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20 Raum-, Zeitgedichte

Impressum

Archiv

 

Buchtitel, ISBN 3-937264-00-0

Raum-, Zeitgedichte,

Inhaltsverzeichnis

20 Raum-, Zeitgedichte

aus: Auf deiner Reise zum Rande im Rande des Randes der Sonne

 

"Auf deiner Reise zum Rande im Rande des Randes der Sonne"..... geschieht Merkwürdiges: Im Innern der Sprache werden Kräfte freigesetzt. Sinn der Operation: eine neue Sprache, die zur adäquaten Darstellung unserer heutigen, von Wissenschaft und Technologie geprägten Welt geeignet ist.

"Es lohnt sich, einmal einen heutigen Dichter kennenzulernen, der mit der deutschen Sprache einen faszinierend fremden Weg betritt und trotzdem dem Leser Freiraum lässt für eigene Gedankengänge, ohne dass die Probleme in erhobener Zeigefingermanier zu zeitkritischen Trampelpfaden werden."

Copyright 2009 beim Autor, Harald Birgfeld, alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.

    Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:.        Harald.Birgfeld@t-online.de


 

Raum-, Zeitgedichte, Nr. 1 bis 20

 

Das Kleinste im Kleinen,       Raum-, Zeitgedicht Nr. 10

Die einzige Gelegenheit,        Raum-, Zeitgedicht Nr. 12

Die Rückkehr,                         Raum-, Zeitgedicht Nr. 13

Die Zeit der Zeit,                   Raum-, Zeitgedicht Nr. 19

Die Zeit in einer andren Zeit,  Raum-, Zeitgedicht Nr. 4

Dir und dir.                       Raum-, Zeitgedicht Nr. 20

Ein Zeitprotokoll,               Raum-, Zeitgedicht Nr.   9

Eine andere Zeit,               Raum-, Zeitgedicht Nr. 11

Es ist eine Zeit,                 Raum-, Zeitgedicht Nr.   1

Fremde Wesen,                 Raum-, Zeitgedicht Nr.   5

 

 

 

Gleichzeitige Zeiten,           Raum-, Zeitgedicht Nr.   8

In amtlichen Büchern,         Raum-, Zeitgedicht Nr.   6

Kein Eintrag,                     Raum-, Zeitgedicht Nr. 15

Reservoir,                         Raum-, Zeitgedicht Nr. 17

Selbst ein Sonnenstrahl,     Raum-, Zeitgedicht Nr. 18

Unerreichbar,                    Raum-, Zeitgedicht Nr. 14

Von Zeit zu Zeit,               Raum-, Zeitgedicht Nr. 16

Zeitenwechsel,                  Raum-, Zeitgedicht Nr.   3

Zeitlose Zeit,                    Raum-, Zeitgedicht Nr.   7

Zeitreisende,                    Raum-, Zeitgedicht Nr.   2

 


 


 

Es ist eine Zeit, Raum-, Zeitgedicht Nr. 1

 

Es ist eine Zeit,

Die ist schon vorbei

Und wird doch erst kommen.

Es ist ein Wort,

Das ist schon gesprochen

Und wird doch erst vernommen.

Es ist ein Ziel,

Das ist schon vorbei

Und wird doch erst erreicht.

 

Es wird die Zeit kommen,

Die ich heute erlebte.

Es wird das Wort vernommen werden,

Das ich heute hörte.

Es wird das Ziel erreicht werden,

Das ich heute verfehlte.

 

 


 

Zeitreisende, Raum-, Zeitgedicht Nr. 2

 

Die super schnell bewegten Räume

Sind nicht mehr sichtbar.

Sie sind du, und du bist sie,

Sie stehen still.

 

Du lebst in einer Computerzeile,

In einem Rechner.

Er ist dein Atem,

Lebenserhaltend.

Du weißt, du kannst

jederzeit diesen Raum und

Neuerdings auch diese Zeit verlassen

Und wechseln.

Doch wer das macht,

Verliert an Substanz.

