

Lyrik,

 

Inhaltsverzeichnis

ISBN 978-3-937264-88-2

Copyright/Urheberrecht 2011 beim Autor, Herausgeber, Autor Redakteur: Harald Birgfeld

e-mail: Harald.Birgfeld@t-online.de

 

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"Es lohnt sich, einmal einen heutigen Dichter kennen zu lernen, der mit der deutschen Sprache einen faszinierend fremden Weg betritt und trotzdem dem Leser Freiraum lässt für eigene Gedankengänge, ohne dass die Probleme in erhobener Zeigefingermanier zu zeitkritischen Trampelpfaden werden." (1986: Gutachten)

 

Inhaltsverzeichnis

 

Namenlos von meiner Insel (1. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (2. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (3. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (4. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (5. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (6. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (7. Brief)

 

 

 

Namenlos von meiner Insel (8. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (9. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (10. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (11. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (12. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (13. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (14. Brief)

 

 

 

Namenlos von meiner Insel (15. Brief)

 

Namenlos von meiner Insel (16. Brief)

 

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(1. Brief)

 

Alles ging sehr schnell.

In einem nahen, fernen Ausland, wo ein

Menschenleben rasch verblühte,

Nahm man mich gefangen.

Einer Schuld war ich mir nicht bewusst,

Ich wurde nicht befragt,

Und ich gestand.

Man fällte noch in meiner Gegenwart das

Urteil:

Tod durch Erhängen,

Und dann, als ein Kader Zweifel hatte,

Wegen einer Sprachverwirrung:

Lebenslängliche Verbannung.

 

 

 

 

Meinen Namen hatte man mir aberkannt

Und schickte mich auf eine

Dieser kleinen Inseln tief im Süden, ohne

Anschluss an die Welt.

Ich durfte unter wenig Menschen leben.

Man versicherte, mit keinem über meine

Schuld zu reden.

 

Einmal jährlich darf ich einen Text

Verfassen, der erscheint, wie dieser,

Irgendwo und ohne meinen Namen.

 

 

 

 

Jetzt, mit dieser kleinen Freiheit,

Wende ich mich an die Präfektur,

An jede Obrigkeit,

Und frage nach:

Warum, weshalb, aus welchem Grund

Hat man mir Solches angetan.

Es geht mir wirklich gut auf meiner Insel

Und ich klage nicht

Und spreche schon mit einer Frau,

Die mich versorgt,

Und sicher bin ich schuldig,

Aber ich erfahre nichts

Und bitte die, die über mich Gericht gehalten haben,

Zu verzeihen:

„Geben Sie mir meinen Namen

Wieder.“

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(2. Brief)

 

Es war ein böser Trick,

Dass man mich von der Insel

Einen Brief verfassen ließ,

Man wollte Namen hören

Und dass ich die Obrigkeit beschuldigte

War dumm von mir,

Da gab es kein Verzeihen.

Man verbot mir jede Körperpflege

Und verschleppte mich auf ein
Reaktor- U-Boot,

Das mit reichen Passagieren

Bis in größte Tiefen tauchte.

 

 

 

 

Wochenlang muss ich

In dem Maschinenraum gewesen sein,

Und Namen, die man hören wollte,

Gab ich zu.

Ich musste mich mit einer

Lederpeitsche selber schlagen

Bis das Blut austrat.

Dann schickte man mich wieder heim

Auf meine Insel,

So, als wär nichts gewesen.

 

 

 

 

Bei der Frau, die mich versorgte,

Fand ich fast wie selbstverständlich

Schreibzeug und Papier.

Sie zeigte mir den hohlen Stein

In einer Mauer eines Hauses.

Dort versteckte ich den neuen Brief,

Den schrieb ich gleich nach meiner Rückkehr,

Der war schon am andren

Tag in einer großen Zeitung

Nachzulesen.

Das bewies sie mir in einer

Sendung, die sie täglich sah.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(3. Brief)

 

Ich war so maßlos traurig

Und so voller Hoffnungslosigkeit.

Ich durfte meinen Namen

Nicht benennen

Und ich wurde nicht danach gefragt.

 

Am Tisch fand ich die

Frau, die mich versorgte.

Mit ihr saßen dort vier Männer,

Die sich friedlich zeigten,

Bei der Mahlzeit.

Denen teilte sie sich auf,

Sie waren Brüder.

 

Mit dem Winken ihrer Hand

Bat sie mich hin zu sich

An ihre rechte Seite, wo noch Platz war,

Auf die Bank.

 

 

 

 

Die Männer schauten unbeschwert auf mich,

Und einer gab mir seine Hand.

