Namenlos von meiner Insel (Briefe)
Lyrik,
ISBN
978-3-937264-88-2
Copyright/Urheberrecht
2011 beim Autor, Herausgeber, Autor Redakteur: Harald Birgfeld
e-mail: Harald.Birgfeld@t-online.de
"Es lohnt sich, einmal einen heutigen Dichter
kennen zu lernen, der mit der deutschen Sprache einen faszinierend fremden Weg
betritt und trotzdem dem Leser Freiraum lässt für eigene Gedankengänge, ohne
dass die Probleme in erhobener Zeigefingermanier zu zeitkritischen
Trampelpfaden werden." (1986:
Gutachten)
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Namenlos von meiner Insel (1. Brief) Namenlos von meiner Insel (2. Brief) Namenlos von meiner Insel (3. Brief) Namenlos von meiner Insel (4. Brief) Namenlos von meiner Insel (5. Brief) Namenlos von meiner Insel (6. Brief) Namenlos von meiner Insel (7. Brief) |
Namenlos von meiner Insel (8. Brief) Namenlos von meiner Insel (9. Brief) Namenlos von meiner Insel (10. Brief) Namenlos von meiner Insel (11. Brief) Namenlos von meiner Insel (12. Brief) Namenlos von meiner Insel (13. Brief) Namenlos von meiner Insel (14. Brief) |
Namenlos von meiner Insel (15. Brief) Namenlos von meiner Insel (16. Brief) |
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(1. Brief) Alles
ging sehr schnell. In
einem nahen, fernen Ausland, wo ein Menschenleben
rasch verblühte, Nahm
man mich gefangen. Einer
Schuld war ich mir nicht bewusst, Ich
wurde nicht befragt, Und
ich gestand. Man
fällte noch in meiner Gegenwart das Urteil: Tod
durch Erhängen, Und
dann, als ein Kader Zweifel hatte, Wegen
einer Sprachverwirrung: Lebenslängliche
Verbannung. |
Meinen
Namen hatte man mir aberkannt Und
schickte mich auf eine Dieser
kleinen Inseln tief im Süden, ohne Anschluss
an die Welt. Ich
durfte unter wenig Menschen leben. Man
versicherte, mit keinem über meine Schuld
zu reden. Einmal
jährlich darf ich einen Text Verfassen,
der erscheint, wie dieser, Irgendwo
und ohne meinen Namen. |
Jetzt,
mit dieser kleinen Freiheit, Wende
ich mich an die Präfektur, An
jede Obrigkeit, Und
frage nach: Warum,
weshalb, aus welchem Grund Hat
man mir Solches angetan. Es
geht mir wirklich gut auf meiner Insel Und
ich klage nicht Und
spreche schon mit einer Frau, Die
mich versorgt, Und
sicher bin ich schuldig, Aber
ich erfahre nichts Und
bitte die, die über mich Gericht gehalten haben, Zu
verzeihen: „Geben
Sie mir meinen Namen Wieder.“
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(2. Brief) Es
war ein böser Trick, Dass
man mich von der Insel Einen
Brief verfassen ließ, Man
wollte Namen hören Und
dass ich die Obrigkeit beschuldigte War
dumm von mir, Da
gab es kein Verzeihen. Man
verbot mir jede Körperpflege Und
verschleppte mich auf ein Das
mit reichen Passagieren Bis
in größte Tiefen tauchte. |
Wochenlang
muss ich In
dem Maschinenraum gewesen sein, Und
Namen, die man hören wollte, Gab
ich zu. Ich
musste mich mit einer Lederpeitsche
selber schlagen Bis
das Blut austrat. Dann
schickte man mich wieder heim Auf
meine Insel, So,
als wär nichts gewesen. |
Bei
der Frau, die mich versorgte, Fand
ich fast wie selbstverständlich Schreibzeug
und Papier. Sie
zeigte mir den hohlen Stein In
einer Mauer eines Hauses. Dort
versteckte ich den neuen Brief, Den
schrieb ich gleich nach meiner Rückkehr, Der
war schon am andren Tag
in einer großen Zeitung Nachzulesen. Das
bewies sie mir in einer Sendung,
die sie täglich sah. |
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(3. Brief) Ich
war so maßlos traurig Und
so voller Hoffnungslosigkeit. Ich
durfte meinen Namen Nicht
benennen Und
ich wurde nicht danach gefragt. Am
Tisch fand ich die Frau,
die mich versorgte. Mit
ihr saßen dort vier Männer, Die
sich friedlich zeigten, Bei