Der Rechner kann dich dann

Nicht mehr fuhren,

Du gibst dich Fremden an die Hand.

 

Du gewinnst deine neue Zeit,

Doch die Ereignisse liegen so weit

Auseinander

Und sind keine Zuflucht mehr.

Du weiß nicht, wen du noch kanntest,

Wen du noch mit Namen nanntest,

Und manches ist sehr lange her.

 

Auch ist die Rückkehr

Schwer,

Es überholt dich der Zeitenwechsel,

Und die alten Räume

Sind noch einmal neu;

Auch nicht ohne Verlust

Für dich.

 

Unfälle soll es kaum noch geben,

Hört man.

Doch das hat bei dieser

Menge an Räumen und Zeiten

Nichts zu bedeuten.

 

Gleichzeitige Dinge,

Die sich heute ereignen,

Können der Rückkehr

Des Reisenden Zukunft

Und dem, der wechselt,

Schon lange Vergangenheit sein.

 

Viele klagen über die

Eintönigkeit.

Manche sprechen noch heut' von Melancholie.

 


 

Zeitenwechsel, Raum-, Zeitgedicht Nr. 3

 

Vor dem ersten Wechsel

In die andre Zeit

Hattest du noch Argumente.

Glaubhaft trugst du

Unsren Namen

Vor dir her.

Über deine Schulter

Sahen wir dein Werk.

Du warst wie wir.

 

Doch die andre Zeit

War schneller,

Maßlos war ihr Anspruch

Auf Besitz an dir.

Du verlorst dich ganz

An sie.

 

Du erlerntest eine Sprache,

Die war neu,

Kalt das Für und Wider,

Ohne zu verletzen.

 

Es trieb dich

Auch nicht heim.

Nur, wenn dein Weg

Den unseren schnitt,

Wurdest du uns greifbar.

Was wir hielten,

War ein Stück

Aus der andren Zeit,

Weit, weit von uns,

Neben oder hinter uns.

 

Wir warfen dir Verzweiflung

In dein Tun.

Als du,

Für dich nach kurzen Augenblicken,

Wieder zu uns kamst,

War unser Leben alt.

Doch, freundlich

Suchten wir dich einzuordnen.

Jäh wich deine Zeit uns aus.

Mit nichts warst du

Mehr einzuholen.

 

Nur einmal noch

Sahst du uns so

Verlassend an.

 


 

Die Zeit in einer andren Zeit, Raum-, Zeitgedicht Nr. 4

 

Die Zeit in einer andren Zeit

Wär absolute Einsamkeit,

Könntst du Erinnerung bewahr'n.

 

Schon lange Zeit, vor jener Zeit,

Treibt dich die Sorge,

Was du doch versäumst,

Zu ordnen.

 

Nie weiß man,

Auch nicht ungefähr,

Die Rückkehr,

Kaum das Jahr.

 

Den Partner mitzunehmen

Ist Gefahr,

Ihn zu verlieren.

 

Die andre Zeit

Verändert jeden ganz,

Und ungebunden bist du bald

Zu neuer Partnerschaft bereit,

Du denkst jetzt ja

In vierter Dimension.

Sie ist dir eigen, dein,

Ein Teil deiner Person.

 

Den Partner mitzunehmen

Wurd auch lange schon verboten.

Das ist einzusehen.

 

Die neue Partnerschaft ist

Zwar erlaubt,

Doch kann sie nur in andrer

Zeit besteh'n.

Auch neue Partner legen, so wie du,

Schon beim Verlassen

Die Erinnerung an diese Zeiten ab

Und nehmen an den Wandel.

So ist der Wechsel ganz gerecht.

Man lebt ja nur für sich,

Nicht gut, nicht schlecht,

Und die Ereignisse im Raum

Berühr'n dich kaum,

Sie treiben ohnehin ja immer

Von dir weg.

 

Es gibt auch Leute,

Die den langen Wechsel planen.

Ihr Abschied ist für immer.

Meist handeln sie aus einem Kummer,

Melden ganz spontan

Den Wechsel an.