Sie aber beugte meinen Nacken

Tief in ihren Schoß.

Ich drehte mein Gesicht zu ihr

Und sah sie von dort unten an.

 

Sie öffnete ihr Kleid

Und beugte sich leicht über mich.

Sie gab mir ihre Brust.

Ich hatte schmerzhaft Sehnsucht

Nach ein wenig Weiblichkeit,

Die stillte sie auf diese Weise.

Wunderbar durchströmte mich,

Was sie mir tat,

Und warme Dankbarkeit

Stieg in mir auf.

 

 

 

 

Die Männer nahmen das Geschehen

Wahr und ließen es gelassen zu.

 

Mein dritter Brief, in dem ich

Dieses alles schreiben würde,

Lag nur wenig später fertig

Auf dem Tisch,

Und einer ihrer Männer nahm

Ihn mit.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(4. Brief)

 

Vielleicht ist dies das letzte,

Was von mir nach außen dringt.

Man holte mich zurück

Von meiner Insel,

Denn die Richter über mich

Verfügten, dass der erste Spruch

Doch gültig sei:

Tod durch Erhängen.

Die Vollstreckung wurde aber

Ausgesetzt.

Begründung gab es keine.

 

 

 

 

Eine Frau vom Komitee nahm mich

Beiseite

Und sie sagte mir, ich sollte

Alles nicht persönlich nehmen,

Weil ich durch den ersten Richterspruch

Zur Namenlosigkeit

Doch keinerlei Persönlichkeit mehr hätte.

Dies wär auch der eigentliche Grund

Warum das Urteil nicht

Vollzogen werden könnte.

All die andren hätten das ganz schnell

Verstanden und auch richtig

Darauf reagiert.

Ich könnte, wenn ich wollte

Heim auf meine Insel

Oder würde namenloses Opfer meines eignen

Handelns werden.

 

 

 

 

Auf dem Tisch, an dem ich mich

Entscheiden sollte, lagen

Bleistift und Papier.

Ich schrieb den vierten Brief.

Man wartete nun meine Zeilen ab,

Die wollte aber niemand lesen,

Steckte meinen Brief in einen Umschlag

Adressierte ihn und übergab ihn

Einem seriösen Boten

Zur Beförderung an eine große

Zeitung.

 

Mich verbrachte man erneut auf

Meine Insel.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(5. Brief)

 

Angekommen auf der Insel

Brachte man mich in ein neues Haus.

Das Haus war ein Geschenk für mich.

Es hatte keinen Namen an der Tür.

Die Frau, die mich versorgte

Fragte mich nach meinem Alter,

Und ich wagte keine Antwort,

Ihretwegen.

Die vier Männer, denen sie sich teilte,

Waren nicht dabei.

 

Am andren Tag bekamen wir Besuch von

Fremden in Begleitung,

Die befragten mich in ihrer Sprache.

Wenig später holte man mich wieder ab

Und brachte mich erneut

Auf das Reaktor- U-Boot

Und behandelte mich besser als die Luxuspassagiere.

Der Maschinenraum, in dem ich früher

An den Dampfturbinen Arbeit machte,

Blieb für mich verschlossen.

 

 

 

 

 

Dann gab man mir gute Kleidung,

Legte Wert auf Sauberkeit

Und abends war ich mit drei jungen Frauen 

Gast bei einem Mann, der über allem stand.

Die Frauen hielten Einigkeit und

Nacheinander, jeweils für drei Abende,

War ich auch Gast in ihren abgedunkelten Kabinen.

Jede zeigte Leuchten in den Augen

Mit verheißungsvollen Blicken,

Und ich blieb die Nächte.

Jede Frau erzählte mir dabei von einem Schicksal,

Das sie hatte, dass sie sich von mir

Ein Liebesglück versprach,

Das sie, ich wüsste schon warum,

Sonst niemals haben könnte,

Und sie wollte nur ein Kind von mir.

Ich wäre namenlos und hätte doch nichts

Zu verlieren.

 

 

 

 

Ich gab alles zu

Und übersah nicht die Gebrechlichkeit

Der amputierten Leiber unter mir.

 

Man brachte mich nach dieser Zeit

Zurück auf meine Insel, zu der Frau,

Die mich versorgte,

Und sie schwor, dass auf der Insel

Nie ein neues Haus gestanden hätte.

 

Bis hier schrieb ich meinen fünften Brief

Und ließ ihn einfach liegen.

Der war, wie von mir erwartet

Schon am nächsten Morgen

Fort.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(6. Brief)

 

Die Frau, die mich versorgte,

War sehr lieb zu mir.