der Mahlzeit. Denen
teilte sie sich auf, Sie
waren Brüder. Mit
dem Winken ihrer Hand Bat
sie mich hin zu sich An
ihre rechte Seite, wo noch Platz war, Auf
die Bank. |
Die
Männer schauten unbeschwert auf mich, Und
einer gab mir seine Hand. Sie
aber beugte meinen Nacken Tief
in ihren Schoß. Ich
drehte mein Gesicht zu ihr Und
sah sie von dort unten an. Sie
öffnete ihr Kleid Und
beugte sich leicht über mich. Sie
gab mir ihre Brust. Ich
hatte schmerzhaft Sehnsucht Nach
ein wenig Weiblichkeit, Die
stillte sie auf diese Weise. Wunderbar
durchströmte mich, Was
sie mir tat, Und
warme Dankbarkeit Stieg
in mir auf. |
Die
Männer nahmen das Geschehen Wahr
und ließen es gelassen zu. Mein
dritter Brief, in dem ich Dieses
alles schreiben würde, Lag
nur wenig später fertig Auf
dem Tisch, Und
einer ihrer Männer nahm Ihn
mit. |
|
(4. Brief) Vielleicht
ist dies das letzte, Was
von mir nach außen dringt. Man
holte mich zurück Von
meiner Insel, Denn
die Richter über mich Verfügten,
dass der erste Spruch Doch
gültig sei: Tod
durch Erhängen. Die
Vollstreckung wurde aber Ausgesetzt. Begründung
gab es keine. |
Eine
Frau vom Komitee nahm mich Beiseite Und
sie sagte mir, ich sollte Alles
nicht persönlich nehmen, Weil
ich durch den ersten Richterspruch Zur
Namenlosigkeit Doch
keinerlei Persönlichkeit mehr hätte. Dies
wär auch der eigentliche Grund Warum
das Urteil nicht Vollzogen
werden könnte. All
die andren hätten das ganz schnell Verstanden
und auch richtig Darauf
reagiert. Ich
könnte, wenn ich wollte Heim
auf meine Insel Oder
würde namenloses Opfer meines eignen Handelns
werden. |
Auf
dem Tisch, an dem ich mich Entscheiden
sollte, lagen Bleistift
und Papier. Ich
schrieb den vierten Brief. Man
wartete nun meine Zeilen ab, Die
wollte aber niemand lesen, Steckte
meinen Brief in einen Umschlag Adressierte
ihn und übergab ihn Einem
seriösen Boten Zur
Beförderung an eine große Zeitung. Mich
verbrachte man erneut auf Meine
Insel. |
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(5.
Brief) Angekommen auf der Insel Brachte man mich in ein neues Haus. Das Haus war ein Geschenk für mich. Es hatte keinen Namen an der Tür. Die Frau, die mich versorgte Fragte mich nach meinem Alter, Und ich wagte keine Antwort, Ihretwegen. Die vier Männer, denen sie sich teilte, Waren nicht dabei. Am andren Tag bekamen wir Besuch von Fremden in Begleitung, Die befragten mich in ihrer Sprache. Wenig später holte man mich wieder ab Und brachte mich erneut Auf das Reaktor- U-Boot Und behandelte mich besser als die
Luxuspassagiere. Der Maschinenraum, in dem ich früher An den Dampfturbinen Arbeit machte, Blieb für mich verschlossen. |
Dann gab man mir gute Kleidung, Legte Wert auf Sauberkeit Und abends war ich mit drei jungen
Frauen Gast bei einem Mann, der über allem
stand. Die Frauen hielten Einigkeit und Nacheinander, jeweils für drei Abende, War ich auch Gast in ihren abgedunkelten
Kabinen. Jede zeigte Leuchten in den Augen Mit verheißungsvollen Blicken, Und ich blieb die Nächte. Jede Frau erzählte mir dabei von einem
Schicksal, Das sie hatte, dass sie sich von mir Ein Liebesglück versprach, Das sie, ich wüsste schon warum, Sonst niemals haben könnte, Und sie wollte nur ein Kind von mir. Ich wäre namenlos und hätte doch nichts Zu verlieren. |
Ich gab alles zu Und übersah nicht die Gebrechlichkeit Der amputierten Leiber unter mir. Man brachte mich nach dieser Zeit Zurück auf meine Insel, zu der Frau, Die mich versorgte, Und sie schwor, dass auf der Insel Nie ein neues Haus gestanden hätte. Bis hier schrieb ich meinen fünften Brief Und ließ ihn einfach liegen. Der war, wie von mir erwartet Schon am nächsten Morgen Fort. |
|
(6.
