Societ lyrics
/ deutsch - englisch, was ist das?
|
(8. Brief) Aus dem Berg war kein Entkommen, Aber niemand wurde hier bewacht. Allein der enge Schienenstrang Gab eine Richtung an. Dorthin verschwanden manchmal
Leute. In dem Berg war ich zum
Küchenpersonal Gerufen worden, ohne Zwang und
ohne Mich zu drangsalieren. Niemand nahm sich meiner oder
eines andren an. Es gab auch Frauen, die wie wir
behandelt wurden. Sie entschieden sich in jeder
Sache selbst. In meiner Küche gab es kaum ein
Wort zu sagen, Niemand gab Befehle, Niemand hörte zu, falls jemand
redete. Das Essen selbst war pünktlich
aufgetischt Und wurde abgeräumt von Frauen,
Männern, Die man sonst nicht sah. Sie sprachen eine fremde Sprache
unter sich. |
Beim Essen stellte sich bald eine Enge Bindung ein, vielleicht, weil
jedes Essen Eigentlich ganz harmlos einen
Namen hatte. Manchmal aber standen „Blut“, dann
„Leber“, „Herz“ und „Nieren“ oder „Lunge“ Auf der Speisetafel. Das entsetzte uns. Wir wichen blitzschnell aus, als
ein gejagter Fischschwarm, Und entflohen. Dann, bei einem der Tumulte, stieß
ich in ein Messer Und verletzte mich in Panik an der
linken Hand. Zurück blieb eine Narbe. Damals zählte ich die Tage und die
Nächte Und blieb länger als ein Jahr und
sah kein Sonnenlicht. Dann wurde ich, als hätte man mich
irgendwo Gefunden, wieder heimgebracht auf
meine Insel. |
Dort erwachte ich am hellen Tag Aus tiefstem Schlaf und sah Die Frau, die mich versorgte,
neben mir am Bett. Ich wollte ihr erzählen und sie
fragen, Sie jedoch bestand auf den Besuch
der Nachbarin, die einen Tag vor meinem Abtransport ein
Kind geboren hatte, Das war jetzt und heute keine
vierundzwanzig Stunden alt. Ich sah auf meine Narbe an der
Hand Und auf die Frau, die mich
versorgte. Sie verneinte mit dem Kopf. Ich schrieb, in mich gekehrt, den
achten Brief, Den trug sie augenblicklich fort. |
Harald Birgfeld, aus: Namenlos von meiner Insel
Copyright 2011 beim Autor, Harald Birgfeld.