Ich glaube nicht, dass sie mich einfach

Liebte, es war viel, viel mehr.

Ihr Blick verriet mir, dass sie sich

Geborgen bei mir fühlte,

Dass sie meine Nähe suchte.

 

Eines Tages schaute sie mich an

Und bat mich, sie ins Inselland

Zu führen.

Ich war überglücklich,

Und es war die Sehnsucht nach dem

Schönen, die mich leitete.

Ich traute ihr und legte ihren Arm

In meinen.

Sie bedankte sich mit einem

Mädchenhaften Blick zu mir,

Doch den verstand ich nicht.

 

 

 

 

Sie schlug mir einen Kurzweg vor

Und führte uns in einen Garten voller

Unbekannter Blumen.

Schwere Blütendolden streiften unsre

Arme, strichen über die Gesichter

Als ein leiser Hauch

Von zartester Berührung.

Deren Leichtigkeit und warmer Duft

Verführten uns, dass wir uns an den

Händen halten wollten.

 

Sie stand plötzlich still

Und schloss, mir zugewandt, die

Augen.

Als in einer leeren Kirche standen wir

In feierlicher Ruhe,

Und ich gab ihr einen Kuss

Und wusste nicht mehr,

Dass sie sich vier Männern teilte.

 

 

 

 

Diesen sechsten Brief schrieb ich

Nicht auf.

Er hing trotzdem bei meiner Rückkehr

An der Innenwand der Tür zu meinem Raum

Und wurde auch nicht abgeholt

Wie all die anderen.

 

Die Frau, die mich versorgte

Spielte nebenan auf einer

Okarina ihre Melodien.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(7. Brief)

 

Am andren Morgen wurde ich in aller Frühe wach.

Ich hörte Männerstimmen

Und die Stimme einer Frau.

Man drang in meine Wohnung

Und erteilte mir Befehle in der fremden Sprache.

Ich gehorchte und mit etwas

Kleidung führte man mich ab ins Freie.

 

 

 

 

Draußen kam die Frau, die mich versorgte,

Ebenfalls aus ihrer Wohnung,

Und sie sah mich an und sah durch mich hindurch.

Gelangweilt biss sie ab von einer Frucht in ihrer Hand.

Ich eilte auf sie zu und wollte etwas sagen,

Aber sie blieb fremd und schaute in die Leere.

Gestern hatte ich sie noch geküsst.

Nun lag in ihren Augen Abgewandtheit,

Die mir jedes Wort im Hals erstickte.

An der Mauer stand ein Reisigbesen.

Den sie nahm, damit den Weg zu fegen,

Doch dann stützte sie sich darauf ab

Mit einem neuen Blick auf unsre Gruppe,

So als sähe sie zum ersten Mal ein Kunstwerk,

Über das sie staunte.

Ohne sich zu rühren wurde sie auf diese Weise

Selbst zur Kunst im Werk, im Raum.

Und ich, zur Namenlosigkeit verurteilt und zu

Lebenslänglicher Verbannung,

Konnte nur noch demutsvoll verharren.

 

 

 

 

Wenig später brachten mich die Männer und die Frau

Erst auf ein Boot zum Übersetzen,

Dann an einen Zug und in ein

Abgesperrtes, isoliertes Sitzabteil.

Man gab mir dort, was ich benötigte.

Die Reise endete nach einem

Tag und einer Nacht in ungewisser

Fahrerei direkt in einem Berg weit unter Tage.

 

Hier, in einem großen Raum mit vielen

Menschen und sehr wenig Licht,

Erhielt ich eine neue Bleibe.

Die war nur ein Drahtgestell als

Bett mit festem Stoff bespannt.

Als ich mich umsah

Fand ich unter dem Gestell in einem Umschlag

Unbeschriebenes Papier und einen Stift.

Ich schrieb den siebten Brief,

Den hob mein Bettennachbar wortlos auf

Und trug ihn als ein Bote fort.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(8. Brief)

 

Aus dem Berg war kein Entkommen,

Aber niemand wurde hier bewacht.

Allein der enge Schienenstrang

Gab eine Richtung an.

Dorthin verschwanden manchmal Leute.

 

In dem Berg war ich zum Küchenpersonal

Gerufen worden, ohne Zwang und ohne

Mich zu drangsalieren.

Niemand nahm sich meiner oder eines andren an.

Es gab auch Frauen, die wie wir behandelt wurden.

Sie entschieden sich in jeder Sache selbst.

In meiner Küche gab es kaum ein Wort zu sagen,

Niemand gab Befehle,

Niemand hörte zu, falls jemand redete.