Brief) Die Frau, die mich versorgte, War sehr lieb zu mir. Ich glaube nicht, dass sie mich einfach Liebte, es war viel, viel mehr. Ihr Blick verriet mir, dass sie sich Geborgen bei mir fühlte, Dass sie meine Nähe suchte. Eines Tages schaute sie mich an Und bat mich, sie ins Inselland Zu führen. Ich war überglücklich, Und es war die Sehnsucht nach dem Schönen, die mich leitete. Ich traute ihr und legte ihren Arm In meinen. Sie bedankte sich mit einem Mädchenhaften Blick zu mir, Doch den verstand ich nicht. |
Sie schlug mir einen Kurzweg vor Und führte uns in einen Garten voller Unbekannter Blumen. Schwere Blütendolden streiften unsre Arme, strichen über die Gesichter Als ein leiser Hauch Von zartester Berührung. Deren Leichtigkeit und warmer Duft Verführten uns, dass wir uns an den Händen halten wollten. Sie stand plötzlich still Und schloss, mir zugewandt, die Augen. Als in einer leeren Kirche standen wir In feierlicher Ruhe, Und ich gab ihr einen Kuss Und wusste nicht mehr, Dass sie sich vier Männern teilte. |
Diesen sechsten Brief schrieb ich Nicht auf. Er hing trotzdem bei meiner Rückkehr An der Innenwand der Tür zu meinem Raum Und wurde auch nicht abgeholt Wie all die anderen. Die Frau, die mich versorgte Spielte nebenan auf einer Okarina ihre Melodien. |
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Namenlos von meiner Insel (7.
Brief) Am
andren Morgen wurde ich in aller Frühe wach. Ich hörte
Männerstimmen Und
die Stimme einer Frau. Man
drang in meine Wohnung Und
erteilte mir Befehle in der fremden Sprache. Ich
gehorchte und mit etwas Kleidung
führte man mich ab ins Freie. |
Draußen
kam die Frau, die mich versorgte, Ebenfalls
aus ihrer Wohnung, Und
sie sah mich an und sah durch mich hindurch. Gelangweilt
biss sie ab von einer Frucht in ihrer Hand. Ich
eilte auf sie zu und wollte etwas sagen, Aber
sie blieb fremd und schaute in die Leere. Gestern
hatte ich sie noch geküsst. Nun
lag in ihren Augen Abgewandtheit, Die
mir jedes Wort im Hals erstickte. An
der Mauer stand ein Reisigbesen. Den
sie nahm, damit den Weg zu fegen, Doch
dann stützte sie sich darauf ab Mit
einem neuen Blick auf unsre Gruppe, So
als sähe sie zum ersten Mal ein Kunstwerk, Über
das sie staunte. Ohne
sich zu rühren wurde sie auf diese Weise Selbst
zur Kunst im Werk, im Raum. Und
ich, zur Namenlosigkeit verurteilt und zu Lebenslänglicher
Verbannung, Konnte
nur noch demutsvoll verharren. |
Wenig
später brachten mich die Männer und die Frau Erst
auf ein Boot zum Übersetzen, Dann
an einen Zug und in ein Abgesperrtes,
isoliertes Sitzabteil. Man
gab mir dort, was ich benötigte. Die
Reise endete nach einem Tag
und einer Nacht in ungewisser Fahrerei
direkt in einem Berg weit unter Tage. Hier,
in einem großen Raum mit vielen Menschen
und sehr wenig Licht, Erhielt
ich eine neue Bleibe. Die
war nur ein Drahtgestell als Bett
mit festem Stoff bespannt. Als
ich mich umsah Fand
ich unter dem Gestell in einem Umschlag Unbeschriebenes
Papier und einen Stift. Ich
schrieb den siebten Brief, Den
hob mein Bettennachbar wortlos auf Und
trug ihn als ein Bote fort. |
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(8.
