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*         Societ lyrics / deutsch - englisch, was ist das?


 

Namenlos von meiner Insel

(7. Brief)

 

Am andren Morgen wurde ich in aller Frühe wach.

Ich hörte Männerstimmen

Und die Stimme einer Frau.

Man drang in meine Wohnung

Und erteilte mir Befehle in der fremden Sprache.

Ich gehorchte und mit etwas

Kleidung führte man mich ab ins Freie.

 

 

 

 

Draußen kam die Frau, die mich versorgte,

Ebenfalls aus ihrer Wohnung,

Und sie sah mich an und sah durch mich hindurch.

Gelangweilt biss sie ab von einer Frucht in ihrer Hand.

Ich eilte auf sie zu und wollte etwas sagen,

Aber sie blieb fremd und schaute in die Leere.

Gestern hatte ich sie noch geküsst.

Nun lag in ihren Augen Abgewandtheit,

Die mir jedes Wort im Hals erstickte.

An der Mauer stand ein Reisigbesen.

Den sie nahm, damit den Weg zu fegen,

Doch dann stützte sie sich darauf ab

Mit einem neuen Blick auf unsre Gruppe,

So als sähe sie zum ersten Mal ein Kunstwerk,

Über das sie staunte.

Ohne sich zu rühren wurde sie auf diese Weise

Selbst zur Kunst im Werk, im Raum.

Und ich, zur Namenlosigkeit verurteilt und zu

Lebenslänglicher Verbannung,

Konnte nur noch demutsvoll verharren.

 

 

 

 

Wenig später brachten mich die Männer und die Frau

Erst auf ein Boot zum Übersetzen,

Dann an einen Zug und in ein

Abgesperrtes, isoliertes Sitzabteil.

Man gab mir dort, was ich benötigte.

Die Reise endete nach einem

Tag und einer Nacht in ungewisser

Fahrerei direkt in einem Berg weit unter Tage.

 

Hier, in einem großen Raum mit vielen

Menschen und sehr wenig Licht,

Erhielt ich eine neue Bleibe.

Die war nur ein Drahtgestell als

Bett mit festem Stoff bespannt.

Als ich mich umsah

Fand ich unter dem Gestell in einem Umschlag

Unbeschriebenes Papier und einen Stift.

Ich schrieb den siebten Brief,

Den hob mein Bettennachbar wortlos auf

Und trug ihn als ein Bote fort.

 

 


 

Harald Birgfeld, aus: Namenlos von meiner Insel

 

Copyright 2011 beim Autor, Harald Birgfeld.