Das Essen selbst war pünktlich aufgetischt

Und wurde abgeräumt von Frauen, Männern,

Die man sonst nicht sah.

Sie sprachen eine fremde Sprache unter sich.

 

 

 

 

Beim Essen stellte sich bald eine

Enge Bindung ein, vielleicht, weil jedes Essen

Eigentlich ganz harmlos einen Namen hatte.

Manchmal aber standen  „Blut“, dann „Leber“,

„Herz“ und „Nieren“ oder „Lunge“

Auf der Speisetafel.

Das entsetzte uns.

Wir wichen blitzschnell aus, als ein gejagter Fischschwarm,

Und entflohen.

Dann, bei einem der Tumulte, stieß ich in ein Messer

Und verletzte mich in Panik an der linken Hand.

Zurück blieb eine Narbe.

Damals zählte ich die Tage und die Nächte

Und blieb länger als ein Jahr und sah kein Sonnenlicht.

Dann wurde ich, als hätte man mich irgendwo

Gefunden, wieder heimgebracht auf meine Insel.

 

 

 

 

Dort erwachte ich am hellen Tag

Aus tiefstem Schlaf und sah

Die Frau, die mich versorgte, neben mir am Bett.

Ich wollte ihr erzählen und sie fragen,

Sie jedoch bestand auf den Besuch der Nachbarin, die einen

Tag vor meinem Abtransport ein Kind geboren hatte,

Das war jetzt und heute keine vierundzwanzig Stunden alt.

Ich sah auf meine Narbe an der Hand

Und auf die Frau, die mich versorgte.

Sie verneinte mit dem Kopf.

 

Ich schrieb, in mich gekehrt, den achten Brief,

Den trug sie augenblicklich fort.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(9. Brief)

 

Meine Briefe fanden nirgends Echo,

Dass, obwohl sie nachzulesen und zu hören waren.

Niemand fand es sonderbar,

Von einem Namenlosen ohne jeden

Umweg etwas zu erfahren.

Die Erlaubnis, Briefe zu verfassen, ohne

Dass man an den Schreiben

Etwas änderte, erfüllte mich mit Mut.

In Zukunft würde ich mich gleich an jeden

Und an alle in der Heimat wenden

Und um Hilfe bitten.

 

Ich sprach mit der Frau, die mich versorgte,

Und erfuhr, dass meine Briefe schon von Anfang an

Für jeden zugänglich und öffentlich gewesen waren.

Dass das Urteil über meine Namenlosigkeit

Und lebenslängliche Verbannung als persönliches Geschick

Und meine eigne Schuld empfunden wurde.

Niemand würde sich je um mich kümmern wollen.

 

 

 

 

Als die Frau, die mich versorgte,

Meine Angst erkannte, riet sie mir,

Ich sollte Angst mit Angst bekämpfen,

Und sie sagte:

„Willkür ist der schlimmste Terrorismus“.

Das verstand ich nicht.

 

Dann aber kam sie eines Abends,

Legte sich entkleidet auf mein

Bett, als wollte sie sich mir beweisen.

Das verwirrte mich, und ich war traurig

Und sah hoffnungslos auf sie herab.

Sie aber zeigte mir mit ihrem Finger

An der Taille eine schwarze Tätowierung,

Die mich tief erschrecken ließ,

Es war das mittelalterliche Zeichen

Von der Tür zu einem an der Pest Erkrankten.

„So kannst du dich schützen“, sagte sie.

Dann sah sie mich sehr lange an.

Ich hätte sie gern lieben wollen,

Und mein Herz war wach,

Doch das, was ich die Seele nannte,

Wog in mir so schwer wie Stein.

Ich dachte auch daran,

Dass sie sich in vier Männern teilte.

 

 

 

 

Nun schreib ich den neunten Brief

Und hoffe auf kein Wunder,

Denn ich spüre die Gefahr

Um die Organe meines Körpers.

 

Einer ihrer Männer hat mir das Tatoo gestochen.

Er war freundlich und entgegenkommend.

 

Dieser Brief blieb ein paar Tage unentdeckt,

Dann war er fort wie all die anderen.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(10. Brief)

 

Am neuen Morgen schienen alle meine

Spuren wie verweht, verwischt.

Ein Ungefühl nach völliger Verlassenheit

Stand mir im Hals.

Im Haus lag nichts, stand nichts

Und es gab nichts, was mich an mich

Erinnerte.

Im Nachbarhaus war niemand, und die

Frau, die mich versorgte, gab es scheinbar nicht.

Ihr Haus war leer und ohne Möbel,

Kein Gerät und keine Gegenstände.