Brief) Aus
dem Berg war kein Entkommen, Aber
niemand wurde hier bewacht. Allein
der enge Schienenstrang Gab
eine Richtung an. Dorthin
verschwanden manchmal Leute. In
dem Berg war ich zum Küchenpersonal Gerufen
worden, ohne Zwang und ohne Mich
zu drangsalieren. Niemand
nahm sich meiner oder eines andren an. Es
gab auch Frauen, die wie wir behandelt wurden. Sie
entschieden sich in jeder Sache selbst. In
meiner Küche gab es kaum ein Wort zu sagen, Niemand
gab Befehle, Niemand
hörte zu, falls jemand redete. Das Essen
selbst war pünktlich aufgetischt Und
wurde abgeräumt von Frauen, Männern, Die
man sonst nicht sah. Sie
sprachen eine fremde Sprache unter sich. |
Beim
Essen stellte sich bald eine Enge
Bindung ein, vielleicht, weil jedes Essen Eigentlich
ganz harmlos einen Namen hatte. Manchmal
aber standen „Blut“, dann „Leber“, „Herz“
und „Nieren“ oder „Lunge“ Auf
der Speisetafel. Das
entsetzte uns. Wir
wichen blitzschnell aus, als ein gejagter Fischschwarm, Und
entflohen. Dann,
bei einem der Tumulte, stieß ich in ein Messer Und
verletzte mich in Panik an der linken Hand. Zurück
blieb eine Narbe. Damals
zählte ich die Tage und die Nächte Und
blieb länger als ein Jahr und sah kein Sonnenlicht. Dann
wurde ich, als hätte man mich irgendwo Gefunden,
wieder heimgebracht auf meine Insel. |
Dort
erwachte ich am hellen Tag Aus
tiefstem Schlaf und sah Die
Frau, die mich versorgte, neben mir am Bett. Ich
wollte ihr erzählen und sie fragen, Sie
jedoch bestand auf den Besuch der Nachbarin, die einen Tag
vor meinem Abtransport ein Kind geboren hatte, Das
war jetzt und heute keine vierundzwanzig Stunden alt. Ich
sah auf meine Narbe an der Hand Und
auf die Frau, die mich versorgte. Sie
verneinte mit dem Kopf. Ich
schrieb, in mich gekehrt, den achten Brief, Den
trug sie augenblicklich fort. |
|
(9.
Brief) Meine Briefe fanden nirgends Echo, Dass, obwohl sie nachzulesen und zu hören
waren. Niemand fand es sonderbar, Von einem Namenlosen ohne jeden Umweg etwas zu erfahren. Die Erlaubnis, Briefe zu verfassen, ohne Dass man an den Schreiben Etwas änderte, erfüllte mich mit Mut. In Zukunft würde ich mich gleich an jeden
Und an alle in der Heimat wenden Und um Hilfe bitten. Ich sprach mit der Frau, die mich
versorgte, Und erfuhr, dass meine Briefe schon von
Anfang an Für jeden zugänglich und öffentlich gewesen
waren. Dass das Urteil über meine Namenlosigkeit
Und lebenslängliche Verbannung als
persönliches Geschick Und meine eigne Schuld empfunden wurde. Niemand würde sich je um mich kümmern
wollen. |
Als die Frau, die mich versorgte, Meine Angst erkannte, riet sie mir, Ich sollte Angst mit Angst bekämpfen, Und sie sagte: „Willkür ist der schlimmste Terrorismus“. Das verstand ich nicht. Dann aber kam sie eines Abends, Legte sich entkleidet auf mein Bett, als wollte sie sich mir beweisen. Das verwirrte mich, und ich war traurig Und sah hoffnungslos auf sie herab. Sie aber zeigte mir mit ihrem Finger An der Taille eine schwarze Tätowierung, Die mich tief erschrecken ließ, Es war das mittelalterliche Zeichen Von der Tür zu einem an der Pest Erkrankten.
„So kannst du dich schützen“, sagte sie. Dann sah sie mich sehr lange an. Ich hätte sie gern lieben wollen, Und mein Herz war wach, Doch das, was ich die Seele nannte, Wog in mir so schwer wie Stein. Ich dachte auch daran, Dass sie sich in vier Männern teilte. |
Nun schreib ich den neunten Brief Und hoffe auf kein Wunder, Denn ich spüre die Gefahr Um die Organe meines Körpers. Einer ihrer Männer hat mir das Tatoo gestochen. Er war freundlich und entgegenkommend. Dieser Brief blieb ein paar Tage
unentdeckt, Dann war er fort wie all die anderen. |
|
(10.
Brief) Am
neuen Morgen schienen alle meine Spuren
wie verweht, verwischt. Ein Ungefühl nach völliger Verlassenheit Stand
mir im Hals. Im
Haus lag nichts, stand nichts Und es
gab nichts, was mich an mich Erinnerte.