Wenn's geht, entscheiden sie noch heute.

Sie kommen dann,

Wie kürzlich erst,

Nach unvorstellbar langer Reise

Auf technisch einwandfreie Weise

In unsre Zeit zurück.

 

Man sagt, sie wären selbst ein Stück

Vergangenheit,

Und kommen doch aus

Vorgelebter Zeit,

Aus nicht gewes'nem Leben

Auf Besuch zu uns.

 

Sie kennen nichts mehr hier

Und sprechen auch nicht mehr wie wir,

Und lassen sich beim Amt für

Ihre Angelegenheiten

Gar nicht erst den Eintrag

Für die Rückkehr vorbereiten.

 


 

Fremde Wesen, Raum-, Zeitgedicht Nr. 5

 

Der Umgang mit fremden Wesen

Wurde mich nie gelehrt.

Nicht nur, dass man nicht daran dachte,

Schien er es auch nicht wert.

Die erste Begegnung würde nicht gleich die letzte sein,

Warf man ein.

 

Auch musste die Fremdheit im fremden Wesen

Nicht fremdartig sein,

Vielleicht nur ungewohnt.

Ich war nicht vorbereitet.

 

So wunderte mich

Eine Zeitlang nicht

Die Begleitung dieser Art.

 

Merkwürdig, ich war wie im Trunk

Und voller Begeisterung,

Als ich auf sie traf.

 

Die Sprache, die wir anfangs hatten,

War wie gemeinsamer Schlaf,

Traumgleichheit unser Erleben.

Doch sie kam aus einer anderen Zeit,

Das wurde ich schnell gewahr.

 

Sie lebte ohne Erinnerung

In den Tag.

Sie sagte oft, sie möchte

Keine erlebten Geschichten,

Die sie ohnehin

Tatsächlich mit nichts verband.

 

Sie konnte meine Worte in einer Sprache einrichten,

Die ich nicht verstand.

Oft schloss sie auf Dinge,

Die waren nur schön

Anzusehn,

So als bringe

Sie farbiges Speiseeis

Ohne jeden Geschmack.

 

Dann wieder überraschte ihr Tun:

Wie auf gläsernen Stelzen,

Hilflos, zerbrechlich und beinahe fallend,

Zerstreute sie Argwohn,

Ließ Zweifel

Mit einem Blick ihrer Augen

Zerschmelzen.

 

Gefährlich wurde sie erst,

Als ich sah,

Dass ihr Handeln nach einem Muster geschah,

Und sie sich auf meine Vorgaben berief.

So wie es verlief

War sie sogar im Recht.

 

Um sie zu schützen

Nein, um mir zu nützen,

Sie mir willig zu neigen,

Machte ich bald mir ihr Denken zu eigen.

 


 

In amtlichen Büchern, Raum-, Zeitgedicht Nr. 6

 

In amtlichen Büchern kann man lesen,

Wann der Start von dem und dem

In eine andre Zeit gewesen.

Aus vergangenen Tagen

Sagt man heute,

Gibt es Leute,

Die in Särgen ruhn,

In hölzernen oder auch steinernen Truhn,

In Gräbern, auf Feldern.

 

Das ist lange vorbei.

Zu viele leben in anderer Zeit.

 

Man kann heute nicht mehr fragen,

Wie in früherer Zeit

"Lebt derjenige noch?"

Was sollte man darauf sagen.

Und erst auf die Frage,

"Wie kam es, dass er starb?"

 

Nein, nein, zu sterben ist

So ungewiss.

 

Es hat doch wohl jeder zwei

Verschiedene Zeiten oder mehr.

Wie viele, ist dabei

Einerlei.

Gefragt wird nur noch in anderer Zeit-

"Von wann kommst du her?"

 


 

Zeitlose Zeit, Raum-, Zeitgedicht Nr. 7

 

Wer konnte früher schon erklären,

Was das sei, die Zeit.

Kein Mensch hatte je genau vernommen,

War es Anfang, die Zukunft, Vergangenheit,

Einfach aufgereiht.