Nichts bezeugte, dass hier jemals jemand ein

Zuhause hatte oder hatte haben können,

Und es steckte auch kein Schlüssel in der Tür.

 

Ich ging zum Strand und dort entdeckte ich,

Dass meine Spur von mir vor mir im Sand

Zum Wasser führte,

Das entfernte sich mit jedem Schritt

Und immer schneller in die Ferne.

Ich begann dem nachzulaufen, doch es

Floh mit wachsender Geschwindigkeit.

Da blieb ich stehen.

Statt nun selbst zu fliehen, hielt ich fest an

Diesem Augenblick der Leichtigkeit in mir

Und hatte keine Angst.

 

 

 

 

 

Mit einem Helikopter brachte man mich

Heim auf meine Insel.

Nichts an meinem Körper hatte sich verändert,

Lediglich ein kleines Pflaster auf dem Oberschenkel

Überdeckte einen Einstich.

Von der Frau, die mich versorgte, sah ich bei der

Ankunft gleich den Rücken und die federnd

Dunkelroten Haare, die in langen Locken

Fast bis zu den Hüften reichten.

Ihr Gesicht sah ich im Spiegel, und sie kämmte sich.

Sie sah daraus voll Freundlichkeit  zu mir.

Ich hätte meinen Mund, die Nase und die Hände gerne

In ihr Haar gedrückt.

Da kam sie langsam auf mich zu und

Drehte mir, ganz nah, den Rücken zu.

Mit ihrer rechten Hand schob sie die Haare aus dem Nacken

Über mein Gesicht und über meinen Hals,

Und sah mich von der Seite an.

Die Leute, die mich brachten, nahmen

Nicht Notiz davon.

Es war als stünden wir auf einer Bühne

Ohne jedes Publikum.

Mein Herz schlug schnell,

Es war der engste Schritt in unsrem Tanz.

 

 

 

 

Ich schrieb danach den zehnten Brief und

Rätselte nicht um Erklärungen.

Ich weiß auch nicht, wer diesen Brief und wohin

Weitertrug.

 


 

Namenlos von meiner Insel

(11. Brief)

 

Ohne Vorbereitung holte man mich ab von meiner Insel.

Die Bewacher kannten mich,

Doch ihre Sprache blieb mir fremd.

Ich zeigte keinen Widerstand,

Und war ergeben in mein Los:

Zu lebenslanger Namenlosigkeit verurteilt.

 

Der Transport war eigentlich mehr eine

Reise, weil man höflich zu mir war und

Mich in keiner Weise drangsalierte.

Mehrfach wendete man sich an mich mit

Fragen oder mit Bemerkungen,

Doch die verstand ich nicht.

 

Wir kamen wieder zum Reaktor-U-Boot.

Das war aufgetaucht auf hoher See, und ich gelangte

Aus dem Helikopter über eine Einstiegsluke in das Schiff.

Man hatte mich erwartet, und man brachte mich

In eine aufwendig gestaltete Kabine,

Wo ich, wie das zweite Mal davor,

Zur Körperpflege und zur Kleidung alles passend fand.

 

 

 

 

Am ersten Abend hatte ich

Begegnung mit dem Mann, der über allem stand.

Der lud mich freundlich ein zu einem Essen mit den

Frauen, die ich von dem zweiten Treffen her

Noch kennen sollte.

Das gefiel mir nicht, weil man mir damals

Keine Wahl gelassen hatte, und ich nacheinander

Mit drei amputierten Frauen für drei Nächte

Unfreiwillig schlafen musste.

 

Die drei Frauen kamen auf mich zu

Und gaben mir fast schuldbewusst

Ein wenig Selbstvertrauen, weil sie mich in meiner

Sprache grüßten und nach meinem

Wohlbefinden fragten.

Ihre Hände lagen dabei voller Stolz

Auf ihren Unterleibern.

Eine trat heraus und sagte mir, wie

Glücklich sie nun wären, und sie kämen

Aus dem Land, wo Männermangel herrschte,

Ja, ich sollte alle drei in dieses Land, das hoch in

Kalten Bergen liegt, begleiten,

Und ich wäre sofort frei.

 

 

 

 

Sie überreichte mir drei Fotos von den Ungeborenen.

An meinem Urteil über lebenslange Namenlosigkeit

Vermochten sie zwar nichts zu ändern,

Aber sie versprachen Wohlstand und dass ich mit

Allen drein gemeinsam leben dürfte.

Alle gratulierten mir zu diesem Glück,

Und Tränen standen ihnen in den Augen.

 

Ich verfluchte aber diesen Augenblick

Und sehnte mich sekundenlang nach Selbstkasteiung.

 

Eine Antwort gab ich nicht.