Im
Nachbarhaus war niemand, und die Frau,
die mich versorgte, gab es scheinbar nicht. Ihr
Haus war leer und ohne Möbel, Kein
Gerät und keine Gegenstände. Nichts
bezeugte, dass hier jemals jemand ein Zuhause
hatte oder hatte haben können, Und
es steckte auch kein Schlüssel in der Tür. Ich
ging zum Strand und dort entdeckte ich, Dass
meine Spur von mir vor mir im Sand Zum
Wasser führte, Das
entfernte sich mit jedem Schritt Und
immer schneller in die Ferne. Ich
begann dem nachzulaufen, doch es Floh
mit wachsender Geschwindigkeit. Da
blieb ich stehen. Statt
nun selbst zu fliehen, hielt ich fest an Diesem
Augenblick der Leichtigkeit in mir Und
hatte keine Angst. |
Mit
einem Helikopter brachte man mich Heim
auf meine Insel. Nichts
an meinem Körper hatte sich verändert, Lediglich
ein kleines Pflaster auf dem Oberschenkel Überdeckte
einen Einstich. Von
der Frau, die mich versorgte, sah ich bei der Ankunft
gleich den Rücken und die federnd Dunkelroten
Haare, die in langen Locken Fast
bis zu den Hüften reichten. Ihr
Gesicht sah ich im Spiegel, und sie kämmte sich. Sie
sah daraus voll Freundlichkeit zu mir.
Ich
hätte meinen Mund, die Nase und die Hände gerne In
ihr Haar gedrückt. Da kam
sie langsam auf mich zu und Drehte
mir, ganz nah, den Rücken zu. Mit
ihrer rechten Hand schob sie die Haare aus dem Nacken Über
mein Gesicht und über meinen Hals, Und
sah mich von der Seite an. Die
Leute, die mich brachten, nahmen Nicht
Notiz davon. Es
war als stünden wir auf einer Bühne Ohne
jedes Publikum. Mein
Herz schlug schnell, Es
war der engste Schritt in unsrem Tanz. |
Ich
schrieb danach den zehnten Brief und Rätselte
nicht um Erklärungen. Ich
weiß auch nicht, wer diesen Brief und wohin Weitertrug. |
|
(11.
Brief) Ohne
Vorbereitung holte man mich ab von meiner Insel. Die
Bewacher kannten mich, Doch
ihre Sprache blieb mir fremd. Ich
zeigte keinen Widerstand, Und
war ergeben in mein Los: Zu
lebenslanger Namenlosigkeit verurteilt. Der
Transport war eigentlich mehr eine Reise,
weil man höflich zu mir war und Mich
in keiner Weise drangsalierte. Mehrfach
wendete man sich an mich mit Fragen
oder mit Bemerkungen, Doch
die verstand ich nicht. Wir
kamen wieder zum Reaktor-U-Boot. Das
war aufgetaucht auf hoher See, und ich gelangte Aus
dem Helikopter über eine Einstiegsluke in das Schiff. Man
hatte mich erwartet, und man brachte mich In
eine aufwendig gestaltete Kabine, Wo
ich, wie das zweite Mal davor, Zur
Körperpflege und zur Kleidung alles passend fand. |
Am
ersten Abend hatte ich Begegnung
mit dem Mann, der über allem stand. Der
lud mich freundlich ein zu einem Essen mit den Frauen,
die ich von dem zweiten Treffen her Noch
kennen sollte. Das
gefiel mir nicht, weil man mir damals Keine
Wahl gelassen hatte, und ich nacheinander Mit
drei amputierten Frauen für drei Nächte Unfreiwillig
schlafen musste. Die
drei Frauen kamen auf mich zu Und
gaben mir fast schuldbewusst Ein
wenig Selbstvertrauen, weil sie mich in meiner Sprache
grüßten und nach meinem Wohlbefinden
fragten. Ihre
Hände lagen dabei voller Stolz Auf
ihren Unterleibern. Eine
trat heraus und sagte mir, wie Glücklich
sie nun wären, und sie kämen Aus
dem Land, wo Männermangel herrschte, Ja,
ich sollte alle drei in dieses Land, das hoch in Kalten
Bergen liegt, begleiten, Und
ich wäre sofort frei. |
Sie
überreichte mir drei Fotos von den Ungeborenen. An
meinem Urteil über lebenslange Namenlosigkeit Vermochten
sie zwar nichts zu ändern, Aber
sie versprachen Wohlstand und dass ich mit Allen
drein gemeinsam leben dürfte. Alle
gratulierten mir zu diesem Glück, Und
Tränen standen ihnen in den Augen. Ich
verfluchte aber diesen Augenblick Und
sehnte mich sekundenlang nach Selbstkasteiung. Eine
Antwort gab ich nicht. Ich
ging statt dessen aus dem Raum durch eine Tür, Die
war ein wenig angelehnt, Und
stand vor meiner Unterkunft auf meiner Insel, Vor
der Frau, die mich versorgte. Sie
nahm mir die Fotos aus der Hand Als
wüsste sie Bescheid. Ich
schrieb den elften Brief Und
gab ihr den dazu. Sie
wandte sich mit einem Lächeln ab Und
ließ mich wortlos stehen. Mir
im Rücken spürte ich die Unzufriedene
Gesellschaft. |
|
(12.