 

 

War, was sie am Sternenhimmel sah'n

Die Gegenwart, doch vergangene Sonnen?

Was wär, wenn sie still stand, die Zeit,

Wenn nichts sich täte im Kern.

Das wär eine Antwort gewesen,

Jede Reise zum entferntesten Stern.

Keine Zeit könnt vergeh'n,

Woanders dagegen schon Zukunft sein

Vergangenheit dort, wo du warst.

Du könntest verschiedene Zeiten bewahr'n

Und endlich eine zeitlose Zeit erfahr'n.

 

 


 

Gleichzeitige Zeiten, Raum-, Zeitgedicht Nr. 8

 

Befindet man sich auf Reisen

In anderer Zeit,

Ist niemand zu erreichen,

Außer in eigener Zeit.

Das ist allen bekannt

Und war oft der Grund,

Warum

Einer nicht den anderen fand.

 

Er aber hatte verzweifelt versucht,

Seine eigene Zeit

Mit anderen zu vergleichen.

 

Es ging dabei nicht um die Fragen,

Eine Botschaft in andere Zeiten zu tragen,

Nein, um den absoluten Zeitenvergleich,

Wer läge vorn,

Wen habe er

Durch schnelleres Leben verlor'n,

Wen könnte er überrollen,

Wer wäre gerade dabei,

Im Sprung, ihn einzuhol'n.

.

 

Langreisende stellten ihm oft und gern

Ihr Zeitprotokoll unter irgend einem Stern

Zur Verfügung.

Das nahm er als beißenden Hohn

Seiner Bemühung.

Das kannte er alles schon.

 

So musste ja irgendwann

Ihn der Beschluss ereilen,

In zwei verschiedenen Zeiten

Gleichzeitig zu verweilen.

Nach seinem Plan

Würd' er sich dann

In dritter Zeit erfahr'n.

 

Er ließ sich von Freunden alles vorbereiten

Und dachte an außergewöhnliche

Begebenheiten,

Die wollte er selbst bedenken.

So schnitt er natürlich die Frage an,

Woran

Versteh ich an mir

Nachher

Die unterschiedliche Zeitenbahn

Und ihr

Zusammentreffen.

 

Als er daran

Die Unmöglichkeit des Erkennens vernahm

Kam ihm spontan

Der Verdacht,

Er habe

Vielleicht grade

Den Schnittpunkt

Hinter sich gebracht

Und so das Unmögliche

Doch möglich gemacht


 

Ein Zeitprotokoll, Raum-, Zeitgedicht Nr. 9

 

Seit alter Zeit,

Das ist übrigens etwas,

Was wohl immer bleibt,

Trägt man beim Wechsel

In eine andere Zeit,

Die räumlichen Daten

Der nächsten Planeten,

Eines Sternes oder Übermagneten

In amtliche Bücher ein.

 

Neuerdings legt man

Darüber hinaus

Wert darauf,

Den Zweck, den Sinn

Einer Reise zu erfahr'n,

Und, ganz wichtig,

Welche Zeit strebt

Der Reisende an.

Dabei erkennt allerdings jedermann,

Dass nur der Grund

Für den Wechsel

Genannt werden kann.

Alles weitere ist eine Mode.

 

Natürlich beginnt der Zeitenplan

In anderer Zeit.

Den vierdimensionalen

Biochemisch gesteuerten Daten

Schließen sich etwas

Unverständlichere

Nicht mehr nachvollziehbare

Übergangsregelungen an.

 

Diese Vereinbarung ist

Zu quittieren,

Welches geschieht,

Ohne dass Reisende

Davon erfahr'n,

Durch Ablegen der Erinnerung.

Nach dem Wechsel

ist man dann frei.

 

Den persönlichen Schutz

Übernehmen, schon aus Eigennutz,

Fremde Systeme.

 

Die hier erreichte Perfektion

Ist auch ein Teil,

Mehr eine Ergänzung schon,

Der Übergangsregelung:

Sie programmiert eine Zeitenvorschau,

Um Katastrophen zu umgeh'n.