 

Ich ging statt dessen aus dem Raum durch eine Tür,

Die war ein wenig angelehnt,

Und stand vor meiner Unterkunft auf meiner Insel,

Vor der Frau, die mich versorgte.

Sie nahm mir die Fotos aus der Hand

Als wüsste sie Bescheid.

 

Ich schrieb den elften Brief

Und gab ihr den dazu.

Sie wandte sich mit einem Lächeln ab

Und ließ mich wortlos stehen.

 

Mir im Rücken spürte ich die

Unzufriedene Gesellschaft.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(12. Brief)

 

Die Frau, die mich versorgte,

Saß in meinem Zimmer auf dem Stuhl

An meinem Bett.

Ich stand davor und sah auf sie herab.

Ich wusste nicht, wie weit ich ihr

Vertrauen durfte, und ich hätte sie sehr gerne

Sehr begehrt.

Da stand sie auf und fragte, ob ich mit ihr

Tango tanzen würde, ob ich

Tango tanzen könnte.

Dabei senkte sie den Kopf und

Blickte mich von unten stolz und sehr ernst an

Und legte meinen rechten Arm an ihre

Taille und begann mit ihrem linken Fuß

Den Takt zu stampfen.

 

Ich war irritiert, mir fehlte die Musik.

Doch ihre Schritte und ihr Leib, und weil ich ihre

Körperliche Enge, Haut an Haut, verspürte,

Ließ ich sie sich von mir drehen und sich an mich reißen,

Und ich wurde ihr zum Halt

Und sie mir meine einzige Trophäe.

 

 

 

 

Sie trug eine luftig weite, ärmellose, weiße Bluse,

Ihre blanke Stirn warf Sonnenlicht zurück,

Und in der Anmut der Bewegungen

Ließ sie die Blicke

Mir nicht aus den Augen gleiten.

So gab sie sich ihrem Tänzer hin,

In unsrem Atem waren wir vereint.

Wir tanzten kurz und schnell

Bis sie sich plötzlich ganz aus meinen

Armen rollte und zurückgedreht, wie leblos

Mir zu Füßen sank.

 

Ich war wie sie erschöpft und half ihr auf.

 

Es roch nach Sperma.

 

Meine Frage nach Vertrauen stellte sich nicht mehr.

 

 

 

 

Sie tänzelte noch für Minuten durch den

Raum, als müsste sie ein Puzzle

Stück für Stück und Schritt für Schritt

Zusammensetzen und zusammenfügen,

Eine Kette von zerrissenen Ereignissen

Für sich noch einmal nacherleben.

Dann gab sie mir flüchtig einen Kuss

Und stützte sich dabei auf meinen

Armen ab.

 

Der zwölfte Brief lag tagelang auf meinem

Tisch, als sollte ich mir alles gründlich überlegen.

Danach war er fort.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(13. Brief)

 

Ich wurde wieder abgeholt.

Es sollte neu verhandelt werden.

Sicher zweifelte nun keiner mehr an meiner

Unschuld und ich käme frei.

Die Frau, die mich versorgte,

Wollte einfach mit mir kommen,

Und man hatte scheinbar nichts dagegen,

Doch man tat als gäbe es sie nicht.

Ich kam erneut vor ein Gericht.

Die Frau, die mich versorgte,

Sprach als Übersetzerin zu mir

Und ließ mich wissen, dass man mir

Zur Probe, also auf Bewährung,

Meine Freiheit geben wollte.

Diese Probe, diese Freiheit, hätte nichts

Mit mir zu tun und änderte auch nichts an meinem Urteil,

Nein, sie wäre eine Probefreiheit meiner alten Welt.

Die sollte sich bekennen.

 

Das verstand ich nicht.

 

 

 

 

In meiner alten Heimat angekommen

Sah ich gleich, dass an der Eingangstür

Ein fremder Name stand, und Nachbarn, die

Ich kennen musste, gab es nicht.

Man sprach mich aber an und fragte,

Ob ich der sei, der im Ausland zwar begnadigt,

Aber schuldig und verurteilt worden sei.

Die Frau, die mich versorgte,

Sagte mir, dass diese Leute nur das Wissen hätten,

Das ich selbst in meinen Briefen mitgeteilt

Und fortgegeben hätte.

Niemand hier bezweifelte die Schuld an mir

Und dass es alles schon mit rechten Dingen

Zugegangen sei.

Man wendete sich ab.

Es hieß sogar, dass man mich hier nicht haben wollte,

Und man kehrte mir den Rücken.

 

 

 

 

Auch die Frau, die mich versorgte, war kein Trost,

Im Gegenteil.