Brief) Die
Frau, die mich versorgte, Saß in
meinem Zimmer auf dem Stuhl An
meinem Bett. Ich
stand davor und sah auf sie herab. Ich
wusste nicht, wie weit ich ihr Vertrauen
durfte, und ich hätte sie sehr gerne Sehr
begehrt. Da
stand sie auf und fragte, ob ich mit ihr Tango
tanzen würde, ob ich Tango
tanzen könnte. Dabei
senkte sie den Kopf und Blickte
mich von unten stolz und sehr ernst an Und
legte meinen rechten Arm an ihre Taille
und begann mit ihrem linken Fuß Den
Takt zu stampfen. Ich
war irritiert, mir fehlte die Musik. Doch
ihre Schritte und ihr Leib, und weil ich ihre Körperliche
Enge, Haut an Haut, verspürte, Ließ
ich sie sich von mir drehen und sich an mich reißen, Und
ich wurde ihr zum Halt Und
sie mir meine einzige Trophäe. |
Sie
trug eine luftig weite, ärmellose, weiße Bluse, Ihre
blanke Stirn warf Sonnenlicht zurück, Und
in der Anmut der Bewegungen Ließ
sie die Blicke Mir
nicht aus den Augen gleiten. So
gab sie sich ihrem Tänzer hin, In
unsrem Atem waren wir vereint. Wir
tanzten kurz und schnell Bis
sie sich plötzlich ganz aus meinen Armen
rollte und zurückgedreht, wie leblos Mir
zu Füßen sank. Ich
war wie sie erschöpft und half ihr auf. Es
roch nach Sperma. Meine
Frage nach Vertrauen stellte sich nicht mehr. |
Sie
tänzelte noch für Minuten durch den Raum,
als müsste sie ein Puzzle Stück
für Stück und Schritt für Schritt Zusammensetzen
und zusammenfügen, Eine
Kette von zerrissenen Ereignissen Für
sich noch einmal nacherleben. Dann
gab sie mir flüchtig einen Kuss Und
stützte sich dabei auf meinen Armen
ab. Der
zwölfte Brief lag tagelang auf meinem Tisch,
als sollte ich mir alles gründlich überlegen. Danach
war er fort. |
|
(13.
Brief) Ich
wurde wieder abgeholt. Es
sollte neu verhandelt werden. Sicher
zweifelte nun keiner mehr an meiner Unschuld
und ich käme frei. Die
Frau, die mich versorgte, Wollte
einfach mit mir kommen, Und
man hatte scheinbar nichts dagegen, Doch
man tat als gäbe es sie nicht. Ich
kam erneut vor ein Gericht. Die
Frau, die mich versorgte, Sprach
als Übersetzerin zu mir Und
ließ mich wissen, dass man mir Zur
Probe, also auf Bewährung, Meine
Freiheit geben wollte. Diese
Probe, diese Freiheit, hätte nichts Mit
mir zu tun und änderte auch nichts an meinem Urteil, Nein,
sie wäre eine Probefreiheit meiner alten Welt. Die
sollte sich bekennen. Das
verstand ich nicht. |
In
meiner alten Heimat angekommen Sah
ich gleich, dass an der Eingangstür Ein
fremder Name stand, und Nachbarn, die Ich
kennen musste, gab es nicht. Man
sprach mich aber an und fragte, Ob
ich der sei, der im Ausland zwar begnadigt, Aber
schuldig und verurteilt worden sei. Die
Frau, die mich versorgte, Sagte
mir, dass diese Leute nur das Wissen hätten, Das
ich selbst in meinen Briefen mitgeteilt Und
fortgegeben hätte. Niemand
hier bezweifelte die Schuld an mir Und
dass es alles schon mit rechten Dingen Zugegangen
sei. Man
wendete sich ab. Es
hieß sogar, dass man mich hier nicht haben wollte, Und
man kehrte mir den Rücken. |
Auch
die Frau, die mich versorgte, war kein Trost, Im
Gegenteil. Von
ihr erfuhr ich nämlich, dass man mir die Heimkehr Auf
die Insel offenhielt, ich brauchte dem nur zuzustimmen. Namenlos
in meiner Heimat, sollte ich mich wie in der Verbannung Unfreiwillig
und doch freiwillig dem Urteil,
dass ich nicht verhindern konnte, beugen, Und
mich fremdbenutzen lassen. Einzig
in der Frau, die mich versorgte, sah ich Noch
die Hand, die sich mir bot, Und
floh in Angst mit ihr zurück auf meine Insel. Diesen
vielleicht letzten Brief schrieb ich In
großer Eile, und er wurde, wie noch feucht, Mir
aus der Hand gesogen und verschwand. |
|
(14.