 

Der Aufenthalt soll nun genau,

Und hier beginnt das Protokoll,

Von denselben Systemen erfassbar sein.

 

Man richtet sich ein,

Fragt nach irgendwelchem Tun,

Beschafft Informationen,

Die sich im allgemeinen kaum lohnen,

Und tritt alsbald die Reise zurück

Wieder an.

 

Das gleiche Programm.

Das Protokoll bleibt

In der neuen Zeit.

 

Dieser Ausflug, ohne

Besondere Vorkommnisse

An vergleichbaren

Kaum vierzehn Tagen,

Beschert dem Mann, der Frau

Einen Zeitensprung von

Zehn bis zwanzig Jahren,

Nach vorne oder zurück.

 

Ein Stillstand

Bringt nach allgemeinem

Wissensstand

Wirklich nichts.

 


 

Das Kleinste im Kleinen, Raum-, Zeitgedicht Nr. 10

 

Neuerdings kann man,

Bei einer Reise in die Zeit,

Auch den Mikrokosmos wählen.

Als aufgeladenes Ion,

Auch als Lichtquant gesandt,

Das Kleinste im Kleinen erleben.

 

Dorthin, wo im Leinen

Die dickeren Fäden

Sich zu Mustern weben,

Wurd seine Welle ausgesandt.

 

Sein Denken hatte ein Speicher

In der Hand.

 

Seine Landung auf dem ersten Kern

War zu vergleichen mit der

Auf einem Stern.

 

In absoluter Bewegungslosigkeit

Und mehr als unendlich weit

Entfernt, waren auch hier die Gestirne.

 

Die Geräusche und Laute in optischer Gestalt

Kamen von seinem Aufenthalt.

Er konnte natürlich nicht hoffen,

Auf wellengleiche Quanten zu stoßen,

Doch konnten sein Erscheinen,

Die ihm bekannten Systeme,

Auch nicht verneinen.

 

Berechnungen hatten gezeigt,

Dass benachbarte Sternensysteme

In jeder Gewebezelle zum Kern

Ebenso entfernt sind

Wie die Erde zu einem uns messbaren Stern.

 

Er hatte beim Eintritt

Darauf bestanden,

Gezielt zu werden auf Reflektoren,

So waren ihm durch seine Abenteuer

Nur knapp zehn Jahre verloren,

Bevor er zurück in den Speicher fand.

 

Die irdische Zeit hatte kaum

Eine Nanosekunde gebrannt.

Unverständlicherweise

Hatt er nach dieser unbedeutenden Reise

Seine Familie nicht wieder erkannt.

Er verzog in ein völlig anderes Land.

Auch seine Sprache war kaum zu versteh'n.

Fachleute kannten dieses Problem.

 


 

Eine andere Zeit, Raum-, Zeitgedicht Nr. 11

 

Im Zentrum der Reflexion

War sie schon gewesen

Und hatte nachgefragt.

Dort hatte man ihr schlicht gesagt,

Dass keine Nachricht vorläge.

Sie sei in Wahrheit nicht

In anderer Zeit

Und würde auch ganz gewiss

Woanders nicht vermisst.

 

Ihr waren aber,

Was selten genug vorkam,

Für viele war es einfach Wahn,

Erinnerungsfetzen

Deutlich geword'n.

 

Man bot ihr an,

Auf verschiedenen Reisen

Die Zeiten zu durchstreifen.

 

Unsicher trug sie die einzelnen Bilder

Zusammen.

Nach ihrem Schluss

Musste sie aus der Zukunft sein

Und nahm das so programmierte

Angebot an.

 

Als sie nach dem Wechsel

In die andere Zeit

Sich in anderer Zeit

Wiederfand,

War der Beginn ihrer

Langen Erinnerung

Tatsächlich Gegenwart.

 

Nur konnte sie das nicht erfahr'n,

Weil Reisende, bei ihrem Wechsel

In andere Zeit,

Keine Erinnerung bewahr'n.