Von ihr erfuhr ich nämlich, dass man mir die Heimkehr

Auf die Insel offenhielt, ich brauchte dem nur zuzustimmen.

Namenlos in meiner Heimat, sollte ich mich wie in der Verbannung

Unfreiwillig und doch freiwillig dem

Urteil, dass ich nicht verhindern konnte, beugen,

Und mich fremdbenutzen lassen.

 

Einzig in der Frau, die mich versorgte, sah ich

Noch die Hand, die sich mir bot,

Und floh in Angst mit ihr zurück auf meine Insel.

 

Diesen vielleicht letzten Brief schrieb ich

In großer Eile, und er wurde, wie noch feucht,

Mir aus der Hand gesogen und verschwand.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(14. Brief)

 

Diesen Morgen schlief ich lange

Und erwachte von der Ruhe um mich her.

Von draußen drangen keine Laute, kein Geräusch zu mir,

Es schien als wäre alles das, was mich umgab, in

Stoffe, Tücher, Watte eingeschlagen.

Dumpfe Stille hielt den Atem an.

Ich ging an meine Haustür

Um hinauszuschauen,

Doch sie war verklemmt,

Es drückte sie von außen etwas zu.

Ich sah durch einen Spalt

Und fand ganz eng ans Haus gewachsenes

Gestrüpp, dahinter Bäume, aufrecht und gestürzt,

Die ich zuvor noch nie gesehen hatte.

Urwald hatte sich dort ausgebreitet.

Durch das Fenster war ein starker Ast gewachsen,

Der stieß an die Zimmerdecke.

Jenen kleinen Sandweg, der zu meiner

Haustür führte, hatte sich Natur zurück erobert.

Ich stieg an dem Ast ins Freie.

Niemand war zu sehen.

Weit zu gehen traute ich mich nicht,

Ich hatte Angst, es war mir alles fremd.

 

 

 

 

Ich kletterte zurück ins Zimmer.

Es war dunkel hier und Lampen funktionierten nicht.

Ich setzte mich zurück aufs Bett.

Da öffnete sich eine Tür, die ich zuvor noch nie

Gefunden hatte, neben meinem Bett in einen andren Raum.

Der war mein ursprünglicher Wohnraum in Kopie,

Ganz gleich und ohne diesen Wildwuchs.

Alles dort war so wie ich es kannte, so wie immer.

Etwas seitlich hielt die Frau, die mich versorgte,

Mit der rechten Hand den Türgriff,

Und mit ihrem linken Zeigefinger winkte sie mir zu,

Dass ich ihr folgen sollte.

Dann verschwand sie hinter ihrem Türblatt.

Ich stieg übers Bett nach drüben, doch sie hatte diesen Raum

Schon durch die Eingangstür verlassen.

Ich trat ebenfalls nach draußen und fand alles

Unverändert und vertraut wie eh und je.

Der Sandweg führte als ein Rinnsal auf die

Haustür zu, und alles war verlässlich.

Die Geräusche waren mir gewohnt, und nebenan

Sprach jemand laut, ein anderer sang eine kleine Melodie.

Die Zwischentür zum ersten Raum war zugeschlagen.

Ich ging wieder hin und öffnete sie weit, um nachzuschauen,

Was ich dort verlassen hatte.

Urwald hatte sich tatsächlich bis hier ausgebreitet.

 

 

 

 

Ich stand noch im Rahmen dieses Durchgangs

Als die Frau, die mich versorgte, wieder eintrat.

Die vier Männer, denen sie sich teilte, waren auch dabei.

Sie gaben mir ein Zeichen, dass ich mich entscheiden sollte.

Ich ging in den neuen Raum.

Sie wollten nun den Durchgang wie mit Fensterläden schließen.

Das war mir zu grob und viel zu unwirklich.

Das spürte wohl die Frau, die mich versorgte.

Sie sprach mit den Männern und nahm mich in freundschaftlicher

Führung mit sich weit nach draußen bis hin zu den Blumengärten.

Nirgends sah ich Wildwuchs oder Urwald.

Erst am späten Abend kamen wir zurück.

Die Männer hatten in der Zwischenzeit die Öffnung

Sowie jede Spur zu einem andren Raum beseitigt,

Und auch draußen konnte ich nichts finden.

 

In dem neuen Zimmer schrieb ich alles auf,

Was mir seit diesem Morgen widerfahren war.

Ich suchte nicht nach Fragen oder Antworten.

 

Dem Brief gab ich die Nummer Vierzehn.