Brief) Diesen Morgen schlief ich lange Und erwachte von der Ruhe um mich her. Von draußen drangen keine Laute, kein Geräusch zu mir, Es schien als wäre alles das, was mich umgab, in Stoffe, Tücher, Watte eingeschlagen. Dumpfe Stille hielt den Atem an. Ich ging an meine Haustür Um hinauszuschauen, Doch sie war verklemmt, Es drückte sie von außen etwas zu. Ich sah durch einen Spalt Und fand ganz eng ans Haus gewachsenes Gestrüpp, dahinter Bäume, aufrecht und gestürzt, Die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Urwald hatte sich dort ausgebreitet. Durch das Fenster war ein starker Ast gewachsen, Der stieß an die Zimmerdecke. Jenen kleinen Sandweg, der zu meiner Haustür führte, hatte sich Natur zurück erobert. Ich stieg an dem Ast ins Freie. Niemand war zu sehen. Weit zu gehen traute ich mich nicht, Ich hatte Angst, es war mir alles fremd. |
Ich kletterte zurück ins Zimmer. Es war dunkel hier und Lampen funktionierten nicht. Ich setzte mich zurück aufs Bett. Da öffnete sich eine Tür, die ich zuvor noch nie Gefunden hatte, neben meinem Bett in einen andren Raum. Der war mein ursprünglicher Wohnraum in Kopie, Ganz gleich und ohne diesen Wildwuchs. Alles dort war so wie ich es kannte, so wie immer. Etwas seitlich hielt die Frau, die mich versorgte, Mit der rechten Hand den Türgriff, Und mit ihrem linken Zeigefinger winkte sie mir zu, Dass ich ihr folgen sollte. Dann verschwand sie hinter ihrem Türblatt. Ich stieg übers Bett nach drüben, doch sie hatte diesen Raum Schon durch die Eingangstür verlassen. Ich trat ebenfalls nach draußen und fand alles Unverändert und vertraut wie eh und je. Der Sandweg führte als ein Rinnsal auf die Haustür zu, und alles war verlässlich. Die Geräusche waren mir gewohnt, und nebenan Sprach jemand laut, ein anderer sang eine kleine Melodie. Die Zwischentür zum ersten Raum war zugeschlagen. Ich ging wieder hin und öffnete sie weit, um nachzuschauen, Was ich dort verlassen hatte. Urwald hatte sich tatsächlich bis hier ausgebreitet. |
Ich stand noch im Rahmen dieses Durchgangs Als die Frau, die mich versorgte, wieder eintrat. Die vier Männer, denen sie sich teilte, waren auch dabei. Sie gaben mir ein Zeichen, dass ich mich entscheiden sollte. Ich ging in den neuen Raum. Sie wollten nun den Durchgang wie mit Fensterläden schließen. Das war mir zu grob und viel zu unwirklich. Das spürte wohl die Frau, die mich versorgte. Sie sprach mit den Männern und nahm mich in freundschaftlicher Führung mit sich weit nach draußen bis hin zu den Blumengärten. Nirgends sah ich Wildwuchs oder Urwald. Erst am späten Abend kamen wir zurück. Die Männer hatten in der Zwischenzeit die Öffnung Sowie jede Spur zu einem andren Raum beseitigt, Und auch draußen konnte ich nichts finden. In dem neuen Zimmer schrieb ich alles auf, Was mir seit diesem Morgen widerfahren war. Ich suchte nicht nach Fragen oder Antworten. Dem Brief gab ich die Nummer Vierzehn. Er lag tagelang in meinem Zimmer neben meinem Bett, Dann hatte man ihn abgeholt. |
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(15. Brief) Das Urteil stand mir hoch als Wand vor Augen: Ohne Schuld war ich in einem fremden Ausland Erst zum Tod durch Hängen abgeurteilt worden, Später, wegen einer Sprachverwirrung, Namenlos verbannt auf diese Insel. Hier war ich der Willkür Unbekannter ausgeliefert. In der Heimat hatte ich noch Schlimmeres erlebt: Man wollte mich dort nicht mehr haben, Weil man mich für schuldig hielt. |