Das trug der erstaunten Frau

Ein ganz gewöhnlicher Rechner an.

 


 

Die einzige Gelegenheit, Raum-, Zeitgedicht Nr. 12

 

Er sah im Wechsel in eine andere Zeit

Die einzige Gelegenheit

Sein Leben, über sein Leben hinaus,

Zu retten.

Seit langem rechnete er sich aus,

Dass ein Zeitensprung

Von zwanzig Jahren

Enorme Vorteile habe.

Jedenfalls würden ihm

Zwanzig Jahre Vorsprung

Gewiss nicht fehlen.

Auch nahm er das Risiko in Kauf,

Normaler Reiseverlauf

Vorausgesetzt,

Dass er in anderer Zeit

Verbliebe.

 

Doch ließ er den Rechner

Vorsichtigerweise auch

Die Rückkehr seiner Reise

Vorprogrammieren.

 

Von amtlicher Seite

War das alles erlaubt.

 

Nachdem er noch einmal den Abschied

Bedacht,

Hat der törichte Mensch

Jenen Ausflug gemacht.

 

In der neuen Zeit

Gab es kaum eine Angelegenheit

Von Bedeutung.

Jedes Ereignis wurde durch

Zeitenvorschau abgeleitet.

So kam er ohne Schaden

In unserer Zeit zurück,

Mit seinem Zeitgewinn

Von gut zwanzig Jahren

Und einer Reisezeit,

In seiner Zeit,

Von wenigen Tagen.

 

Nur eines hatte er dabei nicht erkannt,

Dass von den irdischen zwanzig Jahren

Für ihn nicht eine Stunde

Und keine Sekunde geschehen waren.

 


 

Die Rückkehr, Raum-, Zeitgedicht Nr. 13

 

Vielen andren war es so

Wie ihm ergangen.

Als Kind aus schwacher Obhut

Und in Abenteuerlust befangen,

Floh er heimlich diese Zeit.

Andrenorts die Häscher

Salbten seinen Mut

Und nahmen ihm den Code

Zur Rückkehr.

 

Nach knapp zwei Jahren

Dieser Fremdheit

Kam jedoch die automatisch

Abgefragte Rückholforderung

Auch so an ihn.

Er kehrte heim.

 

 

Aus längst vergilbten

Büchern musste er erfahren,

Dass über siebzig Jahre

Unsrer Erdentage

Hier verstrichen waren.

 

Natürlich konnte er die

Sprache nicht versteh'n.

Die Eltern waren tot,

Und ob

Geschwister je gewesen,

War nicht mehr nachzulesen.

 

Man zeigte ihm die Gegend,

Wo das Grundstück

Seiner Eltern einst gelegen.

Überall warn Unterholz, Wildwuchs,

Zügellose Unzugänglichkeit

Und tierische Gefahr

Erwachsen.

 

Zum Neubeginn

Ward ihm daher

Ein mittelmäßig

Menschenweib mit wenig

Kenntnis, doch mit

Urverstand und Sinn

Fürs Überleben

An die Hand

Gegeben.

 

Die hielt ein Plan

Als Übergang

Für diese Zeit

Ganz allgemein bereit.

 


 

Unerreichbar, Raum-, Zeitgedicht Nr. 14

 

"Erhebe deinen Aufenthalt

In andrer Zeit

Nicht zum Gebet."

 

Nur dieser Kinderreim

Fiel ihm in seiner Zeit,

In andrer Zeit,

Bei jedem abverlangten

Protokoll

Als Eintrag ein.

 

Die chronologischen Daten

Führten ohnehin die

Automaten.

Entscheidungen, Prozesse

Gab es nicht.

 

Die Zeitenreise geschah

Im überdimensionalen Raum

Ohne jede Steuerung.

 

So flossen seine Gedanken immer neu

Wieder ein in

Den Kinderreim und

Malten die Worte zum

Bilde.

 

Seine ungenutzten Gedanken

Begannen das Bild zu umranken.