Er lag tagelang in meinem Zimmer neben meinem Bett,

Dann hatte man ihn abgeholt.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(15. Brief)

 

Das Urteil stand mir hoch als Wand vor Augen:

Ohne Schuld war ich in einem fremden Ausland

Erst zum Tod durch Hängen abgeurteilt worden,

Später, wegen einer Sprachverwirrung,

Namenlos verbannt auf diese Insel.

Hier war ich der Willkür Unbekannter ausgeliefert.

In der Heimat hatte ich noch Schlimmeres erlebt:

Man wollte mich dort nicht mehr haben,

Weil man mich für schuldig hielt.

 

 

 

 

Die Rückkehr war mir so vereitelt worden.

Nirgends konnte ich Vertrauen fassen,

Auch nicht zu der Frau, die mich versorgte.

Lange dachte ich darüber nach.

Ich wusste nicht, ob sie und die vier Männer,

Denen sie sich teilte, einer Obrigkeit gehorchten.

 

 

 

 

Diesem, meinem neuen Brief, gab ich die Nummer fünfzehn,

Und ich wusste nicht, für wen, für was ich alles festhielt.

Draußen mochte es noch jemand geben,

Der viel Schlimmeres erlebte und erfuhr,

Doch konnte mir das Trost sein und Vertrauen schenken?

Worauf konnte ich noch hoffen?

 

Gleich nach meiner Niederschrift war dieser Brief

Verschwunden.

 


 

 

Namenlos von meiner Insel

(16. Brief)

 

Ich verließ das Haus

Und ging spazieren.

Da fuhr neben mir ein Wagen auf.

Der wurde von der Frau gelenkt, die mich versorgte,

Und sie fragte, ob ich sie begleiten wollte.

Sie war auf dem Weg zum „Großen Haus“.

Das kannte ich noch nicht.

So stieg ich zu ihr ein.

Sie sah ein wenig anders aus als sonst.

Ich sah sie von der Seite an, mir fiel jedoch nichts weiter auf.

Wir fuhren zu dem „Großen Haus“.

Es schien sehr herrschaftlich.

Von weitem sah ich viel Geschäftigkeit.

In nächster Nähe gingen dann zwei Frauen,

Die der Frau, die mich versorgte, zum Verwechseln

Glichen.

Ich war irritiert,

Die Frau saß neben mir und war auch draußen.

Eine von den beiden sah ein wenig jünger aus,

Die andere schien älter.

 

 

 

 

Meine Fahrerin blieb ungerührt.

Wir traten ein.

Gleich hinter dem Empfang stand ich.

Ich stand dort zweimal,

Einmal so wie ich vor Jahren ausgesehen hatte

Und daneben ganz genau wie jetzt.

Ich wollte mich verstecken.

 

In dem ganzen Haus war reges Tun und auch viel Lässigkeit.

Ich traf auf immer neue Doppelgänger.

Keiner staunte, alle waren ungewöhnlich frei.

Ich kannte mich bald nicht mehr aus.

Die Frau, die mich versorgte und den Wagen

Hergefahren hatte, konnte ich nicht mehr entdecken.

Sie war in zu viele gleiche Frauen eingetaucht.

Da wurde ich von einem meiner Doppelgänger angesprochen.

Er sah mich sehr freundlich an.

Er sprach jedoch nicht meine Sprache,

Und ich lächelte verständnislos zurück.

Ein wenig aber spürte ich Vertrauen,

Und ich hatte Lust ihn zu berühren.

 

 

 

 

Viele Wochen lebte ich im „Großen Haus“.

Wir gaben uns an Kleidung, Essen, Überflüssigem

Und an Erforderlichem was wir brauchten.

Immer war jedoch schon alles angetan und

Stand bereit für mich, für alle meine Ichs

Und für die Doppelgängerinnen von der Frau,

Die mich versorgte, und sie selbst darunter.

 

Eines Tages redete von denen eine ganz vertraut mit mir,

Dass ich „der in Verbannung“ sei,

Sie führe wieder heim und wenn ich wollte..

Ich war gleich dabei und sagte: „Ja“,

Doch trauen konnte ich ihr nicht.

 

So fuhren wir zurück.

 

Zu Hause angekommen

Stand die Frau, die mich versorgte, uns im Weg,

Und ohne Staunen öffnete sie mir die Wagentür.

Sie fragte nur, ob ich im „Großen Haus“ gewesen sei

Und sah gelangweilt auf die Doppelgängerin.

Die grüßte sie und fuhr, als wäre nichts, davon.

 

Mein neuer Brief erhielt die Nummer sechszehn,

Und er wurde schon am andren Tag

Von jemand wortlos abgeholt.

 


ISBN 978-3-937264-88-2