Die Rückkehr war mir so vereitelt worden. Nirgends konnte ich Vertrauen fassen, Auch nicht zu der Frau, die mich versorgte. Lange dachte ich darüber nach. Ich wusste nicht, ob sie und die vier Männer, Denen sie sich teilte, einer Obrigkeit gehorchten. |
Diesem, meinem neuen Brief, gab ich die Nummer fünfzehn, Und ich wusste nicht, für wen, für was ich alles festhielt. Draußen mochte es noch jemand geben, Der viel Schlimmeres erlebte und erfuhr, Doch konnte mir das Trost sein und Vertrauen schenken? Worauf konnte ich noch hoffen? Gleich nach meiner Niederschrift war dieser Brief Verschwunden. |
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(16. Brief) Ich verließ das Haus Und ging spazieren. Da fuhr neben mir ein Wagen auf. Der wurde von der Frau gelenkt, die mich versorgte, Und sie fragte, ob ich sie begleiten wollte. Sie war auf dem Weg zum „Großen Haus“. Das kannte ich noch nicht. So stieg ich zu ihr ein. Sie sah ein wenig anders aus als sonst. Ich sah sie von der Seite an, mir fiel jedoch nichts weiter auf. Wir fuhren zu dem „Großen Haus“. Es schien sehr herrschaftlich. Von weitem sah ich viel Geschäftigkeit. In nächster Nähe gingen dann zwei Frauen, Die der Frau, die mich versorgte, zum Verwechseln Glichen. Ich war irritiert, Die Frau saß neben mir und war auch draußen. Eine von den beiden sah ein wenig jünger aus, Die andere schien älter. |
Meine Fahrerin blieb ungerührt. Wir traten ein. Gleich hinter dem Empfang stand ich. Ich stand dort zweimal, Einmal so wie ich vor Jahren ausgesehen hatte Und daneben ganz genau wie jetzt. Ich wollte mich verstecken. In dem ganzen Haus war reges Tun und auch viel Lässigkeit. Ich traf auf immer neue Doppelgänger. Keiner staunte, alle waren ungewöhnlich frei. Ich kannte mich bald nicht mehr aus. Die Frau, die mich versorgte und den Wagen Hergefahren hatte, konnte ich nicht mehr entdecken. Sie war in zu viele gleiche Frauen eingetaucht. Da wurde ich von einem meiner Doppelgänger angesprochen. Er sah mich sehr freundlich an. Er sprach jedoch nicht meine Sprache, Und ich lächelte verständnislos zurück. Ein wenig aber spürte ich Vertrauen, Und ich hatte Lust ihn zu berühren. |
Viele Wochen lebte ich im „Großen Haus“. Wir gaben uns an Kleidung, Essen, Überflüssigem Und an Erforderlichem was wir brauchten. Immer war jedoch schon alles angetan und Stand bereit für mich, für alle meine Ichs Und für die Doppelgängerinnen von der Frau, Die mich versorgte, und sie selbst darunter. Eines Tages redete von denen eine ganz vertraut mit mir, Dass ich „der in Verbannung“ sei, Sie führe wieder heim und wenn ich wollte.. Ich war gleich dabei und sagte: „Ja“, Doch trauen konnte ich ihr nicht. So fuhren wir zurück. Zu Hause angekommen Stand die Frau, die mich versorgte, uns im Weg, Und ohne Staunen öffnete sie mir die Wagentür. Sie fragte nur, ob ich im „Großen Haus“ gewesen sei Und sah gelangweilt auf die Doppelgängerin. Die grüßte sie und fuhr, als wäre nichts, davon. Mein neuer Brief erhielt die Nummer sechszehn, Und er wurde schon am andren Tag Von jemand wortlos abgeholt. |
ISBN
978-3-937264-88-2