Wilde Spekulationen

Zu fremden Zeitenstationen

Nahmen bald überhand,

 

Und wie der Fluch

Einem Spruch anhängt

So konnte ihn dieser Vers

Nur wenig vor den Gefahren

Bewahren.

 

Die Automaten erfassten seinen

Zeitendrang

Und brachten ihn,

An der Peripherie

Seiner Reise angelangt,

Unkontrolliert in

Den nächsten Zeitenrand.

 

Dort musste er verweilen,

Als Flüchtling unter vielen

Ein gleiches Schicksal teilen.

 

Sie hofften auf dieser

Zeitenbahn

Doch irgendwann

Der allgemeinen Kontrolle

Zu unterliegen.

 

Eine groß angelegte Amnestie

Kam ohne jeden Vorteil für sie.

In ihren unbekannten Zeiten

Waren sie nicht zu erreichen.

 


 

Kein Eintrag, Raum-, Zeitgedicht Nr. 15

 

Bei seinem Eintrag

In das Protokoll,

Das Reisende

In anderer Zeit

Begleiten soll,

Hinterließ er für das

Zentrum der Reflexion

In verlassener Zeit:

 

Er könne nicht mehr

Verantwortung tragen

Für die Antwortgeber,

Für seine Automaten,

Die auf sämtliche jemals

Gedachten und noch zu

Denkenden Fragen

Bereits eine Antwort haben.

 

Alles hätten die Kristalle

Bedacht und jede nur mögliche

Frage möglich gemacht,

Doch ginge ihm beim Wechsel

In diese Zeit und durch

Den langen Aufenthalt

Der Grund und der Sachverhalt

Für die Reise verloren.

Auch die Automaten

Könnten ihm nicht das Ziel

Verraten

Und würden diesen Eintrag

Nicht gestatten.

 


 

Von Zeit zu Zeit, Raum-, Zeitgedicht Nr. 16

 

Von Zeit zu Zeit

Kamst du in unsre Zeit,

Wenn Hunger dich auf Suche

Nach der Nahrung überkam.

 

Gierig nahmst du jeden Bissen,

Selbst die Reste noch,

Vom Tellerrand.

In schlimmen Zeiten

Schämtest du dich nicht,

Sogar uns aus der Hand

Zu fressen.

 

Unterdessen kämpftest du

Oft gegen Übelkeiten an.

Du sahst die Hände,

Die wir hatten,

Schmutzig, ungewaschen.

 

Wenn endlich Sattheit kam,

Und war dein Durst gestillt,

Dann sprachst du mit uns überlegen

Und gönnerhaft

Das Gestern an.

 

Einst hattest du wohl vor,

Von uns nur einem

Zu gewähren

Deine Zeit in andrer Zeit.

Doch warntest du uns gleich,

Wir hätten zwei dann zu

Ernähren.

Du zweifeltest,

Ob unsre Nahrung noch

Für beide reicht.

 


 

Reservoir, Raum-, Zeitgedicht Nr. 17

 

In diesem Land,

Woanders mocht' es

Anders sein,

War es schwer,

Zu überleben

Im gewohnten Leben.

 

Die unwirtliche Gegend

Gab den Leuten

Kaum dazu Gelegenheit

Und machte Männer,

Frau und Kind wortlos,

Voller Argwohn,

Doch mit hellem Sinn,

Den Ihren

Jede Hilfe zu gewähren.

 

Zeitenlos

War auch die neue Zeit

Der Zeiten

Auf sie zu und

Dann vorbei geeilt

Und keine Reflexionsstation

Verblieben.

 

Ein Rechner hatte

Diese Leute

Und die Landschaft schon

Vor manchem Jahr

Zum Schutzgebiet

Erklärt und konsequent

Von jedem Einfluss

Abgeschirmt.

 

Man nannte diese Gegend

Einfach "Reservoir".

 

Für Reisende aus anderer Zeit,

Die nach sehr langem

Aufenthalt

Zurück zur Erde kamen,

Brauchte man zum

Schutz und auch zum neuen

Eingewöhnen Menschen

Mit trainiertem Sinn

Fürs Überleben.

Die erfragte dann der Rechner

Aus dem Reservoir.

 

Um insgeheim

Sich neue Inseln anzulegen,

Sandten die

Die Besten aus

Aus ihrem Land.

 

Dem Rechner war dies gut

Bekannt,

So dass er nur

Durch Speis und Trank

Noch sorgte,

Dass im fremden Land

Vermehrung dieser

Menschen nicht einträte

Und so den

Absoluten Schutz gewährte.

 


 

Selbst ein Sonnenstrahl, Raum-, Zeitgedicht Nr. 18

 

In seiner Zeit

Hat selbst ein Sonnenstrahl

Viele Zeiten.

Absorptionen, Re-Emissionen

Seiner kurzwelligen Tage,

In unserer Zeit sind es

Mehr als hundert

Millionen Jahre,

Vergehen von seinem Lebensanfang

Bis zum Sonnenrand.

 

Von dort, als Lichtstrahl

Ausgesandt, ist es für ihn,

In seiner Zeit, das endgültige

Abschied nehmen.

Ein Nichts, schon vorbei, ist

Sein Weg ins All und zur Erde.

Wir jedoch

Begrüßen ihn noch

In unserer Zeit.

Begeisterung und Ausgelassenheit

Bringen wir ihm als Fanfaren

Entgegen.

Ja, wir staunen über die Kraft,

Die er hat,

Und jeder frohlockt

In seinem Geleit.

 

Im letzten Verglühn

Zündet er an unser Bemüh'n,

In seinem Lichte

Zu leben.

 


 

Die Zeit der Zeit, Raum-, Zeitgedicht Nr. 19

 

Als neu die Zeit der Zeit

Begann,

Nahm mancher an,

In andrer Zeit

Verginge keine Zeit.

Ein trügerischer Wahn,

Der nur den Unverstand

Entdeckte.

 

Die neue Zeit der Zeit

Hieß nur zu wählen,

Welche Zeit begann.

Ließ man es sein

Und wählte keine Zeit,

Den Stillstand gar,

Um zeitenlos zu sein,

Dann fror das Leben ein.

 

Viele kamen so ganz aus Verseh'n

Um ihre Zeit zu leben,

Ohne tot zu sein.

Das war das Ungeheuere daran.

 

Natürlich gab es Spielerein.

Wie Schnecken wollten viele sein,

Die Gräser wachsen sehen,

Wie die Fliegen, zehnmal schneller

Als bisher Bewegtes miterleben.

 

Es krankte diese Zeit daran,

Dass das Programm die Zeit für

Alle Zeiten wählte.

 

 

Erst später, als in neu gewählter

Zeit, weit außerhalb,

Auch hier ganz neu die

Zeit der Zeit begann,

Verstand man den

Zusammenhang und

Führte automatisch

Abgeruf'ne Rückholforderungen

Ein.

 

Man schloss nun endlich

Nicht mehr aus,

Dass alle irgendwie

Aus andren Zeiten

Stammen könnten.

 


 

Dir und dir, Raum-, Zeitgedicht Nr. 20

 

Selbst den Automaten war es neu,

Und auch die Rechner hatten

Nichts davon verstanden, als

Du sprachst von konservierter Zeit.

 

Ganz verschiednen Kommissionen

Blieb das Unbehagen.

Doch behauptetest du,

Zeit aus andrer Zeit

In dir zu tragen.

 

Das Fehlen dieser Zeit woanders

Könnte leicht dem

Zeitenreisenden zur Falle

Werden,

Also musstet du, und auch

Um dich nicht zu zerstören,

Doppelt Leben führen.

 

 

Das erkannten Rechner, die dein

Leben hier und kontrolliert in

Jener Zeit bewachten,

Dir und dir von

Deinem und von deinem Leben regelmäßig

Nachricht brachten.

 


 

 ISBN 3-937264-00-0